X.
Ferdinand VII. Einzug in Madrid. – Der Friedensfürst. – Der Aufstand zu Aranjuez und Madrid. – Karl IV. Abdankung. – Napoleon zu Madrid erwartet. – Ferdinand vom Volk angebetet und von Savary nach Bayonne gelockt. – Karl IV. protestiert gegen seine Abdankung. – Donna Calvanillas und Rosa Maria. – Theater. – Cortesanos, Majos und Muchachas. – Sitten der Einwohner. – Der Fandango vor Gericht. – Wohnungen. – Der Adel. – Autodafés. – Die Erstürmung von Amors Schloß.

Fast bis zur einbrechenden Nacht mußten die Truppen in den Straßen und auf den Plätzen Madrids biwakieren, bevor ihnen Quartiere in verschiedenen großen Gebäuden und Kasernen angewiesen wurden, ein Teil derselben aber lag mit den noch ankommenden Bataillonen in der Umgegend der Stadt. – Für Napoleons Leutnant, Mürat, hatte man den alten Palast von Buon Retiro eingeräumt, den er aber nicht bezog, sondern sich in das Hotel des Friedensfürsten einquartierte. Den Tag nach unserem Einrücken hielt Ferdinand als König seinen Einzug; unzähliges Volk aus allen Ständen, von jedem Alter und Geschlecht, empfing ihn mit einem ungeheuren Jubelgeschrei, alle drängten und drückten sich, den geliebten jungen König zu sehen, den sie gleich einem heiligen Märtyrer verehrten. Mehr als hunderttausend Landleute waren aus der Umgegend herbeigekommen, um das Glück zu haben, den neuen Herrscher bewillkommnen zu können, und drei langer Stunden bedurfte es, bis der angebetete Fürst durch die dichten Haufen zu seinem Palast gelangen konnte. Ein großer Teil dieser Freudenergüsse mochte wohl auf Rechnung des Hasses und der Verachtung kommen, die man dem Friedensfürsten zollte, den man dadurch demütigen wollte; denn Ferdinands Persönlichkeit und seine Taten – man wußte wenig mehr von ihm, als daß er eine sehr schlechte Erziehung gehabt, die eher dazu gemacht war, seine allenfallsigen geistigen Anlagen zu unterdrücken, als zu entwickeln – konnten einen solchen Empfang nicht rechtfertigen. Durch diese vernachlässigte Erziehung und eine sklavische Etikette hatte der argwöhnische Godoï beabsichtigt, ein willenloses Werkzeug seiner Absichten aus diesem Prinzen zu machen. Man erwartete jetzt von dem jungen Monarchen, daß er die Schändlichkeiten der bisherigen Favoritenregierung gut machen, die Nation rächen würde und glaubte deshalb einen Erlöser in ihm zu finden, aber man betrog sich.

Daß Mürat den Palast des so verhaßten Godoï bezogen hatte, war den Spaniern eine schlimme Vorbedeutung; sie schlossen daraus, daß er den Günstling der alten Königin in Schutz nehmen wolle, und von diesem Augenblick nahm das Volk eine fast drohende Stellung an. Mürat, dem dies nicht entging, ließ nun eine bedeutende Truppenmasse nebst zahlreicher Artillerie auf die Höhen von Casa del Campo, dem königlichen Palast gegenüber, Posto fassen, alle Divisionen, die bereits die Gebirge überschritten hatten, in Madrid einrücken und dieselben öfters und mit großer Ostentation die Musterung auf dem Prado passieren, um dem Volk zu imponieren. Die noch in der Stadt befindlichen spanischen Truppen mußten gemeinschaftlich mit uns den Dienst versehen, um Ruhe und Ordnung zu erhalten. General Grouchy wurde zum Kommandanten der Truppen ernannt. Bald bemerkte man, daß Mürat und die ganze französische Generalität wenig Notiz von dem jungen König nahmen, ja ihm nicht einmal einen Besuch machten, offenbar ein Beweis, daß man ihn von französischer Seite nicht als Souverän anerkannte. Um den Gang der Ereignisse besser zu verstehen, muß ich mit wenigen Worten hier anführen, was unserem Einmarsch in Madrid sowie zu Aranjuez vorangegangen war.

Die ebenso unerhörten als unverdienten Gunstbezeugungen, deren sich Godoï von dem königlichen Paar zu erfreuen gehabt und die er auf das empörendste mißbrauchte, hatten ihm schon längst den tödlichsten Haß des Volkes zugezogen. Dieser Emporkömmling, nachdem sein eigener Bruder, der vor ihm die Gunst der Königin genossen, in Ungnade gefallen und nach Badajoz verwiesen worden, hatte schnell alle Grade überstiegen, war hierauf zuerst Finanzminister geworden, hatte seine Schwester als Kammerdame bei der Königin placiert, verheiratete sie sodann an den Vizekönig von Mexiko, den Marchese Branciforte und wurde nun selbst Grande von Spanien mit dem Titel eines Herzogs von Alcadia und Ritter des goldenen Fließes, das der schwache König dem Geliebten seines Weibes selbst umhing. Dieser ernannte ihn auf der Königin Verlangen auch zu ihrem besonderen Hof- und Ehrenkavalier sowie zum Chef aller spanischen Garden, dann zum allmächtigen Premierminister und Generalkapitän aller spanischen Truppen, und nach dem Baseler Frieden erteilte er ihm noch den Titel eines Principe de la Paz. Aber auch mit zeitlichen Gütern wurde dieser unerhörte Glückspilz von seinen hohen Gönnern reichlich versorgt, und man schenkte ihm Herrschaften, die Hunderttausende von Piastern eintrugen, wozu noch die großen Gehälter aller seiner Stellen kamen. Nachdem er durch die Heirat mit der Tochter des Infanten Anton ein Mitglied der königlichen Familie geworden war, wurde er auch noch Großadmiral aller Flotten Spaniens, ja man schuf noch eine eigene Stelle für ihn, nämlich die eines Generalissimus der ganzen spanischen Land- und Seemacht und eines Reichskonsulators. Jedoch schien es, als habe das Schicksal oder vielmehr die Königin noch nicht das ganze Füllhorn ihrer Gunst an diesen Menschen verschwendet. Denn es befahl nun eine Verordnung, daß man dem Friedensfürsten ganz gleiche Ehrenbezeugungen wie dem König selbst zu erweisen habe; sein Hochmut hatte jetzt keine Grenzen und wurde unerträglich. Dabei übte er einen solchen Nepotismus zugunsten seiner Verwandten aus, daß diese bis in den zehnten Verwandtschaftsgrad die einträglichsten Stellen des Reichs, ohne alle Rücksicht auf Fähigkeiten und Verdienst, erhielten. Daß ein solches Verfahren den Adel sowie das Volk aufs höchste empören mußte und viele Versuche gemacht wurden, des unwürdigen Günstlings Gewalt zu beschränken und seiner Allmacht ein Ende zu machen, war sehr natürlich, aber die Urheber solcher Versuche mußten sie durch Verbannung, Kerker und Galeere büßen. Es kam endlich so weit, daß der ebenfalls von dem hochmütigen Favoriten mißhandelte Prinz von Asturien, Ferdinand selbst, nicht nur einer Verschwörung gegen denselben beitrat, sondern sich sogar an die Spitze der Verschworenen stellte. Godoï entdeckte aber die Sache, noch ehe sie zum Ausbruch kam, und hatte die Frechheit, den Thronerben bei dessen Eltern des Hochverrats anzuklagen und auf dessen strenge Bestrafung zu dringen. Der Kronprinz wurde verhaftet und mußte seine Eltern und deren Favoriten um Verzeihung und Gnade bitten. Es wurde ihm zwar verziehen, aber diese Verzeihung öffentlich und zwar auf eine schonungslose Weise und in harten Ausdrücken bekannt gemacht, zugleich wurden auch die Umgebungen des Prinzen und sogar dessen Erzieher, der Kanonikus Escoiquitz und der Herzog von Infantado, auf fünfzig Meilen von Madrid verbannt. Als nun durch den Einmarsch der Franzosen in Spanien die Gemüter aufs neue angeregt wurden, glaubte Ferdinand, der die erlittenen Kränkungen nicht vergessen hatte, und sein Anhang den rechten Zeitpunkt gekommen, den verhaßten Günstling samt seinen Beschützern zu stürzen und wurde bei diesem Versuch vom gesamten Volk unterstützt. Nur mit unsäglicher Mühe war es den Garden gelungen, der königlichen Familie nach Aranjuez folgen zu können, da sich die Volkshaufen diesem Vorhaben mutig widersetzt hatten. Auch wurden sie auf ihrem nächtlichen Marsch dahin mehrmals angegriffen, ohne daß man herausbringen konnte, von wem diese kühnen Angriffe eigentlich geleitet wurden, und kaum konnten sich die Königin und ihr Günstling über ein solches Attentat beruhigen, als einige Tage darauf, den 19. März, eine Masse Volk und Bauern nach Aranjuez strömte, um da ein Seitenstück zu der Geschichte vom 5. und 6. Oktober 1789 in Versailles zu liefern. Sie begrüßten die Königin laut mit dem Titel: „Hure eines infamen Nickels“ und forderten Godoïs Kopf. Die Garden, die sie schützen sollten, traten nun auf einmal und ganz unerwartet auf die Seite des Volks über und prügelten sogar ihren Obersten, einen Bruder Godoïs. Jetzt flüchtete der sich in Todesängsten befindende Friedensfürst, so feige als niederträchtig seine königlichen Beschützer im Stich lassend, nur noch darauf bedacht, das eigene kostbare Leben zu retten, in seinen Palast und verkroch sich in den verborgensten und geheimsten Winkel desselben.

Der König erließ, nachdem er eine projektierte Flucht über das Meer und nach Amerika hatte aufgeben müssen, eine Proklamation an seine vielgeliebten und getreuen Untertanen, in der er sie zu trösten suchte und versicherte, daß es durchaus nicht seine Absicht gewesen sei, Madrid oder Aranjuez zu verlassen, sondern daß er in der Mitte seines teuren Volkes verweilen wolle, und versprach in kurzem mit Hilfe seiner getreuen Alliierten dem Land den Frieden wiederzugeben. Diese Worte mußten um so weniger Glauben finden, als die gemachten Anstalten einer Abreise der königlichen Familie durchaus noch nicht kontremandiert worden waren, auch ging das Gerücht, daß schon ganze Wagen voll Silbergeräte nach Andalusien abgegangen seien. Godoïs Mätresse, eine gewisse Donna Pepe Tudo, die Tochter eines spanischen Offiziers, die erst kürzlich zu einer Gräfin von Castillo Fiel gestempelt worden war und von der er zwei Kinder hatte, war mit Diamanten beladen entwischt. Das Volk brach nun in des verhaßten Favoriten Wohnung ein, schlug alle Türen, Fenster und Mobilien entzwei und wurde wütend, als es den Gegenstand seines Hasses nicht finden konnte; doch respektierte es dessen Gattin als eine Prinzessin von königlichem Geblüt und führte sie auf das Schloß des Königs. Um die aufgebrachte Menge einigermaßen zufrieden zu stellen, entsetzte der Monarch den Friedensfürsten seiner Stelle als Großadmiral und Generalissimus und erklärte, selbst den Oberbefehl über die Land- und Seemacht nehmen zu wollen; auch hatte er versichert, daß sich die Truppen seines teuren Verbündeten, des Kaisers Napoleon, nur in freundlichen Absichten näherten, um das beabsichtigte Ausschiffen des gemeinschaftlichen Feindes zu hintertreiben. Als man in Madrid die Vorgänge von Aranjuez erfahren, erscholl auch hier der Ruf: „Meur e Godoï.“ Die Szenen von Aranjuez wiederholten sich, das Volk drang auch dort in den Palast des Favoriten sowie in die Wohnungen seiner Mutter, seiner Geschwister und seiner bekanntesten Anhänger, zertrümmerte daselbst ebenfalls Fenster und Möbel und zündete mit den letzteren ein Freudenfeuer in den Straßen an, plünderte mehrere Hotels, auch das des Finanzministers, und bei diesem Tumult und all diesen Unordnungen blieben die Schweizerregimenter in spanischem Sold ruhige Zuschauer, allerdings das beste, was sie tun konnten; denn das Übel wäre sonst nur ärger geworden, und es hätte ihnen leicht ergehen können wie ihren Landsleuten am 10. August 1792 in Paris.

Ferdinand hatte sich unterdessen zu Aranjuez an die Spitze des Aufstandes gestellt, sein Vater, Karl IV., hatte zu seinen Gunsten der Krone entsagt und sich dabei feierlich und auf das dringende Ersuchen der Königin als einzige Bedingung die Lebensrettung des teuren Friedensfürsten vorbehalten, der noch immer im Palast Villa Vicciosa zu Aranjuez schon seit sechsunddreißig Stunden in Todesangst und ohne irgend Speise noch Trank zu sich nehmen zu können, unter Matten versteckt lag. Nur ein einziger ihm treu gebliebener Diener wußte sein Versteck, wurde aber, als er für seinen halbverhungerten Herrn einige Lebensmittel holen wollte, vom Volk erkannt und angehalten, dem er, um sein Leben zu retten, den Aufenthalt Godoïs entdecken mußte. Man fand diesen auf einem Boden unter den Matten, zerrte ihn hervor, überhäufte ihn mit Schimpfworten und Schlägen, und nur durch die größten Anstrengungen gelang es den herbeieilenden Garden, ihn der Wut des erbitterten Volkes zu entreißen und ihm das Leben zu retten, während man fortfuhr, Steine gegen ihn zu schleudern. Um ihn in Sicherheit zu bringen, mußte man ihn schnell in einen Stall werfen und in demselben mit Stroh zudecken. Das Volk drang indessen ungestüm auf seine Auslieferung, und man war im Begriff, diesem Begehren zu willfahren, als zum Glück Godoïs der Prinz von Asturien, Ferdinand, hinzukam, jetzt wohl der einzige Mensch, der ihn zu retten imstande war. Schon bluttriefend, stürzte sich der Elende zu den Füßen desjenigen, dem er Krone und Leben hatte rauben wollen, redete ihn mit „Eure Majestät“ an und bat in den jämmerlichsten Tönen flehend um Gnade. Ferdinand hatte seinem Vater dessen Erhaltung versprochen; er beruhigte das Volk, indem er demselben versprach, es solle die strengste Gerechtigkeit gegen Godoï geübt werden, den er sodann mit einer starken Bedeckung gefangen abführen ließ. Er wurde auch sofort in ein Gefängnis gebracht, vor welchem sich große Volkshaufen sammelten und unaufhörlich Schmähungen und Verwünschungen ausstießen. Als jetzt des alten Königs Abdankung zugunsten seines Sohnes bekannt wurde, besänftigte sich das Volk endlich, und die Ruhe kehrte zurück.

Ferdinand erließ nun ein Dekret an den Rat von Kastilien, wodurch alle Güter, Mobilien und Effekten des sogenannten Friedensfürsten konfisziert werden sollten, wo sie sich auch immer vorfinden würden, kündigte dem Volk an, daß er sich nach Madrid begebe, um Ruhe und Ordnung herzustellen, und daß es seinen Verordnungen gegen Godoï volles Vertrauen schenken möge. Den Herzog von Infantado ernannte er zum Obersten der Garden und rief alle seine verbannten Anhänger zurück.

Unglaublich ist es, welche Freude die Nachricht von dem Sturz Godoïs in ganz Spanien hervorbrachte; wir sahen die Leute wie toll umherspringen, ausgelassen auf den Straßen jubeln und laut aufschreien. In mehreren Städten wurde sogar ein Tedeum deshalb angestimmt, und man veranstaltete öffentliche Feste. Die Büste oder das Bild des Verhaßten wurden beinahe an alle Galgen genagelt oder auf die Schindanger geworfen, Freudenfeuer loderten auf allen öffentlichen Plätzen, und man sprang und tanzte um dieselben. Unter den tausend Gerüchten, die jetzt zu seinem Nachteil in Umlauf gesetzt wurden, verbreitete man auch eines, welches besagte, er habe die Franzosen ins Land gerufen, um sich mit deren Hilfe selbst zum König von Spanien zu machen. Ferdinand hatte sich noch am Tage der Abdankung seines Vaters als König proklamieren lassen und hoffte und erwartete jetzt, von Mürat beschützt zu werden, wiegte sich deshalb in einer gefährlichen Sicherheit, welche die meisten seiner Räte teilten, da sie glaubten, Napoleons Politik heische es sogar, den jungen König anzuerkennen und in Schutz zu nehmen, der jetzt wiederholt um eine Gemahlin aus Napoleons Händen und von dessen Verwandtschaft bat. So hinsichtlich der Absichten des französischen Herrschers vollkommen ruhig, nahm Ferdinand auch nicht die mindesten Vorsichtsmaßregeln, ja die spanischen Truppen wurden zum Teil noch zur Disposition Jünots gestellt, und drei spanische Granden, die Herzoge von Medina Cöli, von Frias und der Graf Fernandes Nunez, wurden Napoleon, den man in Spanien erwartete, entgegengesandt, ihn zu bewillkommnen und ihm zugleich Ferdinands Thronbesteigung anzukündigen.

So standen ungefähr die Sachen, als wir in Madrid ankamen und den Tag darauf der junge König in der Hauptstadt einrückte. Jetzt aber nahm schnell alles eine andere und fast jedermann unerwartete Wendung.

Mürat, der Augenzeuge der Anhänglichkeit des Volkes an Ferdinand gewesen war und eine neue Gärung befürchtete, ließ immer mehr Truppen nach Madrid und in die Umgegend kommen. Die Begebenheiten zu Aranjuez und ihre Folgen hatten Napoleon einen großen Strich durch die Rechnung und alle seine Kombinationen zu nichte gemacht, so daß er genötigt war, seine Pläne zu ändern und ganz andere Anordnungen zu treffen. Am erwünschtesten wäre ihm eine Flucht der königlichen Familie nach Amerika gewesen, zu der er gerne die Hände geboten hätte, weil ihm alsdann, so glaubte er wenigstens, das verwaiste Spanien, das er zuerst seinem Bruder Lucian zugedacht hatte, von selbst zugefallen wäre. Als er die Begebenheiten erfuhr, die seine Projekte so durchkreuzten, ging all sein Trachten dahin, den durch die Anhänglichkeit des Volkes und der Truppen auf den spanischen Thron erhobenen Prinzen möglichst bald wieder herabzustürzen; daher auch das zweideutige Benehmen Mürats und der französischen Generale zu Madrid. Um das beabsichtigte Bubenstück vollbringen zu können, suchte Napoleon Karl IV. und dessen Sohn vor seinen Richterstuhl zu ziehen, indem er sich selbst zum obersten Schiedsrichter der Vorfälle in Aranjuez aufwarf, was bei der großen französischen Heeresmacht, die bereits auf spanischem Boden stand, wohl zu bewerkstelligen war. Wir sowohl als die Spanier erwarteten den Kaiser jeden Tag in Madrid, aber vergeblich; er hielt es für ratsamer, und es war allerdings seinen Zwecken weit dienlicher, die ganze königliche Familie nach Bayonne zu locken, wo er sein Urteil zu fällen beschlossen hatte. Hätte Ferdinand damals die französischen Journale gelesen, die ihn als einen ungehorsamen und verbrecherischen Sohn schilderten und nur Karl IV. als König von Spanien anerkannten, so würde er schwerlich so leicht in die gestellte Falle gegangen sein, doch ist es kaum zu begreifen, wie ihm Mürats Benehmen zu Madrid nicht die Augen geöffnet, denn er hatte ja Karl IV. und seine Gattin durch einen hohen Offizier zu Aranjuez noch als Souverän Spaniens bekomplimentieren lassen, worauf sie sich nach San Lorenzo begaben. Zugleich hatte sich ein Briefwechsel zwischen Mürat und den alten Majestäten entsponnen, dessen Zweck war, Godoï dem Wohlwollen Napoleons und dessen Leutnant zu empfehlen. Man begehrte sogar französische Garden zu dessen Schutz, die sofort bewilligt wurden, auch verhinderte Mürat die Abführung des alten Königs nach Badajoz, wohin ihn die neue Regierung samt seiner Gemahlin verwiesen hatte. Mürat benahm sich indessen so, daß niemand das Schicksal, das dem jungen König zugedacht war, vermuten konnte, sondern jedermann deshalb in Zweifel war. Die Königin von Hetrurien, die damals auch in Madrid war, wollte dieser Ungewißheit à tout prix ein Ende machen und veranstaltete zu dem Zweck, daß sich Ferdinand und Mürat bei ihr persönlich trafen, eine Assemblee. Beide hatten die Einladung angenommen. Der Großherzog von Berg mochte etwa schon eine Viertelstunde anwesend sein, als man mit einem Male den jungen König von Spanien meldete. Mürat, der sich damals noch mit der Hoffnung trug, daß sein kaiserlicher Schwager den Thron von Spanien ihm bestimmt habe – ein Thron war ihm jedenfalls versprochen –, nahm fast gar keine Notiz von dem eintretenden Fürsten, der es nun auch nicht wagte, ihn anzureden, oder vielleicht glaubte, sich dadurch etwas zu vergeben. Ihre ganze Begleitung hatte sich in Seitengemächer verloren, und beide fanden sich plötzlich in einem Salon allein mit der Königin von Hetrurien, die, um sie zu nötigen, miteinander zu sprechen, ebenfalls in ein Nebenzimmer trat und daselbst an einem Klavier phantasierte; aber Ferdinand, in der größten Verlegenheit, eilte, seiner Schwester zu folgen, und Mürat, dem das Geklimper wenig Vergnügen zu machen schien, entfernte sich bald darauf, ohne daß beide ein Wort miteinander gewechselt hatten. So erzählte man sich diese sonderbare Zusammenkunft damals in Madrid, und so hörte ich sie von dem Adjutant-Kommandanten Monthiou bestätigen.