Über Puebla marschierend, kamen wir durch eine sehr enge Passage in das Tal des Ebro und an eine Marmorsäule, deren Inschrift besagte, daß hier die Grenze zwischen Alava und Altkastilien sei. Diesen Weg, den zu ebnen und über die Gebirge praktikabel zu machen große Anstrengungen erforderte, da sich ungewöhnliche Schwierigkeiten zeigten, haben die baskischen Provinzen in Gemeinschaft angelegt. Besonders muß es außerordentliche Mühe gekostet haben, die jähen Abhänge wegsam zu machen, Abgründe zu umgehen und Felsenriffe wegzuräumen. Nach sechs Stunden eines mühsamen Marsches kamen wir bei Miranda de Ebro an, welches an diesem Fluß liegt, über den hier eine acht Bogen lange Brücke führt. Noch bevor wir Alava verließen, begegneten wir einem seltsamen Leichenbegängnis; man begrub nämlich in einem Dorfe ein kleines, weißgekleidetes Kind, dessen Köpfchen mit einem weißen Rosenkranz geschmückt war und das offen in der Bahre lag; das Sonderbarste aber war, daß dieser kleinen Leiche eine Musikbande voranzog, welche lustige und muntere Melodien spielte und hinter der ein Kind, ein Kreuz tragend, fröhlich einherhüpfte. Man sagte mir, daß die Kinder in den baskischen Provinzen alle auf ähnliche Weise begraben würden, weil man sie glücklich preist, zu sterben, bevor sie noch des Lebens Mühen, Beschwerden und Drangsale kennen lernten, und die Eltern trösten sich mit einem: „Es war Gottes Wille.“

Miranda ist ein kleines, nahe an den Bergen liegendes Städtchen; auf einer Höhe sieht man noch die Trümmer eines Schlosses und mehrere Türme desselben. Aus dem Felsen, auf dem diese Ruinen liegen, entspringt eine sehr reichhaltige Quelle, die mehrere Mühlen in Bewegung setzt. Das Städtchen mochte etwa zweitausend Einwohner zählen. Von hier marschierten wir über Pancorbo nach Briviesca. Miranda verlassend, hat man über eine Stunde fortwährend eine hohe Felsenwand vor Augen, von der man keinen Ausweg erblickt und die, gleich einer ungeheueren Mauer an der Welt Ende, alle Passage zu versperren scheint. Erst wenn man dicht vor dem Felsen angekommen ist, eröffnet sich eine enge Schlucht, durch welche man nach Pancorbo gelangt; dieser Engpaß führt durch zwei ungeheuer hohe Felsenmassen, deren Spitzen sich gegeneinander zu neigen scheinen und die kaum durch einen zehn Schuh weiten Raum getrennt sind. Dieser Hohlweg ist beinahe eine Viertelstunde lang. Die Felsen wölben sich so über dem Haupte des Durchgehenden, daß man fürchtet, sie jeden Augenblick herabstürzen zu sehen und von ihnen zermalmt zu werden. Dieser Engpaß heißt Garganta de Pancorbo und ist, gehörig verteidigt, uneinnehmbar; es ist eine wahre Höllenschlucht, eine Kompagnie kann hier das größte Heer aufhalten. Hat man ihn passiert, so erblickt man das Städtchen Pancorbo, das am Eingange eines Tals liegt; durch einige elende Dörfer kommt man dann nach Briviesca, welches merkwürdig ist durch die Versammlung der Cortes, die Johann I. im Jahre 1388 hierher berief und die dem Kronprinzen von Kastilien für ewige Zeiten den Titel eines Prinzen von Asturien beilegte, bis – es weder Kronprinzen noch Könige von Kastilien mehr gab, wie es mit allen menschlichen Ewigkeiten zu gehen pflegt. Die Stadt liegt an der Oca, ist mit Mauern umgeben und hat vier Tore, in ihrer Nähe sind zwei tiefe mineralische Teiche, der Pozzo negro und Pozzo blanco genannt.

Von Briviesca führte uns der Weg über Monasterio, Quintanapalla durch ein noch ziemlich gut angebautes, mit vielen Pappeln und Weiden bepflanztes Tal, immer bergauf bis Monasterio, nach Burgos.

Die nächsten Umgebungen von Burgos besuchte ich zu Pferd und ritt nach dem anderthalb Stunden entfernten Monasterium von Cardena, um das Grab des Cid und seiner Gattin Ximene zu sehen, auf dem sein Wappenschild, von einer Kette umgeben, das zwei sich kreuzende Schwerter hat, über denen sich wieder ein Kreuz erhebt, sowie das Ximenens, einen dicken, von einer Kette umgebenen Turm darstellend, befindlich ist. Später, als in diesem Krieg das Kloster von Cardena zerstört und verwüstet wurde, ließ der französische Gouverneur von Burgos die Reste des Helden und seiner Gattin in die Stadt bringen, um sie vor gänzlicher Vernichtung zu bewahren, und beiden ein Monument auf einer kleinen Insel setzen.

Der Tag unseres Abmarsches war herangekommen, und wir verließen Burgos in dem Augenblick, als ich im Begriff war, eine Intrige mit einer seiner schönen Bewohnerinnen anzuspinnen; dies machte, daß ich den Marsch über Caleda Villazopegue, wo zwei Kompagnien übernachteten – die zwei anderen blieben in Villadriga (zwei unbedeutenden Dörfern) –, nach Torrequemada etwas übelgelaunt antrat. Von Burgos bis zum Dorf Villadriga verliert man den Fluß Arlanzon fast nicht aus den Augen, auch sieht man noch viel gut angebautes Feld und ziemlich viel Ortschaften. Ehe man Torrequemada erreicht, kommt man durch das kleine Städtchen Quintana de la Puente, das an der Pizuerga liegt, über die eine schöne steinerne, achtzehn Bogen lange Brücke führt. Torrequemada selbst liegt an dem nämlichen Fluß, den man hier über eine sechsundzwanzig Bogen lange Brücke passiert. Dieses Städtchen hat eine hübsche gotische Kirche. Der Weg hierher ging über eine ziemlich kahle Ebene, in der man fast gar keine Bäume und nur selten einiges niedrige Gesträuch sah. Hier lagen nur zwei Kompagnien unseres Bataillons, die anderen in Palencia. Wir erfuhren nun, daß wir nach einem Ruhetage nach Valladolid abmarschieren sollten, wozu der Befehl soeben von dem Hauptquartier eingetroffen sei und wo die Legion zusammentreffen würde. Torrequemada ist ein trauriger Aufenthalt, ebenso die Umgegend, und der Holzmangel so groß, daß die Einwohner meistens gedörrten Mist brennen und dabei kochen. Ist es kalt, so wärmt man sich an den Glorias, eine Art Trockenöfen in den spanischen Küchen, um welche herum Bänke zum Sitzen angebracht sind. Von hier marschierten wir noch einige Zeit durch die langweilige Ebene und das Dorf Magaz; zu unserer Linken sahen wir bald das große Benediktinerkloster San Isidoro in einiger Entfernung liegen, und in dem an einem Rebenhügel liegenden Dorfe Duenas kam das ganze Bataillon wieder zusammen und setzte den Marsch in Gemeinschaft fort. Man behauptet, daß das elende Dorf Duenas das Eldana des Ptolomäus sei, wenigstens auf derselben Stelle liege. Hier bewahren die Einwohner den Wein in Gruben auf, die sie zu diesem Zweck in die Erde graben und in denen er sich sehr gut und frisch erhält. Von hier aus marschierten wir noch immer abwärts über ein sandiges und steiniges Terrain durch den Flecken Cablezon, in dessen Umgebung ein angenehmer, lieblicher, roter Wein wächst und von wo man nur noch zwei gute Stunden nach Valladolid hat. Alle unsere Märsche waren ungewöhnlich stark, fast keiner unter acht bis neun, manche wohl zehn Stunden lang. Erst wenn man ganz in der Nähe von Valladolid ist, nimmt der langweilige Weg ein Ende, auf welchem das Feld schlecht und oft gar nicht angebaut war; dies war schon oft der Fall, seitdem wir die baskischen Provinzen verlassen hatten, aber im Königreich Leon weit häufiger.

Es war anfangs März, als wir zu Valladolid ankamen, wo sowie in der Umgegend zahlreiche französische Truppenkorps von allen Waffengattungen lagen. Die verschiedenen Armeekorps, die in Portugal und Spanien einmarschiert waren, hatten jedes seinen besonderen Chef und seinen Generalstab; Mürat, damals Großherzog von Berg, hatte den Oberbefehl über das Ganze und den Titel eines Leutnants des Kaisers Napoleon. Wir erfuhren, daß derselbe bereits in Burgos angekommen sei und mit ihm ein Heer von Employés, Kriegskommissäre, Ordonnateure und Offiziere aller Grade, wohl über ein halbes Tausend Individuen, von denen viele schon in Ruhestand versetzt gewesen und fast gegen ihren Willen wieder in Aktivität gesetzt worden waren, andere aber hofften jetzt in Spanien schnell Fortüne zu machen. Nichts war den Ländern und den Heeren selbst verderblicher, als dieses Kommissarien- und Lieferanten-Geschmeiß und was daran hing, wahre Blutsauger der Völker wie der Truppen, von denen der wackere Kaiser Joseph II., der diese Kanaillen durch und durch kannte, schon mit vollem Recht sagte: „Man kann einen jeden dieser Burschen“ (wenn ich mich nicht irre, so meinte er die Proviant-Kommissäre damit) „hängen lassen, ohne sich zu fürchten, eine Sünde oder einen Fehlgriff begangen zu haben.“ Auch Napoleon wußte aus seinen italienischen Feldzügen, welch ein Diebsgesindel dies Geschmeiß ist, und dennoch hat es zu keiner Zeit und bei keinen Heeren ärger gehaust und gestohlen, als in den napoleonischen, wo von den General-Kommissären bis zu den Furieren in den Kompagnien herab alles, was mit Proviant, Verköstigung oder Lieferungen in Berührung kam, den Soldaten sowohl wie den Bürger bestahl und beraubte. Aber in Spanien bekam es den Herren doch oft schlecht, und ein wohlverdienter Lohn, den ihnen die Vorsehung bereitete, blieb selten aus.

Noch immer wußten wir nicht, was eigentlich bezweckt wurde, wir erschöpften uns in tausend Mutmaßungen, von denen keine den rechten Fleck traf, indem die meisten darauf hinausgingen, daß es, wenn auch indirekt, auf England abgesehen sei. Die Instruktionen, die uns fortwährend erteilt wurden, waren von der Art, daß man auf einen bevorstehenden Krieg schließen und sich auf alle Ereignisse gefaßt machen mußte; aber wo war der Feind? – Napoleon selbst wurde erwartet, und das Gerücht war unter sämtlichen Truppen verbreitet, daß er sich an deren Spitze stellen würde; ein großer Teil der Einwohner Spaniens aber betrachtete uns mit immer größer werdendem Mißtrauen, während andere hofften, daß wir sie von dem unerträglichen Joch des ihnen so verhaßten Friedensfürsten Godoï befreien würden, den sie sämtlich als den alleinigen Urheber aller dieser Übel betrachteten und verfluchten. Von seiten der Kommandierenden wurden sie auch in dieser Richtung bestärkt. Es ist unmöglich, sich einen Begriff von der Verachtung und dem Haß zu machen, den die ganze Nation gegen den freilich ganz verdienstlosen Günstling bei der spanischen Majestät und der Königin insbesondere nährte. Ohne alle Scheu sprach man davon, daß man diesen schändlichen Bösewicht hängen, köpfen, spießen, rädern, vierteilen und Gott weiß was alles müsse; man wollte ihn samt der Königin lebendig verbrennen und den König, die gehörnte Schlafhaube, dazu, meinten noch andere; die Gemäßigtsten aber forderten, daß man ihn einer strengen Justiz übergebe. Der Unglückliche selbst schlief schon lange nicht mehr auf Rosen und träumte nur von Galgen und Schafott, zitterte unaufhörlich für sein kostbares Leben und war nicht imstande, irgendeinen festen Entschluß zu fassen, sich zu helfen oder in Sicherheit zu bringen. Nicht leicht hat ein Sterblicher so sonderbare Schicksale gehabt; vom gemeinen Gardisten zum Günstling der Königin von Spanien und den höchsten Würden den Reiches wie in einem Zaubermärchen erhoben, dabei durch die Heirat mit einer nahen Verwandten des königlichen Hauses, wozu er seine königliche Geliebte zu bereden gewußt hatte, die, trotzdem er sich noch Mätressen hielt, was sie wußte, ihm dennoch unwandelbar ergeben blieb; so war der König selbst nur noch der gehorsame Vollstrecker der Gebote des Geliebten seiner Frau. Wer über dieses seltsame Verhältnis nähere Auskunft wünscht, muß Llorents Memorial para la historia de la revolucion espanola recogydas y compiladas por don Juan Nellerto lesen.

Valladolid, das Pintia der Alten, war die zweite Stadt Altkastiliens, aber jetzt der Hauptort der Intendanz gleichen Namens in dem Königreich Leon. Der Fluß Esgueva durchströmt sie, und der Pizuerga fließt an ihren Mauern vorbei; sie liegt in einer großen, von Hügeln mit Plattformen umgebenen Ebene. Die Stadt ist nicht so übel gebaut, aber ihre Straßen sind schlecht gepflastert und unreinlich, auch lagen manche ihrer Gebäude in Ruinen. Unter ihren sehr großen Plätzen sind der Campo-Grande und Plaza-Mayor die ansehnlichsten. Ersterer hat einen ungeheuren Umfang, und unter den ihn umgebenden Gebäuden sind nicht weniger als dreizehn Kirchen. Die von Philipp II. erbaute Kathedrale ist kaum zur Hälfte fertig, hat aber einen schönen Turm. In der Paulskirche sind unter vielen Monumenten von sehr verschiedenem Kunstwert zwei schöne Bildsäulen des Herzogs und der Herzogin von Lerma; in dieser Kirche, die den Dominikanern gehört, sieht man auch eine Erscheinung Christi bei einer Nonne dieses Ordens abgebildet; dieser Christus war wahrscheinlich ein verschmitzter Mönch. Auch noch andere, zum Teil sehr komische Heiligenbilder findet man hier. Das Colleg, welches sich zunächst dieser Kirche befindet, ebenfalls den Dominikanern gehört und von Don Alonzo von Burgos, Bischof von Palencia, im fünfzehnten Jahrhundert gestiftet wurde, ist wegen seiner sonderbaren Bauart merkwürdig; seine Fassade stellt nämlich ein Gehölz vor, dessen Zweige die Wölbung des Portals bilden, auf beiden Seiten sieht man zwei Wilde, die mit wolligen Fellen bedeckt sind und Gürtel von Laub haben; jeder hat ein Wappenschild. Über der Eingangstür ist ein Granatbaum, dessen Äste sich weithin ausbreiten; dieser soll eine Anspielung auf die Eroberung von Granada durch die katholischen Majestäten Ferdinand und Isabella, Beschützer der Kirche, sein. In diesem Colleg befindet sich auch das sehr schöne Monument des Gründers desselben, Alonzo von Burgos, Bischof von Palencia, der selbst in weißem Marmor und, wie behauptet wird, sehr ähnlich auf demselben abgebildet ist. Das Gebäude wurde im fünfzehnten Jahrhundert erbaut.

Valladolid, das noch zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts weit über hunderttausend Einwohner hatte – 1516 stellte die Stadt dreißigtausend Mann unter die Waffen, um sich den Absichten der Regierung zu widersetzen –, zählte jetzt keine vierundzwanzigtausend, die noch einen nicht unbedeutenden Handel treiben, zu dem der Ort auf das vorteilhafteste gelegen ist; auch wächst in ihrer Umgegend ein vortrefflicher Wein. In der Stadt selbst befinden sich schöne Promenaden, wie der Prado de la Magdalena, der an dem Esgueva liegt, mit schönen Bäumen bepflanzt ist und bequeme Ruhebänke hat, die Spaziergänge Espolejo Viejo und Espolejo Nuevo, die nahe an dem Ufer des Pizuerga liegen, werden mehr von Reitern und Equipagen besucht.

In historischer Hinsicht ist Valladolid außerordentlich merkwürdig und in Spaniens Annalen berühmt. Es soll nach mehreren Geschichtsschreibern auf den Ruinen des alten Pintia erbaut sein und war später die Seele des Handels zwischen Kastilien, den Königreichen Leon und Portugal. Hier kam Philipp II. traurigen Andenkens zur Welt und hielt öfters seinen Hof daselbst, und der Entdecker Amerikas, Christoph Kolumbus, starb hier. Wegen des sehr fühlbaren Holzmangels, der dadurch entstand, daß man die Dummheit beging, die Waldungen auf den umliegenden Hügeln völlig auszurotten, verlegte Philipp III. für immer seinen Hof von hier nach Madrid. Als Residenz des Herrn zweier Welten war der Hof und das Leben in Valladolid sehr prächtig, üppig und glänzend. Unter Philipp II. fand ein äußerst tragisch-merkwürdiges Autodafé im Oktober des Jahres 1559 hier statt. Es begann mit einer Prozession der Dominikanermönche, denen eine weiße Fahne vorangetragen wurde, ihnen folgten die Familiares, Kommissarien und andere Diener der heiligen Inquisition, hinter diesen wurde wieder eine achtzehn Schuh hohe Fahne von buntem Damast getragen; auf der einen Seite derselben sah man das Bild des heiligen Dominikus gestickt und auf der anderen das des heiligen Petrus Märtyrer. Hieran kam die heilige (?) Hermandad und andere bei dem heiligen (?) Officium angestellte Personen, von denen eine das Kreuz der Inquisition trug, das mit einem schwarzen Schleier bedeckt war. Bewaffnete schlossen den Zug, der sich auf die Plaza-Mayor begab. Hier angekommen, wurde das Inquisitionskreuz auf einen in dessen Mitte errichteten Altar gestellt, und man zündete grüngestrichene Kerzen um dasselbe herum an; Bewaffnete, einige Mönche und Familiares blieben zu dessen Bewachung zurück. Um Mitternacht begann man Messen für die Bekehrung der Seelen derjenigen zu lesen, die verbrannt werden sollten, was bis zu Sonnenaufgang dauerte. Mit Tagesanbruch versammelte sich eine unzählige Menge Volks auf diesem Platz, weit über dreißigtausend Menschen. Hieran erschienen in gehöriger Rangordnung die Granden Spaniens, die hohe Geistlichkeit, Bischöfe und Kardinäle, die höchsten Zivil- und Militärbehörden sowie die Gesandten der verschiedenen Mächte und nahmen Platz auf den für sie bestimmten Sitzen. Gegen acht Uhr brachte man aus dem Inquisitionsgebäude das gleichfalls in schwarzen Trauerflor gehüllte Kreuz des Kirchsprengels, dem alle Kaplane in Chorhemden folgten, dann kamen wieder Familiares und Bewaffnete und endlich die unglücklichen Verurteilten in folgender Ordnung: zuerst die Bereuenden oder Büßenden mit entblößten Häuptern, eine geweihte Kerze in der Hand, unter ihnen war eine Franziskanernonne, die zum Auspeitschen an dem folgenden Tage zur Ehre Christi verurteilt war; dann folgten die Versöhnten mit dem San Benito (das Sterbekleid der Glaubensgerichte) bekleidet, das aus einem gelben Sack mit einem darauf gehefteten Andreaskreuz besteht; auf dem Kopf trugen sie Mützen von Pappe, die mit bunten Kreuzen bemalt waren und Corosa genannt werden. Unter diesen befanden sich Isabella und Catharina von Kastilien, beide zu ewigem Gefängnis, der Konfiskation ihrer Güter und dem Tragen des San Benito verurteilt. Hinter ihnen trug man ein Reliquienkästchen mit Knochen und zwei Figuren, die ebenfalls mit dem San Benito und der Corosa bekleidet waren, auf der jedoch statt der Kreuze Teufel, Schlangen, Blindschleichen, Kröten, Unken und so weiter, in Flammen zischend, abgemalt waren. Jetzt kamen dreizehn sogenannte rückfällige Ketzer, die sämtlich zum Feuertod verurteilt waren. Auch sie trugen das San Benito und die Corosa, mit Teufeln, Flammen und so weiter bemalt. Drei von ihnen waren Geistliche und noch mit dem geistlichen Leibrock bekleidet. Zuletzt kam endlich Don Carlos von Sesa, dem man sogar den Mund verknebelt hatte, um ihn am Sprechen zu hindern, weil er nicht aufhörte, die christliche Religion zu lästern und als ein Werk des Teufels und der Verrücktheit zu bezeichnen. – Hatte er etwa unrecht, wenn er die Religion, wie sie von diesen Pfaffen zugeschnitzt wurde, damit meinte? – Auf der Mitte des Platzes angekommen, wurden sämtliche armen Sünder um die Stufen des Altars postiert, wo man ihnen nochmals ihre Verbrechen vorhielt, welche meistens darin bestanden, daß sie sich den neuen Lehren und dem abscheulichen Luthertum geneigt gezeigt oder dasselbe wohl gar gerühmt und empfohlen hatten, weshalb man es für hohe Zeit hielt, ein recht abschreckendes Beispiel zu geben, um die weitere Verbreitung dieses Ketzertums zu verhindern.[6] Die Mitglieder und Richter der Inquisition nahmen ihre Plätze auf erhöhten Sitzen, über allen aber thronte der Großinquisitor hoch erhaben. Nun erschien Philipp II., von seinem ganzen Hof gefolgt. Sobald derselbe Platz genommen hatte, hielt der Bischof von Cuenca eine erbauliche Predigt über die Unfehlbarkeit, Reinheit und Göttlichkeit der katholischen Religion, eine wahre Satyre auf Gott selbst; dieser folgte eine zweite Predigt, welche der Großinquisitor, Erzbischof von Sevilla, ganz im Sinne seines Vorgängers herbrüllte, nur daß die Satire unwillkürlich noch beißender war. Hierauf mußte der König in dessen Hand einen schweren Eid ablegen, daß er die Inquisition beschützen und ihr alles entdecken wolle, was zu seiner Kenntnis komme und gegen diese und den Glauben sei, es möge auch herkommen von wem immer, ohne irgendeine Rücksicht auf Verwandtschaft oder Stand zu nehmen. Nachdem Philipp II. diesen Eid abgelegt, mußte er ihn noch durch seine Unterschrift bekräftigen, und er wurde nochmals vor der ganzen Versammlung laut abgelesen. Hierauf wurden die drei rückfälligen Priester durch zwei Bischöfe, den von Zamora und den von Palencia, förmlich degradiert und ihnen die geistliche Kleidung vom Körper herabgerissen. Einer war ein Pfarrer in Pedrosa, der zweite ein Priester aus Villa-Onediana und der dritte ein Dominikanermönch gewesen. Sie hatten eigentlich nur gegen den Verkauf des Ablasses für schnödes Geld, also gegen einen der schändlichsten Mißbräuche der katholischen Religion, als einen der Kirche unwürdigen Schacher gesprochen. Auch sie wurden nun mit dem San Benito und der Corosa bekleidet, ihnen das Urteil nochmals verkündet und hierauf alle zum Tode Verurteilten vor die Stadt auf einen freien Platz geführt, wo man einen ungeheuren Scheiterhaufen auf einem vier Schuh hohen Fußgestell errichtet hatte; eine Prozession mit einem weißen Kreuz und das Volk folgte ihnen. Ein Henker und ein Beichtvater führten sie zum Scheiterhaufen, wo sie nochmals ermahnt wurden, zu bereuen; in diesem Fall versprach man ihnen, bevor sie dem Feuer übergeben würden, sie durch den Henker erwürgen zu lassen. Elf von ihnen, durch dieses Versprechen verführt, willigten ein, zu beichten, aber Johann Sanchese und Don Carlos von Selo ließen sich lieber lebendig verbrennen, als daß sie bereuten.