Stehe vor keine Thür zu horchen, was über dich oder andere, oder von häuslichen Angelegenheiten geredet wird.

Oeffne keinen Brief, kein Zettelchen, schiele in kein Buch; blicke durch keinen Spalt und keine Oeffenung, etwas zu erforschen, oder mitanzusehen, was dich nichts angehet, oder wovon du auch nur vermuthen kannst, daß es deiner Herrschaft unangenehm seyn würde, wenn sie dich sähe, oder es wüste.

Laß dir auch von andern Dienstboten nichts aus ihren Häusern erzählen und vorschwätzen, was im mindesten zum Nachtheil ihrer Herschaft Herrschaft gereichen könnte.

Hast du eine billige, gute und fromme Herrschaft, so danke Gott; denn dieß ist ein großer Segen, den er dir gönnt. Mißbrauche ihre Güte nicht; und wisse, daß du schwere Rechenschaft zu geben haben wirst, wenn du dir diesen Segen, wenn du das Beyspiel und die Lehren und Ermahnungen, die sie dir geben, dir nicht zu Nutze machst.

Must du aber einer schlimmen, strengen und bösartigen Herrschaft dienen, so erkenne und verehre den Willen der alles leitenden göttlichen Fürsehung in diesem deinem Schicksal.

Murre nicht, weder wider Gott, noch wider deine Herrschaft.

Rede nicht immer von den Pflichten, die die Herrschaft zu erfüllen hätte; sondern denke vielmehr an die, die du zu erfüllen hast, und unterwirf dich ihrem Willen und ihrer Strenge — um Gottes willen!

Uebe dich im Dulden und Schweigen! Hüte dich vor jeder Veranlassung zum Zorn, und befleiße dich um so vielmehr, ihnen niemals keine gerechte Ursache zum Zorne zu geben. Sinne darauf, wie du jeder Gelegenheit zum Unwillen, doch ohne Verletzung deines Gewissens, vorkommen könnest. Bitte Gott deswegen ausdrücklich um Weisheit; um die erfindsame Klugheit der rechten brüderlichen und schwesterlichen Liebe! Wenn du aber bey allem dem ihre Liebe und ihre Zufriedenheit dir nicht erwerben kannst; wenn sie immerfort gegen dich mürrisch und mit allem deinem Thun und Lassen unzufrieden sind; wenn du es deiner Herrschaft durchaus nie recht machen kannst, so denke: daß du es doch deinem Herrn im Himmel recht machest, wenn du mit aller möglichen Treu und Gewissenhaftigkeit, auch mit Hintansetzung deines eigenen Vortheils und deiner Ruhe, deinem Dienst abwartest. Denke, daß Gott dich berufen, mit Christo Unrecht zu dulden, und unter dem Unrecht auszuharren, und ein Beyspiel der Liebe, des Glaubens, der Geduld, des Festhaltens an Gott, und der Hoffnung eines bessern Lebens zu seyn.

Seufze nie wider deine strenge und ungerechte Herrschaft! Bitte für sie! Je mehr du für sie bittest, desto mehr wirst du von ihr ertragen mögen! Desto weniger wirst du sie ausmachen und verklagen; desto gelaßner seyn bey ihren ungerechten Bescheltungen, bey ihrem Toben und Schäumen. — Halte dich übrigens immer auf ihre dich anfahrende Strenge im Glauben an die Allwissenheit und Allgegenwart Gottes gefaßt: damit du dich nie zu unbescheidnem, reizendem Widersprechen hinreissen lassest.

Unverschämte Antworten, trotziges Betragen, freche Mienen, zornige mürrische Blicke, die rühren nicht vom Geiste Christi her, die sind an einem Jünger Jesu schlechterdings unerträglich, und wenn die Herrschaft auch noch so ungerecht wäre — (Wie viel unverantwortlicher werden sie erst gegen Herrschaften seyn, die nichts fordern, als was billig, nichts tadeln, als was tadelswürdig ist.)