Von hier aus marschierten wir über Otricoli und mehrere andere unbedeutende Orte, kamen bald an die Ufer der Tiber, die wir zum erstenmal erblickten, und längs derselben nach Civita-Castellana, dem alten berühmten Veja, das Camill bezwang und wo die dreihundert Fabier fielen. Diese Stadt ist jetzt sehr klein, zählt kaum ein paar tausend Seelen und liegt auf einem steilen, die Umgegend beherrschenden Berg. Die Hauptkirche derselben steht auf einem isolierten Felsen wie auf einer Insel und ist vermittelst einer Brücke mit der übrigen Stadt verbunden.

Jetzt verspürten wir schon die Nähe der alten Welthauptstadt. Ruinen, Wasserleitungen, Tempelreste, Monumente jeder Art und hie und da eine Villa verkündeten uns die hochberühmte Campagna, in welcher die Hauptstadt der christlichen Welt liegt.

Monterosi, in dessen Umgegend sich noch etrurische Ruinen und Altertümer befinden, sollte unser letztes Quartier vor Rom sein; da uns aber die Marschroute keinen Rasttag in Rom selbst gestattete, so gab Düret dem Wunsch der meisten Offiziere, unter denen auch ich war, nach, ließ das Bataillon nur wenige Stunden in Monterosi ruhen und dann nach Rom aufbrechen, damit wir wenigstens einen Tag vollständig und mit Ruhe daselbst zubringen konnten, denn niemand war imstande, uns zu garantieren, daß wir jemals die berühmte Stadt wieder betreten würden.

Indessen wurde uns dieser Doppelmarsch, der zum Teil über die alte Via Cassia ging, beschwerlich genug, es schien, als wolle er gar kein Ende nehmen. Jeder Landmann, dem wir begegneten, wurde mit: „Quante miglie ancora?“ von den Soldaten angeredet, und antwortete gewöhnlich mit: „Poche signore, strada romana, strada buona!“, und murrend und fluchend, sich durch das Wenig immer getäuscht zu sehen, ging der Marsch weiter.

Öder und wüster wurde aber jetzt die Gegend, wir waren in der verrufenen Campagna di Roma und kamen häufig an Galgen und Pfählen vorüber, an denen Köpfe gespießt und halb verfaulte Schenkel, Arme und Körper hingen, von Legionen Raubvögeln umflattert und angenagt, lauter Überreste greulicher Raubmörder und Banditen. Wir waren die ganze Nacht und fast den ganzen Tag marschiert, wenige Stunden Ruhe in der Mittagszeit ausgenommen, und erblickten endlich gegen Abend die schon lange und heißersehnte Siebenhügelstadt mit ihren Kuppeln, Domen und Türmen, aus deren Häusermeer vor allem Sankt Petri Dom wie ein Berg hervorragte. – Der Anblick dieser sogenannten ewigen Stadt, deren Geschichte ich genau kannte, und in der seit Jahrtausenden so viel Großes, Wunderbares und Außerordentliches vorgefallen, von der aus so viel Unheil über die ganze Erde, in alter und neuer Zeit, unter den heidnischen Kaisern wie den christlichen Päpsten ergangen, erschütterte mich tief und machte einen großen Eindruck auf mich. Lange staunte ich diese toten Massen, Zeugen von so viel Untaten, wenig Helden- und noch weniger guten Taten an. Es ging nun etwas bergab; bald kamen wir an dem Grab Neros vorüber, wo er aber schwerlich begraben liegt, und an die Pontemolle, die alte Pons Aemilius, an der Cicero die Verschworenen verhaften ließ, als sie sich in das Lager Catilinas begeben wollten; hier überwand auch Konstantin den Tyrannen Maxcenz. Erst wenige Monate vor unserer Ankunft (1805) hatte Pius VII. diese Brücke wieder herstellen lassen. Noch immer war die Gegend öde und fast wie ausgestorben. Von hier marschierten wir auf der Via Flaminia, erst zwischen einsamen Gartenmauern, und dann an einer langen Häuserreihe vorüber, bis vor die Porta Popolo, wo wir noch vor Sonnenuntergang, aber durch den forcierten Marsch zum Umfallen müde, ankamen. Glücklicherweise war das Gebäude, eine Art Kaserne, in welcher das Bataillon einlogiert wurde, gerade das letzte Haus rechts vor dem Tor, und alle Säle in demselben fanden wir schon dick mit Stroh belegt, denn Betten gab der heilige Vater den französischen Soldaten noch nicht. Die Leute waren so müde, daß sie sich kaum die Mühe nahmen, ihre Tornister, Patronen, Gewehre und Patronentaschen abzulegen und sich angekleidet auf die einladende Streu fallen ließen, den Henker nach Rom, seinen Denkmälern und dem Papst fragend, worauf sie bald um die Wette schnarchten. Ich nahm zwar das mir zukommende Quartierbillett an, das auf eine Privatwohnung in der Stadt selbst lautete, verspürte aber keine Lust, dieselbe noch diesen Abend in deren vielleicht entferntesten Vierteln aufzusuchen, sondern warf mich, es zu mir steckend und noch einen Blick durch das Tor auf die Piazza Popolo werfend, wo ich den Obelisk und die Eingänge zu drei unabsehbaren Straßen gewahrte, ebenfalls unter die Karabinier-Kompagnie auf die Streu. Mein Kapitän, ein Hauptmann Leclerc, machte es ebenso, und die meisten Offiziere, die keine Pferde hatten, folgten unserm Beispiel; wir schliefen fest und ungestört, bis den kommenden Morgen die Sonne schon hoch über der ewigen Stadt stand, hatten besser als auf den schwellendsten Polstern geruht, und machten uns endlich aus dem Stroh und unsere Toiletten, uns in grande tenue steckend, um uns durch die Porta Popolo, die alte Porta Flaminia, in das Innere der merkwürdigen Weltstadt zu begeben und deren hauptsächlichste Sehenswürdigkeiten aufzusuchen.

Man wird hier keine ausführliche Beschreibung Roms und seiner Merkwürdigkeiten erwarten, die allein dicke Bände füllen würde, und die schon so oft beschrieben und wieder beschrieben worden sind, außerdem brachte ich diesmal nur einen einzigen Tag daselbst zu, der kaum hinreicht, das Interessanteste im Flug zu übersehen.

An das Tor dell Popolo stellten wir Schildwachen von zwei Karabiniers auf, welche den Befehl hatten, nur die ganz reinlich und ordonnanzmäßig gekleideten Soldaten unsers Bataillons in die Stadt zu lassen, auch durften nicht mehr als zwanzig Mann der Kompagnie auf einmal in dieselbe gehen.

Als ich den Korso entlangging, begegnete ich dem Kapitän Gasqui mit noch einigen Offizieren, die mich einluden, sie zu begleiten und ihnen als Dolmetscher zu dienen, da noch keiner von denselben zehn Wörter italienisch konnte, sie auch wußten, daß ich in der römischen Geschichte bewandert war und eine ziemlich genaue theoretische Kenntnis von Rom hatte. Gerne schloß ich mich dieser Gesellschaft an, wir schlugen zuerst den Weg nach der Sankt Peterskirche ein, wo uns der ungeheure zirkelrunde, von vierfachen Säulenreihen umgebene Platz mit seinen prächtigen zwei Springbrunnen und dem höchsten Obelisk Roms in der Mitte, die Fassade des berühmtesten Tempels der Christenheit, neben dem sich rechts der stolze Vatikan zu den Wolken erhebt, allerdings in Staunen und Bewunderung versetzte. Nicht so das Innere der Kirche, das diesmal, besonders auch hinsichtlich der Größe, hinter meiner Erwartung zurückblieb, deren ungeheure Dimension man aber nach und nach, die einzelnen Teile betrachtend und näher untersuchend, gewahr wird, weil das Ganze eben durch das Kolossale derselben zu sehr gedrückt wird und überladen scheint. Ich machte, soviel ich es imstande war, Vasis Beschreibung von Rom, die ich mir schon in Bologna angeschafft hatte, in der Hand, den erklärenden Ciceroni, und gab mir vorzüglich viel Mühe, die reizende Madame Gasqui auf die hauptsächlichsten Schönheiten derselben aufmerksam zu machen. Wir hatten uns hier schon eine ganze Stunde verweilt, als ich die Gesellschaft erinnerte, daß, wenn wir noch mehr in Rom sehen wollten, es Zeit sei, weiterzugehen. Einige wünschten noch den Vatikan zu besuchen, worauf sie aber auf meine Bemerkung, daß, um ihn nur flüchtig zu durcheilen, was uns noch vom Tage übrigbleibe nicht hinreichen möchte, verzichteten, und wir verständigten uns dahin, für diesmal nur noch das Pantheon, das Kapitol, das Kolosseum, das alte Forum, jetzt Campo Vaccino, die Triumphbogen des Titus, Konstantins und Monte-Cavallo zu besuchen, die alle in großer Entfernung von der Peterskirche liegen, so daß wir vollauf zu tun hatten, dies möglich zu machen. Wir gingen nun wieder an dem nahen Castel St. Angelo vorbei, zum zweitenmal über die Engelsbrücke und nahmen, auf der großen Piazza Navona angekommen, zwei Mietkutschen, wo ich es so einzurichten wußte, daß ich mit Herrn und Madame Gasqui in der einen, die übrigen Offiziere aber in der andern fuhren; wir begaben uns zuerst in das Pantheon, ehemals allen Göttern Roms und Griechenlands geweiht, und jetzt die Kirche San Maria Rotonda, die mit Recht allen Architekten, die ähnliche Meisterwerke, denn sie ist ein solches, aufführen wollen, zum Modell dient. Von hier fuhren wir zum Kapitol, das wir zwar bestiegen, aber dessen Inneres wir nicht sahen, weil uns die Zeit dazu mangelte. Vom Kapitol begaben wir uns auf das Campo Vaccino und zu dem Kolosseum, dessen Größe allerdings kolossal genug ist, um überraschend zu imponieren; es faßte über hunderttausend Zuschauer, und hier wurden die größten Schauspiele der Welt aufgeführt; in Europa kenne ich kein zweites Gebäude, das so in Erstaunen setzt, obgleich ein Teil desselben mutwillig niedergerissen wurde, um dessen Steine zu andern Bauten zu benutzen. Die schöne Madame Gasqui am Arm, in Gesellschaft der übrigen, wanderte ich im Innern desselben von Station zu Station (es sind hier die vierzehn Leidensstationen Christi in der Runde aufgestellt). Hierauf sahen wir noch die beiden erwähnten Triumphbogen, fuhren nach Monte-Cavallo, den von Seiner Heiligkeit bewohnten Palast zu sehen, und von da auf die Piazza Colonna, wo ich die Gesellschaft beredete, noch die Antoniussäule zu besteigen, was aber Kapitän Gasqui wenigstens für seine Person ablehnte, weil ihm das Steigen zu beschwerlich war. Auf der sehr engen Treppe, welche im Innern derselben zu ihrem Gipfel führte, reichte ich der Madame Gasqui die Hand, um ihr das Steigen zu erleichtern und den übrigen den Weg zu zeigen; wir waren aber bald durch ein Dutzend Stufen von den uns Folgenden getrennt, die uns aus den Augen verloren, und um der Dame die Mühe noch weniger beschwerlich zu machen, faßte ich sie um ihre schlanke Taille, sie von einer Stufe zur andern hebend, was sie auch lächelnd geschehen ließ, sowie daß ich sie bei jedem Schritt aufwärts fester an mich drückte, was sie zu ignorieren schien. Der Weg zu einem intimeren Verhältnis war dadurch gebahnt, das sich auch später zwischen uns entspann. Schon auf der Insel Porquerolles, als ich die liebenswürdige junge Frau durch das Gebüsch kommen sah, hatte sie mein Herz stärker schlagen gemacht, in Genua aber sah ich sie nur wenig und war so sehr mit den dortigen Schönen beschäftigt, daß mir keine Zeit übrigblieb, noch an andere zu denken. Erst auf dem Marsch von da bis hierher bekam ich sie öfters, meistens ritt sie im Gefolge des Bataillons, zu Gesicht, und hatte manchmal ein paar Worte und Blicke mit ihr gewechselt. Den heiligen Paulus, der jetzt statt des Kaisers Antonius Pius auf der Säule steht und diese verunstaltet, bat ich heimlich, meine neue Inklination in Schutz zu nehmen. Nachdem wir uns gehörig umgesehen und den Umfang der ungeheuern Stadt bewundert hatten, verließen wir die Säule, ohne daß es mir möglich gewesen wäre, uns bei dem Herabsteigen von den Übrigen zu trennen, die uns dicht auf den Fersen folgten. ‚Oh, wären wir doch allein gewesen!‘ seufzte ich bei mir selbst. Kapitän Gasqui nahm uns unten in Empfang und meinte, wir seien etwas lange geblieben.

Wir nahmen nun noch ein fröhliches Mahl bei einem Restaurateur auf dem Spanischen Platz ein und begaben uns jeder in sein Quartier, uns zum nahen Abmarsch vorzubereiten. Die Sonne war bereits hinunter, und der Abmarsch war für die zehnte Stunde beordert; ich aber hatte mein Quartier nicht einmal aufgesucht, begab mich wieder in meine Kaserne zurück und ruhte noch ein paar Stunden bis zur ersten Rappelle des Tambours. Bald stand das Bataillon unter dem Gewehr, aber bevor wir abmarschierten, setzte es noch ein kleines Donnerwetter. Von mehreren Orten, wo wir einquartiert gewesen, und namentlich auch von Loretto, waren bei dem päpstlichen Gouvernement Klagen wegen des von den Soldaten in Klöstern und Kirchen verübten Unfugs eingelaufen, die das unflätige Anschmieren der Wände mit Kohlen, meistens Zerrbilder auf die Pfaffen, und auch andere, die Keuschheit derselben beleidigende Dinge betreffend, nicht unterlassen konnten, wegen deren man unsern Bataillonschef Düret in Rom zur Rede gestellt hatte. Dieser erließ jetzt einen strengen Tagesbefehl und verbot bei schweren Disziplinarstrafen, sich ferner dergleichen zu unterfangen, er hielt auch noch einen Sermon vor der Front an das Bataillon dieserhalb, sowie wegen der ziemlich zahlreichen Deserteure, von denen man gerade ein halbes Dutzend wieder eingebracht hatte, welchen man mit Erschießen drohte, wozu es indessen nicht kam. Hierauf wurde mit rechts in die Flanken, und zwar in aller Stille, ab- und durch die heilige Stadt ohne Trommelschlag und klingendes Spiel marschiert, denn es durften laut Konvention damals keine französischen Truppen bewaffnet durch die Residenz des Papstes marschieren, sondern sie mußten den großen Umweg um die Mauern derselben machen. Es war also eigentlich eine Infraktion, die wir begingen, von der jedoch keine Notiz genommen wurde. Heller Mondschein leuchtete durch die Straßen der Stadt, deren Gebäude und Schatten uns wahrhaft riesig erschienen. Von Zeit zu Zeit ließen die Blasinstrumente unsers Musikkorps eine sanfte Melodie oder einen pas redoublé ohne türkische Musik ertönen, was diesen Marsch noch romantischer machte. Endlich kamen wir durch die Porta San Giovanni, die nach Albano, unserem nächsten Quartier, führt, wo ich, ermüdet, den ganzen Tag verschlief. Von hier marschierten wir über Veletri durch die pontinischen Sümpfe nach Terracina, wo wir einen Ruhetag hatten. Von da nach Fondi, dem ersten neapolitanischen Städtchen, und durch üppige Gegenden nach Mola di Gaëta, wo wir uns endlich auf dem Schauplatz der kriegerischen Ereignisse befanden, und den neunten oder zehnten Tag nach unserm Abmarsch von Rom ohne besondere Abenteuer, meist spottschlechte Quartiere habend, eintrafen.

Noch in einer ziemlichen Entfernung von Mola di Gaëta, das auf den Ruinen des alten Formio erbaut ist, hörten wir schon den Kanonendonner des Geschützes der die Festung beschießenden Artillerie. Gegen neun Uhr des Morgens kamen wir zu Mola an, wo unser erster Blick auf Verwundete fiel, die man ins Feldlazarett transportierte, welche soeben bei den Belagerungsarbeiten durch das Geschütz der Belagerten übel genug zugerichtet worden waren, und von denen einige mit dem Tode rangen.