Unsere Zusammenkünfte wurden jetzt auf mehrere Tage ausgesetzt, und diese Unterbrechung war mir aus manchen Ursachen nicht unangenehm; die Sache hatte nun auch schon den Reiz der Neuheit für mich verloren, und dann war soeben Madame Gasqui von Toulon angekommen, jene hübsche Kapitänsfrau, deren Hochzeit ich auf der Insel Porquerolles mit gefeiert hatte, und da Madame Alphonse und noch einige andere Offiziersdamen der Garnison wünschten, daß wir wieder ein französisches Liebhabertheater arrangieren möchten, so arbeitete ich mit allen Kräften, dies baldmöglichst in Gang zu bringen; aber das Schicksal hatte es anders beschlossen, und wenige Tage nach dem Abenteuer mit den beiden Masken bei Guercino erhielt eines Morgens Düret eine Depesche auf dem Exerzierplatz, die er sogleich öffnete, durchlas. Dann berief er die Offiziere zu sich und teilte ihnen mit: soeben habe er die Order vom Kriegsminister erhalten, daß in drei Tagen das Bataillon Genua verlassen und zu der in dem Königreich Neapel bereits eingerückten Armee, und zwar zu dem vor Gaëta stehenden Belagerungskorps stoßen solle.
Wir ließen alle ein freudiges Vivat erschallen und riefen: Gottlob, nun geht’s endlich ins Feld, der Henker hole den Garnisondienst, womit ich vollkommen einverstanden war. Im Heimkehren trillerte ich mein ‚Non piu andrai farfallon amoroso‘ und ging zu Guercinos, diesen die große Neuigkeit mitzuteilen; die ließen mich aber kaum zu Worte kommen, indem die Frau mir mit großer Freude verkündete, daß sie ein vortreffliches Gelegenheitshaus ausfindig gemacht habe. – „Zu spät, mia cara,“ versetzte ich, „in drei Tagen sind wir nicht mehr in Genua,“ und machte sie mit der erhaltenen Order bekannt, die Bitte hinzufügend, sie möge einstweilen die Neuigkeit der Marchesa P... beibringen und machen, daß ich wenigstens noch ein Abschieds-Rendezvous mit derselben haben könne, was sie mir mit traurig-langem Gesicht versprach. Sie konnte sich nicht genug wundern, daß nicht auch ich der Verzweiflung nahe war.
Napoleon hatte ausgesprochen, daß der König von Neapel zu regieren aufgehört habe, und den 24 Februar 1806 im Theater zu Paris durch Talma dem Publikum verkünden lassen, daß die Franzosen in das Königreich beider Sizilien eingerückt seien. So viel Truppen, als man in Oberitalien entbehren zu können glaubte, wurden ihnen nachgesandt und so auch unser erstes Bataillon, dem bald die anderen folgen sollten.
Es war uns allen erwünscht, endlich vor den Feind geführt zu werden und so Gelegenheit zu haben, unsere Sporen, das heißt Epaulettes zu verdienen; nur hätten wir gewünscht, daß es nicht gerade die Neapolitaner gewesen, von deren Tapferkeit man eine gar zu schlechte, vielleicht unverdiente Meinung hatte, obgleich es Tatsache war, daß wenigstens ihre Generäle und Anführer keinen Schuß Pulver taugten; aber war es in dieser Hinsicht in anderen Armeen, die französische ausgenommen, zu jener Zeit viel besser bestellt? Höchstens hatten die Engländer und Russen ein paar gute und Österreich nur seinen Erzherzog Karl aufzuweisen.
Schon wußte man, daß der Thron von Neapel Napoleons älterem Bruder, dem kaum gebackenen Prinzen Joseph, bestimmt war, auf den ihn Massena festsetzen sollte.
Denselben Tag, als uns diese Neuigkeit wurde, erhielten wir noch eine Einladung zu einem Maskenfest in die Villa Doria vor dem Thomastor; ich eilte zu Guercino, um dessen Frau zu bitten, auch dieses die Marchesa wissen zu lassen und sie zu fragen, ob sie es nicht veranstalten könne, diesem Fest beizuwohnen, und ob ich sie nicht wenigstens noch einmal ungestört sprechen könne. Ich erhielt noch den nämlichen Abend die Antwort, daß sie eingeladen sei und als Pilgerin verkleidet demselben beizuwohnen gedenke, hoffe daher, sich so mit einer Freundin auf einige Zeit entfernen zu können, das Wohin aber müsse mir überlassen bleiben.
Ich verabredete nun mit der Alten, daß sie in einiger Entfernung von der Villa eine Portantina bereit halten solle, in welcher ich die Marchesa weg, und zwar diesmal in mein Quartier, das nicht so weit vom Thomastor in der Nähe der Piazza dell aqua verte war, bringen lassen wollte. Tonina war alles zufrieden und hoffte, daß das große Gewühl und die Menge der Masken es möglich machen würde, sich in dem Gedränge auf einige Zeit absentieren zu können, ohne daß es ihre Aufpasser bemerkten, wenn sie sie auch suchen würden; außerdem würde man noch andere Vorkehrungen treffen, dies zu bewerkstelligen.
Ich begab mich zeitig, als Eremit verkleidet, unter welcher Verkleidung ich jedoch meine Uniform und meinen Degen trug, in die Villa, um alle Masken und mit ihnen meine Pilgerin ankommen zu sehen, die mit einer weißen Rose in der Hand, das verabredete Zeichen, einer Portantina entstieg, während aus der folgenden noch eine ebenso gekleidete Wallfahrerin, aber mit einer roten Rose versehen, schlüpfte. Mich erkannten die beiden Masken an einem kleinen, fast unbemerkbaren weißen Kreuz, das ich mir auf der linken Schulter hatte anheften lassen; denn der Eremiten und Pilgrime waren viele zugegen. Im Vorübergleiten flüsterte sie mir das einzige Wort „vengo“ zu.
Das Fest war brillant, die Gäste sehr zahlreich und das Gewirre ungeheuer; doch begegneten wir uns öfters, ohne uns anzureden. Wir hatten durch die Guercino verabredet, daß ich sie fünfzig Schritte links von der großen Türe um sechs Uhr nachts (elf nach unserer Uhr) erwarten wollte. Ich warf auf eine Zeit den Eremiten ab und einen weißen Domino über meine Uniform und pointierte im Spielsaal neben dem Marchese P... an der Pharobank nicht ohne Glück, eine Seltenheit; denn ich gewann über dreitausend Lire an diesem Abend, eine Summe, die mir gut zu statten kam, da ich schon so ziemlich wieder auf dem Trocknen saß und noch obendrein Schulden hatte. Als endlich die Stunde des Rendezvous nahte, entfernte ich mich, wahrscheinlich zu meinem Glück, denn ich würde das Gewonnene gewiß wieder verloren haben, hätte ich fortgespielt, und suchte den Eremiten wieder hervor.
Nicht lange wartete ich an dem bestimmten Orte nebst der von mir bestellten Portantina, als die beiden Pilgerinnen in geflügelten Schritten herbeieilten und Tonina mir erklärte, daß ihre Freundin, die sie nicht habe allein auf dem Balle lassen können, was auch bei Negroni Verdacht erregt haben würde, wenn er sie getrennt von ihr wahrgenommen, uns begleiten würde. Dies machte mich erst ein wenig verlegen, denn ich wußte nicht, was ich mit der Gegenwart der anderen in meinem Zimmer machen sollte, und dann hatte ich auch nur für eine Portantina gesorgt. Wir waren aber bald einig, uns alle drei zu Fuß in meine Wohnung zu begeben, ich nahm einen sehr großen weißen Schleier, den die vorsichtige Guercino in die Portantina gelegt hatte, aus derselben, bezahlte die Träger reichlich und entließ sie. Beide Frauen hüllten sich in den einen Schleier, und wir eilten in meine Wohnung, wo wir glücklich und ohne bemerkt zu werden ankamen, denn auch meinen Bedienten hatte ich bei den übrigen Domestiken in Dorias Villa gelassen. Ich zündete nun Lichter an und fand mich allein mit den Schönen, die beide wirklich diese Benennung verdienten. Tonina war untröstlich, daß wir abmarschierten und dies wahrscheinlich das letztemal sei, daß wir uns sähen. Ich suchte alles Mögliche hervor, sie zu trösten, und bemerkte ihr, wir dürften das bißchen Zeit, das uns jetzt noch bliebe, nicht mit unnützen Klagen hinbringen, was auch ihre Freundin, eine Komtesse Spinola, sehr richtig fand. Ich küßte nun beide, umarmte Tonina und stopfte Mund und Tränen mit Küssen; die Spinola, der bei diesem Spiel nicht ganz wohl zu werden schien, sagte: „Ich sehe nicht ab, zu was wir Lichter brauchen,“ löschte sie aus und stellte sich an ein Fenster, den Himmel und die Sterne zu bewundern, während die Marchesa P... einen langen, seligen Abschied in meinen Armen nahm. Als es endlich Zeit zum Aufbruch war, befahl sie mir, auch ihre Freundin zu umarmen, was, da sie sehr hübsch war, ich mir nicht zweimal sagen ließ, sondern auch diesen Engel mit aller Inbrunst trotz ihrem nicht sehr gewaltigen Sträuben an den Busen drückte und länger in dieser Stellung blieb, als es Tonina gewiß lieb war; doch sie spielte die Großmütige und ließ mich im Finstern gewähren, bis sie das Stöhnen der Freundin zu der Bemerkung veranlaßte, nun sei es genug. – „Genug,“ wiederholte ich stammelnd und schloß beide in meine Arme, bald die eine, bald die andere küssend. Es war ja nur zum Abschied.