Nicht ohne ein Gefühl der Wehmut, ja sogar der größten Besorgnis haben wir das Polarland verlassen. Wir kannten es schon und wußten, was es uns geben konnte, während alles, was uns nun erwartete, wieder in Geheimnis gehüllt und nur eine Vermutung war. Wir sollten uns wiederum den brennenden langen Tagen und nächtlichen Kälten aussetzen, wir sollten von neuem Schluchten, Berge und vielleicht auch Wüsten durchdringen auf der Fahrt zu dem Lande, von dem wir absolut nicht wußten, ob es uns aufnehmen wird und ernähren kann. Überdies beunruhigte uns der Mangel an Brennmaterial. Was würde geschehen, dachten wir, wenn die Ladung unserer Akkumulatoren zu Ende geht, bevor wir neues Brennmaterial finden und die Maschine nicht mehr in Bewegung setzen könnten. Werden wir dann zu Fuß vor der hereinbrechenden Nacht zum Polarlande zurückzukehren imstande sein, um uns vor der Kälte, die um so bedrohlicher für uns wird, weil wir kein Feuer haben, in Sicherheit zu bringen? Es gab, kurz nachdem wir die Reise angetreten hatten, Augenblicke, wo wir schon infolge dieser Befürchtungen auf die mit Moos bewachsene Polarwiese zurückkehren wollten, um auf ihr das ganze Leben zu verbringen, uns an den schwachen, in der Atmosphäre zerstreuten schrägen Sonnenstrahlen wärmend und uns, wie die Tiere der Erde, von rohen Schnecken und Pflanzen nährend. Aber das Zaudern dauerte nicht lange, Neugierde und Hoffnung waren stärker. Die Nahrungsvorräte konnten für lange Zeit ausreichen; wir nahmen auch etwas ausgepreßten Torf mit, weil wir hofften, daß es uns in sonnigen Gegenden gelingen würde, ihn so weit auszutrocknen, um Feuer machen zu können. Übrigens haben wir für den schlimmsten Fall, nach Verbrauch der halben Ladung der Akkumulatoren, die Rückkehr zum Polarlande beschlossen.
In den ersten zehn Stunden der Fahrt geschah nichts Bemerkenswertes. Die Klamm war zu Ende und wir kamen auf eine Ebene, die der am Pole ähnlich sah, nur bedeutend größer war. Hier mußte ebenfalls kürzlich eine Überschwemmung gewesen sein; in den Strahlen der eben aufgehenden Sonne waren hier und da noch große, flache Tümpel zu sehen. Sehr verwunderte uns die bereits gänzlich veränderte Flora, obwohl wir vom Pol kaum einige zehn Kilometer entfernt waren. Zwischen den uns bekannten Pflanzen, die nur kleiner waren als die auf dem Pol und mit rostiger Farbe überzogen, schossen trockene Stengel, vereinzelt wachsend und spiralförmig gewunden wie bei uns die jungen Wedel der Farrenkräuter, aus der Erde. Die Kälte machte sich empfindlich bemerkbar, während der Nacht, die diese Gegenden schon haben, obwohl sie eher einer Dämmerung gleicht, da die Sonne kaum einige Fuß unter den Horizont sinkt. Wir erwärmten uns, indem wir die Arme zusammenschlugen, wie es auf der Erde die Arbeiter tun, als Martha auf die Idee kam, jene Stengel abzupflücken und zu versuchen, ob man Feuer damit machen könne.
Wir gingen sofort an die Arbeit; wie groß war aber mein Staunen, als der erste Stengel bei der Berührung mit der Hand sich zu strecken, dann wiederum zu krümmen begann, ganz wie ein lebendes Wesen. Ich ließ ihn unwillkürlich mit einem Schrei fallen. Nachdem ich mich von dem Schreck erholt hatte, begann ich diese sonderbaren Pflanzen zu untersuchen. Ich schnitt eine davon mit dem Messer ab und überzeugte mich, daß es große, längliche und fleischige Blätter waren, doppelt zusammengerollt nach vorn zugespitzt, wie eine Trompete, und dann schneckenförmig gewunden, ähnlich den Rollen englischen Tabaks. Auf der äußeren, hellgrünen Seite sah man zahlreiche rosige Äderchen. Die ganze Pflanze war, solange sie lebte, mit der Fähigkeit der Bewegung ausgestattet, ungefähr wie unsere Mimosen. Am meisten aber wunderte mich der Umstand, daß diese zusammengerollten Blätter bedeutend wärmer waren als die Umgebung; scheinbar erzeugte ihr Organismus durch irgendwelche chemobiologischen Prozesse sich selbst die Wärme, die ihm während der langen Nächte fehlte. Alles das war sehr interessant, aber die Hoffnung auf die Ausnützung dieser Pflanzen zum Feuern wieder zunichte. Wir wandten daher unsere Augen mit Sehnsucht der roten Sonne zu, wartend, ob ihre geizigen Strahlen bald die Gegend erwärmen würden.
Zu der Kälte gesellte sich noch eine andere Sorge; wir wußten nicht, welchen Weg wir einzuschlagen hatten. Wir sollten in der Richtung fahren, in der die Wasser abgeflossen waren, aber es war schwer, dies auf der Ebene, die während der Überschwemmung ganz überflutet war, zu erkennen. Als wir noch darüber nachdachten, bemerkte Peter in der Entfernung von einigen hundert Metern einen großen weißen Gegenstand. Wir fuhren neugierig darauf zu und fanden unser Zelt, das, von den Wassern davongetragen, sich erst hier auf einem kleinen Hügel festgesetzt hatte. Wir freuten uns über dieses Wiederfinden doppelt, erstens weil uns das Zelt, das einzige, das wir besaßen, tatsächlich unentbehrlich war, und zweitens wurden wir auf diese Weise über die Richtung des abgeflossenen Wassers orientiert. Das Zelt kam durch die Klamm, die wir eben zurückgelegt hatten, auf diese Ebene und wies uns daher die Linie, die von dem Ausgang der Klamm zu der Stelle, an der wir uns befanden, gezogen war, d. h. die ungefähre Richtung des abfließenden Wassers. Diese Linie lief durch die Flachebene nach Süden, mit einer kleinen Biegung nach Westen.
Als wir uns in dieser Richtung weiter fortbewegten, trafen wir auf eine kleine gewundene Gebirgsklamm und nachdem wir noch eine flache Mulde passiert hatten, gelangten wir in ein breites grünes Tal, das sich direkt nach Süden erstreckte.
Zu seinen beiden Seiten erhoben sich hohe Bergketten mit zahlreichen, in ihrem Massiv steckenden Kratern, denen ähnlich, die die luftlose Halbkugel des Mondes anfüllen. Die Gipfel der Berge waren mit Schnee bedeckt; der Schnee, der scheinbar in der Nacht gefallen war, lag auch noch stellenweise im Tal und taute erst durch die Strahlen der nicht hoch am Horizont stehenden Sonne auf. Die von den Bergen herabtriefenden Wasser bildeten einen ansehnlichen Bach, der in zahlreichen Biegungen schnell dahinfloß.
Wir beschlossen, uns eine Zeitlang in diesem Tale aufzuhalten, nachdem wir uns überzeugt hatten, daß der weitere Weg nach Süden uns bei so früher Tageszeit einer empfindlichen Kälte in den Gegenden aussetzen würde, wo der Unterschied zwischen der durchschnittlichen Wärme des Tages und der Nacht immer intensiver wird.
Als wir wieder aufbrachen, hatte die Sonne fast schon den dritten Teil ihres täglichen Weges zurückgelegt. Es war warm und hell. Der Schnee im Tal war gänzlich verschwunden, und jene zusammengerollten Stengel, die wir hier zwischen den kleinen Pflänzchen vorwiegend fanden, begannen sich unter dem Einfluß der Sonnenwärme schnell zu mächtigen, in verschiedenen grünen Schattierungen gemalten Blättern zu entfalten. Ihre Form war überaus mannigfaltig; die einen sahen großen Fächern ähnlich, die mit zarten, flatternden Fransen behängt waren, andere wieder, mit allerhand Farben betupft — unter denen Rot und Dunkelblau am meisten hervortraten — erinnerten an die Pracht der Pfauenfedern. Es gab auch solche, deren Ränder in Formen eines Akantusblattes ausgeschnitten und mit Dornen übersät waren und wieder andere, die, unten zusammengerollt, einen Trichter bildeten, auch glatte, schimmernde oder mit langem goldgrünen Haar, das zu beiden Seiten bis zur Erde herabfiel, bedeckte, — mit einem Wort, die größte Verschiedenheit der Farben und Formen, und alles lebend, beweglich, sich bei der leisesten Berührung krümmend.
Am Ufer des Baches wanden sich, halb in seine Kristallflut getaucht, langgezogene Wasserpflanzen wie rostgrüne Schlangen oder Fäden, mit Blumen von starkem berauschenden Duft behängt. An anderen Stellen, wo das Wasser sich ausbreitete und die Strömung aufhörte, entwickelten sich zarte Wasserlinsen, die in Kugelform den nächtlichen Frost überstanden, das Wasser mit einem leichten, zitternden Netz bedeckend, den feinsten Spitzengeweben aus violetter und grüner Seide vergleichbar.
Wir waren ganz hingerissen von der Pracht dieser Pflanzenwelt; bei jedem Schritt bemerkten wir Neues und Staunenerregendes. Aus dem Dickicht krochen, von der Sonne hervorgelockt, wunderbare Geschöpfe, langen Eidechsen mit einem Auge und vielen Füßen ähnlich. Sie schauten neugierig nach uns aus und verschwanden schnell beim Herannahen des Wagens. Auf eines dieser Tiere stürzten sich die Hunde und fingen es. Wir nahmen ihnen diese Beute ab, aber das Tier war schon tot. Wir konnten also nur den ungemein interessanten Bau am leblosen Körper bewundern, der von den Organismen auf der Erde grundverschieden war. Das Knochengerüst erstreckte sich bis zu dem länglichen Ring, der sich aus beweglichen Reifen zusammensetzte, die zu beiden Seiten direkt unter der Haut lagen. Den ganzen Schädel bildeten nur zwei starke Kiefer. Das Hirn lag unter dem Kamm, innerhalb des Ringes. Das was wir für die Füße hielten, waren nur zwei Reihen elastischer Borsten, vermittelst derer sich das Tier auf dem Boden mit ungeheurer Schnelligkeit bewegte.