Nach acht Uhr des Morgens kamen wir in Modena an; auch diese alte Stadt liegt in einer schönen Fläche zwischen der Secchia und dem Panaro. Sie ist wohlgebaut, freundlich und auch reinlich gehalten; die meisten Häuser haben hier sowie zum Teil schon in Parma und Reggio und in fast allen größeren Städten Arkaden oder auf Säulen ruhende Bogengänge, welche sowohl gegen die Sonnenhitze als gegen den Regen schützen, so daß man auch bei dem schlimmsten Wetter, ohne naß zu werden, von einem Ende der Stadt zum anderen gehen kann, wie dies namentlich in Bologna der Fall ist, wo ich mich nicht entsinne, ein einziges Haus ohne Säulenhallen gesehen zu haben. Häufig sind diese jedoch sehr niedrig und haben dann ein düsteres Aussehen.

Bei unserem Abmarsch von Modena fiel eine ergötzliche Szene vor. Das Bataillon war teils in einer Kirche, teils in dem Kreuzgang des zu derselben gehörigen Klosters einquartiert gewesen. Die Soldaten hatten sich auch hier allerlei Unfug erlaubt und namentlich allerhand Fratzen und unanständige Dinge mit Kohlen an die Wände des Kreuzganges geschmiert, wie sie dies schon öfters getan. Als nun das Bataillon unter dem Gewehr und zum Abmarschieren bereitstand, kamen plötzlich drei bis vier feiste Mönche fast atemlos angerannt und verlangten den Chef zu sprechen. Düret saß schon zu Pferd und fragte, was das Begehren der Kutten sei. Die Patres baten seine illustrissima eccelenza inständig, sich doch mit ihnen ins Kloster begeben zu wollen, um die Sporcherie (Schweinereien) zu sehen, welche die Signori Soldati an die Wände geschmiert hatten. Düret schickte den Adjutant-Major, Leutnant von Hülsen, einen Preußen, mit zweien der heiligen Männer ab, die Malereien zu besichtigen. Er kam bald mit seiner geistlichen Eskorte zurück und rapportierte, daß die Soldaten nebst allerlei Unflätigkeiten unter anderem auch einen Teufel mit Hörnern, Bocksfüßen, Krallen, und hinten und vorn geschwänzt, gezeichnet, wie er einen dicken Pfaffen hole, ein anderer Satan habe den Papst selbst beim Ohr und so weiter. Düret konnte sich sowie alle, die es hörten, des Lachens nicht erwehren, sagte indessen zu den Mönchen, sie möchten ihm die Täter bezeichnen, dann wolle er sie bestrafen. Dies war aber den guten Fratres nicht möglich. (Es waren ein paar Unteroffiziere, die ziemlich gut zeichnen konnten und die man im Bataillon wohl kannte.) Der Bataillonschef bedauerte daher, ihnen keine Satisfaktion geben zu können. Die Offiziere trösteten die Herren von der Kutte und setzten ihnen unter dem Vorwand, daß ihre Glatzen zu kühl haben müßten, Polizeimützen und einem einen Tschako auf den Kopf, was sich so possierlich ausnahm, daß das ganze Bataillon in lautes Gelächter ausbrach. Düret gab nun das Zeichen zum Abmarsch, der Tambour-Major ließ das Roulement schlagen, und wir marschierten mit rechts in die Flanken pas acceleré ab. Ich aber und noch ein paar Kameraden nahmen jeder einen der Pfaffen unter den Arm und ersuchten sie, uns doch wenigstens das Geleit bis an das nach Bologna führende Tor zu geben, wozu sie auch ohne Widerstand einwilligten, und so mußten die wohlgenährten Herren unter dem Gelächter der Soldaten im Geschwindschritt nach dem Takt der Kalbsfelle in ihrem burlesken Kostüm, und zwar noch eine Strecke bis vor das Tor mittrollen, wo wir sie wieder in Gnaden entließen. Sie mögen schwerlich wieder ähnliche Klagen bei einem Kommandierenden geführt haben.

Der Marsch von Modena nach Bologna führte uns über mehrere Flüsse und Brücken. Links von dem Flecken Forcelli kamen wir an der vom Lawino und der Girando gebildeten Halbinsel vorüber, welche durch den Bund der Triumvirn, Octavius, Antonius und Lepidus so berühmt geworden, die sich hier gegenseitig verpflichteten, rücksichtslos alle zu opfern, die einem von ihnen dreien schaden könnten. Cicero und Lepidus’ Bruder selbst wurden ein Opfer dieses Versprechens.

Mit dem frühen Morgen standen wir vor den Toren von Bologna, auf ehemaligem päpstlichen Gebiet, und bekamen das erste päpstliche Geld, die Bajocchis zu sehen, die hier noch kursierten. Überhaupt war es auf dem Marsch von Genua bis hierher gerade wie in dem weiland heiligen deutschen Reich, fast in jeder Stadt traf man andere Geldsorten, anderes Maß und Gewicht an.

Bologna, das Bononia der Alten, ist nach Rom die bedeutendste Stadt des Kirchenstaates und zählt über sechzigtausend Einwohner, sie ist befestigt, und gerade ein Dutzend Tore führen in das Innere der Stadt zu den meistens schönen breiten Straßen derselben. Sie liegt an zwei Wassern, dem Fluß Reno und dem Flüßchen Savena; über den ersteren führt eine schöne, zweiundzwanzig Bogen lange Brücke; sie hat über sechzig Kirchen und wenigstens ebensoviele Klöster, die alle mehr oder weniger bedeutende Kunstschätze aufzuweisen haben. Fast alle Häuser dieser Stadt sind von Quadersteinen aufgeführt und haben Bogengänge. Auf einem Platz in der Mitte der Stadt stehen die beiden berühmten, aber eben nicht schönen schiefen Türme, welche die Namen Asinella und Garisanda führen, über deren Entstehen folgende Sage im Munde des Volkes geht.

Zwei junge Architekten verliebten sich in das wunderschöne fünfzehnjährige Töchterchen eines reichen Goldschmieds, der demjenigen von ihnen, welcher das künstlichste Bauwerk aufführen würde, die liebenswürdige Signorina zur Gattin zu geben versprach. Da baute der eine einen schiefen Turm, aber der andere setzte einen noch weit schieferen daneben, und dem letzteren wurde die Tochter samt dem reichen Brautschatz; so weit die Sage. Die Wahrheit von der Entstehung dieser Türme ist aber wo möglich noch alberner als die Fabel; denn daß Verliebte dumme Streiche machen, ist ganz in der Ordnung und liegt in der Natur der Sache, daß aber zwei sehr reiche Edelleute vor siebenhundert Jahren ihren Reichtum nicht besser zu verwenden wußten, als ein paar ganz unnütze und das Auge beleidigende Baukunststücke aufführen zu lassen, war ein alberner Streich; sie haben jedoch dadurch wenigstens ihre Namen auf die Nachwelt gebracht, denn noch jetzt werden diese Türme nach ihnen Asinella und Garisanda genannt, und Dante hat ihnen sogar die Ehre erzeigt, ihrer in seinen Gedichten zu erwähnen. Der eine ist so schief und überhängend, daß er einen angsterregenden Anblick gewährt, wenn man ihn zum erstenmal sieht, dies verliert sich aber bald, und den anderen Tag, wir hatten Ruhetag in Bologna, bestieg ich ihn keck.

Bologna hat mehrere Theater, sie waren aber während unseres kurzen Aufenthaltes daselbst geschlossen. Diese Stadt ist fortwährend der Sammelplatz aller sich außer Engagement befindlichen italienischen Schauspieler, Schauspielerinnen, Sänger, Sängerinnen, Tänzer und Tänzerinnen, und die mimische Vorratskammer, aus der sich alle Theaterdirektionen Italiens rekrutieren. Oft sind nicht weniger als ein halbes Tausend dieser dramatischen Künstler hier, auf Engagement wartend.

Ich war hier, zum erstenmal seit Genua, weder in einer Lokanda noch in einem Kloster einquartiert, sondern wieder in einem Privathaus, bei einem Signor Magnani, einem Advokaten, der zwei hübsche Töchter und eine nachsichtige Frau hatte. Die Mädchen klimperten recht artig Gitarre, wie fast alle Mädchen und Frauen in Italien bis zu den untersten Ständen herab. Ich machte der Familie einen Höflichkeitsbesuch, und da ich mich nun schon ziemlich geläufig italienisch auszudrücken wußte, so war die Unterhaltung bald animiert. Das Hauptthema war wie gewöhnlich die Musik, und die Damen erzählten mir, daß erst vor kurzem einige tedeschi bei der hiesigen Oper Furore gemacht hätten, auch der eine in Mailand, der andere für die Bühne zu Neapel engagiert worden sei. Ich bat die Mädchen, die ich schon vorher hatte musizieren hören, mich doch durch ihr Talent erfreuen zu wollen, und die Jüngste trug sogleich das damals in Italien sehr beliebte Schalksliedchen ‚Una povera ragazza, se n’andie una mattina‘ und so weiter per confessarsi – mit viel Feuer und Ausdruck vor, worauf beide ein paar komische Duette von Guglielmi und Cimarosa in echt italienischer Manier, das heißt parlando sangen. Ich holte nun auch meinen Klavierauszug aus dem Don Juan hervor und studierte mit beiden das Duettino: ‚La ci darem la mano‘, das sie nach einer halben Stunde, mehr dem Gehör als der Musik nach, denn sie waren nicht sehr taktfest im Ablesen der Noten, so ziemlich sangen, welches ihnen so viel Vergnügen machte, daß sie mich um die Erlaubnis baten, es sogleich abschreiben zu dürfen. Wir kamen hierauf auf die Stadt und ihre Umgebungen zu sprechen, und ich äußerte den Wunsch, daß, da wir hier einen Ruhetag hätten, ich auch gerne etwas von der letzteren sehen möchte. Das jüngste Mädchen, Giuglietta, erwiderte mir, daß sie den nächsten Morgen mit ihrer Mutter die Madonna di San Luca besuchen würde, deren schöne Kirche ein paar Miglien (eine kleine Stunde) vor der Stadt liege und zu der ein Säulengang führe, unter dem man vor Hitze und schlechtem Wetter vollkommen geschützt sei. Ich bat um Erlaubnis, die Damen dahin begleiten zu dürfen, aber die Signora madre meinte, es ginge schlechterdings nicht an, daß Damen allein in Begleitung eines Fremden, und gar eines Signor Uffiziale francese, über die Straßen gingen, namentlich da sie ihr Mann wegen Mangel an Zeit nicht begleiten könne. Ich wußte indessen diesen Einwand zu beseitigen, sie bittend, in Zivilkleidern vor der Stadt sie erwarten zu dürfen, was mir dann auch die Mama nicht nur zugestand, sondern meinte, ich könne ihnen in einiger Entfernung, da ich doch den Weg nicht wisse, durch die Stadt folgen. Ihr und den Töchtern dankend die Hände küssend, empfahl ich mich, um meine Streifereien durch Bologna zu beginnen, brachte aber den Abend wieder in ihrer Gesellschaft plaudernd und musizierend zu. Den anderen Tag wurde in der Morgenkühle die Wallfahrt zu dieser Madonna angetreten. Ich folgte den Damen, so wie wir übereingekommen waren, in einiger Entfernung durch die Stadt, und gesellte mich unter den ersten Bogen vor derselben zu ihnen. Dieser Säulengang war unabsehbar und schien gar kein Ende zu nehmen; es sind weit über sechshundert Arkaden, und jeder dieser Bogen ist von einer frommen Seele oder Familie, auch oft von einer ganzen Körperschaft oder Zunft, wie Tischler, Schlosser, Bäcker, Schneider, sogar auch von Soldaten und Bedienten erbaut, jeder hat andere Verzierungen, Malereien, Arabesken von sehr verschiedenem Wert, was diesen Spaziergang recht unterhaltend macht; mehrmals sind die Bogen auch durch durchbrochene Felsen geführt. Einige fromme Personen haben auch mehrere, manche ein ganzes Dutzend dieser Bogen auf ihre Kosten errichten lassen und dafür einen großen Extra-Ablaß auf Gott weiß wieviel Jahre erhalten; dagegen müssen ihre Erben oder ihre Familien diese Bogen, von denen wohl manche einzelne über tausend Taler kosteten, gehörig unterhalten, sonst würden die armen Seelen der Stifter um viele Jahre länger im Fegfeuer schmachten. Alle diese Bogen sind Heiligen, die meisten aber der Jungfrau selbst und namentlich der Jungfrau vor und nach den Kindesnöten geweiht. Endlich waren wir in der Kirche und bei der Madonna angekommen, deren Wunderkraft mir die Signora Magnani mit vielem Eifer und großer Beredtsamkeit erklärte und mir dabei ganz ernsthaft versicherte, das Bild habe der heilige Lukas selbst gemalt. Wir hielten uns ziemlich lange dabei auf, denn die Damen wurden mit Beten und Andachtsübungen nicht fertig, ich aber hatte diesen lebenden Madonnentöchtern schon längst auf der Promenade hierher zu verstehen gegeben, wie sehr ich sie anbete, und bedauerte nur, so wenig Zeit übrig zu haben, ihnen Proben von der Wahrhaftigkeit dieser Versicherung liefern zu können, da uns das grausame Schicksal schon den nächsten Tag trennen sollte. Doch hoffe ich bald wieder und auf längere Zeit nach Bologna zu kommen, und dann ...

„Ach,“ sagte die Signore madre, „den Herren Soldaten und besonders den Signori francese ist nicht weiter zu trauen, als man sie sieht.“

Die Dame sprach wahrscheinlich aus früherer Erfahrung, denn ihre Blütenzeit war längst vorüber.