In Pau sollten wir bis auf weitere Order liegen bleiben; die ganze Umgegend, besonders nach Bayonne zu, wimmelte von Truppen jeder Waffengattung, die zum Teil auf Wagen herbeigefahren waren, was uns nicht so gut geworden. Niemand konnte noch mit einiger Gewißheit sagen, was diese abermalige Versammlung eines Heeres in dieser Gegend bezwecke, obgleich jedermann der Meinung war, daß es auf Spanien abgesehen sein müsse und wir dem Marschall Jünot folgen würden, da schon Truppen vom zweiten sogenannten Observationskorps in Spanien eingerückt waren.

Die Weihnachten und das Neujahr 1808 hatten wir diesmal auf dem Marsch zugebracht, ohne an irgendeine Feier zu denken. Jetzt erhielt das Bataillon Befehl, gegen Bayonne aufzubrechen, in dessen Nähe es verlegt werden sollte. Zu der nach Spanien bestimmten Armee hatte man besonders neu formierte Korps gebildet, welche die Benennung Legions de reserve für die Infanterie und Regiments provisoirs für die Kavallerie, Dragoner, Kürassiere, Chasseurs à cheval und so weiter erhielten. Die Mannschaft dazu hatte man teils aus den Depots anderer Regimenter, teils aus der antizipierten Konskription von dem Jahre 1808 genommen. Schon längst hatte ich eine Versetzung in ein französisches Regiment und das Regiment Y. zu verlassen gewünscht, aber bis jetzt vergeblich darnach getrachtet, und am liebsten wäre ich zur leichten Kavallerie, namentlich den Husaren oder Chasseurs à cheval gegangen. Jetzt schien mir die Formierung des nach Spanien bestimmten Heeres eine passende Gelegenheit, dieses Projekt auszuführen und die Versetzung zu einem anderen Regiment durchsetzen zu können, obgleich ich aller Protektion dazu entbehrte. Meine Dienstzertifikate hatte ich mir vor unserer Abreise nach Neapel ausfertigen lassen. Ich lag mit meiner Kompagnie in einem ungefähr anderthalb Stunden von Bayonne entfernten Weiler, besuchte aber oft diese Stadt, in welcher sich jetzt ein sehr glänzender und zahlreicher Generalstab befand. Hier war das große Depot für alle nach Spanien bestimmten Truppen, wo es beständig von Offizieren und Soldaten aller Waffengattungen wimmelte. So machte ich in einem Kaffeehause die Bekanntschaft eines Stabsoffiziers vom zweiten Regiment garde de Paris, das dem zweiten Observationskorps der Gironde zugeteilt war, welches der General Düpont en Chef kommandierte. Durch diesen Offizier, einen Bataillonschef namens Bardin, erfuhr ich, daß unser ehemaliger Oberst, Fürst Y..., ganz kürzlich als Brigadegeneral bei der ersten Division des vom Marschall Moncey befehligten Observationskorps stand. Bardin hatte den Fürsten öfters in Paris gesehen und fragte mich nach dessen Verhältnissen in Deutschland; wir waren beide bald darin einverstanden, daß sich derselbe niemals als ein großer Kriegsheld im Feld hervortun würde, auch riet mir Bardin, alles anzuwenden, um in ein anderes Regiment zu kommen, da das Regiment Y... sowie Latour d’Auvergne in einem schlimmen Ruf in der Armee stünde wegen der Desertionen und Exzesse, welcher sich Soldaten und Offiziere desselben schuldig machten. Ich erwiderte ihm, daß der Rat wohl gut und dies schon längst mein Wunsch sei, aber es mir durchaus an Bekanntschaften fehle, um ihn in Erfüllung zu bringen, und dies um so schwerer sei, weil ich kein geborener Franzose, sondern jetzt ein Untertan des Großherzogs von Frankfurt sei. Bardin erkundigte sich nach meinen bisherigen Dienstverhältnissen, nach den Kampagnen, die ich bereits gemacht, und ersuchte mich, ihm meine Etats de services den nächsten Tag mitzubringen, er könne vielleicht Mittel und Wege finden, mir in dieser Angelegenheit behilflich zu sein. Mit Freuden tat ich, was er verlangte, und brachte ihm schon den nächsten Morgen die gewünschten Papiere in sein Quartier. Nachdem er sie durchgesehen, versprach er mir, sich bei dem General Legendre, den er persönlich kenne und der Chef vom Etat-Major bei dem vom General Düpont befehligten Armeekorps von fünfundzwanzigtausend Mann sei, für mich zu verwenden und mich ihm bestens zu empfehlen. Bald versicherte er mir, daß meine Angelegenheit recht gut stünde und ich nächstens Neues erfahren werde; in der Tat wurde ich schon zehn Tage später auf Befehl des Marschall Moncey provisorisch der dritten Legion der Reserve zugeteilt und bald darauf vom Kriegsminister definitiv bei derselben angestellt.

Von Bayonne wurde ich nach Bordeaux beordert, wo noch eine Abteilung der Legion, bei der ich jetzt stand, lag. Ich fuhr mit der Post dahin und ließ meine beiden Pferde – ein zweites sehr gutes hatte ich in Pau gekauft – durch meinen Reitknecht nachbringen. Ohne mich irgendwo aufzuhalten, erreichte ich diese berühmte Handelsstadt Frankreichs und meldete mich bei dem das zweite Bataillon kommandierenden Bataillonschef, der mir die dritte Kompagnie seines Bataillons übergab. Diese Legionen hatten weder Grenadier-, Karabinier- noch Voltigeurkompagnien. Herr Marlot, so hieß mein Chef, nahm mich recht freundlich auf und teilte mir mit, daß er jeden Tag den Befehl zum Abmarsch nach Bayonne erwarte, da die vier letzten Kompagnien schon völlig organisiert und marschfertig seien. Ich ließ mir schnell die bei meiner Legion notwendige neue Uniform machen und gab meinen neuen Kameraden, die sämtlich aus verschiedenen französischen Regimentern zu derselben versetzt worden waren, ein kleines Fest, nämlich ein Dejeuner, bei dem die Bayonner Schinken und die besten Bordeauxweine die Hauptbestandteile ausmachten und in Überfluß serviert wurden. Denselben Abend besuchten wir das große schöne Theater, unstreitig das schönste in Frankreich, das 1781 erbaut wurde und ein Meisterstück des Architekten Louis sowie der Baukunst überhaupt ist. Seine prächtige Fassade ist mit zwölf korinthischen Säulen verziert, und zwölf mit den Säulen korrespondierende Statuen schmücken die Balustrade. Das Vestibül und die Prachttreppe sind majestätisch. Außer der großen Bühne, die zum Teil außerordentlich schöne Dekorationen, wirkliche Meisterstücke der Dekorationsmalerei aufzuweisen hat, sind noch viele Säle, wie der für Konzerte, der prächtige Foyer, der Malersaal und so weiter, alle der Pracht des Gebäudes entsprechend, in demselben.

Den sechsten Tag nach meiner Ankunft zu Bordeaux erhielten wir Befehl zum schleunigen Abmarsch, den wir den folgenden in aller Frühe antraten. Durch verschiedene unbedeutende Orte kamen wir nach Bayonne, wurden aber vorerst nach Hasparren, einem Kantonsstädtchen in der Nähe von Bayonne, verlegt, wo wir jedoch nur zwei Tage blieben. Es war jetzt die ganze Gegend so sehr mit Truppen aller Art angefüllt, daß nicht selten Stabsoffiziere in den elendesten Baracken einquartiert waren. Ich selbst hatte noch ein ziemlich leidliches Quartier mit noch einigen Offizieren bei einem Viehhändler.

Die Vereinigung einer solchen Truppenmasse auf diesem Punkt und der Zweck derselben war, wie gesagt, noch immer ein halbes Rätsel. Daß es Spanien gelten solle und wir den schon daselbst befindlichen Truppen folgen würden, war ein großes Geheimnis, das noch niemand zu enthüllen vermochte. Aber was dort tun, da ja Frankreich im tiefsten Frieden mit diesem Lande lebte und sein Herrscher der beste Freund Karls IV. schien. Daß das kleine Portugal eine solche Heeresmasse notwendig mache, wollte niemand einleuchten; aber niemand fiel es auch nur im Traum ein, daß es auf Spanien abgesehen sei, und keiner von uns hielt damals den Kaiser Napoleon solcher heillosen Intrigen fähig, wie er sie bald darauf anspann. Diese große Beutelschneiderei, denn wie soll man es anders nennen, durch welche er Spanien an sein Haus bringen wollte, war eine ebenso dumme wie unpolitische Büberei, ein Schurkenstreich, der bittere Früchte tragen mußte und der, als er bekannt wurde und offenbar am Tag lag, auch die eifrigsten Verehrer und Anbeter seines Urhebers tief betrübte und verletzte; dabei wurde alles so linkisch angesponnen und angegriffen, daß es kaum zu begreifen war, wo Napoleon seinen Kopf hatte; denn hätte er sich nur öffentlich gegen den mit Recht verhaßten und verachteten Friedensfürsten Godoy erklärt und dann dem spanischen Volk einige Monate Zeit gelassen, seinen angebeteten Götzen Ferdinand VII. näher kennen zu lernen, so hätte er das leichteste Spiel von der Welt und die ganze spanische Nation für sich gehabt, so wie seine erbärmliche Hinterlist und dummtückischen Streiche ihm dieselbe notwendig zum erbittertsten Feind machen mußten. – Diese verblendete Einsichtslosigkeit und Schlechtigkeit mußte Napoleon schwer büßen.

Der geheime Vertrag, der im Oktober 1807 zwischen beiden Kronen abgeschlossen war, besagte, daß ein Korps von vierundzwanzigtausend Mann französischer Truppen sich im November bei Bayonne versammeln und bereit halten sollte, in Spanien einzurücken, um nach Portugal zu marschieren und den Engländern, welche dieses Land unaufhörlich bedrohten, zuvorzukommen. Diesen Heerhaufen hatte man das erste Observationskorps der Gironde genannt, und es rückte schnell in Spanien vor. Hierauf wurde sogleich ein zweites, ebenso starkes formiert und nach Bayonne und die Umgegend verlegt, zu dem wir gehörten; auch dieses sollte nun schnell in Spanien einrücken, aber immer als Verbündete des Herrschers dieses Landes. Schon anfangs Dezember war ein Teil desselben dem ersten Korps nach Spanien gefolgt, und unsere Legion erhielt noch in der ersten Hälfte des Monats Januar denselben Befehl. – St. Jean de Lüz, ein großer Hafen im Golf der Gascogne, eine Grenzfestung gegen Spanien mit ungefähr viertausend Einwohnern, war das letzte französische Nachtquartier vor unserem Einmarsch in Spanien. Hier war es, wo Ludwig XIV. nach dem mit diesem Land geschlossenen Frieden 1660 seine Vermählung mit der Infantin Maria Theresia, der Tochter Philipps IV., feierte. 1793 hatte daselbst ein Gefecht zwischen den Spaniern und den Franzosen stattgefunden. – Es war den 13. Januar 1808, als wir über die Bidassoa gingen, die Spanien von Frankreich trennt, und so die Grenze überschritten. Auch dieser Fluß war ein verhängnisvoller Rubikon für Napoleon.

IX.
Einmarsch in Spanien. – Die baskischen Provinzen. – Miranda de Ebro. – Der Engpaß Garganta Pancorbo. – Briviesca. – Burgos. – Quintana de la Puente. – Valladolid. – Ein Autodafé. – Eine schöne Andalusierin. – Ungewißheit und Gerüchte über Napoleons Absichten hinsichtlich Spaniens. – Marsch nach Segovia. – Biwak bei Segovia. – San Lorenzo. – El Pardo. – Glänzender Einmarsch in Madrid.

Unser erstes Nachtquartier auf spanischem Boden war Irun, ein sehr altes Nest, das schon zur Zeit der Römer stand und jetzt kaum zweitausend Einwohner zählen mochte, die größtenteils von den Passanten leben, die sich von Frankreich nach Spanien und umgekehrt begeben. Diese Stadt mit ihren schmutzigen, schlecht gebauten Straßen gab uns eben keinen guten Vorgeschmack von dem, was uns in Spanien erwartete. Hier begann in einer Hinsicht so ziemlich wieder das italienische Leben, das heißt, die Leute wurden nicht einquartiert, sondern in Kasernen oder andere große Gebäude gelegt und später auch wieder in Kirchen und Klöster; sie bekamen ihre Rationen Fleisch, Brot, Wein, Zugemüse und so weiter und mußten sich alles selbst kochen und zubereiten; dies ist zwar auch der Fall in Frankreich, aber außer dem, daß der Soldat bei dem Bürger einquartiert ist, der ihm auch Holz und Licht geben muß, geschieht es nicht selten, daß letzterer noch einen Extrabraten und allerlei Zutaten in die Küche seiner Einquartierung liefert, wenn er nicht zu den Schmutzfilzen gehört. Die gelieferten Rationen waren in Spanien im Durchschnitt noch weit schlechter als in Italien, besonders das Ziegenfleisch von keiner guten Qualität. – Wenn man die auf gemeinschaftliche Kosten Spaniens und Frankreichs erbaute und unterhaltene Brücke der Bidassoa passiert hat, befindet man sich in der Guipuzcoa, die nebst Biscaya und Alava die baskischen Provinzen bildet. Hier erinnert auch nichts mehr an das eben verlassene Frankreich; Charakter, Sitten, Gebräuche und selbst die Bauart und die Wohnungen sind so himmelweit verschieden, daß man glauben sollte, beide Länder wären durch viele hundert Meilen getrennt, und man sei durch einen Zauberflug von dem einen in das andere versetzt worden. Das Hauptquartier unseres Armeekorps war in Valladolid, und die Legionen und Regimenter kantonnierten längs dem Duero. Die vier ersten Kompagnien unserer Legion wurden in die Gegend von Burgos verlegt, wohin vorerst unsere Bestimmung lautete. Von Irun marschierten wir über Hernani nach Tolosa. Der Weg ging durch ein fruchtbares und gut angebautes, lachendes Tal, in dem Hernani, ein großer von Bergen umgebener Flecken, der blendend weiße Häuser und schöne Baumgruppen hat, liegt. Tolosa ist kein unfreundliches Städtchen am Oria und Araxes, über den letzteren führt eine hübsche Brücke mit einem Turm. Die Stadt konnte ungefähr fünftausend Einwohner haben. Jeder Einwohner, jeder Bauer dieser Provinz behauptet, er sei von Adel, und wer kann ihm diese Behauptung streitig machen, als etwa ein hirnverrückter Stammbaumfabrikant?

Noch zeigten sich die Bewohner der baskischen Provinzen nicht feindselig gegen uns, obgleich manche dieser verbrannten Gesichter allerdings schon Mißtrauen ausdrückten und uns mit zweideutigen Blicken ansahen. Die Frauen und Mädchen dieser Gegend sind niedliche Geschöpfe, und die Landmädchen, welche ihre Haare in langen, mit Bändern geschmückten Flechten, die ihnen über die Schultern herabfallen, tragen, sind äußerst lebhaft und munter; auf dem Kopf haben sie dünne Musselinschleier, die um die Achseln fliegen, geheftet. Die es nur irgend aufbringen können, tragen goldene Ohrringe, mitunter auch Perlen und Halsketten von Korallen. Ihr Anzug ist sehr nett, und da sie in der Regel gut gewachsen sind, so stehen ihnen ihre Leibchen und Jäckchen allerliebst. Was mich hier am meisten ärgerte, war, daß ich mich mit den Einwohnern und also auch mit den Frauen weder verständigen noch unterhalten und deshalb an keine galanten Abenteuer denken konnte. Ich hatte geglaubt, mir mit dem Italienischen helfen zu können, wenn ich an das Ende der Wörter nur ein s oder os hinge; aber dies ging nicht, namentlich in den baskischen Provinzen, wo die Sprache eine ganz verschiedene ist; aber auch in einem großen Teil des übrigen Spaniens konnte ich mir nicht wohl damit forthelfen, da, wenn auch die Worte oft ganz ähnlich, ja sogar ganz dieselben, Aussprache und Akzent jedoch himmelweit verschieden sind und man sich erst an diese gewöhnen muß, namentlich in den Provinzen, wo das Spanische schlecht oder verdorben gesprochen wird. Ich nahm mir zwar vor, jetzt die spanische Sprache zu studieren, aber hierzu ließen mir die Kriegsbegebenheiten und Unruhen wenig Zeit, und ich konnte es nicht weiter bringen, als mich notdürftig im Spanischen auszudrücken, auch kamen wir, einige Fälle ausgenommen, zu wenig in nähere Berührung mit den Einwohnern; doch konnte ich bald den Cervantes, Calderon, Lope de Vega und andere spanische Autoren im Original lesen, namentlich amüsierte und erheiterte mich Don Quixote nicht wenig.

Von Tolosa war unser nächster Marsch nach Villa Real, einem Flecken, der eben nichts Königliches aufzuweisen hatte; ein paar Kompagnien mußten in dem nahen Dorf Zummaraya übernachten; von hier kamen wir über das Städtchen Bergara an der Deva nach Mondragon, einem Ort, der nicht unbedeutende Waffenfabriken hat. Der Weg von Bergara bis Vittoria ist fortwährend mit freundlichen Dörfern und vielen Landhäusern besät, die fast ununterbrochen zusammenhängen; überhaupt sind die baskischen Provinzen sehr bevölkert und trefflich angebaut, was sie von dem übrigen Spanien sehr zu ihrem Vorteil unterscheidet und was sie ihrer viel freieren Verfassung zu danken haben, welche die Betriebsamkeit und den Handel ihrer Bewohner anspornte. Auf diesem Wege hatten wir fast beständig den im Tale wogenden Fluß Zadorra vor Augen, der dessen reizendste Partien in Krümmungen durchschneidet. Alles kündigte hier einen gewissen Wohlstand an, die Landleute, Männer wie Frauen, waren reinlich und gut gekleidet. Von Mondragon stiegen wir auf den Berg, auf dem der Flecken Salinas liegt, von dem man noch eine Strecke über diesen Teil der Pyrenäen kommt, dann aber geht es fast beständig bergab bis Vittoria, das man nun bald vor sich liegen sieht.