Reinigungsmannschaften.
Was mir zuerst auffiel und mich angenehm überraschte, war die peinliche Sauberkeit und Gleichmäßigkeit der Straßen, die aus dem Fahrdamm und den zu beiden Seiten laufenden Bürgersteigen (Trottoirs) bestehen. Die Straßen sind ohne Ausnahme gepflastert oder asphaltiert und sehr breit, an beiden Seiten mit Bäumen geschmückt und mit Gasbeleuchtung oder elektrischem Licht versehen. Die Straßen werden so sauber gehalten, wie ein Hausflur oder eine Stubendiele; überall, wohin man blickt, sieht man die uniformierten Straßenreiniger ihrer Beschäftigung nachgehen und mit Gummischiebern den Asphalt abwaschen, mit Besen und Schippe den Straßendamm reinigen. Große Sprengwagen liefern das Wasser zur Reinigung, kleine Handwagen beseitigen den Kehrricht, und so greift eines ins andere, um eine wirklich ideale Straßensäuberung mit unglaublicher Geschwindigkeit herbeizuführen. Es kann daher kein Wunder nehmen, daß diese Reinlichkeit auch auf die Luft in sanitärer Beziehung vorzügliche Wirkungen ausübt und zum Gesundheitszustand Berlins viel beiträgt.
Andererseits war es mir ein wahrer Genuß, in den sauberen Straßen spazieren zu gehen, ohne fürchten zu müssen, sich schmutzige Kleider oder Stiefel zu holen. Unwillkürlich stellte ich einen Vergleich zwischen meiner Heimat und Berlin an, der sehr zu Ungunsten der ersteren ausfiel, wenn ich an den Zustand unserer heimatlichen Straßen und Wege dachte, von denen sich manche noch im Naturzustand befinden, so daß man bei Regenwetter nicht ohne gehörigen Schmutz wegkommt. Und dabei drängte sich mir auch der Gedanke an die oft in letzter Zeit in Japan auf die Tagesordnung gebrachte Frage der Reform unserer Frauenkleidung auf. Nach dem, was ich hier gesehen habe, möchte ich nur meine Ansicht wiederholen, daß die Straßen in gewissem Zusammenhang mit der Reform der Kleidungstücke stehen, daß zuerst unsere Straßen und Wege verbessert werden müßten, bevor an die Kleiderreform gegangen werden kann. Also in allererster Linie die Straßenreform, ohne die eine Kleiderreform, speziell hinsichtlich der Damenkleidung, illusorisch sein würde.
Berlinerin.
Zu beiden Seiten der Berliner Straßen reihen sich die regelmäßig aufgebauten Häuser aneinander, alle ohne Ausnahme massiv aus Stein erbaut und fast sämtlich 4-5 stöckige Neubauten in modernem Stil. Ein Beweis, daß Berlin im Vergleich zu anderen Großstädten, wie London, Paris oder Wien, noch eine jungaufblühende, im Wachstum begriffene Stadt ist. Während bei uns die Häuser sich in mannigfaltiger Aufführung und Gestalt zeigen und manche noch ihren villenartigen Charakter bewahren, sind die Bauten in Berlin ziemlich gleichförmig, wie nach einer Schablone errichtet. Ein Haus ähnelt im Großen und Ganzen dem andern und fast an allen sieht man Balkone und Verzierungen aller Art, ohne daß sie dadurch in ihrer Einförmigkeit beeinträchtigt werden. Was mir an den Gebäuden ganz besonders in die Augen fiel, war der Umstand, daß fast alle Häuser nur nach der Vorder- und Hinterfront Fenster besitzen, während an den Giebelseiten – sofern zwei Häuser nicht dicht zusammengebaut sind – bloß glatte Mauerwände zu sehen sind. Es könnte dies einerseits damit zusammenhängen, daß infolge des unmittelbaren Nebeneinanderstehens der Häuser keine Fenster angebracht werden können; andererseits würde die Ursache darin zu suchen sein, daß man hier bei Bauten an den Winter denkt, wie es ja bei uns den Anschein hat, als ob unsere Häuser für den Sommer errichtet wären, weil sie – wenn irgend möglich – nach allen Seiten mit vielen Fenstern ausgestattet sind und dadurch viel luftiger und heller erscheinen. Jede dieser Bauarten dürfte ihre Vorteile und Nachteile haben. Sind die Gebäude bei uns heller, so sind dieselben hier wärmer, erscheinen die unsrigen luftiger und leichter, so sind die hiesigen solider und massiver.
Beim Durchwandern der Berliner Straßen, die Kleidung der Passanten betrachtend, machte ich die Wahrnehmung, daß Männer und Frauen fast durchweg schwarze oder graue Kleidung tragen, sodaß man wohl behaupten könnte, diese beiden Farben seien vorherrschend Straßenfarben. Bunte Gewänder werden meistens vermißt; die Farbenpracht auf der Straße, wie man sie bei uns findet, scheint hier fast gänzlich zu fehlen. Vielleicht sind sie doch im Sommer anzutreffen. Was ich noch vielfach bemerkt habe, ist, daß die Berliner Damen lange Schleppen lieben und mit ihnen die Straßen durchschreiten. Ich wünschte, daß die Schleppen ein bischen kürzer oder die Beine ihrer Besitzerinnen ein bischen länger wären! Am Ende habe ich doch anerkennen müssen, daß die langen Schleppen nebenbei zur Polierung der Straßen geschaffen sind. Jedenfalls haben sie mir nach dem Regenwetter auf den Straßen einen recht appetitlichen Eindruck gemacht.