‚Tausend Dank, wertester Herr von Voltaire, ich werde das kostbare Geschenk höchst in Ehren zu halten wissen und mein Haupt nur bei den allerhöchsten Feiertagen, wie bei einer kaiserlichen Krönung oder dem Begräbnis eines wohlregierenden Bürgermeisters oder dem Leichenschmaus eines bürgerlichen Fähnrichs damit schmücken. Außerdem wird das teure Andenken in meinem wohlverwahrten Schrank von Ebenholz auf demselben Perückenstock ruhen, den schon eine kaiserliche Perücke ziert, die ich ebenfalls das Glück habe zu besitzen.‘

‚Wie, Sie sind im Besitz einer kaiserlichen Perücke?‘

‚Freilich, der Monarch verehrte sie mir noch an dem Tage vor seiner Abreise.‘

Um der Sache ein Ende zu machen, meine Herren, ich war so glücklich, das gewünschte Andenken aus Voltaires eigenen Händen zu empfangen, es ist eine der schönsten Perücken, die ich je gesehen, von einem der ersten Pariser Haarkünstler verfertigt. Erst dreimal habe ich mich damit geschmückt, einmal bei der Krönung unsers Kaisers Joseph II. im Jahr 1764, das zweitemal vor vier Jahren, als der weltberühmte Blanchard auf unserer Bornheimer Heide die erste Luftschiffahrt in Deutschland machte, und endlich heute zu Ehren des nun Getauften: sehen Sie, das ist sie.“

Herr Fahrtrapp nahm nun die Perücke von seinem Kopfe und ließ sie der Reihe nach von den Anwesenden bewundern. Als sie alle gehörig und nach allen Seiten betrachtet hatten, nahm sie der Besitzer wieder zu sich und setzte sie sich selbst auf das platt geschorene Haupt, indem er sprach: „Aber bei Blanchards Luftfahrt wäre ich beinahe um diese kostbare Reliquie gekommen.“

„Wieso, Herr Fahrtrapp?“ fragte Herr Scholze.

„Bei diesem noch nie gesehenen Schauspiel, das aber an dem dazu bestimmten Tage aus besonderen Ursachen, die Sie sogleich hören werden, nicht stattfinden konnte ...“

„Höre, Bruder,“ fiel ihm Weller in die Rede, „mache keine so lange Brühe um diese ebenfalls schon hundertmal erzählte Geschichte, oder erlaube mir, daß ich sie den Herren in wenig Worten mitteile.“

„Nach Belieben, mein hochweiser, großgünstiger, auch wohlfürsichtiger et cetera Herr Schöffe.“

„Gut, also hören Sie,“ begann nun Weller. „Den siebenundzwanzigsten September siebzehnhundertfünfundachtzig, an dem Blanchard Deutschland mit dem noch nie gesehenen Schauspiel einer Luftschiffahrt erfreuen wollte, hatte sich eine unzählige Menge Menschen aus allen Winkeln und Enden des deutschen Reiches nebst vielen Standespersonen in und um Frankfurt eingefunden, so daß in der ganzen Stadt in keinem Gasthof und in keinem Privathaus ein Unterkommen mehr zu finden war. Nur mit Mühe hatten wir uns, mein Schwager und ich nebst unsern Frauen, Plätze im ersten Rang des mit Brettern vernagelten Rondels zu einer Karolin in Gold den Platz verschaffen können, der zweite Rang wurde mit einem Dukaten und der dritte mit einem halben Dukaten bezahlt. Trotz dieser hohen Preise waren alle Plätze schon mehrere Stunden vor der zum Aufsteigen bestimmten Zeit besetzt, und außerhalb dieses Raumes harrten wohl über zweihunderttausend Zuschauer des nie gesehenen Schauspiels.