Straße in Neapel.
Von den Passagieren unseres »König Albert« waren viele in die Stadt gegangen, vor allem diejenigen, welche unser Schiff für immer verließen, um von hier aus ihre Reise zu Land durch Italien fortzusetzen. Aber auch an Bord wurde uns die Zeit nicht lang, denn wir hatten Muße, uns gehörig umzusehen. Vor uns lag ein wunderbares Panorama: die majestätische Bai von Neapel, in deren Hintergrund sich terrassenförmig die Stadt mit ihren weißen, leuchtenden Gebäuden erhebt; dazwischen herrliche Partien mit immergrünen Bäumen und dunklen Cypressen, welche dem Bilde eine schöne Harmonie verleihen, dann weiter hinten der feuerspeiende Berg, der Vesuv, in seiner prächtigen, malerischen, einfachen Form, seine schwarzen Rauchwolken gen Himmel sendend. Daß Neapel, das alte Napolis, die Hauptstadt des ehemaligen Königreichs beider Sicilien, sich durch seine reizvolle Lage vor allen andern Seestädten Italiens auszeichnet, konnten wir also gleich beim ersten Anblick erkennen. Was uns an Bord zuerst in die Augen fiel, war die ungeheuer große Zollmauer und die fünf- bis sechsstöckigen Häuser mit Balkonen und platten Dächern. Die Häuser am Strande sind, mit Ausnahme einzelner neuer Gebäude, älteren Datums und erinnern uns an die italienische Bauart, wie wir sie zu Hause durch Bilder kennen gelernt haben. Die Stadt selbst sieht wie ein gleichmäßiges Häusermeer aus, nur unterbrochen durch die grünen Bäume oder andere Naturschönheiten. An Kirchen besitzt Neapel mehr als genug, aber ihre Türme ragen nirgends hervor, auch die Paläste verlieren sich in dem unendlichen Häusermeer. Am meisten machten sich die reizenden Villen und Kasinos auf den Hügeln, die Arsenale und Hafenbauten, das königliche Schloß und vor allem die drei großen Kastelle bemerkbar. Wir hatten geglaubt, unser Schiff würde sich hier wenigstens 10-12 Stunden aufhalten und hatten uns vorgenommen, in diesem Falle die seiner Zeit durch den Ausbruch des Vesuv verschüttete und vernichtete, jetzt aber zum Teil wieder freigelegte Stadt Pompeji anzusehen, mußten den Plan jedoch zu unserm Leidwesen aufgeben, da wir, wie schon gesagt, nur einen halben Tag Zeit hatten.
Wie die Menschen hier aussehen, wie sie leben, was sie treiben u. s. w., konnten wir natürlich von Bord aus nicht gewahr werden; aber erzählt wurde uns, daß das Volk hier im allgemeinen ernsten Beschäftigungen nicht gerne nachgeht, dafür aber umso lieber Belustigungen Auge und Ohr leiht, daß es auch allzuviel Zeit in den unzähligen Kaffeehäusern zubringt – mit einem Wort, daß es seiner Neigung und Laune mit südlicher Leidenschaftlichkeit gehorcht und daß, als traurige Folge davon, die Bevölkerung, zumal die niederen Klassen, sich in ziemlich großer Armut und Unwissenheit befindet.
Auch viele Händler kamen an Bord, um die verschiedensten italienischen Gegenstände anzubieten, wobei uns insbesondere die aus Lava gefertigten Kunstwaren, ferner geschnittene Gemmen, marmorne Frauenköpfe u. a. m. auffielen – alles sehr kunstvoll gearbeitete, zierliche Gegenstände. Empfehlenswert sind besonders die aus Marmor gefertigten Sachen; dieselben sind jedoch sehr teuer und man wird auf jeden Fall besser daran tun, sie an Land und nicht auf dem Schiffe zu kaufen, da man dort reeller bedient wird. Besonders vorsichtig muß man bei Gegenständen aus Lava sein, weil diese meistens verfälscht sind.
So wurde unsere Zeit an Bord gut ausgefüllt, bis wir abends acht Uhr – wir schrieben den 13. Mai – diese herrliche Bucht von Neapel verließen und nach Genua fuhren.
Längs der italienischen Küste.