Man erzählt sich, daß, als man einst von Rom, wo ein gichtbrüchiger Papst auf Petri Stuhl saß, den Fandango bei Strafe des Kirchenbannes verbieten wollte, ein vernünftiger Kardinal dem heiligen Vater die richtige Bemerkung machte, man solle niemand, ohne gehört oder gesehen, verdammen. Man ließ nun den verführerischen Tanz vor einer zu Richtern über denselben bestimmten Versammlung von Kardinälen durch reizende Spanierinnen aufführen. Aber kaum entfalteten die schönen Tänzerinnen die Anmut ihrer Bewegungen, so verschwanden auch schon alle Falten der gerunzelten Stirnen der alten Eminenzen, sie fingen mit Händen und Füßen zu zappeln an, schlugen den Takt dazu, und die heilige Jury sprach den Fandango einstimmig frei.
Aber das Vergnügen, welches der Fremde bei diesem Tanz empfindet, wird zur Abscheu, wenn er einer Hauptergötzlichkeit der Spanier, einem Stiergefecht beiwohnt, auf welches, horribile dictu, die Damen am ärgsten versessen sind. Sie würden kein Opfer scheuen, selbst nicht das ihrer höchsten Gunst, um einem solchen beiwohnen zu können. Das letzte Hemd wird verkauft oder versetzt, um dieses Gelüst zu befriedigen, und dann fährt man mit Grandezza auf den Plaza mayor.
In der Regel lebt man in Madrid ziemlich billig; aber teurer als gewöhnlich war es während unseres Aufenthalts daselbst. Das Fleisch, mit Ausnahme der Schweine, war nicht sonderlich, nur die Toledaner Hammel sind nicht schlecht. Das Geflügel aber ist sehr gut und in großem Überfluß. Früchte und Gemüse sind ebenfalls gut, werden aber abscheulich, für Fremde oft ungenießbar zubereitet. Das Brot, pan candial, ist ein wahres Kuchenbrot; aber die Feuerweine, wie Alikant, Xeres, Canaries, Vinos generos, Val de pennos, la Mancha, müssen einen Eisklumpen noch beleben, haben aber auch schon manchem ungenügsamen Fremden das Grab geöffnet.
Die Spanierinnen haben fast alle sehr melodische Stimmen, so daß schon ihre Rede fast wie lieblicher Gesang tönt. Ihre Sprache ist ein glühender Liebeshauch, ihre Augen und Blicke unter den nie fehlenden Schleiern erschüttern Mark und Bein und sind herzdurchbohrend. Dabei sind sie galant und verliebt bis über die Ohren. Sie sehen die Fremden sehr gerne, und wären die Franzosen als Freunde geblieben, so hätten sie Spanien durch die Frauen und Mädchen erobert und gefesselt. Aber die unglücklichen Ereignisse machten, daß später das französische Militär fast in gar keine freundliche Berührung mehr mit den Einwohnern kam. Freilich besitzt der Spanier wenig Liebenswürdigkeit, ist hochmütig, gebieterisch und herrisch gegen das schöne Geschlecht, verrichtet dabei aber alle Frauendienste, ein ungeheurer Abstand gegen den galanten Franzosen, und dabei selten ein schöner Mann; in der Regel eher häßlich zu nennen. Selbst sein Organ ist rauh und unangenehm und seine Aussprache hart. Von der Mäßigkeit der Spanier im Essen und Trinken kann man sich kaum einen Begriff machen: eine Familie von zehn Personen hat oft genug an dem, was mancher Süddeutsche oder Schweizer allein zu sich nimmt. Eine gesalzene Sardelle, ein Stückchen Knoblauch und trockenes Brot, oder ein Ei und etwas Obst ist oft das ganze Mittagmahl. Eine Wassersuppe mit Öl, ein Dutzend Schnecken, Schwämme und so weiter sind schon Leckerbissen in den Dörfern.
Eine sehr große Rolle spielte zu jener Zeit noch der Aberglaube in ganz Spanien und unter allen Ständen. Wahrsager, Schwarz- und Weißkünstler, Hexenmeister gab es in jedem Dorf, und ganze Banden solchen Gesindels streiften in dem Land umher, sich von der Dummheit der Einwohner mästend. Die Barbiere sind ein entsetzlich geschwätziges Volk, höchst zudringlich und auch bei galanten Abenteuern nützlich, aber ein Figaro ist mir doch nicht unter ihnen begegnet, dagegen Gil-Blas und Sancho Pansas genug.
In der Regel sind die Wohnungen der Spanier im Innern sehr kahl, haben meistens eine schlechte Einrichtung. Große düstere Zimmer mit alten Heiligenbildern verziert, zerlumpte Vorhänge, ebensolche Tapeten, einige alte Sessel, einige Tische und Stühle, altmodische Spiegel, das war das ganze Mobiliar eines selbst bemittelten Mannes. – Der spanische Adel ist auf sein Herkommen und seinen Stammbaum ebenso eingebildet und dummstolz, als mancher hannoversche oder sächsische Kraut- und Landjunker. Ein jeder Hidalgos, wenn er auch in Lumpen gehüllt ist und kein ganzes Hemd mehr auf dem Leibe hat, besitzt doch gewiß seinen wurmstichigen Stammbaum in seiner Dachkammer, oft der einzige Zierat, oder besser der Unrat seiner hohen Wohnung. Dabei sind sie gegenseitig so komisch komplimentenreich, daß man in Versuchung kommt, sie für Policinellos zu halten. Die Don Ranudo de Colibrados sind noch lange nicht ausgestorben und blühen in Spanien noch wie in Deutschland und Italien. Seltener ist diese Schmarotzerpflanze in Frankreich, wo sie die Lächerlichkeit nicht aufkommen läßt. Fast die Mehrzahl der Spanier liebt das Zölibat, dagegen haben sie Mätressen zu halben Dutzenden, wenn es ihre Umstände erlauben.
Der Ursprung Madrids ist gänzlich unbekannt. Aber ein großer Teil seiner Bewohner behauptet in allem Ernst, daß die alten Griechen die Stadt gegründet hätten, andere sagen, es sei das alte Mantua Carpetanorum. Die ersten, einigermaßen zuverlässigen geschichtlichen Nachrichten hat man aus den Zeiten, wo die Könige von Kastilien hier ein Schloß hatten, das schon erwähnte, welches an der Stelle des heutigen neuen königlichen Palastes stand. Philipp II. verlegte zuerst seine Residenz und seinen Hof für immer hierher, nachdem sein Vater Karl I. (V.) schon einen großen Teil seiner Zeit daselbst zugebracht hatte. Jetzt wurde die Stadt immer bedeutender, kam schnell empor, wozu religiöse Feste, Autodafés und Stiergefechte nicht wenig beitrugen. Die Autodafés waren eine bittere und blutige Satire auf die christliche Religion und ihren Stifter, und wurden oft nur gehalten, um dem Volk eine Unterhaltung zu gewähren, die es zugleich mit Furcht und Schrecken erfüllen sollte. Da wurden, um Fruchtbarkeit und gutes Wetter vom Himmel zu erlangen, Ketzer, Zauberer und Hexen unter dem Jubel des unzähligen Pöbels aus allen Ständen verbrannt. Den armen Sündern wurde vorher das Urteil in den Kirchen verkündigt und ihnen noch eine recht erbauliche Bußpredigt gehalten. Dann wurden sie auf den Plaza mayor geführt, wo man noch eine Messe an einem Altar las, und sie hierauf in die hellodernden Flammen des neben dem Altar errichteten Scheiterhaufens warf. Nun wurden noch allerhand heilige Schnurrpfeifereien vorgenommen, das Volk mit schmutzigem Weihwasser bespritzt, man kniete, betete, bekreuzigte sich und streute zu guter Letzt die Asche der Verbrannten in alle Winde. Die heilige Hermandad, ihre Henkersknechte – die Inquisitionsrichter – und tausende von Pfaffen entfernten sich dann heulend und brüllend in Prozession, und das erbaute Volk verlief sich nach allen Seiten. In fast allen Kirchen Spaniens sieht man Abbildungen solcher, zur Ehre der Dreieinigkeit und zur Schande der Menschen und ihrer Religion gehaltenen Autodafés. Gewöhnlich sind sie am Hochaltar angebracht und recht gräßlich gemalt. Da werfen die Schindersknechte einen zitternden Greis, dort ein altes Weib, hier ein schönes Mädchen in die Flammen. Ihre Namen liest man unter dem Gemälde. Noch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde eine hübsche junge Frau aus Sevilla verbrannt, weil sie ein Verhältnis mit dem Teufel unterhalten, der ihr die Gabe der Weissagung verliehen hatte. Trotzdem aber konnte sie ihr eigenes Schicksal keinen Tag voraussehen. Noch später wurde ein Schneider, der sich der Magie ergeben hatte, aus ganz besonderer Gnade zwar nur im Bilde verbrannt, aber während dieser Operation in Natura blutig ausgepeitscht, bis er selbst fast seinen Geist aufgab.
Bis zu den Zeiten Philipp V. hielt man noch Turniere, Ringelreiten und dergleichen in Madrid und feierte namentlich ein Fest, ‚Die Belagerung von Amors Schloß‘ genannt, im Wonnemonat jeden Jahres mit großem Pomp. Der Plaza mayor war ebenfalls die Schaubühne desselben. Man erbaute auf demselben eine große hölzerne, mit Festons geschmückte Burg, auf deren Mauern allerlei Allegorien gemalt waren. Die schönsten Frauen und Mädchen bildeten als Ritter und Knappen die Besatzung dieser Burg und zeigten sich mit Kränzen und Blumen bewaffnet auf den Mauern, während vor derselben von den Belagerern Quadrillen zu Pferd und zu Fuß aufgeführt wurden. Hierauf gab eine sanfte Musik das Zeichen zur Erstürmung der Feste, deren Verteidiger dieselbe nur durch das Herabwerfen ganzer Körbe voll Blumen zu schützen versuchten. Die Stürmenden aber ließen sich dadurch nicht abhalten, mutig hinanzuklimmen, und wurden als Sieger mit Küssen und Kokarden von den Schönen empfangen. Jetzt wurde ein Triumphzug zu Roß und zu Wagen durch alle Hauptstraßen der Stadt, in denen Triumphbogen von Blumen errichtet waren, gehalten, und von allen Balkonen bewarf man die Vorüberziehenden ebenfalls mit Blumen. Musik, Gesang und Tanz währten die ganze Nacht hindurch, in welcher die Stadt durchaus bis zum Anbruche des Tages erleuchtet war.
Daß an einem Amorfest die Frauen den größten Anteil nehmen, ist sehr natürlich. Aber daß sie es auch sind, die mit der größten Gier den Stiergefechten nachlaufen, sich an dem Verbluten der gemarterten Tiere ergötzen, mit Vergnügen die Wunden des gehetzten Tieres zählen, und bedauern, daß es durch zu frühes Hinscheiden seine Leiden endet, und dessen Mörder und Hetzhunde mit Beifall überschütten, ihnen, mit Händen und Füßen tobend, zujauchzen, während der arme edle Stier mit dem Wutschaum vor dem Maul niederstürzt und ein letztes, durch Mark und Bein dringendes Schmerzgebrüll ausstößt, sich qualvoll in seinem Blute wälzt, ist höchst unnatürlich. Die schönsten Opfer dieser Grausamkeit liefern die andalusischen Wildnisse, in denen man die Stiere mit Hilfe abgerichteter Kühe fängt und dann zu diesem Marterspiel aufbewahrt. Selbst die sonst in Spanien so hoch, ja göttlich verehrten Päpste waren so wenig wie die Könige des Landes imstande, diesem Greuel ein Ende zu machen. Sobald von Abschaffung der Stierkämpfe die Rede war, drohte jedesmal die ganze Nation sich zu empören, und man war genötigt, dem guten Volk schnell wieder einige Hundert dieser Tiere zu opfern, um es zu beruhigen und zu überzeugen, daß man ihm dieses Vergnügen nicht rauben wolle.