Bevor ich mit dem Bericht der Blockade und Belagerung von Gaëta während unsers Aufenthaltes vor dieser Festung fortfahre, muß ich ein paar Worte über die damalige Besitznahme von Neapel durch die Franzosen vorausschicken.

Napoleon hatte in den Feldern von Austerlitz beschlossen, der Herrschaft der Bourbonen in Neapel ein Ende zu machen, weil der König Ferdinand IV., gegen den Vertrag vom 21. Juli 1805, den Russen und Engländern die Häfen seines Reiches geöffnet hatte. Im Februar 1806 war das französische Heer in drei Kolonnen unter dem Oberbefehl von Napoleons Bruder, dem Prinzen Joseph, und dem Marschall Massena, der das Zentrum befehligte, im Königreich Neapel eingerückt. General Regnier, der den rechten Flügel kommandierte, war vor Gaëta gerückt, während Massena Capua fast ohne Widerstand nahm und die Franzosen schon den 14. Februar in die Hauptstadt eindrangen; einen Tag später hielt Joseph seinen feierlichen Einzug in dieselbe. Einstweilen war der linke Flügel des Heeres, meistens aus italienischen Truppen bestehend, unter dem General Lecchi über Itri vorgedrungen, und als wir im Mai nach Mola di Gaëta kamen, war, Gaëta und einige andere, im Absatz und an der Sohle des italienischen Stiefels liegende Gegenden ausgenommen, schon der größte Teil des Königreiches von den französischen Truppen besetzt, aber noch weit entfernt, beruhigt zu sein. Der Tanz sollte im Gegenteil erst recht angehen und lange und blutig genug werden. Unterdessen war durch ein kaiserliches Dekret der Prinz Joseph zum König von Neapel ernannt worden.

XVII.
Die Belagerung von Gaëta. – Mola di Gaëta. – Abmarsch nach Neapel. – Sessa. – Ein Dominikanermönch verführt zwei Korporale. – Capua. – Aversa. – Neapel. – Vetter Moritz. – Der neue König und seine Regierung. – Das Blut des heiligen Januarius wird zugunsten der Franzosen flüssig. – Scheußliche Exekutionen. – Der Vesuv speit Feuer. – Die Lazzaroni. – Die italienischen Benefizvorstellungen. – Aufstand in Kalabrien. – Abmarsch dahin.

Der General Regnier hatte den Versuch gemacht, die starke Festung Gaëta durch eine Überrumpelung zu nehmen, der jedoch verunglückt war; denn der Prinz von Hessen-Philippsthal, der in derselben kommandierte, verteidigte sich auf das tapferste und hatte geäußert: „Gaëta ist nicht Ulm und ich bin nicht Mack.“ Der General Grigny und mehrere Offiziere und Soldaten hatten bei diesem Versuch das Leben verloren; doch war eine Redoute weggenommen worden. Regnier hatte nun eine Abteilung seines Armeekorps vor der Festung gelassen, um diese einstweilen im Blockadezustand zu halten, und war mit dem Überrest seiner Truppen weiter in das Königreich Neapel vorgerückt. Im Monat März wurden die Belagerungsarbeiten begonnen. Unterdessen hatten die Franzosen das neapolitanische Heer, durch Insurgenten verstärkt, in den Engpässen von San Martino überflügelt und auf das Haupt geschlagen, so daß sich dasselbe in zügelloser Flucht auflöste; ein Bataillon von der königlichen Garde, mehrere tausend Gefangene, Geschütz, Pferde und Bagage waren den Siegern in die Hände gefallen. Der Rest flüchtete sich in die Gebirge von Kalabrien.

Schon lange vor unserer Ankunft hatte man angefangen, die Festung zu beschießen, und fand für nötig, das von Regnier zurückgelassene Belagerungskorps, das anfänglich nur aus zweitausendfünfhundert Mann bestand, bis auf fünfzehntausend Mann zu verstärken, sowie das nötige Belagerungsgeschütz nicht ohne große Beschwerlichkeiten, zum Teil sogar von Mantua, kommen zu lassen. Die meisten Lafetten dazu wurden erst im Lager selbst verfertigt.

Wir biwakierten größtenteils in Baracken oder Erdhütten und waren bei den Schanzarbeiten dem feindlichen Feuer sehr ausgesetzt. Man hatte mir oft gesagt, daß selbst der unerschrockenste Mensch, der zum erstenmal in das Feuer der Schlachten komme, sich des sogenannten Kanonenfiebers und eines Herzklopfens nicht erwehren konnte, indessen habe ich bei dieser Belagerung, wo ich zum erstenmal feindliche Kugeln zischen hörte, von diesem Fieber nichts verspürt, obgleich unsere Kompagnie an einem der gefährlichsten und dem Geschütz der Festung am meisten ausgesetzten Ort arbeiten mußte; dagegen verursachte mir der Anblick der oft schwer Verwundeten und Verstümmelten eine schmerzliche Empfindung. Gewiß ist es, daß ein passives Verhalten vor dem Feinde oder bei dessen Angriffen am ersten geeignet ist, Herzklopfen zu verursachen, besonders wenn man in einem hintern Treffen müßig, das Gewehr im Arm, stehen muß, während die vordern schon handgemein sind und man die armen Teufel mit zerschmetterten Gliedern, Armen und Beinen, jammernd, stöhnend, ächzend und Schmerzensgeschrei ausstoßend, vorübertragen sieht; da gebe ich gern zu, daß auch der Mutigste nicht gleichgültig bleibt, er hat wenigstens ein banges Vorgefühl, weshalb man immer die nicht gleich ins Feuer kommenden Truppen womöglich so zu placieren suchen sollte, daß ihnen dieser eine nachteilige Wirkung habende Anblick erspart würde. Wenn aber, kaum in Schlachtordnung gestellt, der Angriff sogleich beginnt, so ist das Wirbeln der Trommeln, das Schmettern der Trompeten, das Wiehern der Rosse, der Donner des Geschützes und das Abfeuern der Gewehre, sowie das betäubende Schlachtgetöse überhaupt, ganz dazu gemacht, den Soldaten, wenn er auch nicht gerade zu den Tapfersten gehört, zu begeistern und zu ermutigen. Wenigstens erging es mir so, und wenn das Getümmel des Gefechts am ärgsten war, hatte ich am wenigsten Sinn für Gefahr, in die ich mich mit Enthusiasmus, ja mit einer Art von Wut stürzte, und nur der ausgemachteste Feigling kann dann noch Sinn für Flucht oder Angst haben.

Es waren besonders zwei Anhöhen, von denen der Hauptangriff auf die Festung gemacht werden mußte. Beide waren durch eine Schlucht getrennt. Auf dem einen Hügel stand ein altes Gemäuer, Terra attratina genannt, in welchem man Pulver aufbewahrte, der andere Hügel hieß Monte secco; auf beiden wurden Batterien aufgepflanzt, nachdem man mit den Laufgräben fertig war, die man anlegen mußte, um die Leute dem feindlichen Geschütz, das ein ununterbrochenes, furchtbares Feuer unterhielt, ohne es erwidern oder sich verteidigen zu können, nicht zu sehr bloß zu geben, denn es setzte täglich eine bedeutende Zahl Toter und Verwundeter. An der Küste hatte man ebenfalls mehrere Batterien errichten müssen, um sich vor den Angriffen der feindlichen, namentlich der englischen Schiffe zu sichern, da die Kanonierschaluppen und Bombardierschiffe oft sehr nahe an das Ufer kamen. Die Arbeiten waren überhaupt sehr mühsam, und es bedurfte einer großen Menge Sandsäcke, Schanzkörbe, Faschinen und so weiter, wozu die Materialien und das Holz sehr weit im Lande, bis bei Fondi, geholt werden mußten; auch traf man bei dem Graben der Laufgräben nicht selten auf alte Mauern und Fundamente, die so fest und stark waren, daß sie mit Pulver gesprengt werden mußten, selbst die zu den Parapets nötige Erde mußte eine ziemliche Strecke weit herbeigeführt werden.

Gaëta selbst ist eine außerordentlich starke Festung, vielleicht mit die stärkste auf dem ganzen europäischen Kontinent, und von der Natur außerordentlich begünstigt, ein zweites Gibraltar. Sie liegt auf einer Erd- oder vielmehr Felsenzunge, ist von drei Seiten vom Meer umströmt, durch steile Felsen geschützt und hat einen trefflichen Hafen. Der Strich Landes, durch den sie mit dem Festland zusammenhängt, ist kaum zweitausend Schritte breit.

Die Stadt mochte etwa achttausend Einwohner zählen, von denen jedoch viele geflüchtet waren.

Die Garnison der Festung bestand aus zirka siebentausend Mann, sie wurde von der See aus durch die englischen, von dem tapfern Admiral Sidney Schmidt befehligten Schiffe mit allem, was ihr Not tat, reichlich versehen und ihr Verstärkungen zugesichert, auch schlug Philippsthal jeden Antrag einer Kapitulation auf das entschiedenste aus. Es war keine kleine Aufgabe für eine Macht, die nicht Herr zur See war, unter diesen Umständen Gaëta zu bemeistern. Ein großer Fehler, den der dort kommandierende Prinz begangen, war, daß er die Vorstädte nicht hatte abbrennen lassen, die uns einen bedeutenden Schutz und die Mittel, manches Bedürfnis zu befriedigen, gewährten, überhaupt von großem Nutzen waren. Das Feuer aus der Festung war manchmal so heftig und anhaltend, daß es einem unaufhörlich rollenden Donner glich, aber die Munition wurde meistens vergeblich verschossen, nachdem die Belagerungsarbeiten weit vorgerückt waren; doch die Belagerten wurden ja damit auf das freigebigste von den Engländern versorgt, es kam ihnen also nicht darauf an, ein paar tausend Pfund Pulver und Kugeln in den Wind zu jagen.