Golf von Neapel.
Bei der Abfahrt von Port Said wurden wir von einer höchst erfreulichen Nachricht überrascht, die uns alle unangenehmen Eindrücke schnell vergessen ließ. Von neu hinzukommenden Passagieren erfuhren wir nämlich, daß unserem japanischen Kronprinzen ein Erbe geboren worden sei. Auch in den Zeitungen, die wir in Port Said erhalten hatten, war zu lesen, daß das japanische Kaiserhaus am 5. Mai durch die Geburt eines Enkels und Sohnes erfreut worden war, daß also unserm Reiche ein weiterer Thronerbe erstanden sei. Infolgedessen versammelte sich am Abend die ganze japanische Kolonie zu einem Fest, bei dem wir auf das Wohl unseres Kaiserhauses tranken und bei welcher Gelegenheit ich meiner Freude mit folgenden Worten Ausdruck gab:
»Meine Reisegefährten und Freunde! Heute ist uns unerwartet die erfreuliche Nachricht zugegangen von dem Glück, welches unserm Kaiserlichen Hause zu teil geworden ist, nämlich daß unserm Kaiser ein Enkel, unserem Kronprinzen ein Sohn geboren sei. Diese Nachricht gereicht uns umsomehr zur Freude, als sie uns noch während der Fahrt erreicht hat, so daß es uns noch an Bord, wo wir uns alle zusammenbefinden, vergönnt ist, das Glas zu Ehren unseres Kaiserlichen Hauses zu erheben. Wir können uns alle wohl vorstellen, wie groß die Freude unseres Volkes in diesen Tagen gewesen sein mag. Unserem Kaiserhause, das seit 2½ Jahrtausenden glücklich und weise das Land regiert, möge mit diesem Prinzen ein weiteres bedeutsames Glied in der langen Kette der Regenten hinzugefügt sein, auf daß auch ihm, wenn er dereinst dazu berufen wird, eine lange und segensreiche Regierung beschieden sein möge!«
Ich bat meine Reisegefährten, sich mit mir zu erheben und einzustimmen in den Ruf: »Unsere Kaiserliche Familie lebe hoch! hoch! hoch!« welcher Aufforderung alle Anwesenden freudig nachkamen. So wurde unter allgemeiner Freude fern der Heimat auf dem Mittelländischen Meere an Bord eines deutschen Dampfers die Geburt unseres Kaiserlichen Enkels gefeiert. Der Tag wird uns stets in lieber Erinnerung bleiben.
Am 10. Mai nachmittags zwei Uhr hatten wir Port Said verlassen und passierten am folgenden Tage die Insel Kreta. Die Hitze, welche wir lange Zeit zu erdulden gehabt, war nicht mehr zu spüren. Wir mußten unsere leichten Kleider einpacken und wärmere hervorholen, so daß der Gepäckraum viel in Anspruch genommen ward. Außerdem waren nicht wenige mit Vorbereitungen für die nahe bevorstehende Landung beschäftigt, da sie schon in Neapel das Schiff verlassen wollten. Auch wir freuten uns, daß wir nicht lange mehr an Bord zu bleiben brauchten, denn auch unsere Reise zur See sollte in einigen Tagen ihr Ende erreichen.
Am 13. Mai mittags um ¼1 Uhr kamen wir in Neapel an. Das Wetter war recht kühl, fast kalt zu nennen – wir fühlten uns jedoch sehr wohl dabei. Es kam uns nur so komisch vor, innerhalb sechs Wochen Sommer und Winter durchmachen zu müssen.
Unser Schiff hielt sich hier nur einen halben Tag auf, so daß uns keine Zeit verblieb, Neapel eingehend zu besichtigen. Jedoch hatten wir gehört, daß es dort viele Sehenswürdigkeiten gäbe, insbesondere das weltberühmte Aquarium – von deutschen Gelehrten ins Leben gerufen und von ihnen musterhaft verwaltet – die Königlichen Paläste, Gallerien, Museen, Kirchen, Konservatorien, Oper, Theater u. a. m. Es ist natürlich rein unmöglich, dieses alles in einem halben Tage in Augenschein zu nehmen. Außerdem verloren wir durch ein gerade zu dieser Zeit heraufziehendes Gewitter eine gute Stunde Zeit, so daß wir es vorzogen, auf dem Schiff zu bleiben und von Bord aus die schöne Stadt zu betrachten.