Endlich war alles zur Auffahrt bereit; da wollte der Erbprinz von Hessen-Darmstadt durchaus und trotz allem Widerreden seiner hohen Anverwandten die halsbrechende Fahrt mitmachen. Schon hatte er neben Blanchard nebst noch einem Herrn in dem verhängnisvollen Schiffchen Platz genommen und eben sollte der Ballon abgeschnitten werden, um sich zu erheben, als ein pfeifenartiges Sausen dicht an dem linken Ohr meines erschrockenen Schwagers vorbeistrich, und in demselben Augenblick erhielt der Ballon auch ein Loch, aus welchem das Gas entströmte, er schrumpfte allmählich zusammen und fiel endlich nieder. Blanchard selbst war über diesen Vorfall so erschrocken, daß er die Sprache samt dem Kopf verloren zu haben schien, und die Zuschauer, besonders die nichtzahlenden außerhalb der Rotunde, gerieten in großen Aufruhr und wurden fast wütend, sie glaubten, man habe sie nur foppen wollen und zum besten gehabt. Ich sah den Augenblick kommen, wo man den armen Luftschiffer in Stücke reißen würde. Nur durch die unerhörtesten Anstrengungen einiger angesehenen Personen gelang es, ihn der Wut des Pöbels zu entziehen. Der Fürst von Nassau-Weilburg nahm ihn in seinen Wagen, der durch eine starke militärische Bedeckung geschützt wurde, und brachte ihn so mit heiler Haut in sein Quartier im Gasthof zum goldnen Löwen zurück.

War Blanchard durch diesen Unfall sehr ergriffen, so war es mein werter Schwager nicht minder, denn stellen Sie sich vor, daß, als man, alle Zucht und Ordnung beiseite setzend, die bretternen Schranken niederriß und in das Sanktissimum einstürmte, auch er von einem panischen Schrecken ergriffen, gleich den andern in der allgemeinen Flucht mit fortgerissen, niedergeworfen und mit Füßen getreten wurde, und als es ihm nach vielen vergeblichen Anstrengungen gelang, sich wieder zu erheben, siehe, da war er hut- und perückenlos. Sie können sich nun seinen Schmerz vorstellen, als er den nicht mehr zu ersetzenden Verlust dieses Kleinods wahrnahm. Den kommenden Tag ließ mein Schwager durch Trommelschlag bekannt machen, daß derjenige, der ihm seine Perücke wiederbringen würde, eine Belohnung von fünfzig Dukaten in Gold erhalten solle, und noch ehe sich der Tag neigte, brachte ihm ein ehrlicher Fleischer gegen Empfang der Dukaten, die er diesem unter Freudentränen einhändigte, den unersetzlichen Haarschatz, wenn auch etwas übel zugerichtet. Dies, meine Herren, der Hergang dieser merkwürdigen Begebenheit.“

„Aber wie endigte es mit Blanchard?“ fragte Herr Schulze.

„Dieser kündigte die Luftfahrt für einen andern Tag an, sowie daß er diesmal das Schiffchen allein besteigen würde. Dieselbe ging auch in der Tat Montags den dritten Oktober über alle Erwartung gut von statten. Um zehn Uhr morgens erhob sich der Ballon majestätisch unter dem Jubel- und Freudengeschrei von mehr als hunderttausend Kehlen und dem Beifallklatschen von ein paarmal hunderttausend Händen Blanchard, eine weiße Fahne schwingend, schwebte bald hoch über uns, und in weniger als vierzig Minuten legte er mehr denn fünfzehn Stunden zurück. Als er sich in der Gegend von Weilburg herablassen wollte, nahmen mehrere Hirten und Landleute die Flucht, wähnend, daß irgendein übernatürliches Wesen oder der Gottseibeiuns selbst durch die Lüfte herabfahre. Dies kann nicht auffallen, wenn man bedenkt, daß noch wenige Jahre früher man denjenigen, der nur von der Möglichkeit einer Luftschiffahrt gesprochen, für närrisch, und den, der sie wirklich vollbracht, für einen Zauberer gehalten haben würde und ihm als einem solchen den Prozeß gemacht und ihn wahrscheinlich verbrannt hätte. Ein Schäfer und ein Junge von fünfzehn Jahren schnitten sogar die Stricke entzwei, mit denen Blanchard die Anker geworfen hatte. Endlich gelang es ihm mit Hilfe einiger vernünftiger Leute, in der Nähe von Weilburg die Erde zu erreichen.

Den folgenden Tag fuhr er in einem fürstlichen Wagen vierspännig nach Frankfurt, wo man so außerordentliche Vorbereitungen gemacht hatte, als gälte es ein gekröntes Haupt zu empfangen. Man führte ihn in das Theater, wo ihm Pauken und Trompeten entgegenschmetterten und die Vivats gar kein Ende nehmen wollten. Als der Vorhang in die Höhe gegangen war, krönten die Schauspieler in phantastischen Feierkleidern seine Büste mit Lorbeeren und deklamierten ihm zu Ehren ein in französischer Sprache abgefaßtes Festgedicht mit echt deutschem Akzent. Nach dem Schauspiel wurde ihm ein herrliches Souper gegeben, das mein werter Herr Schwager hier angeordnet hatte und dem viele hohe Standespersonen und Gesandte beiwohnten. Auf den folgenden Tag wurde ein noch prächtigeres Mittagsmahl im Gasthof zum römischen Kaiser veranstaltet, dessen Anordner ebenfalls Herr Fahrtrapp war, der, wie Sie wissen, jeden Sonn- und Feiertag daselbst zu speisen für gut findet.“

„Herr Bruder, ich verbitte mir dergleichen Anmerkungen, die nicht zur Sache gehören,“ fiel hier der Genannte ein.

„Man unterbreche mich nicht zur Unzeit,“ versetzte Herr Weller und fuhr fort: „Der Gefeierte wurde abermals mit Trompeten empfangen, und um ihn zu belustigen, warf man vom Balkon unter das vor dem Haus versammelte Volk Geld herab. Bis beinahe zur einbrechenden Nacht saß man zu Tisch, von dem man aufstand, um den kühnen Luftschiffer abermals in das Theater zu führen; diesmal waren es jedoch nicht Pferde, sondern Menschen, die, seinen Wagen ziehend, die Viehdienste versahen und dafür reichlich aus unserm Stadtärarium belohnt wurden. Mit noch größerer Feierlichkeit als das erstemal wurde er im Schauspielhaus empfangen. Der Saal war auf das prächtigste ausgeschmückt und erleuchtet, man führte ein Stück auf, das man ihm zu Ehren eigens in der Eile verfaßt hatte, und ein köstliches Nachtmahl, dem mehrere fürstliche Personen und Prinzen beiwohnten und das bis lange nach Mitternacht währte, beschloß endlich das dreitägige Fest.

Den kommenden Tag hatte sich der ganze Großgünstige und Wohlfürsichtige Magistrat samt den beiden einjährig wohlregierenden Bürgermeistern und dem Herrn Stadtschultheiß in dem Kaisersaal des Römers versammelt, um den glücklichen Luftschiffer in feierlicher Audienz zu empfangen. Man hieß ihn sich in einen karmoisinsamtnen Lehnsessel niedersetzen, machte ihm ein Ehrengeschenk von fünfzig doppelten Krönungsdukaten und eröffnete ihm, daß alle Kosten seiner Luftfahrt von der Stadt, die er damit beehrt, getragen würden.

Solange unsere gute Stadt steht, wurde noch keinem Sterblichen solche Ehre zuteil, nicht einmal Voltaire,“ schloß etwas malitiös lächelnd Herr Weller.

„Diesem hat man, zur ewigen Schande eurer Regierung sei es gesagt, abscheulich mitgespielt,“ versetzte Herr Fahrtrapp.