2) Besonders könnte bei Erwähnung des Neuen und des Erfindens nach Inhalt oder nach Form gesagt werden: wenn nun aber auf der vorausgesetzten Universität nichts Neues in beiderlei Richtung erfunden wird? Ich antworte, dass jene Acten dadurch desto nöthiger werden, um über die eigentliche Beschaffenheit des Gelehrtenpersonals an der Universität aufzuklären. Sie können dem Curatorium derselben deutlich einen Maassstab geben, an welcher Stelle es eigentlich fehle, und wo nachgeholfen werden müsse. Ein solcher nicht mehr fortstrebender, weder in Erweiterung des Inhaltes seiner Wissenschaft, noch in Bewältigung ihres Stoffes zu geistigerer Form Neues leistender Gelehrter kann auch nicht mehr zu den guten Universitätslehrern gezählt werden; er müsste durch einen anderen ersetzt werden. Im Ganzen aber müsste einer Universität, welche dergleichen Acten herausgäbe, kein einziges, im gemeinsamen Vaterlande aufblühendes Talent entgehen, welches sie nicht wenigstens für die Zeit seiner besten Blüthe sich aneignete. Ein Curatorium könnte auch sodann besser beurtheilen und dem Zweifelnden augenscheinlich nachweisen, welche Personen in den ehrwürdigen Rang der Veteranen zu versetzen wären, die von nun an entweder bloss zur Tradition des Erlernten oder zur Anwendung desselben im praktischen Wirken zu gebrauchen, aus dem Umkreise des wachsenden Lebens aber zu entfernen sind. Ueberhaupt hängt dieser Plan zusammen mit einem grösseren Plane zur Errichtung einer wahrhaft deutschen Nationaluniversität, durch welchen er, und welcher wiederum durch ihn, erklärt und die Ausführung erleichtert würde.

II.
Rede von Fichte, als Decan der philosophischen Facultät, bei Gelegenheit einer Ehrenpromotion an der Universität zu Berlin, am 16. April 1811.

Hochgeehrte Herren!

Ich weiss nicht, ob es der Universität anständig seyn würde, sich zu verwundern, dass sie in Berlin ist, so wie viele ausser ihr dermaassen darüber erstaunt sind, dass sie um der Wunderbarkeit willen die Wahrheit der Sache noch immer nicht recht glauben können. Einer Facultät inzwischen, die nun gar allhier Doctoren creirt, wird diese Verwunderung über sich selbst oft so aufgedrungen, dass es in der That sehr nöthig wird, sich wohl zu besinnen, was man eigentlich thue, und, so man kann, in sich selbst Fuss zu fassen, um ernsthafte Haltung zu gewinnen nach Aussen.

Erlauben Sie mir daher, dass, ehe wir zu dem angesetzten Promotionsact gehen, ich diese nöthige Selbstbesinnung laut vor Ihnen vollziehe.

Als im neueren Europa zuerst Universitäten entstanden, stellten sich diese eine Aufgabe, welche ihnen keinesweges von der Gesellschaft oder vom Staate, welche dafür blind waren, übertragen wurde, sondern die sie allein erblickten und mit hochherziger Freiwilligkeit auf sich nahmen, — die Aufgabe, den menschlichen Geist zu befreien und ihn nach allen Richtungen hin und durch alle Mittel, die ihnen bekannt werden möchten, zu bilden. Wem diese akademische Würden ertheilten, den erklärten sie dadurch für tüchtig, an der Erreichung dieses Zweckes mitzuarbeiten und nahmen ihn auf in ihren grossen, freien Bund. Von ihnen sind die akademischen Würden aus Hand in Hand bis auf uns herabgekommen, und es giebt Keinen unter den jetzt lebenden Graduirten, auf den sie nicht durch eine stete Reihe der Ueberlieferung von jenem ersten Bunde aus gekommen sey.

Auch dauert das Bedürfniss eines solchen freien Bundes noch immer fort. Uncultur und Barbarei umgiebt uns noch allenthalben; wie derselben beizukommen sey, welcher Punct jedesmal in dem Fortgange der geistigen Menschenbildung an die Tagesordnung komme, wer ein tauglicher Mitgehülfe sey an dieser grossen Arbeit: dieses Alles zu bestimmen möchte wohl noch immer der Staat ebenso unfähig seyn, als er es vor Jahrhunderten war, und es möchte die Lösung dieser Fragen wohl noch immer anheimfallen jenem grossen Bunde. Unser Staat, bei der Stellung unserer Universität in die höchste Leichtigkeit versetzt, von allem Althergebrachten abzugehen, und von Stimmungen umgeben, die nicht geneigt sind, irgend eine Auszeichnung anzuerkennen, welche nicht unmittelbar vom Staate herkommt, — hat dennoch, zu seinem ewigen Ruhme, durch die trefflichen Männer, die ihn hierin vertreten, jenen Grundsatz ausdrücklich anerkannt, indem er die vorhergegangene feierliche Aufnahme in den grossen europäischen Gelehrtenbund zur Bedingung der öffentlichen Anstellung an der Universität gemacht hat, die freilich nur Er ertheilt. Tiefer bekennt er sich daher auch zu dem Grundsatz, dass die neue Universität ihm nicht bloss eine Pflanzschule seyn soll für künftige Beamte, sondern eine freie Pflegerin in jeglicher Richtung und im weitesten, von ihm ungeschmälerten Sinne.

Die akademische Würde ist darum noch immer, was sie ursprünglich war: feierliches Symbol der Aufnahme in den grossen Bund der Veredlung des Menschengeschlechts durch wissenschaftliche Bildung; und wer sie annimmt, übernimmt dadurch feierlich vor Gott und Menschen die Verpflichtung, dieser Bestimmung allein sein Leben zu widmen, und alle andern Zwecke desselben aufzugeben.

Mag doch nun immer diese Würde oft an Unwürdige ertheilt worden seyn! Der Unwürdige hat sie in der That nicht empfangen, sondern nur die äussere Benennung. Es kann sie Keiner erhalten, der sie nicht schon trägt in sich selbst. Der Promotionsact fügt bloss die äussere Anerkennung hinzu: es kann aber Keiner anerkannt werden für das, was er nicht ist. Auch wird der Würdige von dem, der selber würdig ist, sicherlich anerkannt. Was der, der Ideen unfähige, Pöbel dazu sage, und ob dieser unseren Grad auch ehre oder seiner zu spotten sich bestrebe, darnach fragt der Eingeweihte nicht; denn dieser Pöbel ist für ihn überhaupt nur da, als ein Gegenstand, der entpöbelt werden soll. Der rechte Doctor, der von seiner akademischen Würde, von der Würde eines geistigen Bildners der Menschheit innig durchdrungene, würde sich sogar entehrt finden, wenn er auf einmal anfinge, dem Pöbel wohlzugefallen: er würde in sich gehen und sich ernstlich prüfen, ob ihm nicht etwa eine Leichtfertigkeit angeflogen sey.

Dass es der Eine grosse, im neueren Europa zur Verbreitung der Wissenschaften geschlossene Bund ist, welcher die akademischen Würden ertheilt, spricht sich auch dadurch aus, dass jede dieser Würden in ihrer Art nur Eine ist und dieselbige, die auch überall als die Eine und selbige anerkannt wird. Die besonderen Universitäten und Facultäten sind in dieser Beziehung nur Glieder und Bevollmächtigte des ganzen Bundes, und übertragen die Würde in seinem Namen. Um dies deutlich auszusprechen und den Promovirenden sogar zu nöthigen, nicht etwa den örtlichen Grad des Doctors, sondern den Grad schlechthin zu ertheilen, haben die Universitäten eine gemeinsame Form dieser Ertheilung verfügt und auch die Sprache als die gemeinsame aller Gelehrten dabei gewählt, u. s. w.