D. Fr. Mit allem, was ich zum Nachtheile Ihrer Predigten gesagt habe?

D. V. Mit allem. Dann bin ich wenigstens sicher, dass nichts Schlimmeres über sie gesagt werden könne, als schon gesagt ist.

D. Fr. Aber einen schöngeisterischen Dialog vor Predigten! Das ist wieder unerhört. Sie sind nicht Rousseau, und schrieben keine Heloise.

D. V. So muss ich denn auch schon diesen Uebelstand mit den übrigen verantworten.

Ueber die Pflichten gegen Feinde.

Eingang.

Die Auswege, die das menschliche Herz nimmt, m. th. Fr., um der Pflicht auszuweichen, sind unzählbar, in ihren Wendungen verschieden, und nur darin kommen sie überein, dass alle auf irgend eine Art die Strenge des Gesetzes zu umgehen suchen. — Man zieht die Pflicht zu seinen Neigungen herab, wie wir einst an dieser Stelle an dem Beispiele der Ehrlichkeit und der Menschenliebe zeigten: man übertreibt sie auch wohl im Gegentheile zu einer Höhe, auf der sie der menschlichen Natur widerstreitet, um nur, wenn einmal zugestanden ist, dass in der erdichteten Vollkommenheit sie dem Menschen unmöglich sey, gar nichts thun zu dürfen, sondern unter dem geräumigen, viel fassenden Mantel der menschlichen Schwachheit seinen Mangel an gutem Willen verbergen zu können.

So ist es mit der durch das Christenthum gebotenen Pflicht der Feindesliebe ergangen. Zu bequem, oder unfähig nachzudenken, was durch diesen Ausdruck gefordert werden könne, hat man das Wort in seiner ersten scheinbarsten Bedeutung genommen, und nun, wie zu erwarten war, die Ausübung dieser Pflicht unmöglich gefunden, weil es der menschlichen Natur widerstreitet, sich über Beleidigungen zu freuen, wie über Wohlthaten, und bei dem Anblicke des Feindes eben das Vergnügen zu empfinden, wie bei dem des Freundes. — Des Handelns überhoben, meinte man sich nun durchs Reden hervorzuthun, und wollte sich gegen ein Gebot, dem man den Gehorsam versagte, durch Lobeserhebungen abfinden. Daher die prahlenden Lobpreisungen so vieler Christen über die Erhabenheit ihrer Sittenlehre, als der einzigen, welche Feindesliebe empfehle; so vieler Christen, welche noch wenig Neigung zeigen, ihr Vaterland, ihre Freunde, ihre Wohlthäter zu lieben — Lobpreisungen, welche, wenn auch die Anempfehlung dieser Pflicht der christlichen Sittenlehre ausschliessend eigen wäre, doch immer eine sehr zweideutige Schmeichelei seyn würden. Viel verlangen ist keine so grosse Kunst, und es gereicht keiner Sittenlehre zur Empfehlung, Dinge zu fordern, die der menschlichen Natur widerstreiten.

Wir, m. Br., wollen unsere vortreffliche Religion nicht so verfänglich loben, sondern lieber mit Lernbegierde und Folgsamkeit ihre Vorschriften anhören, und sie zu ihrer wahreren Ehre in unserem Leben darzustellen suchen. In gegenwärtiger Stunde werden wir uns von den Pflichten gegen Feinde unterrichten.

Text. Die gewöhnliche Epistel am ersten Advents-Sonntage, Röm. 12, v. 17-21.