Ich nahm das Anerbieten an, das mir gerade nicht so unwillkommen war, und saß bald an der Seite der Dame. Noch hatte ich zwar die liebenswürdigen Advokatentöchter im Kopf, aber doch bereits Madame Grenet im Arm. Ein ewiger Friede wurde förmlich geschlossen und durch glühende Küsse besiegelt. Madame Grenet war ja hübsch und jung, ich hatte heißes Blut, dabei die Finsternis der Nacht, die Gelegenheit mit einer liebenswürdigen Frau im engen Raume eines Wagens, da mag der Henker kalt bleiben; alle Unbill war von beiden Seiten schnell in dem Taumel des Genusses vergessen, und nach einer guten Stunde verließ ich den Wagen, um mich dem nicht mehr sehr entfernt marschierenden Bataillon wieder anzuschließen.
Schon mit dem Grauen des Tages rückten wir in Imola ein, einer Stadt von ungefähr achttausend Einwohnern, die ein festes Schloß, aber außer einem schönen Spital wenig Merkwürdiges enthält. Der damalige Papst (Pius VII.) war hier längere Zeit Bischof. Sie war auch der Schauplatz der verruchten Schandtaten Cäsar Borgias. Julius II. brachte sie an den heiligen Stuhl. Sie hat wenigstens ein paar Dutzend Kirchen und Klöster. Eine Stunde nach Sonnenuntergang wirbelten die Tambours abermals zum Abmarsch; diese Nacht führte uns leider um Mitternacht durch das schöne Faenza, dessen Einwohner unser durch Trommeln und Musik geräuschvoller Durchmarsch aus dem Schlaf aufgeschreckt haben mag, nach Forli. – Faenza ist ziemlich groß, soll bei sechzehntausend Einwohner, nicht weniger als zwanzig Klöster und dreißig Kirchen haben und ist eine der hübschesten Städte der ganzen Romagna. Von ihr hat das Töpfergeschirr Fayence, das noch jetzt in vorzüglicher Güte daselbst verfertigt wird, seinen Namen.
Forli liegt am Fuße der Apenninen, in einem fruchtbaren Tale, an der alten Via Aemilia. Die Stadt ist nicht übel gebaut, hat einen sehr schönen Marktplatz, und der Versammlungssaal ihres Stadthauses ist von Raphael gemalt. Auch sie hat bei zehn- bis elftausend Einwohnern Dutzende von Klöstern und Kirchen. Manche ihrer Kirchen und Paläste sollen interessante Kunstschätze enthalten, um die ich mich aber immer weniger auf diesem Marsch bekümmerte, da wir, von den Nachtmärschen ermüdet, einen großen Teil des Tages mit Schlafen zubringen mußten, auch war damals das Beste und Schönste im Louvre zu Paris.
Von Forli kamen wir über Forlimpopoli, welches Gregor XI., weil alle seine Einwohner Räuber geworden waren, 1370 gänzlich zerstörte, nach Cesena, der Vaterstadt Pius’ VI., dem man hier eine Bildsäule errichtet hat, sowie der Pius’ VII., der aber damals noch keine hatte. Unter den unzähligen Klöstern dieser Stadt ist das der Benediktiner, welches auf einem Berg vor dem Tor liegt, wegen seiner großen Pracht merkwürdig.
Ohne Cäsar zu sein, ging auch ich über den Rubikon, ein kleines Flüßchen, das jetzt Pisatello heißt und kaum eine Stunde von Cesena entfernt, auf dem Wege nach Rimini, unserem nächsten Nacht-, vielmehr jetzt Tagquartier, vorbeifließt. Ein Papst hatte feierlich zu entscheiden geruht, daß der Luso der alte Rubikon sei, aber Seine Unfehlbarkeit hatte hier, wie so oft schon, einen Fehlschuß getan, der längst zur Satire geworden ist.
Auch wir gingen also über den Rubikon, und auch nicht so ganz bedeutungslos; denn es galt ja die schon begonnene Eroberung des Königreichs Neapel vollenden zu helfen und dessen Regenten zum Teufel zu jagen.
Rimini erreichten wir wieder mit Tagesanbruch. Es liegt an der Mündung des Marechia, nahe am Adriatischen Meer, das vor Zeiten dessen Mauern bespülte. Sein ehemaliger Hafen war jetzt in einen großen Garten umgeschaffen, und der kleine, jetzt noch bestehende kann nur von geringen Fahrzeugen und Fischerbarken besucht werden. Von römischen Altertümern ist noch die Brücke vorhanden, die unter der Regierung des Tiberius vollendet wurde, Augustus hatte sie begonnen; ein diesem Kaiser zu Ehren erbauter Triumphbogen ist auch noch vollkommen erhalten und gleich der Brücke aus weißen Sandsteinen erbaut. Außerdem sind noch viele andere römische Altertümer daselbst, und auf dem Marktplatz wird eine Art Fußgestell gezeigt, von dem herab Cäsar seine Truppen angeredet haben soll, nachdem er über den Rubikon gegangen war. Überhaupt konnten wir jetzt keinen Schritt mehr vorwärts tun, ohne jeden Augenblick durch Monumente und historische Begebenheiten an das welterobernde Volk der Römer erinnert zu werden, dessen klassischen Boden wir betreten hatten.
Da wir hier wieder einen Ruhetag hatten, so benutzte ich denselben, um einen Ritt nach der von Rimini wenige Stunden entfernten, wegen ihrer Unbedeutendheit berühmten und deshalb unangefochtenen Republik San-Marino zu machen, deren Haupt- und einziges Städtchen und Gebiet wenig mehr als fünftausend Bewohner zeigt. Ein Maurer aus Dalmatien namens Marin soll sie im sechsten Jahrhundert gegründet haben, und zwar, wie die Sage will, auf folgende Veranlassung.
Dieser Mensch hatte sein halbes Leben damit zugebracht, an den Werken von Rimini zu arbeiten, hierauf fiel es ihm ein, sich dem beschaulichen und erbaulichen Leben zu widmen und ein Einsiedler zu werden. Jetzt lebte er ebenso keusch und fromm, als er früher ausschweifend und sündhaft gelebt hatte, er legte sich selbst die schwersten Bußen und strengsten Strafen auf. Längere Zeit wußte man nicht, was aus ihm geworden war, er trieb die Sache sehr geheim, endlich aber hatte ihn ein ebenfalls reuiger Sünder bei diesen Kasteiungen belauscht und bat den frommen Mann, auch ihn in Gnaden aufnehmen zu wollen, worauf sich der Geruch seiner Heiligkeit bald weiter verbreitete und er viele Jünger oder Schüler erhielt. Der Berg, auf dem er seine Einsiedelei angelegt, gehörte damals einer Fürstin der Umgegend, die ihm denselben zum Geschenk machte, auf welchem er nun die kleine Republik, aus lauter Frommen bestehend, gründete und die noch jetzt, wenn auch nicht mehr aus Einsiedlern, doch aus sehr friedlich gesinnten Menschen besteht, denen, um Krieg zu führen, alles fehlt.
Das Städtchen San-Marino liegt auf einem etwas steilen Berg, zu dem ein ziemlich bequemer Fußweg führt, es hat sogar ein kleines Kastell mit mehreren Türmen; in seinem Gebiet wächst ein guter Wein auf den Höhen des Berges, der aber den Klöstern der Republik gehört und von deren trägen Bewohnern fast ausschließlich in behaglicher Ruhe getrunken wird; so klein dieser Staat auch ist, so muß er doch ein halbes Dutzend dieser Faulnester nähren.