Das Betragen, dessen er mich beschuldigt, ist Nicolai’s eigenem guten Bewusstseyn, Vortrage und Sinne nach, ein höchst verächtliches und nichtswürdiges Betragen; er will, dass die Leser es ebenso ansehen, und bedient sich der Ausdrücke, die es als ein solches beschreiben. Er redet von Erschleichungen, unartigen Schleifwegen, heimlichem Einschwärzen, von Versuchen, unter der Hand sich geneigt zu machen, was man öffentlich zu verachten affectirt.
Dasselbe Betragen ist nach meinen Begriffen und nach den Begriffen aller Leser, deren Achtung Werth für mich hat, noch unendlich nichtswürdiger, verächtlicher — und dümmer dazu, als Nicolai verstehen und begreifen kann. Denn ich und alle die, mit welchen und auf welche zu wirken ich wünschen kann, haben überhaupt gar wenig Respect für die gewöhnlichen gelehrten Zeitungen, ihre Urtheile, und das Urtheil derer, die auf jene Urtheile etwas geben.
Was aber insbesondere die allgemeine deutsche Bibliothek anbelangt, ob sie in Bohns oder in Nicolai’s Verlage herauskomme, so affectire ich nicht dieselbe zu verachten, sondern ich verachte sie wirklich und im ganzen Ernste, wegen ihrer allgemeinen Tendenz, und in dem besonderen Fache, in welchem ich mir ein Urtheil zuschreiben darf, in dem der Philosophie.[17]
Dieselbe Verachtung habe ich ohne Ausnahme bei allen angetroffen, deren Gesinnungen über diesen Punct ich zu erfahren Gelegenheit hatte. Und nun will Nicolai, dass man von mir glaube, ich habe dieses Blatt, dessen Verächtlichkeit unter die gemeingeltenden Dinge gehört, mir geneigt zu machen gesucht.
Ein solches Betragen wäre, sagte ich unter anderen, auch dümmer, als Nicolai begreifen kann. In der Gegend, in welcher ich damals mich aufhielt und in dem noch südlicheren Deutschlande ist die Verachtung gegen die allgemeine deutsche Bibliothek, selbst bei den gemeinsten Lesern, sogar zum Vorurtheile geworden; sieht man sie ja noch an, so thut man es in den Stunden der Verdauung, um sich an den wunderlichen Wendungen und Renkungen der Trivialität und Nullität, die es selbst zu merken anfängt, dass sie Nullität ist, zu belustigen. Wer in jenen Gegenden lebt, hält ein Lob in dieser Bibliothek für eine schlechte Empfehlung. Auf dieses Blatt giebt man nur noch in einigen finsteren Provinzen Deutschlands etwas, wo man im Ganzen noch auf der Stufe der Bildung steht, auf der wir vor 40 Jahren standen, und noch aus dem Grundtexte berichtet zu seyn wünscht, ob in einer Stelle des neuen Testaments vom Teufel wirklich die Rede sey, oder nicht, oder gegen die Furcht vor dem Umsturze der theuren protestantischen Denkfreiheit durch die Machinationen der Jesuiten Beruhigung sucht.
Also das Betragen, dessen Nicolai mich beschuldigt, ist nichtswürdig, verächtlich, dumm. Er führt nichts an, um seine Beschuldigung zu beweisen. Ich kann einen nicht geführten Beweis nicht widerlegen. — Da ich im Ernste nicht wieder zu Nicolai zurückkommen mag, so muss ich mich begnügen, ehrliebende Leser zu versichern, dass die ganze Beschuldigung rein erdichtet ist, dass ich nie in freundschaftlichem Umgange oder Verbindung mit irgend einem Menschen gestanden, der mir als Mitarbeiter an der allgemeinen deutschen Bibliothek oder als zusammenhängend mit der Redaction derselben bekannt gewesen, dass ich um die Urtheile in der allgemeinen deutschen Bibliothek mich nie bekümmert, und nie das Geringste gethan habe, um auf dieselben einen Einfluss zu erhalten. —
Der Verweis, den ich dem damaligen Verleger derselben, Herrn Bohn, zu geben genöthigt wurde, wegen der Imbecillität, mit welcher er Pasquille auf mich im Intelligenzblatte jener Zeitschrift abdrucken liess, und als ich hierüber Nachfrage anstellte, nicht wusste, wovon die Rede war, war doch ohne Zweifel keine Gunstbewerbung.
Es ist jetzt an den Lesern, die meiner Versicherung nicht glauben, Nicolai zum öffentlichen Beweise seiner Beschuldigung anzuhalten. Ich weiss sicher, dass er nichts als Erdichtungen und Lügen wird vorbringen können, und diese werden hoffentlich von der Art seyn, dass man, ohne vor dem Publicum sich mit ihm abzugeben, ihn vor dem bürgerlichen Gerichtshofe belangen, und diesem das Urtheil übergeben könne.
Jedoch, ist es denn nicht Factum, was Nicolai Nr. 3 anführt, dass eine, wie Nicolai meint, lobpreisende Recension meiner Grundlage der Wissenschaftslehre in der neuen deutschen Bibliothek abgedruckt worden? Für Nr. 1 und 2 hat Nicolai vielleicht gar keine Beweise; er hat es vielleicht aus Nr. 3 durch seine bekannte Conjecturalkritik nur gefolgert, und kein Bedenken getragen, seine Folgerungen als historische Thatsachen hinzustellen.
Welche Folgerungen! Weil eine Anzeige, die meine Gedanken nur nicht sogleich weggeworfen haben will, sondern sie einem weiteren Nachdenken empfiehlt, in die neue deutsche Bibliothek, deren Grundmaxime es ist, alles Neue ohne weiteres wegzuwerfen, sich verläuft; muss sie von einem ausgemachten Fichtianer seyn, muss sie in Jena verfertigt seyn, muss ich an der Einsendung derselben Theil haben, muss ich schon seit langem ähnliche Versuche vergebens gemacht haben?