Jung-Berlin.

Männer wie Frauen durcheilen hier die Straßen sehr geschäftig und scheinen keine Zeit übrig zu haben, um an die Ausschmückung mit farbenprächtigen Toiletten zu denken. Jeder strebt seinem Ziele zu. Nur selten sieht man Leute, die ziellos die Straßen durchschlendern; jeder geht festen Schrittes einher, und einer eilt – mit Ausnahme von einigen Straßen wie die Friedrichstraße und Unter den Linden – an dem andern vorüber, ohne sich um ihn zu kümmern. Bei allen macht sich der Grundsatz bemerklich: »Zeit ist Geld«. Sogar die Jugend hastet oft rasch dahin; bewundernswert ist die Frühreife und Selbständigkeit der Berliner Kinder, die, wie ein Volkswort sagt, sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Sechs- wie siebenjährige Knaben und Mädchen schwingen sich gewandt auf die Waggons der Straßenbahnen, überschreiten mit merkwürdiger Ruhe die schlimmsten Straßenpassagen und benehmen sich in der Stadtbahn genau so wie die Großen, die Türen der Wagen im Fluge öffnend und schließend. In gewissem Sinne berühmt wegen ihrer schlagfertigen Antworten, die sie Niemandem schuldig bleiben, sind die Berliner Lehrlinge, namentlich des Schusterhandwerks; aber ihnen mag auch mancher Witz in die Schuhe geschoben werden, der auf das Conto von Angehörigen anderer Berufszweige zu setzen ist.

Berliner Schusterjunge.

Eine besonders bemerkenswerte Erscheinung ist, daß man auf den Berliner Straßen weit mehr Frauen sieht, als bei uns, ja, man könnte wohl sagen, man begegnet hier mehr Frauen als Männern, es ist also gerade das Gegenteil von unserem Straßenbilde. Daß die Männer außerhalb des Hauses, die Frauen im Hause ihren Pflichten und Arbeiten nachgehen, scheint hier im allgemeinen nicht der Fall zu sein. Ich hatte schon in Japan gehört, daß es hier viele selbständige Frauen gibt, d. h. solche, die sich selbst ernähren und regelmäßige Beschäftigungen haben wie Männer. Davon habe ich mich wirklich überzeugt. Das Arbeitsgebiet der Frauen scheint hier ein ziemlich großes zu sein, und offenbar hat man hier dem zarten Geschlecht viele Berufszweige geöffnet, sodaß sich ihre Zugehörigen ihre Selbständigkeit bewahren können. Allerdings scheint die Selbsthilfe der Frauen, wie mir mitgeteilt wurde, auf die Zahl der Ehen in verminderndem Sinne einzuwirken. Ob dieser Umstand die Menschheit zur Seligkeit führt, ob sie dadurch ihre Ideale verwirklicht sieht, lasse ich dahingestellt sein. Die Frauenfrage und Frauenbewegung, die auch bei uns bereits ihre Wurzeln geschlagen haben, ist hier, wie ja überall, eine der brennendsten sozialen Fragen, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen kann.

Daß die Frauen hier viel mehr arbeiten, als bei uns, ist eine durchaus lobenswerte Tatsache, die schon an ihrem Äußeren, in ihrem Gang und Wesen und in ihrem starken Körperbau ersichtlich ist. Nicht selten hörte ich auf der Straße hinter mir feste Schritte und glaubte anfangs, sie rührten von einem Soldaten her; zu meinem nicht geringen Erstaunen mußte ich jedoch bemerken, daß dieser vermeintliche Soldat, als er an mir vorüberschritt, eine Dame war! Man kann hieraus entnehmen, mit welchen derben Füßen die Damen hier auftreten. Im allgemeinen habe ich gefunden, daß die deutschen Damen alle ziemlich fest einherschreiten.

Wie ich mir sagen ließ und selbst bemerkt habe, legt man in Deutschland auf die körperliche Erziehung beider Geschlechter sehr viel Wert. Tatsache ist es, daß die Menschen hier im allgemeinen größer sind, als unsere Landsleute. Es liegt allerdings wohl schon in der Rasse, aber auch die körperliche Pflege dürfte zweifellos nicht wenig zur Erzielung einer kräftigen, gut entwickelten Menschengattung beitragen. Die durchschnittliche Größe der Deutschen ist aber Gott sei Dank nicht so bedeutend, wie ich sie mir daheim vorgestellt hatte. Ich hatte nämlich geglaubt, daß ich in Deutschland als ein Zwerg unter Riesen erscheinen müsse. Dem war jedoch glücklicherweise nicht so: als ich sah, daß es hier auch kleinere Menschen gibt wie ich und als ich dann bemerkte, daß ich noch nicht zu den kleinsten gehörte, fühlte ich mich sehr beruhigt. Die Deutschen sind auch im Großen und Ganzen korpulenter als die Japaner. Ich wurde wirklich manchmal durch kolossale Exemplare überrascht, die nicht selten wandelnden Bierfässern gleichen. Besonders sind mir unter der Damenwelt viele »gewichtige« Figuren aufgefallen; einzelne von ihnen hatten eine solche Mächtigkeit, daß sie sich kaum fortbewegen konnten. Wie mir zu Mute ward, als ich zum ersten Mal mit der Straßenbahn fuhr und unglücklicherweise an der Seite eines solchen Kolosses in die Ecke gedrückt sitzen mußte, kann man sich wohl vorstellen.

Aus unseren neuesten schulhygienischen Mitteilungen ist ersichtlich, daß die Körperlänge unseres jüngeren Geschlechtes, namentlich beim weiblichen, im Zunehmen begriffen ist, seitdem man für die körperlichen Übungen, besonders in den Schulen, mehr Sorge getragen hat und im modernen Leben Tische und Stühle verwendet. Ich empfehle meinen Landsleuten körperliche Pflege und Bewegung auf das energischste und rate ihnen entschieden das Hocken auf den Matten ab.