„Und ich kenne sie noch gar nicht,“ sagte Herr Scholze, der Bremer Millionär, „was hat es denn für eine Bewandtnis damit?“
„Ach, es ist eben nicht viel daran,“ murmelte Herr Weller.
„Was, nicht viel daran? Ei, dich soll ja ... ja, wärest du nicht mein lieber Schwager, so ... Voltaire, und nicht viel daran! Weißt du, daß alles, was Voltaire berührt, groß ist?“
„Dann mußt du freilich auch ein großer Mann sein,“ erwiderte Herr Weller, „da auch du in Berührung mit ihm gekommen bist.“
„Keinen unzeitigen Spaß, Herr Schöffe, ich weiß recht gut, daß euern hochobrigkeitlichen Ohren die Geschichte nicht allzu wohl klingt, und zwar aus sehr handgreiflichen Ursachen; aber da kehre ich mich nicht daran, darum hören Sie, Herr Scholze, ich will Ihnen mit zwei Worten sagen, was an der Sache ist. Als Herr von Voltaire auf Befehl des großen Friedrich gezwungen ward, wohlbewacht in unserer kaiserlichen freien Reichsstadt unfrei zu verweilen, hatte ich Gelegenheit, diesem damals verfolgten großen Genie einige kleine Dienste zu erweisen. Die hiesigen Behörden hatten sich, mit Gunst, Herr Schwager Schöffe, eben nicht zum ehrenvollsten bei dieser Gelegenheit benommen. Es war im Monat Juni des Jahres 1753, als der selige Buchhändler Van Düren vom Herrn von Voltaire, der wegen einem Manuskript Friedrichs des Großen auf dessen Verlangen in Frankfurt festgehalten und von zwölf Soldaten unserer achtbaren Miliz bewacht wurde, hundert Dukaten in Gold für ein anderes Manuskript von diesem König, das den Titel ‚Antimacchiavell‘ führte und er auf Voltaires Veranlassung gedruckt hatte, forderte. Der in jenem Jahr wohlregierende Bürgermeister Fichard ließ mich rufen, um mein Gutachten in dieser verdrießlichen Sache zu hören. Nachdem ich mich genau von allen Umständen unterrichtet hatte, fiel dasselbe dahin aus, daß Van Düren höchstens zwanzig Dukaten in Anspruch nehmen könne, und Herr von Voltaire hatte es mir zu verdanken, wenn er mit dieser geringen Summe und einigen Plackereien, denen die Fremden häufig bei uns ausgesetzt sind, davon kam[3]. Bei dieser Gelegenheit hatte ich öfters Unterredungen mit diesem großen Manne und wurde dadurch instand gesetzt, ihn gehörig zu würdigen, auch entsinne ich mich noch jedes Wortes, das zwischen uns gewechselt wurde, und besonders, was er über unsere Regierung äußerte, was ich mich aber wohl hüten werde zu wiederholen, um die etwas empfindlichen Ohren unserer hohen Obrigkeit nicht zu beleidigen.“
Bei diesen Worten warf der Sprecher einen Blick auf den Schöffen und fuhr fort:
„Was mich anbetrifft, so zeigte sich der große Mann ungemein erkenntlich für die geringen Dienste, die ich ihm geleistet hatte, und bei der letzten Unterredung, die ich mit ihm gehabt, sagte er, mich vertraulich auf die Schultern klopfend:
‚Mein werter Freund, Sie haben großes Unrecht, in einer Stadt zu bleiben, wo man Ihre Verdienste so wenig zu würdigen versteht; an Ihrer Stelle würde ich dieses Land verlassen und mich in der Hauptstadt der zivilisierten Welt, zu Paris, niederlassen, dort ist das Feld für Männer Ihres Schlages, und wenn ich Ihnen daselbst nützlich sein kann, so dürfen Sie nur über mich gebieten, mit Vergnügen würde ich für Sie tun, was in meiner Macht steht.‘
Ich bemerkte jedoch dem großen Geist, daß meine Geschäfte eine solche Ortsveränderung nicht zuließen, dankte für das gütige Anerbieten und sagte ihm, daß, wenn für den kleinen Dienst, den ich so glücklich war ihm erweisen zu können, er mir eine andere Gunst erzeigen wolle, mich dies überaus glücklich machen würde.
‚Und was wünschen Sie, lieber Fahrtrapp, sprechen Sie, wenn es in meinen Kräften steht, mit Vergnügen ... Was ist’s?‘