Wäre denn nicht auch etwa der Fall möglich, dass jene Anzeige von einem Gelehrten herkäme, der nicht zu Jena lebte, der mich nie persönlich gekannt, und bis diese Stunde mich nicht persönlich kennt, der kein Interesse für mich haben konnte, als das, welches ihm die angezeigte Schrift einflösste, und von dessen Existenz sogar ich erst durch die Existenz jener Anzeige unterrichtet wurde? Wäre es nicht möglich, dass dieser Gelehrte diese Anzeige ohne alle Bestellung irgend eines Redacteurs, lediglich aus Interesse für die Sache, und in der gutmüthigen Meinung, dass dieser durch eine Recension nachgeholfen werden könnte, abgefasst, und sie zuerst an eine andere wirklich gangbare gelehrte Zeitschrift eingesendet; dass sie von da aus, etwa weil man sie, wofür auch Nicolai sie erkannt haben will, für einen blossen trockenen Auszug gehalten, zurückgesendet worden, und nun erst — Nicolai mag wissen auf welchem Wege, ich weiss es nicht — an die N. D. B. gekommen, bloss damit sie nicht vergebens geschrieben wäre; dass ich von diesem letztern Schicksale jener Anzeige durchaus nichts vorher gewusst oder erfahren, und mit einer ähnlichen Befremdung, als Nicolai, sie in dem angeführten Hefte der N. D. B. abgedruckt gefunden? Wäre dieser Fall nicht ebenso möglich? Aber warum soll ich es nicht gerade heraussagen: durch ein Ungefähr bin ich hierin besser unterrichtet, als der sonst immer so wohl unterrichtete Nicolai; — der als möglich vorausgesetzte Fall ist wirklich; gerade so, wie ich es oben angegeben, hat es sich zugetragen. Nicolai will wissen, dass jene Anzeige durch einen Mitarbeiter an der A. D. B., der gar nicht im philosophischen Fache arbeitete, der ihm sonach sehr wohl bekannt seyn muss, eingesandt worden; und hierin weiss er mehr, als ich. Er hatte sonach einen festen Punct, um seine sorgfältigen und wichtigen Untersuchungen anzuknüpfen. Hätte er doch, er, der auf manchem Blatte[18] seinen Lesern erzählt, wie weit herum er correspondire, um gründlichen Bericht abstatten zu können, wo die leichtesten Angelhaken verfertigt würden, — hätte er doch auch hier ein paar Briefe sich nicht gereuen lassen! Oder ist er vielleicht auch über diesen Gegenstand besser unterrichtet, als er sichs will abmerken lassen, und diente es nur nicht in seinen Kram, zu verrathen, dass die von ihm wieder aufgenommene A. D. B. fürlieb genommen, was eine andere gelehrte Zeitschrift abgewiesen, und auf mein eigenes Anrathen abgewiesen hatte?

2.

Ich komme zu Nicolai’s zweitem ehrenrührigen Angriffe. Er beschuldigt mich (S. 176), ich habe, in Beziehung auf einen Gegner, „der mir gezeigt habe, was offenbar aus meinen Sätzen folge,“ von Schurkerei und Büberei gesprochen.

Ich weiss nicht, ob Nicolai selbst begreift, wessen er dadurch mich beschuldigt, und ich zweifle, dass er es begreift. Er wirft diese Schmähung zusammen, und bringt sie in Einem Athemzuge vor mit einer anderen Anklage, mit der, dass ich von gewissen Gegnern als von Halbköpfen gesprochen. Dünkt ihm etwa dieses letztere und jenes erstere so ohngefähr gleich?

Dünke ihm, was da wolle, es kommt nicht darauf an, was Er von mir glaubt, sondern darauf, was er andere von mir glauben machen will. In den Augen desjenigen Theils des Publicums, an dessen Achtung mir etwas liegt, und in meinen eigenen Augen, ist dieses letztere und jenes erstere nicht gleich.

Einen literarischen Angriff durch einen Angriff auf die persönliche moralische Ehre des Gegners erwiedern, und die Anführung von Gründen Schurkerei und Büberei nennen, ist nach meinem Urtheile, und wie ich hoffe nach dem Urtheile aller verständigen und ehrliebenden Männer, nur das Betragen eines wüthenden Narren, oder tückischen und hämischen Wahrheitsfeindes und Bösewichts.

Hätte der Gegner nur wirklich aus meinen Sätzen gefolgert, gesetzt auch, er hätte diese Sätze falsch verstanden, oder er hätte unrichtig aus ihnen gefolgert, und ich hätte ihm das Misverständniss oder die Fehlschlüsse handgreiflich darthun können, so hätte ich ihm allerdings Unverstand, Inconsequenz und dergleichen Verstandesgebrechen vorrücken, aber ich hätte nimmermehr von Schurkerei und Büberei sprechen dürfen, so lange noch die mindeste Möglichkeit übrig gewesen, anzunehmen, dass er ehrlicherweise selbst glaube, was er behauptet.

Wie verhält sich denn nun die Sache? Zum Glücke lässt in diesem Handel das Factum, worauf Nicolai seine Beschuldigung baut, sich zu Tage liefern. Er giebt die Stelle richtig an (Philos. Journal v. J. 1798, Heft 8, S. 386.[19] —) Hier ist sie im Zusammenhange.

Ich sage S. 385 oben im Texte: „ich habe die lügenhaften Verdrehungen, die z. B. Hr. Heusinger mit dem Gesagten vornimmt, weder verdient, noch veranlasst;“ und setze in einer Note hinzu: „Ich sage (S. 10 meines Aufsatzes über den Grund unseres Glaubens an eine moralische Weltregierung, im 1. Hefte des Phil. Journals desselben Jahrganges), um die nothwendige Consequenz beider Gedanken auszudrücken: Ich muss, wenn ich nicht mein eigenes Wesen verläugnen will, die Ausführung jenes Zwecks (der Moralität) mir vorsetzen; — habe diesen Satz zu analysiren, wiederhole ihn daher auf der folgenden Seite verkürzt mit Hinweglassung der Merkmale, die keiner Analyse bedürfen, so: ich muss schlechthin den Zweck der Moralität mir vorsetzen, heisst: u. s. w. — Die Rede ist sonach gleich der folgenden: In einem rechtwinkligen Triangel ist das Quadrat der Hypotenuse gleich dem Quadrate der beiden Katheten. In einem Triangel ist das Quadrat der Hypotenuse etc. heisst: u. s. w. — Hr. Heusinger aber[20] hält sich an den letzten Ausdruck des Satzes, als den directen, erklärt meine ganze Theorie aus diesem unbedingt gesetzten Muss, um mich eines Fatalismus zu bezüchtigen (da doch jedem, der nur eine Sylbe von mir gelesen, bekannt seyn muss, dass auf die Freiheit des Willens mein ganzes Denken aufgebaut ist), und es recht klar darzulegen, wie nach mir die moralische Ordnung sich selbst mache, und wie ich mit meinem guten Bewusstseyn ein offenbarer Atheist sey. — Im gemeinen Leben nennt jeder Ehrliebende ein solches Benehmen Schurkerei, Büberei, Lüge. Wie soll man es in der Literatur nennen?“ — Dies ists, was ich geschrieben hatte. Ich bitte den verständigen und ehrliebenden Leser sich folgende Fragen zu beantworten:

1) Heisst das, aus meinen Sätzen folgern, wie Nicolai es nennt, wenn man mir einen bedingten Satz in einen unbedingten verwandelt, um mir eine Meinung anzudichten, von welcher jeder, der in der neuen philosophischen Literatur bewandert ist, wissen muss, und Hr. Heusinger sicher wusste, dass ich mich von jeher auf das stärkste gegen sie erklärt habe? Es ist also nicht von Folgerungen, es ist von Verdrehungen und Erdichtungen die Rede.