„Lassen wir das jetzt beiseite,“ sagte der Wirt vom Hause, „wir wollen lustig und guter Dinge sein und lieber einen Chor zur Ehre des neugebornen Christen anstimmen.“
„Einverstanden,“ riefen mehrere Gäste, und man sang das Lied ‚Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher‘ aus voller Kehle; Scherz, Jubel und Gesang währten bis spät in die Nacht hinein, und mehrere von den Damen machten Chorus mit, namentlich Frau Rat Goethe und Frau Scholze, wovon die erste durch ihre geistreichen Einfälle und die andere durch ihre Anmut und Schönheit das Fest würzten. Endlich machten sich die Taufgäste größtenteils mit etwas schweren Köpfen und schwachen Beinen, das heißt die Herren, auf und verließen taumelnd und wohlgemut das Goldne Schiff. Einigen von ihnen schienen sogar die freilich nicht sehr breiten Straßen Frankfurts zu enge. Doch gelangten alle glücklich und selig daheim an, wo sie den süßen Rausch bis zum hellen Tag verschliefen.
II.
Kleinkinderjahre mit großen Episoden. – Die letzte deutsche Kaiserkrönung (Franz II.). – Die französischen Emigranten. – Die Frankfurter Juden. – Der alte Rothschild und sein Vater.
Der junge Schreihals, der in so heiterer Gesellschaft getauft worden war und dem man den Namen seines Großvaters mütterlicher Seite, des Schöffen Weller, Karl Ferdinand, gegeben hatte, war kein anderer als der, welcher diese Denkschriften niederschrieb, das heißt, ich selbst, und die im vorhergehenden Kapitel mitgeteilten Begebenheiten hörte ich wohl hundertmal von meinen Verwandten als gewaltige Merkwürdigkeiten erzählen.
In dem verhängnisvollen Jahr siebzehnhundertneunundachtzig geboren, wäre es kein Wunder, wenn ich ein rechter Revolutionsmensch geworden wäre, doch mein guter Stern hat mich vor so heillosen Gedanken bewahrt.
Das erste Ereignis von Wichtigkeit, das mir noch aus meiner frühen Kindheit, wenn auch in etwas verworrenen Bildern, vorschwebt, ist die letzte deutsche Kaiserkrönung. Obgleich ich damals noch nicht vier Jahre zählte, sind mir doch mehrere Einzelheiten jener Begebenheit, die einen besonders lebhaften Eindruck auf mich machten, vollkommen im Gedächtnis geblieben.
Es gehört nicht hierher, eine ausführliche Beschreibung der damaligen Krönungsfeierlichkeiten zu geben, wer eine solche wünscht, findet sie ja ausführlich und langweilig genug in den Krönungs-Diarien, auch hat sie Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ anschaulich beschrieben; hier also nur das Hauptsächlichste und Interessanteste von der letzten deutschen Kaiserkrönung.
Die Unruhen und die trüben Aussichten auf den bereits erklärten Krieg, eine Folge der französischen Revolution (der Landgraf von Hessen-Kassel hatte zum Schutz der Krönung ein Lager von zehntausend Mann bei Bergen aufgeschlagen), waren Ursache, daß die Wahl- und Krönungszeremonien bei weitem nicht mehr mit den bedächtigen und großen Weitläufigkeiten, wie das bei den früheren Krönungen der Fall war, vorgenommen wurden, auch hatten sich zum großen Leidwesen der edlen Bürgerschaft weit weniger Fremde von Rang und Reichtum als sonsten eingefunden. Man beeilte sich, die Sache so schnell als möglich zu beendigen, als fürchtete man, das aufrührerische Frankreich möchte sonst den guten Deutschen den ganzen Spaß verderben. Viele Dutzend der damaligen deutschen Souveränchen blieben aus, und von den Kurfürsten hatten sich nur die geistlichen Herren eingefunden. Das Leben und Treiben in den Straßen und auf den öffentlichen Plätzen war indessen immer noch lebhaft und tumultuarisch genug, das Zusammenströmen der Bewohner der Umgegend außerordentlich, und dazu kamen fortdauernd starke Durchmärsche österreichischer und preußischer Truppen, die sich nach der Grenze von Frankreich begaben. In den Familien, Gasthöfen und Weinstuben sprach man zwar viel von der bevorstehenden Krönung, allein die täglich von Paris kommenden hochwichtigen Nachrichten machten, daß man sie fast nur als eine Nebensache betrachtete. Eine gewisse Ängstlichkeit hatte sich der aristokratischen Gemüter der Reichen der Stadt bemächtigt, welche ihnen die bevorstehenden Feierlichkeiten und Freudenfeste sehr verbitterte. Die Meinungen der Bewohner Frankfurts über die französische Revolution waren zwar sehr verschieden, doch waren im allgemeinen die Patrizier und wohlhabenden Spießbürger der guten Reichsstadt bis zu den geringern Ständen herab gegen dieselbe eingenommen, nur einzelne Familienglieder, unter denen viele Frauen, waren zum Teil enthusiastisch für diese Umwälzung und für die neue Freiheit. So waren in unserer ganzen Familie meine Mutter, deren beide Brüder Franz und Fritz und eine hübsche Cousine, Jakobine Fahrtrapp, die einzigen, welche sich für die Neufranken erklärten und die französischen Revolutionslieder ‚Ça ira‘ und so weiter am Klavier spielten und sangen, was oft zu Neckereien Veranlassung gab, die selten ohne Bitterkeiten abliefen. Obgleich mein Vater die Notwendigkeit einsah, den heillosen Zustand der fast in Sklaverei schmachtenden Völker zu verbessern, und zugab, daß es endlich an der Zeit sei, einmal den Plunder veralteter Schnurrpfeifereien und Vorurteile auf die Seite zu schaffen und die jedem Menschen zustehenden Rechte geltend zu machen, so war er doch durchaus gegen jede gewaltsame blutige Umwälzung, die meistens das Übel nur verschlimmert, und wollte alles nur durch heilsame Reformen bewirkt wissen. In vielen Häusern Frankfurts war es so, das Ansehen des Oberhaupts reichte nicht immer aus, um den Hausfrieden zu erhalten, und häufig fanden unangenehme Auftritte deshalb statt.
Indessen waren die fürtrefflichen Herren Wahlbotschafter samt ihrem zahlreichen Gefolge nach und nach in der alten Wahl- und Krönungsstadt eingetroffen und durch die Deputationen eines hochedlen Magistrats untertänigst und krummrückig genug bekomplimentiert und empfangen worden, ebenso des Reichs Erbmarschall Graf von Pappenheim Exzellenz. Die üblichen feierlichen Auffahrten fanden statt, die Wahlkonferenzen begannen, und nachdem die Staatswagen und Pferde des nolens volens zu wählenden Kaisers angekommen, wurde unter Trompetenschall verkündet, daß die Wahl, bei der man keine Wahl mehr hatte, vor sich gehen würde. Einige Tage vorher legte die ehrsame Bürgerschaft sowie der ganze Magistrat in Gegenwart der fürtrefflichen, höchst ansehnlichen Herren Wahlbotschafter den Schwur und Sicherheitseid mit der gebührenden Demut ab, und die Herren Kurfürsten, von denen nur die von Mainz, Köln und Trier in höchst eigener Person gekommen waren, hielten ihre Einzüge in sechsspännigen Galawagen unter dem Donner der Kanonen, wie dies so gebräuchlich, und der Paradierung der edlen Bürgerschaft. Auch sie wurden von einer Senatsdeputation mit untertänigstem Respekt bewillkommt. Endlich verkündeten den fünften Juli, nachdem die Glocken schon eine Weile die Mittagsstunde angezeigt, dreihundert Kanonenschüsse, daß das schwere Werk der Wahl vollbracht und Seine Majestät der König von Ungarn und Böhmen unter dem Namen Franz II. zum Schutz und Schirm und Vermehrer des Reichs erwählt sei, das er jedoch weder zu schützen noch zu schirmen und am allerwenigsten zu vermehren vermochte. Zwei Tage darauf trafen auch die Reichsinsignien glücklich und wohlbehalten von Aachen und Nürnberg ein, unter denen die Reichskrone, die angeblich noch vom großen Karl herrühren sollte, sowie dessen Schwert, ein Kästchen, in welchem sich Erde, mit dem Blut des heiligen Stephan getränkt, befindet und so weiter. Diese kostbaren Reliquien wurden von einer Magistratsperson an der Spitze der bürgerlichen Reiterei in Empfang genommen. Den elften Juli abends kam der Erwählte selbst nebst seiner Gemahlin und hohem Gefolge in Frankfurt an und wurde vom guten Volk wie herkömmlich mit erstaunlichem Jubel empfangen, ungeachtet er im strengsten Inkognito angekommen sein wollte. Den folgenden Tag verfügte sich ein hochedler Magistrat in corpore zu Seiner Majestät und bezeugte Allershöchstderselben das Entzücken, in welches die getreue Wahlstadt ob seiner glücklichen Ankunft geraten sei. Hierauf beschwor Franz, auch unter dem Akkompagnement von hundert Kanonenschüssen und der Glocken, die Wahlkapitulation in der St. Bartholomäuskirche und schenkte dem Reichserbmarschall, Grafen von Pappenheim, eine kostbare, goldene, reich mit Brillanten besetzte Dose, deren Wert man auf zwanzigtausend Gulden schätzte. Derselbe war Seiner Majestät entgegengeritten, ihr die glücklich vollbrachte Wahl zu verkünden. Diese Dose mußte später Hebräisch lernen und fiel in oder ging vielmehr durch die Hände des Juden Mayer Amschel Rothschild, Vater der jetzigen Häuser Rothschild, der ein ziemliches Profitchen an diesem Kleinod machte und so in den Stand gesetzt wurde, seinen kleinen Negoz mit Umwechseln verschiedener Geldsorten und mit alten Gold- und Silbersorten, die er einhandelte, zu erweitern.
Während nun rasch die Vorbereitungen zur Krönung des neuen Kaisers gemacht wurden, marschierten unaufhörlich preußische Truppen durch die Stadt, in der Absicht, eine Promenade nach Paris zu machen, um den armen Ludwig XVI. aus den Händen der abscheulichen Jakobiner zu befreien, was, wie man die guten Leute versichert hatte, nur ein Kinderspiel sein sollte.