[Aria]
An Leonoren

Die Trennung dient zu größrer Freude,
Drum tu doch nicht so sehr um mich!
So weit ich auch von hinnen scheide,
So nah' behalt' und küss' ich dich,
Weil Licht und Nacht in tausend Bildern
Dem Herzen dein Gedächtnis schildern.

Nur liegt mir etwas in Gedanken
Und martert mich so stumm als scharf:
Man kennt des Frauenzimmers Wanken;
Ich weiß nicht, ob ich hoffen darf,
Und ob wohl künftig dein Gemüte
Sich auch mit gleicher Sorgfalt hüte.

Der Zweifel darf dich nicht betrüben,
Er ist ein Zeichen zarter Treu;
Bisher erkenn' ich zwar dein Lieben
Und weiß, wie rein die Flamme sei;
Wer bürgt mir aber vor das Glücke,
Daß keine Zeit das Ziel verrücke?

Ich kann dir keinen Wächter stellen,
Es wäre denn dein eigner Geist;
Doch weil die Macht von manchen Fällen
Die Klügsten aus dem Zirkel reißt,
So laß dir, willst du mein verbleiben,
Die Regeln in das Herze schreiben:

Die Liebe reicht auch in die Ferne,
Und das heißt recht beständig sein.
Verehre die geneigten Sterne,
Und zürnt ihr abgenommner Schein,
So mußt du mehr durch Flehn als Fluchen
Den Himmel zu versöhnen suchen.

Erwäge stündlich in der Stille
Den Anfang der Zusammenkunft,
Bedenke nur, dein eigner Wille
Beschwur das Bündnis mit Vernunft;
Vergiß auch nicht, was mein Verlangen,
Nur dich zu sehn, oft angefangen.

Vermeide die Gelegenheiten,
Wo viel Gesellschaft spielt und küßt.
Der Scherz kann öfters viel bedeuten,
Man weiß, wie stark die Reizung ist;
Und mußt du dich der Welt bequemen,
So laß dich andrer Putz beschämen.

Besuche fleißig alle Gänge,
Wodurch ich dich bisher geführt,
Vornehmlich, wo der Birken Menge
Das Ufer und die Wiesen ziert,
Und dorten, wo dein sachtes Küssen
Mich oft im Grünen wecken müssen.

Du weißt und kannst auch überlegen,
Wie kräftig mich der Mond ergetzt,
So daß ich seines Schimmers wegen
Die Nacht dem Tage vorgesetzt;
Besinne dich in solchen Schatten,
Wie viel wir sichre Zuflucht hatten.