„Halt’s Maul, Schwester, mit Respekt vor der ehrbaren Gesellschaft, da hast du einen saubern Geist geboren! Er hat seinem Oheim, meinem Mann, auch ein Stück von diesem Faust vorgelesen, das ist ein sündhaftes, gottloses Werk, das mich aus der Stube getrieben hat; wenn er das drucken läßt, dann soll er nicht mehr sagen, daß ich seine Tante bin, ich müßte mich zu Tode schämen; unsern lieben Herrgott läßt er darin eine Unterredung mit dem Teufel haben, gerade wie wenn er wie unsereins wäre; ist das nicht himmelschreiend? Ich würde mich zu Tode grämen, wenn ich so einen gottlosen Sohn hätte. Unsern Herrgott mit allerlei Lumpengesindel, Komödianten, Hexen, Dichtern und andern Hanswursten in einer Komödie auftreten zu lassen! bewahre mich unser Heiland. Aber das ist die Folge eurer freigeisterischen Erziehung. Schon als Kind hat der Wolfgang immer mit Puppenspielen und dem gottlosen Komödienwesen zu tun gehabt, da haben sie den Jungen in der Messe in die Marionetten gehen lassen, und da hat er den Faust und all das Unwesen gelernt und abgeguckt; wie oft habe ich dir nicht gesagt, daß du dies nicht dulden solltest, es würde nimmer etwas Gutes daraus entstehen, und nun haben wir die Bescherung.“
„Nimm mir’s nicht übel, liebe Schwester, aber allen Respekt vor der Gesellschaft, du bist eine alberne Gans. Was kann man auch anders von Leuten erwarten, die sich fürchten, zu dreizehn an einem Tische zu sitzen. Übrigens begreife ich gar nicht, wie sich so fromme und gläubige Seelen wie du vor dem Tod fürchten können, da ihnen doch das Himmelreich mit all seinen Freuden gewiß ist; sie sollten sich im Gegenteil freuen, dieses irdische Qualtal je eher je lieber zu verlassen, um baldmöglichst der himmlischen Glückseligkeit teilhaftig zu werden; ihre Todesfurcht und ihr Glaube sind schwer zu erklärende Widersprüche, der letztere muß eben nicht sehr kapitelfest sein.“
„Ja, wenn die geheimen Sünden nicht wären,“ versetzte mit einem boshaften Seitenblick Herr Fahrtrapp. „Doch lassen wir das, die Frau Oberstin muß sich nun schon drein geben, zu dreizehn zu bleiben, wenn sie nicht zuerst sterben will, und wenn es ans Weggehen kömmt, will ich ihr auch den Gefallen tun, zuerst zur Türe hinauszugehen, sollte ich auch zuerst abfahren müssen. Einstweilen wollen wir aber noch wacker auf die Gesundheit des neuen Christen trinken.“
„Sehr verbunden, lieber Oheim,“ erwiderte Herr Fröhlich.
„Und du wirst uns mit einigen Schnurren unterhalten, damit wir die fatalen dreizehn vergessen,“ sprach Schöffe Weller zu seinem Schwager.
„Mit Vergnügen,“ versetzte der Antiquarius.
Unterdessen war die Wartfrau Greifenstein wieder in das Zimmer getreten, und Frau Schulter hatte sie gepackt und ließ sie nicht mehr weg, indem sie sagte, sie wolle selbst von Zeit zu Zeit nach der Wöchnerin und ihrem Kind sehen und diese versorgen. Der guten Frau war ein großer Stein vom Herzen gefallen, denn sie waren ja nun zu vierzehn.
Nachdem Herr Fahrtrapp nochmals den großen silbernen Taufpokal mit Hochheimer gefüllt, auf das Wohl des Hausherrn und seines Erstgebornen getrunken, ihn dann in der Reihe hatte herumgehen lassen, sprach er mit erhobener Stimme: „Damals, als Herr François Arouet von Voltaire in unsern Mauern ...“
„Nichts von Voltaire, Herr Fahrtrapp, nichts von Voltaire,“ riefen mehrere Stimmen zugleich, „diese Geschichte haben wir schon zur Genüge gehört.“
„Tut nichts, Sie können sie immer noch einmal hören,“ erwiderte der Antiquarius etwas unwillig.