Das moderne Capua liegt wie das alte in der üppigsten Gegend der heutigen Terra di lavoro, die man deshalb auch il Paradiso del Paradiso nennt, denn die Neapolitaner heißen bekanntlich ihr Land il Paradiso, das doch in mehr als einer Hinsicht auch ein Inferno ist. Die Stadt, welche etwa sechstausend Einwohner zählen mag, ist eine Festung, im ganzen schlecht und aus den Trümmern des alten Capua gebaut, hat aber einige schöne Kirchen, von denen eine, ich glaube die Hauptkirche, eine große, von goldgelb lackierten Ziegeln bedeckte Kuppel hat, so daß, wenn sie von der Sonne beleuchtet wird, sie ein goldenes Dach zu haben scheint. Die Granitsäulen, welche diese Kirche in großer Zahl stützen, sind verschiedenen heidnischen Tempeln entnommen und daher sehr ungleich an Form und Dicke.
Die Festungswerke dieser Stadt sind von dem berühmten Vauban angelegt, aber nichtsdestoweniger fiel sie den Franzosen fast ohne Widerstand in die Hände. Am Tage unserer Ankunft wurde in einem großen geschlossenen Raume, einer Art Hof, ein Stiergefecht nach spanischer Manier, aber sehr en miniature, aufgeführt, das aber doch die Schönen Capuas außerordentlich anzusprechen schien. Ein einziger Stier, der gerade nicht zu den unbändigsten gehörte, wurde von einem halben Dutzend wohlbewaffneter Kämpen gereizt, gehetzt, leicht verwundet und dann, ohne getötet zu werden, nachdem er viele, mehr possierliche als zu fürchtende Sprünge gemacht, wieder abgeführt, und zwar unter dem Jauchzen und Beifall des Volks!
Von Capua brachen wir nach Aversa auf, das auf der Hälfte des Wegs nach Neapel liegt. Was dieser Stadt einige Berühmtheit gibt, ist ihr vortrefflich eingerichtetes Narrenhaus, in welches die angesehensten Narren Neapels, freilich bei weitem nicht alle, eingesperrt werden. In dem hiesigen Schloß hielten die alten Könige von Neapel öfter ihren Hof, und Johanna I. ließ 1345 den König Andreas von Ungarn, ihren Gatten, hier erwürgen.
Von hier marschierten wir endlich in die Hauptstadt des uns so gelobten Landes, wo wir ein recht angenehmes Leben in Hülle und Fülle, in Saus und Braus führen zu können hofften, denn von dem Ausmarsch aus Genua an war fast nur die Rede von den Annehmlichkeiten, die uns zu Neapel erwarteten. Ich hatte außerdem noch einen ganz besonderen Magnet, der mich dahin zog, nämlich einen nahen Anverwandten namens Moritz aus Frankfurt, der schon seit einer Reihe von Jahren hier etabliert war, als Bankier ein großes und glänzendes Haus führte, und von dem ich die Überzeugung hatte, daß er nichts weniger als eine jener gewöhnlichen Geldsackseelen war, wie man sie leider in der körperlichen Hülle der großen Mehrzahl dieser Mammonsknechte findet, die keinen andern Sinn als für Batzenklang haben, und die deshalb in der Regel die unwissendsten und langweiligsten Personnagen sind. Herr Moritz machte eine ehrenvolle Ausnahme, er lebte den Künsten und Wissenschaften, ohne deshalb seine Geschäfte zu vernachlässigen, sein Haus war der Sammelplatz der ausgezeichnetsten Männer, mitunter auch der lustigsten Brüder und geistreicher Frauen, die aber nicht zu den angesehensten gehörten, aus Ursachen, die wir sogleich anführen werden, vielleicht eben darum um so angenehmer waren, und folglich das unterhaltendste Haus von der Welt, in dem keine Langeweile aufkommen konnte. Auch wußte ich, daß ich daselbst einen freundlichen Jugendgespielen, einen Neffen meines Vetters, den jungen Fritz Stock, der mit mir die Mädchenschule in Frankfurt besucht hatte, treffen würde, Aussichten, die machten, daß ich mich Neapel freudig näherte.
Seit mehr als einem Vierteljahr waren die Franzosen im Besitz dieser Stadt, als wir daselbst ankamen; den 31. März 1806 war Joseph zum Herrscher des Königreichs proklamiert worden. – Die alte Königin Karoline, Gattin Ferdinands IV., ein bitterböses Stück von einem Weib, hatte zwar, nachdem alle Versuche, den Marsch der Franzosen aufzuhalten, vergeblich gewesen, dem Heerführer derselben wissen lassen: sie würde ihm, dem Reich den Rücken kehrend, nur dampfende Ruinen und Leichname hinterlassen; da aber diese verruchte Äußerung sehr bald in Neapel bekannt wurde, so hatten die bessern Bürger schnell zu den Waffen gegriffen, sich in hundert Kompagnien organisiert, um das von ihrer wohlwollenden Königin gedungene, besoldete Raubgesindel und die Banditen im Zaum zu halten. Ihre Majestät überfiel nun selbst eine so gewaltige Furcht, daß sie alle Zugänge zum Palast eiligst vermauern ließ und zugleich bekanntmachte, es sei auch ihr Wille, daß Neapels brave Bürger für die Sicherheit der guten Stadt wachten. Sie ließ aber zugleich in aller Eile so viel Schätze wie möglich, und wo sie solche erwischen konnte (sogar aus der Bank hatte sie zehn Millionen, die Privaten gehörten, genommen), zusammenraffen, und entfloh samt ihrem Hofgesinde damit nach Sizilien, von wo aus sie den Aufstand in Kalabrien schürte und das glimmende Feuer zu hellen und blutigen Flammen anblies. Dieses Weib war auch mit die Hauptanstifterin des Gesandtenmords zu Rastatt gewesen.
Unser Bataillon wurde samt den Offizieren in die Fortezza nuova kaserniert. Den Tag nach meiner Ankunft suchte ich sogleich meinen Herrn Vetter auf, der in der Straße San Giacomo di Spagna wohnte, von dem ich auf das herzlichste, ebenso von seinem Schwestersohn, dem jungen Stock, mit offenen Armen aufgenommen wurde; man hatte mich schon seit einiger Zeit nach Briefen von meinem Vater erwartet, von dem ich auch zwei Schreiben an mich vorfand. Ich mußte gleich zu Tische bleiben und wurde gebeten, so lange unser Aufenthalt in Neapel währte, mit demselben vorlieb zu nehmen, was ich aber, den Dienst vorschützend, ablehnte, weil es mich jedenfalls geniert haben würde; auch Maultiere und Pferde wurden mir zu Exkursionen, sowie Plätze in Logen in San Carlo und der Fiorentini, die beiden ersten Theater der Stadt, zur Disposition gestellt. In Italien ist es nämlich der Brauch, nur noch ein kleines Entreegeld an der Kasse zu bezahlen, wenn man Eintritt in die Privatloge eines Freundes oder Bekannten hat, aus der man aber dann auf keinen andern Platz gehen kann.
Moritz’ gastfreies, splendides Haus wurde von der hohen Noblesse Neapels sowie von der französischen Generalität und den Stabsoffizieren frequentiert, und in demselben lernte ich den Seeminister Pignatelli, den Polizeiminister Salicetti, den Oberst Franceschi, den Duca del Campo chiaro und eine Menge Ducas, Principi, Marchesen und so weiter kennen, von denen freilich gar manche nicht viel mehr sagen wollten als unsere armen deutschen Edelleute, die sich aber die köstlichen Ortolanen, Trüffelpasteten, den Lacrimä Christi und Champagner meines freigebigen Vetters trefflich schmecken ließen, und nicht selten noch obendrein dessen Kasse in Anspruch nahmen. Dafür ließen sie sich aber auch vieles gefallen, einige waren die Souffre-Douleurs und die Zielscheiben des Witzes der Offiziere; der junge Stock, der dieser neapolitanischen Schmarotzer-Clique, die seinen guten Oheim auszog, nicht sehr hold war, ging oft auf das unbarmherzigste mit ihr um, was jedoch die Herren nicht vom Wiederkommen abhielt und sie das Essen und Trinken nicht minder wohlschmecken ließ, ja sie fanden sich nicht selten ungeladen ein; als eines Tages Herr Moritz ein Diner fin auf seinem Kasino gab, aus den ausgesuchtesten Leckerbissen bestehend und nur für einen kleinen, auserwählten Kreis berechnet, sich aber dennoch drei dieser ungeladenen neapolitanischen Schmeißfliegen, deren vortreffliche Schnüffelnasen den Braten gerochen hatten, einfanden, sagte ihnen der junge Stock geradeheraus, daß für sie kein Kuvert gedeckt sei, worauf sie mit dreistlächelnder Miene erwidertem „Oh vi piace di scherzare, Signore!“ Stock wollte nochmals replizieren, aber sein zu guter Oheim fiel ihm ins Wort und sagte: „Mein Neffe ist ein Spaßmacher, das wissen Sie, allerdings sind Sie geladen.“ Man kann sich keinen Begriff von der Unverschämtheit dieser armen neapolitanischen Schlucker machen, die mit der unverschämtesten Zudringlichkeit zugleich die größte Niederträchtigkeit verbinden; ich war Zeuge, wie einer dieser Herren, dem Stock soeben auf das empfindlichste mitgespielt hatte, demselben gleich darauf mit seinem Taschentuch den Staub von den Stiefeln wischte. Da Moritz nicht verheiratet war, sondern eine Opernsängerin, Signora Brunni, zur Geliebten hatte, die er jedoch von der Bühne weggenommen, und die also nicht mehr auftrat, so konnte man in seinem Haus auch keine neapolitanischen Damen vom ersten Rang kennen lernen, dagegen aber brachten viele der geladenen Herren auch die von ihnen unterhaltenen Geliebten mit, meistens Prinzessinnen der verschiedenen Bühnen Neapels, was dann die Gesellschaft und Unterhaltung außerordentlich heiter und belebt machte und alle Langeweile verbannte. – Unter den Gästen war auch in der Regel ein Maestro di Musika (Kapellmeister), ein wohlgenährter Dickwanst und Gutschmecker, der aber sein Essen durch das Dirigieren der Musik, welche bei solchen Gelegenheiten meistens den Schluß des Festes machte, wohl verdiente, aber den andern Gästen ganz ungeniert, im Bewußtsein seines hohen Verdienstes um die Gesellschaft, die besten Bissen vor dem Mund wegschnappte, wohl dreißig Ortolanen zu verschlucken und mit ein paar Flaschen Cyprier oder Lacrimä hinabzuspülen wußte. Unter den fast täglichen Tischgenossen befand sich auch ein gewisser Metzler aus Frankfurt, der Bruder eines der reichsten Bankiers daselbst, der den Titel Geheimerrat führte, er selbst aber war blutarm und lebte ganz von der Großmut des Herrn Moritz, da ihm seine reichen Verwandten auch nicht die mindeste Unterstützung zukommen ließen.
Noch war den Franzosen in Neapel alles neu, und kein Mensch wußte sich recht in die Neuheit dieser Dinge zu finden, am allerwenigsten der neugebackene König, der zwar ein ziemlich unterrichteter Mann, von gefälligen Sitten und Manieren war, aber wenig oder gar keine Regententugenden besaß, und dem die einem Herrscher durchaus nötigen Eigenschaften mangelten, die hier, wo es galt, ein soeben erobertes und sich noch in Gärung und großen Unruhen befindendes Königreich zu beruhigen, neu zu organisieren und sozusagen umzugestalten, hundertmal erforderlicher waren, als bei der Besteigung eines angeerbten Thrones. Dabei besaß Joseph, dieser ältere Bruder Napoleons, eine ziemliche Dosis Eitelkeit bei wenig Charakterfestigkeit, und suchte seine unbedeutende Herkunft durch einen übermäßigen Aufwand an Pracht und Pomp zu bemänteln. Seine Tafel ließ er mit lukullischer Schwelgerei servieren, er affektierte, Künste und Wissenschaften zu beschützen, war auch in der französischen, italienischen Literatur ziemlich bewandert und hatte eine oberflächliche Kenntnis von der englischen. Daß auch die Deutschen eine solche hätten, schien er gar nicht zu ahnen oder glaubte wenigstens, daß es eine ganz barbarische sein müsse, ein Vorurteil, das er mit der großen Mehrzahl der gebildetsten Franzosen jener Zeit teilte. Er hatte zwar zuerst seinem kaiserlichen Bruder gesagt, er möge ihn lieber im Schoß seiner Familie leben, als über Völker herrschen lassen; aber der Glanz einer Krone und eines Thrones machten ihn schnell andern Sinnes. Da er ohne seine Gemahlin, ein seltenes Muster der Tugend und Weiblichkeit, eine ganz vortreffliche Gattin und Mutter, die noch in Paris zurückgeblieben, nach Neapel gekommen war, so führte er daselbst ein ziemlich ausschweifendes, manches öffentliche Ärgernis gebendes Leben. Die Weiber mußten ihm sogar bis auf die Jagd folgen, und man nannte diese Damen nur seine Cacciatricen (Jägerinnen), wobei es weit mehr auf eine ganz andere Jagd als das gewöhnliche Wild abgesehen war.
Ein anderer, sehr schlimmer Umstand war, daß kaum, nachdem sich die Franzosen im Besitz von Neapel befanden, ganze Schwärme der nichtsnutzigsten Subjekte von Paris kamen, gleich Heuschrecken sich über die Hauptstadt und das Land ergossen, alle um hier ihr Glück zu machen, oder wenigstens doch einträgliche Stellen zu erhalten, was auch den meisten gelang. Diese Individuen, die los zu sein Frankreich froh, und deren Moralität und Verdorbenheit grenzenlos war, saugten nun, jeder so viel es in seiner Gewalt stand, das neu eroberte Reich aus, und waren so die Ursache, daß die Franzosen, die anfänglich der bessere Teil der Neapolitaner, welcher die liederliche Wirtschaft und Verwaltung des frühern Hofs verwünscht hatte, schätzte, bald der Gegenstand des allgemeinsten und bittersten Hasses wurden. Ein tüchtiger und weiser Regent, Männer wie der Vizekönig oder Bernadotte, würden in Neapel viel Gutes ausgerichtet und ihre Regierung bald sehr beliebt gemacht haben, denn die Umstände konnten, wegen des Benehmens des entflohenen Hofes und seiner verachteten und gehaßten Königin, nicht leicht besser sein, als sie es bei Josephs Ankunft waren, dessen wenig einsichtsvolle Handlungen aber alles verdarben. Besonders war es auch die so ganz widersinnige Besetzung der höhern Zivilämter, die nur einzig mit Gunst und Protektion stattfand, ohne daß man die vorgeschlagenen oder sich meldenden Subjekte im geringsten hinsichtlich ihrer Fähigkeit und Moralität prüfte, welche den schädlichsten Einfluß hatte. Der neue Monarch sah und hörte nichts selbst, sondern verließ sich ganz auf seine Minister und nächsten Umgebungen, so daß der Intrige voller Spielraum gelassen war. Einen der gröbsten Fehler hat der sogenannte große Napoleon begangen, indem er seine, sämtlich zu Regenten ganz untauglichen, Brüder auf Throne setzte, wo es nicht fehlen konnte, daß es ihren eben nicht sehr starken Geistern auf solchen Höhen schwindeln mußte.
Das in Neapel vom Thron ausgehende böse Beispiel wirkte bis auf die unbedeutendsten Chargen und steckte sogar die gemeinen Soldaten an, alles wollte nur vollauf genießen und den günstigen Augenblick benutzen, als erwarte man das Ende der Herrlichkeit den kommenden Tag. An vielversprechenden Proklamationen ließ man es zwar nicht fehlen, in denselben wurde unter anderm gesagt, daß mit der notwendigen Verjagung der alten Königsfamilie Napoleons gerechte Rache vollkommen gesättigt sei, daß man alles Eigentum und die Kirche in besondern Schutz nehmen werde, daß alle wohlerworbenen Pensionen fortbezahlt würden und alle Spitäler und wohltätigen Anstalten für die Zukunft von allen Abgaben befreit bleiben sollten; auch gab man die Fischereien am Posilippo und sogar die Jagden im ganzen Reich dem Volk frei, etwas bis jetzt Unerhörtes. Aber zu gleicher Zeit errichtete man eine sehr zahlreiche Gendarmerie, die in Kompagnien eingeteilt, die öffentliche Sicherheit befördern sollte, jedoch sich oft unerträgliche Plackereien erlaubte, die nicht nur straflos blieben, sondern sogar von oben herab aufgemuntert und nach Umständen belohnt wurden. Starke und zahlreiche Patrouillen durchstreiften Tag und Nacht die Hauptstadt, zu deren Gouverneur der Marschall Jourdan ernannt worden war, nach allen Richtungen. Um das Volk zu beruhigen und dasselbe glauben zu machen, der Himmel selbst habe den neuen Herrscher begünstigt, suchte man es durch das Blendwerk einer großen Prozession, mit den Reliquien des heiligen Januarius veranstaltet, zu gewinnen. Diese Feierlichkeit wurde mit der größten Ostentation begangen. Mönche von allen Orden, eine unzählige Menge von Weltgeistlichen, das Kapitel mit dem Kardinal-Erzbischof an der Spitze, Jourdan mit der ganzen Generalität und dem Stab und große Abteilungen aller Regimenter der Garnison, die sämtlich unter dem Gewehr stand, folgten ihr. Es wurde dabei inbrünstig gebetet, alles fiel auf die Knie nieder, als man das Blut des heiligen Januarius zeigte, das jedoch erst nach einer guten Viertelstunde, als bereits die Knie zu schmerzen anfingen und das Volk ängstlich zu murmeln begann, flüssig wurde. Aber jetzt erscholl auch aus tausend und abermal tausend Kehlen der gleich dem Donner fortrollende Ruf: „Miracolo! Miracolo!“ und das ganze Volk schien jetzt überzeugt, daß der heilige Januarius ein Freund der Franzosen sei und sie beschütze. Indessen sagte man sich im Vertrauen, daß die hohe Geistlichkeit nur durch die ernstlichsten Maßregeln und Drohungen zu dem Gaukelspiel der Flüssigmacherei des heiligen – Ochsenblutes hatte bewogen werden können. Jourdan hatte nämlich dem Kardinal-Erzbischof nur die Wahl gelassen, ob das Blut des Heiligen oder sein eigenes fließen solle. Die Eminenz zog daher vor, das erstere fließend zu machen.