In meiner Wohnung zu Valladolid befand sich die junge Frau eines spanischen Stabsoffiziers, der bei der Leibgarde zu Madrid stand und dessen Gattin hier bei Verwandten ihres Mannes zu Besuch war. Die Senora war eine geborene Andalusierin, und zwar aus Sevilla, von guter Familie. Ihre schwarzen Feueraugen harmonierten mit dem etwas bräunlichen Teint und den glutroten Wangen trefflich; dabei trug sie das andalusische Nationalkostüm, das reizendste, das man sich denken kann, besonders für eine Spanierin. Die ersten Tage nach meiner Ankunft hatte ich nur Gelegenheit gehabt, sie ein paarmal zu sehen und im Vorübergehen mit einem Sennorita zu begrüßen; ich kannte kaum erst die gebräuchlichsten spanischen Begrüßungsformeln und Phrasen, aber glücklicherweise sprach die Senora etwas italienisch, und dies war vollkommen hinreichend, uns zu verständigen, was auch schnell der Fall war, denn in Liebesangelegenheiten rückt man in Spanien rasch voran, noch weit schneller als in Italien, nur muß man die Gelegenheit haben, mit diesen Senoras in Berührung zu kommen, was uns später, als das ganze Land gegen uns aufgestanden war und wir den Spanierinnen von den Pfaffen, ihren Beichtvätern, Vätern, Ehemännern und Brüdern als wahre Ungeheuer geschildert wurden, deren Berührung allein die ewige Verdammnis nach sich ziehe, sehr schwer, ja fast unmöglich wurde. – Ich war mit meiner schönen Isabella Andeya, ohne daß es mir viel Mühe und Beteuerungen gekostet hätte, bald so weit, daß ich sie ganz mein nennen durfte und die wenigen Tage, die wir noch in Valladolid zubrachten, keine Nacht mehr allein schlief, da mir die Mitternachtsstunde jedesmal einen holden feurigen Geist zuführte, der nicht einmal verfehlte, um diese Zeit in meinem Gemach zu spuken und dann das Bett mit mir zu teilen.
Ungefähr vierzehn Tage mochten wir in Valladolid und der Umgegend liegen, als der größte Teil der Truppen und mit ihnen unsere Legion Order zum Aufbruch erhielten. Mürat war bereits von Burgos abgegangen und hatte seine Richtung mit einem Teil der napoleonischen Garden und dem vom Marschall Moncey befehligten Korps nebst einer zahlreichen Artillerie gegen den Somasierra, der einen Teil des Gebirges Guadarrama ausmacht, genommen; die zweite Infanteriedivision nahm ihren Weg nach Segovia, während General Düpont mit der Reiterei und der ersten Division, zu der unsere Legion gehörte, die Direktion gen Guadarrama nahm. Die dritte Division blieb vorerst noch in Valladolid und der Umgegend zurück. Wir waren alle der Meinung, und man hatte sie absichtlich verbreitet, daß wir direkt nach Gibraltar marschieren würden, um diese Stadt zu belagern und womöglich den Engländern abzunehmen; diese Meinung teilten auch die Einwohner aller Orte, wo wir durchkamen, und während sich die verschiedenen Armeekorps Madrid von allen Seiten näherten, war das Gerücht von einer bevorstehenden Belagerung Gibraltars so allgemein verbreitet, daß der Herzog von Kent, Statthalter dieser Festung, seinen Vater bat, er möge ihm gestatten, sich schnell, bevor noch die Belagerung beginne, auf seinen Posten zu begeben. Alle Verbindung dieser Stadt mit Spanien war in der Tat schon abgebrochen, und man hatte sogar in Cadix eine große Anzahl Zelte für die französischen Truppen, die bei dieser Belagerung verwendet werden sollten, zu verfertigen geboten, so weit trieb man die Intrige, um die spanische Nation über die wahren Absichten Napoleons zu täuschen. Auch meine Isabella hatte zwei Tage vor unserem Abmarsch ein Schreiben von ihrem Mann erhalten, worin ihr dieser meldete, daß die königlich spanischen Garden, bei denen er stand, vor Gibraltar marschieren würden. – Die letzte Nacht vor unserem Ausmarsch erschien mir mein andalusischer Geist vom Kopf bis zu den Füßen in einen schwarzen Schleier gehüllt – in den vorhergehenden Nächten kam er jedesmal weiß verschleiert – und war in der Tat eine majestätische, verführerische spanische Schönheit. Mit einem langen Feuerkuß und einem a rivedersi nahm ich mit dem Grauen des Tages, als die Tambours schon wirbelten, Abschied von ihr und schwang mich auf mein Pferd.
Die Vorfälle, die unterdessen zu Madrid und Aranjuez stattgefunden, wurden jetzt allgemein bekannt; namentlich machte die Entsagung Karl IV. zugunsten des Prinzen von Asturien, der noch kurz vorher auf Anstiften Godoïs verhaftet und in Escurial wohlbewacht in den düsteren Gemächern, in denen auch der unglückliche Don Carlos vor seinem Tod geschmachtet hatte, gefangen gehalten wurde, weil er ohne Wissen seiner Eltern eine Gemahlin von Napoleon begehrt hatte, wodurch aber der Friedensfürst samt seinem königlichen Beschützer in große Gefahr geraten und ersterer beinahe ein Opfer der Volkswut geworden wäre, außerordentliches Aufsehen. Unser Marsch gegen Madrid wurde deshalb beschleunigt und war nun kein Geheimnis mehr; da sich aber die Franzosen unter der Zeit der Zitadelle von Pampeluna und Barcelona teils mit List, teils mit Gewalt bemächtigt hatten, so erfüllte diese Art Gaunerei die Spanier jetzt mit gerechtem Unwillen und Argwohn und steigerte das Mißtrauen gegen Napoleon auf das höchste. – Von Valladolid aus marschierten wir auch schon mit all der Vorsicht und den Maßregeln, die man in Feindesland für nötig erachtet. Wir führten Lebensmittel auf Wochen lang mit uns, biwakierten des Nachts, Vorposten und Vedetten ausstellend, und sandten auf dem Marsch beständig starke Seitenpatrouillen ab, wo es das Terrain nötig machte und gestattete. Dabei hatten die kommandierenden Generale geheime Instruktionen erhalten, die ihnen geboten, die spanischen Kuriere zu verhindern, ihre Wege fortzusetzen, wobei man oft zu den nichtigsten und einfältigsten Vorwänden seine Zuflucht nahm, und jede weitere Bewegung der spanischen Truppen, der sie begegnen würden, zu hindern.
Mürat befand sich noch zu Buytrago, als er Bericht über das, was sich in Aranjuez zugetragen hatte, erhielt, und beeilte sich, nun nach Madrid zu kommen. Wir marschierten fast unaufhaltsam von Valladolid über Olmedo, das auf einer Anhöhe in einer unermeßlichen Ebene liegt und bei kaum zweitausend Einwohnern sieben Kirchen und eine gleiche Zahl Klöster hat, kamen dann durch verschiedene unbedeutende Orte, durch steinige, oft ganz brachliegende Gegenden und Fichtenwälder, selten sah man ein Gersten- oder Kornfeld. Nur als wir den Fluß Almarza erreichten, dessen Ufer mit Bäumen, meist Ulmen und Pappeln, bewachsen waren, sahen wir wieder mehr Getreide- und Ackerfeld. Wir passierten den Strom auf einer schönen steinernen Brücke und gelangten dann in eine ziemlich große Hochebene, in der wir einige freundliche Dörfer trafen, dann aber wurde die Gegend, je mehr wir uns dem Gebirge Guadarrama näherten, welches Alt- von Neukastilien scheidet, wieder außerordentlich öde und verlassen. Ein sehr steiler und oft gefährlicher Weg führte uns zu dem Dorf Espinar, das auf einem Gipfel dieses Gebirges liegt. Von dieser Höhe aus kann man auf eine große Strecke weit die beiden Kastilien übersehen und hat eine herrliche Aussicht, die sich in das Unendliche zu verlieren scheint. Wir biwakierten hier in der Umgegend von Espinar, Villacassin, einem Städtchen, und Venta Guadarrama, wo man Ferdinand VI. wegen der Straße, die er über dieses Gebirge machen ließ, das früher gar nicht zu passieren war, ein Monument, einen marmornen Löwen auf einer Säule darstellend, mit der Jahreszahl 1749, errichtet hat, und einigen anderen Dörfern. Nach einem mehr als vierzigstündigen Biwak erhielten wir Order, nach Segovia aufzubrechen. Der Marsch dahin führte uns über San Ildefonso und La Granja, einem schönen königlichen Lustschloß mit einer Villa, dem Lieblingsaufenthalt Philipp V., der auch dieses Schloß erbaut hat und in dessen Kapelle begraben liegt; es hat einen prächtigen Park mit vielen Wasserkünsten.
Von hier hatten wir nur noch zwei Stunden bis Segovia; der Weg führte über eine Brücke des Flüßchens Valsin an mehreren Dörfern und Gebäuden vorüber; letztere waren ausschließlich zur Schafschur bestimmt. Endlich kamen wir durch zwei tiefliegende Täler, worauf wir bald Segovia erreichten, in dessen Nähe wir abermals ein Biwak schlagen mußten und dann inspiziert wurden, besonders, um zu sehen, ob wir auch hinlänglich mit Munition versehen seien; es sollte jeder Mann mindestens fünfzig scharfe Patronen besitzen. Fünf Tage lang währte dieses Biwak, während welchem ich Zeit hatte, die Stadt mehrmals zu besuchen. Das Merkwürdigste in Segovia ist seine zweitausend Jahre alte Wasserleitung, die also schon seit über zweihundert Jahre vor Christi Geburt die Stadt unaufhörlich mit Wasser versieht und hoch über einem Teil der Häuser hinläuft. Vier Stunden von Segovia, an der Quelle Rio Frio in dem Gebirge Fonfria, beginnt dieser merkwürdige Bau, welcher die Stadt so reichlich mit diesem unentbehrlichen Element versorgt, daß es von dem Platz vor der Sebastianskirche durch unterirdische Kanäle weitergeleitet werden muß. Über neunhundert Bogen zählt dieser ehrwürdige Aquadukt und ist an manchen Stellen über zweihundert Fuß hoch, dann aber sind die Bogen doppelt, das heißt, zwei stehen übereinander. Unbekümmert, wer dessen Herren waren, ob Heiden, Mauren, Osmanen, Araber oder orthodoxe Katholiken, spendete dieses Kunstwerk mit gleicher Freigebigkeit seinen Überfluß allen. Die Mönche des Klosters del Paral mußten unter der Regierung Isabellas über dreißig Bogen, die zu verfallen begannen, neu aufführen lassen. Der ganze Bau ist von grauem Granit, ohne Speis noch Mörtel, aber die Steine sind mit großem Kunstaufwand ineinander gepaßt und ebenso die Fundamente. Was mögen die Knochen derjenigen, die sie legten, jetzt sein? – Früher war dieser ganze Bau mit Bildsäulen geschmückt, und noch sieht man die Stellen, wo sie gestanden. Verschiedene spanische Geschichtschreiber behaupten, daß dieses Riesenwerk ein gleiches Alter mit den Pyramiden Ägyptens und mit dem Serapistempel habe, aber aller Wahrscheinlichkeit nach stammt es aus den Zeiten der Römer.
Ehedem waren der Handel Segovias sowie seine Wollenmanufakturen und Tuchfabriken von großer Bedeutung, die zur Zeit ihrer Blüte mehr als fünfzigtausend Zentner Wolle jährlich verarbeiteten und über vierzigtausend Arbeiter beschäftigten. Im Jahre 1570 gab diese Stadt der Königin Anna von Österreich ein so prächtiges Fest, daß ganz Europa davon widerhallte und das einen ungeheuren, in die Millionen laufenden Kostenaufwand verursachte, ein Beweis, wie Künste und Handel hier floriert haben müssen. Die Einwohner formierten dabei die prächtigsten Quadrillen nach ihren Gewerben, unter denen sich vorzüglich die Juweliere und Goldarbeiter, die Tuchmacher, die Gold- und Silbersticker, die Bildhauer, die Bordenmacher und so weiter durch den Reichtum und die Pracht ihrer Kostüme auszeichneten. Mit dem Beginn des siebzehnten Jahrhunderts kam die Stadt, ihr Handel und ihre Fabriken aus verschiedenen Ursachen, unter denen auch religiöse Dummheit und Intoleranz, in Verfall und nahmen so schnell ab, daß sie über dreißig Jahre lang fast jedes Jahr für ein paar Millionen Dukaten weniger Tuch fabrizierte und absetzte; zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts waren kaum noch zweihundert Webstühle im Gang.
Den sechsten Tag brach unsere Legion auf, um ein Biwak in der Gegend von Los Molinos zu beziehen. Hier, so nahe bei Escurial, konnte ich unmöglich der Versuchung widerstehen, dieses weltberühmte Monument von Philipp II. Furcht und Hochmut zu besuchen. Es liegt in einer wilden, unangebauten, felsigen Gegend, auf dem Rücken einer Gebirgskette der Guadarrama. Der finstere König hatte es infolge eines Gelübdes, das er am Tage der Schlacht bei St. Quentin, in welcher 1557 die Franzosen von den Spaniern besiegt wurden, getan, erbauen lassen. Es imponiert durch seine Größe und heißt eigentlich San Lorenzo (Escurial ist der Name des dabeiliegenden Dörfchens), weil es Philipp diesem Heiligen, an dessen Fest gerade die Schlacht geliefert wurde, weihte, auch ist es in der Form eines großen Rostes angelegt, da bekanntlich dieser Heilige seinen Tod auf einem solchen fand. An Türen und Fenstern fehlt es nicht, es hat deren viele Tausende, auch über zwanzig zum Teil sehr geräumige Höfe. Ich war mit mehreren Kameraden vom Bataillon hierher geritten, dieses achte Wunderwerk der Welt, wie es die Spanier zu nennen belieben, zu sehen; unsere Pferde hatten wir in dem Dorf Escurial gelassen und gingen dann, nachdem wir eine gute Olla Potrida bei der Rückkehr für uns in Bereitschaft zu halten befohlen, zu Fuß nach diesem Hieronymiterkloster, denn dies ist es eigentlich, in welchem ein paar hundert Mönche ganz bequem wohnen können und auch gemästet werden; außerdem ist aber noch Raum genug, um den König von Spanien samt seinem ganzen Hof in den hierzu bestimmten Prunkgemächern aufzunehmen, der auch früher gewöhnlich einen Teil des Herbstes dort zubrachte.
Nachdem wir alle die Herrlichkeiten gehörig bewundert und ziemlich oberflächlich gesehen hatten, denn die Zeit war uns karg zugemessen, kehrten wir nach Escurial zurück, wohin auch aus dem Kloster ein unterirdischer Gang, la mina genannt, führt. Hier nahmen wir unsere bestellte Olla Potrida, die uns trefflich schmeckte, denn wir hatten aus Palast, Kirche und Kloster einen tüchtigen Hunger mitgebracht. Dieses Gericht wird aus Hammelfleisch, Öl, spanischem Pfeffer, Tomaten, Knoblauch, Garbanzos (eine besondere Gattung Erbsen), kleinen Zwiebeln und so weiter zubereitet und ist so übel nicht, wiegt auf jeden Fall die italienische Polenta und Makkaroni sowie das deutsche Sauerkraut auf. Ich aß es besonders gern, wenn es reichlich mit Zitronensaft gesäuert war, den ich selbst hinzutat.
Nach eingenommenem Mahl, wobei mehrere den Wunsch äußerten, es möge doch dem Himmel gefallen, uns die reichen, in San Lorenzo tot liegenden Schätze in die Hände zu liefern, traten wir den Rückweg zu unserem Biwak an, wo wir bereits eine Order zum Aufbruch für den kommenden Tag vorfanden. Mit der anbrechenden Dämmerung machten wir uns marschfertig und kamen noch an diesem Tag bis in die Gegend von El Pardo, einem alten königlichen Jagdschloß, das ungefähr noch dritthalb Stunden von Madrid entfernt liegt und bei dem sich ein großer Wald befindet; es ist ein viereckiges, von vier Türmen flankiertes Gebäude. Hier schlugen wir abermals ein Biwak auf, indessen erwartete man jeden Augenblick den Befehl, nach Madrid aufzubrechen, wohin wir uns alle wie nach einem Eldorado sehnten; viele aber glaubten noch immer, daß wir diese Stadt gar nicht berühren, sondern um dieselbe herum nach Gibraltar marschieren würden, andere aber, und zu denen gehörte ich, waren nicht der Meinung, denn unser jetzt so langsames Vorrücken und die Stellungen, die wir einnahmen, schienen auf etwas ganz anderes als einen Marsch nach Gibraltar zu deuten; daß wir recht hatten, zeigte sich bald.
Den 23. März in aller Frühe wurden wir noch einmal inspiziert und setzten uns dann sofort auf dem Wege, der gerade nach Madrid führt, in Marsch. Vor den Toren dieser Hauptstadt trafen wir einen Teil von Napoleons Garden, die noch ihre Toilette machten. Unsere Division folgte diesem Beispiel, ebenso die reitende Artillerie und zwei Kürassierregimenter, die auch eingetroffen waren. Bald darauf erschien der Großherzog von Berg, Mürat, in einer prächtigen Generalsuniform und von einem zahlreichen glänzenden Generalstab umgeben, musterte noch einmal die Truppen, und unter dem Zusammenlauf unzähligen Volks, das uns mit neugierigen Blicken, aber lautlos anstarrte, marschierten wir in der schönsten Ordnung mit klingendem Spiel in Madrid ein, das trotz seiner vielen Kuppeln und Glockentürme doch kein sehr imponierendes Ansehen hat. Nur wenn man durch das Tor Alcala kommt, das einem Triumphbogen ähnlich sieht, zur Linken prächtige Gärten, zur Rechten eine lange, fast gleichgebaute Häuserreihe, dann den Prado erblickt und sich bald darauf das Auge in der endlosen Straße Alcala verliert, erhält man eine günstigere Meinung von der Stadt, zu der jedoch die meisten Zugänge die Residenz eines großen Monarchen ahnen lassen.