So sehr Italien einerseits durch seine herrliche Natur und Kunst unser Gefallen erregte, so sehr hat uns leider andrerseits ein Teil seiner Landeskinder durch ihre allzugroße Gewinnsucht und geschäftliche Verschmitztheit Verdruß bereitet. Ich hätte davon am liebsten geschwiegen, jedoch mit Rücksicht auf die vielen Landsleute, die noch nach uns dieses schöne Land besuchen und durchreisen werden, halte ich es für meine Pflicht, diesen unerfreulichen Punkt hier zur Sprache zu bringen. Um ein Beispiel anzuführen, so wurden wir fast überall, wenn wir Einkäufe machten, Sehenswürdigkeiten besuchten oder sonst etwas unternahmen, ungeheuer übervorteilt, und da die meisten der Italiener außer ihrer Muttersprache kein Wort verstanden oder verstehen wollten, mußten wir, weil wir ihrer Sprache nicht mächtig waren, immer den Kürzeren ziehen. Einmal mußten wir z. B. für zehn Stück Zigarren, die wir im Hôtel durch den Kellner bringen ließen, den geradezu enormen Preis von 30 Franks erlegen; ähnlich war es überall, sodaß wir fast immer Unannehmlichkeiten hatten, wenn es ans Bezahlen ging. Nichts von warmer Gastfreundlichkeit und wohltuender Liebenswürdigkeit, welche die unkundigen, von dem äußersten Zipfel der Erde kommenden Fremdlinge so sehr erfreut haben würden! Italien, dieses an Natur und Kunst so schöne und reiche Land, wäre doch im wahren Sinne des Wortes nur dann schön und reich zu nennen, wenn auch der Charakter vieler seiner Landeskinder etwas von diesen Eigenschaften offenbarte... meinten wir. Und doch sollte man glauben, daß eben dieses Volk am meisten Ursache hätte, den Fremden, die das Land besuchen, freundlich und rücksichtsvoll entgegenzukommen, denn diese bringen bei ihrer großen Zahl jährlich recht ansehnliche Summen Geldes in das Land. Die Freude am Schönen wird jedem sehr leicht verdorben, wenn ihm fortwährend Unannehmlichkeiten in den Weg kommen; nur da, wo freundliche Menschen anderen ein fröhliches und aufrichtiges Entgegenkommen bezeigen, wird man sich wohl und glücklich fühlen. Hoffen wir, daß sich auch dieses Volk im Laufe der Zeit zu seinem Vorteil verändern werde, daß es seine unveräußerlichen Güter, die Schönheiten der Natur und der Kunst, durch eigene seelische Vorzüge erst wirkungs- und wertvoller machen lerne! Da auch unser Land den Ruf hat, ein herrliches Land der Künste wie der Natur zu sein und da es auch von so vielen Reisenden aus aller Herren Länder besucht wird, so mögen die Japaner das italienische Volk nicht zum Vorbilde nehmen, sondern im Gegenteil danach streben, ihre edlen Tugenden, wie die Gastfreundlichkeit, Höflichkeit, Opferfreudigkeit u. s. w., die ihnen ja eigen sind, noch weiter zu entwickeln, damit jeder, dessen Fuß einmal ihr Land betritt, in frohem Entzücken ausrufen möge: »Ach, wie ist es hier doch so schön!«

Wir wollten uns von Mailand noch nach Venedig begeben, aber da wir dem italienischen Volke nach dem eben Gesagten kein allzu großes Interesse mehr entgegenbrachten, so zogen wir es vor, direkt nach Berlin zu fahren. Am 17. Mai früh ½8 Uhr waren wir also auf dem Bahnhof, um den Zug zu besteigen. Dieser war jedoch schon überfüllt, wenigstens die eine Hälfte desselben, die direkt nach Deutschland durchfährt, sodaß wir nur mit Mühe ein Unterkommen darin finden konnten. Da bemerkte ich auf einmal, daß einige von uns in der anderen Hälfte des Zuges, die nicht nach Deutschland fuhr, Platz genommen hatten; ich erschrak, stieg hurtig aus, rannte hin und her, fand sie endlich heraus und nur mit knapper Not kamen wir, eng aneinander gedrückt, in einem Coupé unter. Aber o weh! In diesem großen Gedränge und in der Aufregung hatten wir unsere Koffer vollständig außer acht gelassen und da wir keine Zeit mehr hatten, mußten wir sie alle stehen lassen. Was tun? In dieser schlimmen Verlegenheit fiel glücklicherweise mein Blick auf Herrn Erdmannsdörffer, der uns freundlichst bis nach dem Bahnhof begleitet hatte. Ich hatte kaum Zeit, ihm durch das Fenster schnell von dem Vorgefallenen Mitteilung zu machen, worauf er mir versprach, daß er die Koffer direkt nach Berlin nachsenden werde. Diesem Herrn waren wir schon für seine Begleitung und Führung in Genua und Mailand zu großem Dank verpflichtet, und nun erwies er uns noch diesen Dienst! Sicherlich ein besonderes Glück für uns, denn ohne ihn wäre unser Gepäck wahrscheinlich verloren gegangen.

Der kurze Aufenthalt in Italien war somit ein recht mühsamer und die Abfahrt von Mailand der aufregendste Teil der ganzen Reise von Japan nach Deutschland gewesen, namentlich für mich, der ich sämtliche Besorgungen für all meine Landsleute allein übernommen hatte und daher auch die geschäftlichen Unannehmlichkeiten am meisten empfinden mußte. Aber in der frohen Hoffnung, daß wir nach ca. dreißig Stunden Berlin, unser letztes Ziel, erreichen würden, fuhren wir, eng gepreßt zwar – es war ja auch ein Ex-Preßzug! – aber doch getrost ab. An der Grenze Italiens und der Schweiz hatten wir abermals eine Zollrevision, jedoch verlief dieselbe sehr schnell, weil ja unser Gepäck in Mailand stehen geblieben war.

XVI.
Fahrt durch die Schweiz.

Auf der Reise von Mailand nach Berlin kamen wir durch die schöne Schweiz. Das Wetter war herrlich und vom Fenster unseres Coupés erblickten wir zu beiden Seiten die herrlichen Alpenlandschaften. Bald ging die Fahrt über Höhen, bald durch Täler, oben sahen wir auf dem Gipfel die schneebedeckten Häupter der Bergriesen, unten die weitgestreckten Wiesen mit den Obstbäumen im zauberhaften Blütenschmuck. Die grünen Matten unten am Fuße und die weißen Gipfel oben in den Höhen machten einen geradezu imposanten Eindruck auf uns. Der Zug fährt immer weiter. Mit jeder Minute verändert sich die Landschaft: große Felsblöcke, die über unseren Häuptern herunterhingen, reißende Flüsse und Bäche, Wasserfälle, große und kleine Seen, von Sennerinnen bewohnte Alpenhütten, die vereinzelt auf ziemlicher Höhe liegen, wohlgenährte Kühe mit ihren Glocken, die zahlreich auf den Matten weideten und deren Geläut unseren Ohren wie liebliche Musik ertönte – alles dieses machte auf uns einen unvergeßlichen Eindruck. Von der großen Naturschönheit der Schweiz hatten wir schon oft viel Rühmenswertes gehört, nun sahen wir diese Schönheiten vor unseren Augen ausgebreitet und überzeugten uns, daß sie mit Recht zu den größten Europas gezählt werden. Ich hatte manchmal daran gedacht, einen Vergleich zwischen der Natur dieses Landes und der unserer Heimat anzustellen, aber jetzt, nachdem ich alles selber angeschaut habe, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß beide Länder eigentlich gar nicht mit einander verglichen werden können, denn im großen Ganzen sind unsere Naturschönheiten idyllischer und lieblicher Art, während diejenigen der Schweiz romantischer und großartiger sind. Natürlich kann ich noch kein richtiges und abschließendes Urteil abgeben, da ich die Schweiz nur vom Fenster des Zuges aus während der Fahrt gesehen habe. Im stillen aber gelobte ich mir, später einmal, wenn es die Zeit irgend erlaubt, eine Schweizerreise zu unternehmen, um die Natur dieses Landes genauer zu studieren, und meine damaligen Pläne verwirklichten sich denn auch.

Felspartie am St. Gotthard.

Im Coupé war es sehr angenehm, es war selbstverständlich noch geheizt. Als wir den berühmten St. Gotthard-Tunnel passierten – die Durchfahrt dauerte ungefähr 15 Minuten – aßen wir gerade im Speisewagen zu Mittag, wobei wir nicht versäumten, uns den bekannten Schweizer Wein und Käse vorsetzen zu lassen. Gegen Abend schon langten wir in Stuttgart an. Hier nahmen wir im Schlafwagen Platz, in welchem wir eine ganz behagliche Nacht verbrachten.