Unser Bataillon blieb nicht länger als siebzehn Tage vor der Festung, während welcher es siebzehn Mann verlor. Diese ganze Zeit hatte ich mich nur dreimal entkleiden und auf einer Matratze in Mola schlafen können, so anstrengend war der Dienst; die übrige Zeit schliefen wir auf harter Erde, in Mäntel gehüllt, Tornister als Kopfkissen benutzend. Auch mit den Nahrungsmitteln war es schlecht bestellt, oft bestand mein ganzes Mittagsmahl in etwas Reis und Mais, in Wasser abgekocht und mit Öl geschmolzen; nur Wein war immer im Überfluß vorhanden, an Fleisch mangelte es. Man wird mir zugestehen, daß mein Debüt auf dem Kriegsschauplatz nicht das angenehmste war. Unsere Damen, die in Mola blieben, verließen uns schon in den ersten Tagen, um es in Neapel bequemer zu haben.
Die Gegend um Mola di Gaëta selbst ist sehr einladend, mit Lorbeeren, Myrten, Orangen und so weiter bedeckt und sieht einem großen Garten ähnlich. Die Frauen und Mädchen sind hier zierlich gewachsen, verstehen sich vorteilhaft zu kleiden, waren aber gewaltig franzosenscheu und verbargen sich so viel als möglich unsern Blicken. Der Wein ist von so guter Qualität, daß die meisten Soldaten und viele Offiziere sich denselben weit mehr schmecken ließen, als es der Gesundheit zuträglich war, wie die Folgen bewiesen; ich trank ihn immer nur mit Wasser vermischt, wie es die Einwohner machen, und blieb gesund dabei. Nichts ist dem Körper zuträglicher, als Mäßigkeit im Essen und Trinken, er verträgt dann auch weit leichter alle Strapazen und Entbehrungen, und selbst Exzesse anderer Art schaden ihm weniger, dabei ist es gut, sich in jedem Lande möglichst bald die Gewohnheiten der Bewohner hinsichtlich der Nahrung anzueignen; denn diese wissen längst aus Erfahrung, was am besten taugt.
Da ein paar Wochen nach unserer Ankunft wieder mehrere Bataillone aus Oberitalien zu dem Belagerungskorps gestoßen waren, so wurden andere, unter denen auch das unsrige, zum Abmarsch nach Neapel beordert, was uns sehr willkommen war; denn nichts ist unleidlicher als das lange Biwakieren vor einer Festung, es ist ein wahrer Tantaluszustand, man hat fortwährend das Ziel vor Augen und kann es nicht erreichen.
Wir brachen nach Sessa auf, unser erstes Quartier, nachdem wir das Lager, oder besser Biwak, denn Zelte hatte niemand gehabt, vor Gaëta verlassen hatten. Hinter Mola kommt man bald über den Fluß Garigliano, den alten Liris, der Latium von Campanien trennt. Das Städtchen ist ein elendes Nest von kaum dreitausend Einwohnern, in dem nichts zu haben war und wir sehr schlechte Quartiere hatten, die uns jedoch köstlich dünkten im Vergleich mit unsern Lagerstätten vor Gaëta. Die Soldaten lagen auf Welschkornstroh, wieder in einem Kloster, deren es nicht weniger als sechzehn hier gab. Die Einwohner entschuldigten sich mit den fortwährenden Durchmärschen und dem Belagerungskorps, das alles in der Umgegend aufzehre, so daß sie uns selbst für Geld nichts geben könnten. Ein Ei bezahlte ich mit zehn Grani (acht Kreuzer).
In einem großen Stalle spielte diesen Abend eine wandernde Truppe eine neapolitanische Farce, der ich bis zehn Uhr zuzusehen die Geduld hatte. Als ich dieses prächtige Theater verließ, begegnete mir ein Sergeant, der mir sagte, daß mich der Bataillonschef schon allenthalben habe suchen lassen. Ich eilte sogleich zu Herrn Düret, der mich mit den Worten: „Aber zum Henker, wo stecken Sie denn immer?“ empfing.
„Ich komme aus dem Theater.“
„Das weiß der Teufel, ich glaube, wenn man nur den blanken Hintern zeigte, so müßten Sie auch noch ins Theater laufen. Das mag mir eine saubere Komödie gewesen sein.“
„Mon Commandant da können Sie recht haben. Aber was steht zu Ihrem Befehl?“
„Jetzt ist es für heute zu spät: zwei junge Korporäle, Deutschböhmen, haben eine Szene mit einem Dominikanermönch des Klosters, in dem sie einquartiert sind, gehabt, und wurden von einem Sergeanten, les culottes bas, hinter dem Chor mit dem Pfaffen erwischt. Die ganze Schweinerei wurde mir hierher gebracht, und da ich das Gewälsche des Pfaffen nicht verstehe, so ließ ich Sie suchen, um den Dolmetscher zu machen; Sie sind aber nie zu finden, wenn man Sie braucht und somit für heute abend entlassen.“
Der Pfaffe und die beiden Korporäle waren arretiert und in verschiedenen Behältern festgesetzt. Den andern Morgen, wir blieben diese Nacht in Sessa, wurde der Dominikaner seinem Prior zur Bestrafung übergeben, die beiden Korporäle aber zu Gemeinen degradiert, mit einer Zugabe von fünfzig Prügeln für einen jeden. Mehrmals kam es vor, daß die Mönche in den Klöstern sich junge Soldaten aussuchten, diese mit gutem Essen und Trinken reichlich traktierten, auch wohl berauschten, und dann zu ihren unnatürlichen Lüsten zu verführen suchten. Ich entledigte mich des mir gewordenen Auftrags, dem Prior tüchtig die Meinung zu sagen, mit so großer Energie, daß es diesem ganz schwül dabei wurde, indem ich ihm versicherte, es könne leicht dazu kommen, daß man sein ganzes Kloster rasieren und die Mönche auf die Galeeren nach Frankreich schicken würde. – Nachdem diese schmutzige Geschichte beendigt war, schickten wir uns zum Abmarsch nach Capua an.