Während dieser Zeit hatte das Schicksal des Bessos eine Wendung genommen, wie sie seines Verbrechens und seiner Ohnmacht würdig war. In steter Flucht vor Alexander, jedes Wollens und Handelns unfähig, schien er den Großen in seiner Umgebung ihre letzte Hoffnung zu vereiteln; natürlich, daß selbst in solcher Erniedrigung der Name der Macht noch lockte; und gegen den Königsmörder ward Unrecht für erlaubt gehalten. Der Sogdianer Spitamenes, von dem Anrücken des feindlichen Heeres unterrichtet, hielt es an der Zeit, durch Verrat an dem Verräter sich Alexanders Gunst zu erwerben. Er teilte den Fürsten Dataphernes, Katanes, Oxyartes seinen Plan mit, sie verständigten sich bald, sie griffen den »König Artaxerxes«, sie meldeten an Alexander: wenn er ihnen eine kleine Heeresabteilung schicke, wollten sie den Bessos, der in ihrer Gewalt sei, ausliefern. Auf diese Nachricht gewährte Alexander seinen Truppen einige Ruhe und sandte, während er selbst in kleineren Tagemärschen nachrückte, den Leibwächter Ptolemaios den Lagiden mit etwa sechstausend Mann voraus, die hinreichend schienen, selbst wenn das Barbarenheer sich der Auslieferung des Bessos widersetzen sollte, dieselbe zu bewerkstelligen. In vier Tagen legte dieses Korps einen Weg von zehn Tagereisen zurück und erreichte die Stelle, wo tags zuvor Spitamenes mit seinen Leuten gelagert hatte. Hier erfuhr man, daß Spitamenes und Dataphernes in Beziehung auf Bessos' Auslieferung nicht sicher waren; deshalb befahl Ptolemaios dem Fußvolk, langsam nachzurücken, während er selbst an der Spitze der Reiter weiter eilte; bald stand er vor den Mauern eines Fleckens, in dem sich Bessos, von Spitamenes und den anderen Verschworenen verlassen, mit dem kleinen Rest seiner Truppen befand; ihn mit eigener Hand auszuliefern hatten sich die Fürsten geschämt. Ptolemaios ließ den Flecken umzingeln, die Einwohner durch einen Herold auffordern, Bessos auszuliefern, so werde er ihrer schonen. Man öffnete die Tore, die Makedonen rückten ein, nahmen Bessos fest und zogen in geschlossener Kolonne zurück, mit ihrer Beute zu Alexander zu stoßen; Ptolemaios ließ vorher anfragen, wie Alexander befehle, daß der gefangene Königsmörder vor ihm erscheinen solle. Alexander befahl, ihn nackt, im Halseisen gefesselt vorzuführen, ihn rechts an dem Wege, wo er mit dem Heere vorüberziehen würde, aufzustellen. So geschah es; als Alexander ihm gegenüber war und seiner ansichtig wurde, ließ er seinen Wagen halten und fragte ihn: warum er Dareios, seinen König und Herrn, seinen Verwandten und Wohltäter, festgenommen, gefangen fortgeschleppt, endlich ermordet habe? Bessos antwortete: er habe dies nicht auf seine Entscheidung allein getan, sondern in Übereinstimmung mit allen, die damals um Dareios' Person gewesen seien, in der Hoffnung, sich so des Königs Gnade zu verdienen. Darauf ließ ihn der König geißeln und durch den Herold bekanntmachen, was ihm der Königsmörder gesagt habe. Bessos ward nach Baktra abgeführt, um dort gerichtet zu werden.

So hat Ptolemaios diesen Vorgang berichtet, während nach Aristobulos Spitamenes und Dataphernes selbst den Bessos in Ketten übergeben haben. Damit scheint angedeutet, was die kleitarchische Überlieferung noch bestimmter hervorhebt, daß Spitamenes, Dataphernes, Katanes, Oxyartes von dem Könige zu Gnaden aufgenommen, wohl auch in ihrem Besitz bestätigt worden sind. Alexander mochte glauben, damit auch des sogdianischen Landes sicher zu sein. Er zog zwar von Nautaka weiter nach Marakanda, der Hauptstadt Sogdianas, ließ auch dann, weiter nach dem Jaxartes marschierend, eine Besatzung in Marakanda zurück; aber unsere Quellen erwähnen nicht, daß er einen Satrapen der Sogdianer bestellt, noch daß er andere Maßregeln der Unterwerfung getroffen habe; er forderte nur eine bedeutende Lieferung von Pferden, um seine Reiter, die im Hochgebirge und auf dem weiteren Hermarsch viele Verluste erlitten hatten, wieder vollständig beritten zu machen.

Um so bemerkenswerter ist die beiläufige Notiz in unseren Quellen, daß Alexander die »Hyparchen des baktrischen Landes«[12] nach Zariaspa beschieden habe, zu einer Zusammenkunft, die mit dem Worte bezeichnet wird, das bei den Griechen für die im Perserreich üblichen jährlichen Musterungen in den Karanien hergebracht ist. Selbst wenn Alexander die baktrischen Hyparchen nur zur Musterung beschieden hat, um sie zur Heeresfolge aufzubieten — in keinem anderen Teile der persischen Monarchie hatte er bisher Ähnliches getan. Gedachte er diesen Landen am Oxos ein anderes Verhältnis zu seinem Reich, eine andersgeartete Organisation zu geben als den bisher eroberten? Wir werden sehen, daß er später in Sogdiana einen der Großen des Landes zum »König« bestellte, daß er sich mit der Tochter eines anderen vermählte, daß er einem dritten — er wird ausdrücklich Hyparch genannt —, nachdem er ihn auf seiner Felsenburg zur Kapitulation genötigt, seine Burg und sein Gebiet ließ, daß er einen vierten, der in gleichem Falle war, in gleicher Weise zu Gnaden annahm, ihm auf ein größeres Gebiet Aussicht machte. Die in diesen Landen zahlreichen edlen Herren mit ihren Burgen, ihren Gebieten, die in unseren Quellen erwähnt werden, diese »Hyparchen«, wie sie genannt werden, erscheinen wie Lehnsfürsten, wie Territorialherren unter des Reiches Hoheit, wie die Pehlewanen im Schah-nâme. Es waren die Elemente vorhanden, eine Einrichtung zu treffen, die nach der Lage dieser Lande sich wohl empfehlen konnte; und vielleicht war die Ernennung des Artabazos in diesem Sinne gemeint. Wir kommen auf die Frage im späteren zurück.

Schon mit seinen Märschen bis Marakanda konnte Alexander eine ungefähre Vorstellung von der charakteristischen Formation des transoxianischen Landes gewonnen haben. War er über Kilif am Oxos nach Nautaka (Karschi) marschiert, so hatte er zur Linken die weite Wüste gehabt, während ihn zur Rechten die zum Teil bis 3000 Fuß hohen Vorberge eines Hochgebirges begleiteten, dessen Schneegipfel (namentlich den Hazreti-Sultân) er auf dem weiteren Marsch, von Nautaka am Kaschkafluß hinauf nach Schehrisebz, als er den Paß von Karatübe überstieg, etwa zehn Meilen im Osten erblickte. Dann stieg er in das Tal des Sogdflusses, des Zerafschan, den die Griechen Polytimetus nannten, hinab nach Samarkand, das noch 2150 engl. Fuß über dem Meere liegt, fast unter demselben Meridian mit Balk, mit der Mündung des Derbentflusses in den Oxos, die 300 Fuß über dem Meere ist, mit Schehrisebz in dem Tal des Kaschka, mit jenem Paß von Karatübe von fast 3000 Fuß Höhe. Die hohe Talmulde des Sogdflusses ist im Norden durch neue von Ost nach West streichende Bergzüge begleitet, durch welche nordostwärts die Pässe zum Jaxartes hinabführen, der von Osten herab kommend bei Chodshent in plötzlicher Wendung nordwärts weiterströmt; an dieser Stelle treten die Berge vom Süden und die höheren von Norden her nahe an den mächtigen Strom, scheiden so das reiche Tal des mittleren Jaxartes, die Ferghana, von dem unteren, dem zur Linken sich die weite Wüste ausdehnt. Chodshent ist von Samarkand in der Luftlinie etwa 30 Meilen entfernt, Balk von Samarkand etwa 42 Meilen, Balk von Chodshent 60, doppelt so weit wie Mailand von Basel.

Noch ein anderes Moment in der Formation dieser weiten Gebiete darf hervorgehoben werden. Jenes Anderab oder Adrapsa, wo Alexander nach Übersteigung der Hochpässe des Kaukasus im Beginn dieses Jahres gerastet hatte, liegt ungefähr unter dem gleichen Meridian mit der Nordwendung des Jaxartes bei Chodshent, beide 65 Meilen in der Luftlinie voneinander entfernt. Als Alexander von Anderab in der Richtung auf Kundus, wie es scheint, hinabstieg, war er auf wenige Meilen der Stelle nahe, wo die beiden mächtigen Ströme Koktscha und Abi-Pandscha, jener von den indischen Hochketten, dieser von dem riesigen Pamirplateau, dem »Dach der Welt«, herabströmend, sich zum Oxos vereinigen. Unterhalb dieser Stelle erhält der mächtige Strom eine Reihe von Zuflüssen von Norden her aus dem schneereichen Hochgebirge, das dem Jaxartes parallel und ihm bis auf fünfzehn bis zwanzig Meilen nahe, nach dem Süden mehrere Gebirgsketten hinabsendet, zwischen ihnen jene mehr oder minder engen Flußtäler, die sich nach dem Oxos öffnen und unter sich nur durch schwierige Paßwege in Verbindung stehen. Erst mit dem vierten, dem westlichsten dieser Zuflüsse, dem von Derbent, der zehn Meilen nördlich von Balk sich in den Oxus ergießt, verändert sich der Charakter der Landschaft; das massige Gebirge mit den Schneekuppen zwischen den Quellen des Derbent und dem Sogd bei Samarkand sendet fächerartig seine Ausläufer nach West, Südwest und Süd; und die von ihnen entspringenden Wasser vereinigen sich in dem Kaschka, der an Karschi (Nautaka) vorüberfließt, dann in der Wüste verrinnt. Auch der Sogdfluß, in weitem Bogen aus westlicher in südliche Richtung sich wendend, strömt an Buchara vorüber dem Oxos zu, aber verliert sich, ehe er ihn erreicht, in einer Steppenlache.

Für die politische Gestaltung scheint hier vor allem maßgebend, daß die breit entwickelte Absenkung nach dem Oxos dem Lauf des Jaxartes gleichsam den Rücken kehrt, daß das Tal des Sogdflusses, durch Schneegebirge von dem übrigen Stromsystem des Oxos getrennt, nur wie ein Vorland, eine Barriere desselben gegen den Jaxartes und die Wüsten in dessen Westen ist, daß der Bergzug, den man in dem Paß des Eisernen Tores überschreitet, die natürliche Grenze zwischen diesem Vorland und dem talreichen baktrischen Lande bildet, daß dies Land in dem Plateau von Pamir einen natürlichen Abschluß und Bollwerk gegen das hohe innere Asien hat.

Wenigstens die Übersicht der weiteren militärischen Tätigkeit Alexanders in diesen Gebieten wird sich nun leichter gewinnen lassen.

Er zog von Marakanda nordostwärts, die Ufer des Tanais, den die Anwohner Jaxartes »den großen Strom« nannten, zu erreichen. Die Heerstraße von Marakanda nach Kyropolis, der letzten Stadt des Reiches, nicht fern von den Südufern des Tanais, führt durch die Pässe der von räuberischen Stämmen bewohnten oxischen Berge, durch die Landschaft von Uratübe. Hier war es, wo einige Scharen Makedonen, beim Fouragieren in den Bergen verirrt, von den Barbaren überfallen und niedergemacht oder gefangen wurden; sofort rückte Alexander mit den leichteren Truppen gegen sie aus. Sie hatten sich, an 30 000 Bewaffnete, auf ihre steilen und mit Burgen besetzten Berge zurückgezogen, von denen aus sie die heftigen und wiederholten Angriffe der Makedonen mit Schleudern und Pfeilen zurückschlugen; unter den vielen Verwundeten war Alexander selbst, dem durch einen Pfeilschuß das Schienbein zerschmettert wurde; dadurch zu neuer Wut entflammt, nahmen die Seinigen endlich die Höhe. Der größte Teil der Barbaren wurde niedergehauen, andere stürzten sich von den Felsen hinab und zerschmetterten in den Abgründen; nicht mehr als 8000 blieben am Leben, sich dem Könige zu unterwerfen.

Alexander zog dann aus diesen Berggegenden nordwärts, ohne Widerstand zu finden. Der eigentümliche Charakter dieser Landschaft Ferghana hat sie zu allen Zeiten zu einer wichtigen Völkergrenze und zur Vormauer orientalischer Kultur gegen die Horden der turanischen Steppen gemacht. Im Süden und Osten durch mächtige Gebirge, im Norden durch den Strom und die Bergzüge, die ihm ihre wilden Gebirgswasser zusenden, geschützt, ist sie nur von Westen und Nordwesten her fremden Einfällen offen; und allerdings lauern dort in der weiten Steppe, die sich auf beiden Seiten des unteren Jaxartes ausdehnt, die Wanderhorden streitbarer Völkerschaften, welchen das Altertum den gemeinsamen Namen der Skythen zu geben pflegt; es sind die Turanier der alten Parsensage, gegen deren Invasionen gewiß frühzeitig jene merkwürdige Reihe von Grenzburgen errichtet worden ist, die unter anderen und anderen Völkerverhältnissen ihre Wichtigkeit bis in die neue Zeit behauptet haben. Alexander fand sieben Städte dieser Art vor, die, wenige Meilen voneinander entfernt, den »Rand der Steppe« begleiten; die bedeutendste unter ihnen war die Stadt Cyrus, die, größer und stärker befestigt als die übrigen, für die Hauptfeste der Landschaft galt. Alexander ließ in diese Pässe makedonische Besatzungen einrücken, während er selbst mit der Armee einige Stunden nordöstlich an der Stelle lagerte, wo der Tanais mit plötzlicher Wendung gen Norden die letzten Stromengen bildet, um sich dann durch die Sandsteppen weiter zu wühlen. Alexander erkannte die Wichtigkeit dieser Lokalität, der natürlichen Grenzfeste gegen die Räuberhorden der Wüste; von hier aus war es leicht, den Einfällen der Skythen im Norden und Westen zu begegnen; für einen Feldzug in ihr Gebiet bot sie den gelegensten Ausgangspunkt; Alexander hoffte, daß sie nicht minder wichtig für den friedlichen Verkehr der Völker werden müßte; und wenn, was kaum zu bezweifeln, schon in jener Zeit Handelsverbindungen des Tieflandes mit dem Inneren Hochasiens bestanden, so führte aus dem Lande der Serer die einzige Gebirgsstraße, die von Kaschgar, den riesigen bis 25 000 Fuß hohen Gebirgswall des Thian-schian hinab über Osch unmittelbar zu dieser Stelle hin, die zu einem Markte der umwohnenden Völker überaus günstig gelegen war.

In der Tat schienen sich die Verhältnisse mit den skythischen Nachbarn freundlich gestalten zu wollen; von dem merkwürdigen Volke der Abier, sowie von den »Skythen Europas«, kamen Gesandtschaften an den König, mit ihm Bündnis und Freundschaft zu schließen; Alexander ließ mit diesen Skythen einige seiner Hetairen zurückreisen, angeblich, damit sie in seinem Namen Freundschaft mit ihrem Könige schließen sollten, in der Tat aber, um über das Land der Skythen, über die Größe der Bevölkerung, über die Lebensweise, die körperliche Beschaffenheit und das Kriegswesen der Skythen sichere Nachricht zu erhalten.