Jetzt war es aber hohe Zeit, aufzubrechen, denn wir waren schon über anderthalb Stunden von dem Ball abwesend, die mir freilich kaum eine Viertelstunde dünkten. Wir eilten nun zurück, ich trat wieder mit meinem weißen Domino und Federhut in den Saal, mich in allen Gemächern und besonders dem Negroni, den ich aufsuchte, zeigend, während sich die Pilgerinnen ganz ruhig in einen Winkel des Tanzsaales niederließen. Negroni schien ängstlich nach ihnen zu suchen, aber ruhiger zu werden, als er mich gewahrte, fand auch endlich die Gesuchte in ihrem Winkel sitzend, die er, wie es mir vorkam, scharf zu examinieren schien. Indessen lief alles gut ab, und ich sprach sogar die Marchesa noch einmal vor dem Tage unseres Abmarsches bei Guercino, wo sie mich mit einem in Rosetten gefaßten Rubin und auf mein Verlangen mit einer Haarlocke beschenkte, die ich zu den anderen, schon von mehreren meiner Teuren erhaltenen legte, und nochmals einen seligen Abschied von ihr nahm. Sehr gerne hätte ich auch noch einmal die reizende Spinola gesprochen, aber die Kürze der Zeit machte es unmöglich.

Den anderen Morgen um sechs Uhr wirbelten die Tambours das Marschroulement, eine halbe Stunde darauf marschierten wir mit klingendem Spiel durch die noch öden Straßen Genuas, vielleicht die Ruhe mancher schlafenden Schönen störend, zur Porta del arco hinaus. Nicht ohne ein wenig Bedauernis sah ich die Marmorstadt im Rücken; aber der Gedanke, nun das schöne, berühmte und berüchtigte Italien fast der ganzen Länge nach zu durchstreichen und wahrscheinlich bald die ersten feindlichen Kugeln pfeifen zu hören, machte, daß ich mir Genua mit all den darin gehabten Abenteuern aus dem Sinne schlug und leichten Herzens davonmarschierte.

XVI.
Marsch von Genua nach Mola di Gaëta. – Beschwerliche Märsche durch das Gebirge. – Der Anblick von Italiens Ebenen. – Parma. – Reggio. – Modena. – Bologna. – Eine liebenswürdige Advokatenfamilie. – Faenza. – Forli. – Cesena. – Rimini. – San-Marino. – Sinigaglia. – Loretto. – La Casa-Santa und ihre Schätze und Reliquien. – Macerato. – Foligno. – Spoleto. – Terni. – Der Wasserfall. – Narni. – Civita-Castellana. – Roms Umgebung. – Ein Tag in Rom. – Marsch nach Mola di Gaëta. – Besitznahme des Königreichs Neapel durch die Franzosen.

Es war Anfang April 1806, als wir Genua la superba verließen, über Recco, unser erstes Nachtquartier, und dann durch die ödesten und gebirgigsten Wildnisse, in den erbärmlichsten und elendesten Ortschaften übernachtend, über Borgo di Taro und Fornovo in sieben oder acht Tagen nach Parma marschierten. Von Genua an wurden die Truppen nicht mehr bei den Einwohnern einquartiert, sondern das ganze Bataillon jedesmal in eine Kirche oder ein Kloster auf vierundzwanzig Stunden kaserniert, in denen man den Soldaten Strohlager bereitete. Dies geschah aus zweierlei Ursachen, erstens wollte man die ewigen Reibereien und Händel zwischen dem französischen Militär und den italienischen Bürgern und Bauern vermeiden, die zu beständigen Klagen und Strafen Veranlassung gaben und hauptsächlich dadurch entstanden, daß sich die Leute nicht miteinander verständigen konnten; sodann traute man dem Volk, dessen Stimmung den Franzosen höchst ungünstig war, nicht und fürchtete, daß bei dem Vereinzeln der Leute wohl einmal eine Metzelei, eine zweite sizilianische Vesper veranstaltet werden könnte. Die Kirchen und Klöster, wovon jedoch die Nonnenklöster dispensiert waren, mußten das Schiff, die Kreuz- und anderen Gänge gehörig mit Stroh belegen, und sobald die Soldaten abmarschiert waren, wurden sie wieder gereinigt und erstere als verunheiligt durch die Geistlichkeit jedesmal wieder von neuem eingeweiht und heilig gemacht, was allerdings notwendig war; denn man hatte an den heiligen Orten nicht nur gegessen, getrunken, gekocht, sondern auch gespielt, gesungen, geflucht und Gott weiß was sonst noch für Unfug getrieben. Es war aber nicht selten der Fall, daß die Pfaffen soeben die Einweihungszeremonien und das Räuchern beendigt hatten, als schon wieder neue Truppen ankamen und die kaum gereinigten Orte abermals verunreinigten, ja bisweilen mußte in einer Woche das heilige Werk drei- bis viermal vorgenommen werden. Die Offiziere wurden zwar meistens in den zunächstliegenden Privathäusern einquartiert, aber diese Quartiere waren in den armseligen Dörfern im Gebirge so elend, daß auch viele von ihnen das Stroh in den Kirchen vorzogen und sich ein Nachtlager auf erhöhten Orten oder in Tribünen, wenn deren da waren, bereiten ließen, denn die Stuben der Bauern oder Schenken in diesen Nestern waren ärger als deutsche Viehställe. Ich schlug in diesem Fall in der Regel mein Lager bei der Orgel auf, wenn sich eine in der Kirche befand, und spielte dann des Abends zur Belustigung des ganzen Bataillons allerlei deutsche und französische Soldatenlieder, Märsche und Tänze, wozu mir die Karabiniers mit Vergnügen die Balgen traten, die Leute unten oft sangen und tanzten und bei dem Klang der Orgeltöne dann einschliefen. Ebenso spielte ich beim Erwachen einige erheiternde Melodien, weckte sie so trotz des Tambours aus dem Schlaf, und sie machten sich fröhlich marschfertig. Indessen waren die Märsche in diesen Gebirgen und Wildnissen beschwerlich und nicht selten abscheulich. So kamen wir, die letzte Etappe vor Parma, an einen fast senkrecht zu erklimmenden Felsenberg, was für die mit Gepäck, Waffen und Patronen beladenen Soldaten sehr mühsam war. Düret ließ zuerst die Tambours und die Musik hinaufklettern, und als sie oben waren, den von mir komponierten Sturmmarsch spielen, die Truppen zu ermuntern. Unten, auf der linken Seite des Felsens, wand sich ein reißender Waldstrom; durch diesen wurden die Reitpferde der Offiziere sowie die, welche mit dem Bataillonsgepäck beladen waren, denn an Wagen war auf diesen Märschen nicht zu denken, geführt. Dieser steile Berg lag gerade an dem Ende einer wilden Waldgegend, aus der wir traten; er überraschte uns seltsam, da er gleich einer mächtigen Mauerwand sich unserem weiteren Vordringen entgegenzustemmen schien, und es war für die noch Zurückgebliebenen ein komischer Anblick, ihre Kameraden so auf allen Vieren diese Wand hinanklettern zu sehen. Aber oben angekommen, welche Aussicht! Man erblickte nun mit einem Male die unabsehbaren Ebenen dieser Gegend Italiens, endlos scheinend wie das Meer und aus den lachendsten Fluren und den fruchtbarsten Gefilden bestehend.

Als wir diese reichen Ebenen hinabstiegen, da fielen mir Hannibal und Napoleon ein, die beide durch diesen herrlichen Anblick ihre müden Truppen neu belebten und sie in eroberungslustigen Enthusiasmus versetzten. Nichts ist auch überraschender, als mit einem Male, aus fast grauenvollen Wildnissen hervortretend, wie durch einen Zauberschlag vor einem solchen Paradies zu stehen, das reichen Lohn für die überstandenen Mühseligkeiten verspricht, ihn aber nur selten gewährt.

‚Ihr habt nichts, und dort ist alles, was ihr bedürft!‘ lauteten Napoleons Worte, zu denen er aber noch hätte hinzufügen können: ‚das ihr aber nicht erhaltet‘; denn was kam von all diesen Eroberungen an den gemeinen Mann und die untergeordneten Chargen? Nur einige Anführer raubten sich reich.

Den Umweg über Parma, Reggio, Modena und so weiter mußten wir machen, weil Toscana noch nicht französisch war und laut Konvention keine französischen Truppen durch dasselbe marschieren durften, obgleich es unter dem Namen des Königs von Etrurien, von der Königin Marie Louise, jedoch gänzlich unter französischem Einfluß, beherrscht wurde, und es tat uns leid, das schöne Land so auf der Seite liegen lassen zu müssen. In Parma hatten wir der vielen Maroden wegen zwei Rasttage, die ich benutzte, die Merkwürdigkeiten der Stadt in Augenschein zu nehmen.

Den vierten Tag nach unserer Ankunft zu Parma, wo ich in einem Franziskanerkloster einquartiert war, marschierten wir nach Reggio, das Regium Lepidi der Römer.

Hier besuchte ich das Theater, in welchem die Oper ‚Ludovica‘ und ein großes fünfaktiges Ballett, ‚Alexander der Große‘ betitelt, aufgeführt wurde. Die Vorstellung dauerte bis nach drei Uhr morgens, so daß, als ich das Theater verließ, das Bataillon schon über eine Stunde abmarschiert war (wir marschierten nämlich von Parma aus, der schon eingetretenen großen Hitze wegen, immer bald nach Mitternacht ab, und später sogar zwei Stunden vor Mitternacht, um mit Tagesanbruch in den Quartieren anzukommen, wo man dann über die Mittagszeit schlief) und ich demselben über Hals und Kopf nacheilte, es jedoch erst auf dem halben Wege nach Modena, wo es Halt machte, wieder einholte, aber unterwegs gar manchen Nachzüglern begegnete. Dieses frühe und nächtliche Abmarschieren hatte den Nachteil, daß das Bataillon immer kaum mit einem Dritteil seiner Mannschaft in dem Etappenort ankam, da sich die Leute unterwegs rechts und links in die Felder schlafen legten, weil sie in dem zum Nachtquartier bestimmten Orte zu wenig Zeit zum Ruhen hatten. Denn kaum angekommen, mußten sie die Lebensmittel empfangen, oft lange auf dieselben warten, dann selbst in den Klöstern und Kirchen kochen; sie konnten erst spät essen, mußten sich dann wieder zum Appell einfinden, so daß die Momente der Ruhe gar knapp zugemessen waren. Die Soldaten marschierten ohnehin viel lieber einzeln als in der Kolonne, weil dies weit weniger ermüdend und bequemer ist, obgleich, wie sich von selbst versteht, die Kolonnen während dem Marsch nie geschlossen sind, sondern die Glieder und Rotten in gehöriger Distanz Mann vom Mann gehen.

Mehrere der Hauptleute und auch einige andere Offiziere, die bemittelt, waren beritten, ich aber mietete mir von Zeit zu Zeit ein Cavallo samt seinem Patron und schickte beide, an dem Etappenort angekommen, wieder zurück, mir jedoch vornehmend, bei erster Gelegenheit ein Pferd anzuschaffen, da dessen Unterhalt auf dem Marsch wenig oder nichts kostete, indem man den berittenen Offizieren immer solche Quartiere zuteilte, bei denen sich Ställe befanden, wo dann dem Pferd in der Regel Gastfreundschaft erwiesen und dasselbe freigehalten wurde. Aber erst in Neapel konnte ich zu einem eigenen Satteltier kommen.