Am Walpurgisabende, dem Abende vor dem 1. Mai, zünden überall im Erzgebirge Knaben auf hochgelegenen Punkten Besen an und springen damit herum; es wird geschossen, geschrieen, mit Peitschen geknallt und mit Bretern zusammengeschlagen, um ein rechtes Getöse hervorzurufen. Dies geschieht, um den Hexentanz darzustellen, oder, wie allgemeiner behauptet wird, um die zum Blocksberg ziehenden Hexen zu vertreiben. Am Walpurgisabende ziehen auch die Hexen ein, und man muß daher Besen oder landwirtschaftliche Geräte vor die Stallthüre legen, um sie abzuhalten. In Neustädtel erzählt man: Als Karl der Große die alten Sachsen vom Brocken oder Blocksberg jagen wollte, kamen die Hexen und allerhand Gespenster mit glühenden Besen und auf Ziegenböcken geritten, um ihn zu vertreiben.
Walpurgis, welche in der Mitte des 8. Jahrhunderts lebte und eine Tochter des Königs Richard von England war, wurde später heilig gesprochen und als Beschützerin gegen den Bosheitszauber verehrt. Die angezündeten Feuer sind die Opferflammen für die Frühlingsgöttin Ostara; das Umherspringen ist ein Rest der alten religiösen Tänze; die Hexen, welche in der Walpurgisnacht eine so große Rolle spielen, sind die weisen Frauen, welche Kräuter kochten und, mit dem Priesteramt bekleidet, als »Alrunen« in dem germanischen Götterkultus auftreten. Sie versammeln sich in der ersten Mainacht auf dem Hörsel- und Inselberge in Thüringen, auf dem Stoffelsteine bei Bamberg und an vielen anderen Orten, besonders aber auf dem Blocksberge im Harz. In Schweden war ihr Sammelplatz die kleine Felseninsel Blakulla, zwischen Oeland und Smaland gelegen; dorthin reisten sie aber am grünen Donnerstage. Die Böcke, mit denen nach unserer Sage die Hexen nach dem Blocksberge ziehen, sind die Opfertiere.
Vor dem Eintreten der Hexen schützen drei Kreuze an der Stallthüre oder die Buchstaben C. M. B. (Kaspar, Melchior, Balthasar, nach der Legende die Namen der heiligen drei Könige); oder man legt einen alten Besen oder ein Stück frischen Rasen vor die Thürschwellen.
Es mag schließlich noch darauf hingewiesen werden, daß der Glaube an Hexen in den indischen Çâkinî, Dâkinî und Yeginî, welche kraft mythischer Zaubersprüche des Nachts durch die Lüfte reiten und ihre Tänze abhalten, eine Parallele findet. Es ist demnach die Vorstellung von weiblichen Unholden bereits der indogermanischen Urzeit eigen, und so mag vielleicht unserm Worte »Hexe« die Wurzel, çak, mächtig sein, zu Grunde liegen. (Fr. Hirsch, Gesch. der Deutsch. Litteratur, I., S. 6.)
266. Der wunderliche Katzentanz.
(Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 507.)
Am 1. Mai des Jahres 1726 ist ein gewisser zuverlässiger Mann im Erzgebirge von einem Orte zum andern gereist und am Abend bei düsterer Witterung bei einem Walde vorbeipassiert, da denn er sowie sein Begleiter, den er bei sich hatte, ein dem Anschein nach in einem Hause scheinendes Licht bemerkt, welchem beide in der Hoffnung, eine Herberge zu finden, zugelaufen. Nachdem sie aber näher und näher gekommen, hören sie eine zum Tanz gehende Musik, und der eine von ihnen geht aus Neugierde ans Fenster und wird durch selbiges gewahr, daß eine große Anzahl Katzen darin zu finden, davon etliche musicieren und die andern darnach tanzen. Sein Begleiter beschließt nun, in das Haus hineinzugehen, wird aber von dem andern davon abgehalten, und jetzt nimmt einer von ihnen wahr, daß seine große Hauskatze ebenfalls dabei anzutreffen. Aus Entsetzen gehen beide fort und kommen in spätester Nacht nach Hause. Als nun des andern Tags zu Mittag sich die große Hauskatze bei der Mahlzeit in der Stube einfindet, spricht ihr Hausherr, sie anschauend: »Nun, Du machtest Dich gestern Abend auch sehr lustig!« Da springt ihm alsbald der alte Kater auf den Hals und kratzt ihn in den Kopf und das Gesicht, hätte ihn auch sicherlich getötet, wofern nicht das Hausgesinde herzugelaufen und mit Schlägen und Schreien diesen verteufelten Feind abgetrieben.
Diese Sage hat viel Ähnlichkeit mit der vom sogenannten Katzenberge zwischen Leipzig und Merseburg. Um die Mitte des 16. Jahrh. ist nämlich ein Bischof von Merseburg, namens Michael, ein großer Katzenfreund gewesen und hat eine große schwarze Katze besessen. Dieser Bischof ist einst nach Leipzig gereist und hat auf dem oben genannten Hügel, der nachher davon seinen Namen bekam, eine ganze Katzengesellschaft angetroffen. Er rief derselben im Scherze zu: »Ihr Katzen, seid ihr alle beisammen?« Da hat eine geantwortet: »Es mangelt keine, ausgenommen Bischof Michael seine Katze.« Bei seiner Rückkehr erzählte er seiner Katze die wunderliche Begebenheit und fragte zugleich, warum sie den andern Katzen nicht Gesellschaft geleistet? Alsbald fuhr die Katze zum Fenster hinaus und ist nicht mehr gesehen worden.
Katzen sind Hexentiere, sie bilden entweder das Gespann der Hexen, oder diese nehmen die Gestalt jener Tiere an.
Auf der Brüßlerstraße zu Dendermonde liegt ein Haus, worin sich ehedem eine Brauerei befand. Hier diente Hans Zimmermann als Knecht. Da er sein Handwerk sehr gut verstand, so konnte er nicht begreifen, warum das erste, zweite und dritte Gebräu mißlang. Nun hatte er aber bemerkt, daß jedesmal, wenn er am Brauen war, eine Katze rund um den Kessel lief. Als er sein viertes Gebräu begann, und die Katze wieder miauend um den Kessel strich, redete er sie in der Überzeugung an, daß sie eine Hexe sei; er bekam zwar nur ein Miau zur Antwort, worauf sie weglief, aber bald mit einem Dutzend Katzen wieder zurückkam; die faßten sich Pfote an Pfote und begannen einen Tanz um den Kessel, wobei sie unaufhörlich sangen: »Hansken Temmermann vroeg aen my: Katze, van wear kom drgy?« (Hänschen Zimmermann mich frug: Kätzchen, woher kommst denn Du?) Da wurde Hans böse, füllte einen Eimer mit dem kochenden Bier und goß das über die Katzen hin. »Miau! Miau!« schrien alle und verschwanden, das Gebräu aber glückte. Am andern Morgen jedoch sah man im Rochusgäßchen sechs Frauen mit verbrannten Gesichtern tot auf der Straße liegen. Da blieb kein Zweifel mehr, wer die Katzen gewesen waren. (Nork, Sitten und Gebräuche der Deutschen, S. 556.) Eine ähnliche Sage erzählt Leibing (Sagen und Märchen des bergischen Landes, No. 64). Nach ihm verwundete ein Brauknecht zwei Katzen, die eine am Ohr und die andere büßte eine Pfote ein; am andern Tage hatte die Frau des Braumeisters ein zerschmettertes Ohr und eine andere Frau in der Nachbarschaft hatte ein Stück eines Fußes eingebüßt. Auch Jacob Grimm weist in seiner Deutschen Mythologie (S. 623) darauf hin, daß viel von verwundeten Katzen erzählt wird, die man hernach an verbundenen Weibern wieder erkannte.