Seit Ferdinands Abreise von Madrid schienen alle spanischen Gesichter ein ganz anderes Aussehen zu haben. Man blickte uns mit auffallend finsteren Augen an, um so mehr, da man wußte, daß wir jetzt ganz auf Spaniens Unkosten lebten und unterhalten wurden. Das Benehmen der Krieger der großen Nation war im Gefühl ihrer bisherigen Siege ziemlich arrogant, was zu öfteren Händeln Veranlassung gab, die zwischen den Einwohnern und Soldaten vorfielen, in die sich aber das spanische Militär durchaus nicht mischte, sondern ganz neutral verhielt. Auch verschwand hier und da mancher französische Soldat, ohne daß man herausbringen konnte, was aus ihm geworden war. Murat fuhr fort, Truppen nach Madrid zu ziehen. Dupont wurde mit seinem Stab und einem Teil seiner Division nach Aranjuez und die Umgegend verlegt. Der Rest hatte unter dem Befehl Vedets Besitz von Eskurial genommen. Die dritte Division lag noch bei Segovia und viele Bataillone biwakierten in geringerer oder größerer Entfernung von der Hauptstadt. Das Gerücht, daß Napoleon Ferdinand VII. nicht anerkenne, fand bald allgemeinen Glauben, man erfuhr, daß in Toledo schon ein Volksauflauf stattgefunden habe, bei dem sich die Anhänger des alten Königs und Godoïs flüchten mußten. Man hatte dabei Ferdinands Bild im Triumph herumgetragen. Wer ihm begegnete, mußte seine Knie vor demselben beugen und ihm ein Vivat bringen, wollte er nicht von dem mit Säbeln, Spießen und Gewehren bewaffneten Volk mißhandelt oder gar ermordet werden. Fünf Tage darauf marschierte Dupont schon nach Toledo ab, wohin er sein Hauptquartier verlegte. Er fand keinen Widerstand bei seinem Einzug, wie er gefürchtet und weshalb er in Schlachtordnung vorgerückt war, sondern der Erzbischof, ein Bruder der Gattin Godoïs, kam ihm mit dieser und einer Zahl Geistlichen entgegen. Aber das Volk maß die Ankömmlinge mit finsteren, vielsagenden Blicken.
Wir standen jetzt in Madrid wie auf einem Vulkan, von dem alle Anzeichen einen nahen Ausbruch verkündeten. Nur mit großer Mühe hatte man bei Godoïs Freilassung einen Aufstand unterdrückt. Als man aber die Gewißheit bekam, daß Ferdinand Spaniens Grenze überschritten und dessen Vater gegen seine erzwungene Abdankung protestiert habe, da wurde die Erbitterung allgemein und furchtbar. Die böse Stimmung der Gemüter war nicht mehr zu verkennen und stieg aufs höchste, als sich übertriebene Gerüchte hinsichtlich der Mißhandlung, die der vergötterte Ferdinand in Bayonne erlitten haben sollte, in Madrid verbreiteten. Den ganzen Tag standen Tausende um das Postgebäude, die von Frankreich kommenden Kuriere und Briefe erwartend. Man teilte sich auf der Puerta del Sol, dem Prado und an allen öffentlichen Orten und Plätzen Briefe mit, welche die Vorfälle zu Bayonne mit den schwärzesten Farben schilderten. Wut und Ingrimm machten sich auf den braunen spanischen Gesichtern bemerkbar, und nur noch mit Mühe unterdrückten die Leute den Ausbruch ihres Zornes.
Es wurden nun allerlei Maßregeln von unserer Seite ergriffen, den bevorstehenden Sturm zu beschwören und das Verbreiten schlimmer oder falscher Nachrichten zu verhindern, aber vergeblich. Auch fing man die Sache verkehrt an. Umsonst ritt Murat täglich zu verschiedenen Stunden mit großem Prunk und glänzendem Gefolge durch die Straßen der Hauptstadt, um sich dem Volke zu zeigen und es zu besänftigen. Diese Ostentation hatte gerade die entgegengesetzte Wirkung. Das Volk hielt sie für Hohn und glaubte, man spotte seiner. Man murrte laut, und nicht selten ließ sich ein gellendes Pfeifen hören, wenn der Zug vorüberritt. Murat war durch die ertrotzte Befreiung und Abführung Godoïs jetzt ebenso verhaßt wie dieser geworden. In der peinlichsten Lage befand sich jedoch die hohe Junta, welcher Ferdinand die Zügel der Regierung bei seiner Abreise übergeben hatte, und die nicht mehr wußte, wer Koch oder Kellner war, daher in dieser Verwirrung keinen Leitfaden finden konnte, der ihr den rechten Weg gezeigt hätte. Auch wollte sie es mit keiner Partei verderben. Die wenigen spanischen Truppen, die noch in Madrid lagen, es waren kaum zweitausend Mann, wurden in den Kasernen konsigniert, als die Gärung auf das höchste gestiegen war. Es gab jetzt schon blutige Raufereien zwischen den Einwohnern und unseren Truppen. Unsere Artillerie war sehr zahlreich in Buen Retiro aufgestellt, um im Falle der Not jeden Augenblick bereit zu sein. In Madrid selbst stand die kaiserliche Garde zu Fuß und zu Pferd, eine Division von der Linie, eine Brigade Reiterei und so weiter. In Aranjuez und der Umgegend lagen noch an dreißigtausend Mann. Als das Unwetter drohte, erhielten wir Order, im Prado zu biwakieren. Das Kloster des heiligen Bernhard war mit Soldaten angefüllt, die nicht aus den Kleidern kamen und Tag und Nacht unter Gewehr standen, auf das geringste Alarmzeichen passend. – Als Murat nun dem noch in Madrid anwesenden Infanten Don Antonio mitteilte, daß er von Karl IV. den Auftrag erhalten habe, die Königin von Hetrurien mit ihrem dreizehnjährigen Sohne auch nach Bayonne zu schicken, da erklärte die Junta, daß sie den letzteren nicht ohne den ausdrücklichen Befehl des König Ferdinand abreisen lassen würde. Murat entgegnete, daß er alle Verantwortung deshalb auf sich nehme, und bestimmte den 2. Mai (1808) zum Tag der Abreise der Königin und ihres Kindes. Als dies in der Hauptstadt bekannt wurde, setzten deren Einwohner alle noch bis jetzt beobachteten Rücksichten beiseite und riefen laut in den Straßen die infamierendsten Schmähungen gegen den Kaiser der Franzosen, aus dem sie einen picaro, un cobarde ladron machten. Da auch seit einigen Tagen die Nachrichten aus Bayonne ausblieben, so vermutete man, daß daselbst das Ärgste vorgefallen sein müsse, und sprach von Ermordung und Vergiftung der beiden Prinzen, Don Ferdinand und Don Carlos, durch Godoïs Einfluß. Auch die Weiber wurden nun wütend, und wo man eine französische Uniform sah, murmelte man: perro francés. So war die Stimmung am 2. Mai, und die ungeheure pulverschwangere Mine erwartete nur den zündenden Funken, um alles zertrümmernd in die Luft zu sprengen. Dieser Funke war die Abreise der Königin von Hetrurien. Die vorhergehende Nacht stand die ganze Garnison unter dem Gewehr und starke Patrouillen kreuzten in allen Richtungen. Dies hinderte nicht, daß sich schon mit Tagesanbruch eine unermeßliche Menge Volk vor dem Palast versammelte, den die Königin bewohnte. Unter diesen Haufen war eine Menge Weiber aus den untersten Klassen und alle hatten drohende Gesichter. Die Vorbereitungen zur Abreise wurden auf das schleunigste betrieben, und es gelang, daß die Königin mit ihren Kindern noch vor neun Uhr abfuhr. Noch waren die Wagen ihres Gefolges zurück, welche das versammelte Volk für den Infanten Don Francisko bestimmt glaubte, der, wie man versicherte, sich weigere, abzureisen, und in Verzweiflung sei. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dieses Gerücht unter den Massen, worauf die Weiber laut zu heulen und zu schreien, die Männer aber zu fluchen und zu schimpfen begannen und alle Verwünschungen gegen die Franzosen ausstießen. Gerade in dem Augenblick, als die Erbitterung auf das höchste gestiegen war, kam Murats Adjutant Lagrange aus dem Palast, und eine Stimme rief laut: „Das ist der picaro, der den Infanten mit Gewalt fortschleppen will!“ Man umringt sogleich den Offizier, schimpft und stößt ihn, er zieht den Degen, war aber am Unterliegen, als sich eine Grenadierpatrouille bis zu ihm Platz macht und ihn dem unvermeidlichen Tod entreißt. Dies war das Zeichen zum allgemeinen Aufstand der ganzen Bevölkerung Madrids. In wenigen Augenblicken sind alle Straßen mit bewaffneten Bürgern und Bauern angefüllt, die Piken, Dolche, Gewehre, Hellebarden und so weiter handhaben. Die Trompeten schmettern, die Trommeln wirbeln den Generalmarsch und die Sturmglocken heulen durch die Lüfte. An den noch nicht abgegangenen Wagen zerhaut das Volk die Stränge, ohne daß es das herbeieilende Pikett-Bataillon, das bei Murat die Wache hat, verhindern kann. Wir alle glaubten, daß dies der Ausbruch einer tiefangelegten Verschwörung, alle Franzosen zu morden, sei. Aber es war nur die natürliche Folge des allgemeinen Unwillens, den der empörte Nationalstolz hervorbrachte. Die wütenden Bürger rennen jetzt mit Eisenstöcken, Knütteln, Spießen, alten Schwertern, Büchsen und so weiter durch alle Straßen und schlagen alle Franzosen, denen sie einzeln oder in geringer Zahl begegnen, gleich tollen Hunden tot. Nicht besser ergeht es jenen, die sich noch hier und da in den Häusern befinden, wie Kommissäre, Offiziersbediente und so weiter. Adjutanten und Offiziere, welche Orders an Korpskommandanten zu überbringen haben, werden von den Pferden herabgerissen, gesteinigt und tödlich verwundet. Aus vielen Fenstern wird auf alle vorbeieilenden Franzosen geschossen oder siedendes Wasser und Öl auf sie herabgegossen, und jetzt entspinnt sich an hundert Orten zugleich der wütendste, blutigste Kampf. Unser Bataillon, das noch in der Nähe des Tores von Segovia unter den Waffen stand, erhielt Order, sich auf die Höhen vor dem Tor Sankt Vinzenz zu begeben, wohin mehrere Truppen ihre Richtung nahmen, wo Murat seinen Standpunkt gewählt hatte und von wo aus er seine Befehle nach allen Richtungen sandte. Reitende Ordonnanzen gingen ventre à terre ab, den in der Umgebung kampierenden Truppen die Befehle zu überbringen, auf das schleunigste gegen die Hauptstadt zu marschieren. Hierauf wurden die Kolonnen gegen verschiedene Straßen und Plätze der Stadt in Marsch gesetzt. Die breite Straße Alcala wurde mit Kartätschen gesäubert, die Kavallerie der Garde und die Lanciers hieben und stachen auf die Massen ein. Unser Bataillon sowie ein großer Teil der Infanterie lief, in Peletons abgeteilt, durch die Straßen und drang in Häuser, aus denen man geschossen hatte. In einem Hause der Calle San Bernardo hatte ich die größte Mühe, drei Frauen und einen Knaben der Wut der erbitterten Soldaten zu entziehen, um ihnen das Leben zu retten, konnte aber nicht verhindern, daß zwei der ersteren dennoch geschändet wurden. Immer mehr Truppen kamen jetzt in die Stadt, aber von der anderen Seite auch Tausende von bewaffneten Landleuten aus der Umgegend, die den Bürgern zu Hilfe eilten, und Geistliche und Mönche, mit dem Kruzifix in der Hand, stellten sich an die Spitze der Volkshaufen und ermutigten sie zum verzweifelten Kampf. Um elf Uhr vormittags hatte das wütendste Gefecht schon auf allen Punkten begonnen und nahm mit jedem Moment zu. Das spanische Militär war noch immer in seinen Kasernen konsigniert und hatte Befehl, die strengste Neutralität zu beobachten. Ein Haufen Volk eilte hin, diese Truppen aufzufordern, sich mit ihm zu vereinigen; aber vergeblich. Die Kommandeurs hielten sie zurück, und nur einigen gelang es, sich unter das Volk zu mischen. Dieses war so wutentbrannt, daß es sich oft blindlings mit Dolchen oder Stöcken in unsere Reihen stürzte und sich sterbend glücklich pries, wenn es ihm gelungen war, einen der Unsrigen zu verwunden. Mitten unter diesen, gleich Löwen fechtenden Haufen standen Weiber mit fliegenden Haaren, flatternden Mantillen, welche die Männer zum Ausharren im Kampf aufmunterten, ja selbst vor der im Galopp heransprengenden Reiterei nicht zurückwichen. Als einige den Ruf: „Nach dem Park, holt Waffen!“ hören ließen, rannte das Volk dahin, um sich der daselbst vorhandenen Kanonen und vieler tausend Gewehre zu bemächtigen. Aber der dort die Wache habende Offizier, ein spanischer Artillerieleutnant, weigerte sich, dieselben auszuliefern. Als man noch deshalb hin und her stritt, kam ein anderer Offizier namens Ruez mit einer Abteilung von fünfzig Mann, die den Park schützen sollten. Aber statt dessen ließ er das Volk gewähren, öffnete ihm sogar die Türen, und es bemächtigte sich schnell der vorhandenen Gewehre, wohl über zehntausend, sowie der Munition. Auch die sich in dem Park befindenden Kanoniere nahmen Partei für das Volk, zogen Kanonen heraus und pflanzten sie in verschiedenen Straßen, wo sie glaubten, daß die Franzosen herkommen würden, auf. In diesem Augenblick rückten unsere Kolonnen in der Straße San Bernardo vor, denn wir hatten Befehl, uns des Parkes um jeden Preis zu bemächtigen. Als uns das Volk gewahr wurde und heranlaufen sah, feuerte es die Kanonen ab, und der Kommandant unserer Kolonne stürzte mit noch mehreren anderen Soldaten an der Spitze derselben tot nieder, während andere schwer verwundet wurden. Dies veranlaßte, daß die Kolonne zurückwich; hierdurch entstand Unordnung, und mehrere der Unsrigen fielen in die Hände des wütenden Volkes. Doch brachte der jetzt befehlende Bataillonschef Carlier die Truppen bald wieder zum Stehen, und ein spanischer Kapitän, den die Regierungs-Junta als Parlamentär abgesandt hatte, stellte sich, mit einem weißen Tuch winkend, an unsere Spitze, seinen Landsleuten zurufend, sie möchten mit dem Feuern einhalten, wir seien von der Junta abgeschickt, den Park nur zu schützen. Das Volk hörte zwar auf diesen Befehl, als wir aber weiter vorrücken wollten, rief man uns zu: um zu beweisen, daß wir als Freunde kämen, sollten wir die Waffen ablegen; und da wir, wie natürlich, dies nicht taten, feuerten sie aufs neue. Jetzt begann ein äußerst hartnäckiges Gefecht, das damit endigte, daß wir die Kanonen mit bedeutendem Verlust im Sturm nahmen und so Herren des Parkes wurden. Aber der größte Teil der Waffen und des Pulvers waren schon weggenommen.
Der Kampf hatte sich nun in fast alle Gegenden und Straßen Madrids verbreitet, obgleich sich mehrere Mitglieder der Junta die unsäglichste Mühe gaben, dem Blutvergießen Einhalt zu tun, und mit Lebensgefahr durch die Gassen ritten, weiße Tücher schwingend. Immer mehr gestaltete sich die Schlacht, denn das war sie, und zwar mitten in einer Stadt, zu unserem Vorteil. Aber jetzt waren auch die Unsrigen bis zur Wut entflammt, da sie allenthalben auf die entsetzlich verstümmelten Leichen ihrer Kameraden stießen; besonders waren viele Mameluken von der Garde, welche die Orders zu überbringen hatten, gefallen. Sie verübten deshalb barbarische Grausamkeit gegen die ihnen in die Hände geratenen Spanier und machten unter anderen ohne Unterschied alles nieder, was sich in eine Kirche geflüchtet hatte. Bis nach drei Uhr nachmittags währte dieses schreckliche Gemetzel und der Kampf. Ich habe nie ähnliche Blut- und Mordszenen, weder vor noch nach diesem Tage mehr gesehen, und lange verfolgte mich die Erinnerung an dieselben. Als das Volk endlich sah, daß es überall den kürzeren zog, suchten die in die Stadt gekommenen Landleute zu entfliehen. Sie wurden aber größtenteils von der Kavallerie eingeholt und niedergehauen. Einem solchen armen Teufel, einem schon ziemlich bejahrten Bauern, rettete ich das Leben, indem ich mit meinem Degen den fallenden Hieb des Kavalleristen parierte, der ihm den Kopf gespalten haben würde. Dagegen erhielt ich den etwas gelähmten Hieb in den rechten Arm, so daß er durch das Fleisch bis auf den Knochen ging, der jedoch nicht lädiert wurde. Dennoch brachte ich über vierzehn Tage an der Heilung dieser Wunde zu, die mich von allen, die ich erhalten, am meisten freute, wenn ich mich an den armen Teufel erinnerte, der die blanke Klinge, die ihm den Tod bringen sollte, schon über seinem Haupte blitzen sah, sich zusammenkauerte, und unerwartete Rettung fand. Der Dragoner, dem ich zuredete, doch menschlicher zu sein, dankte mir zuletzt noch, ihn an der Tötung des alten Mannes verhindert zu haben, und verband mir die Wunde vorläufig.
Wieviel Tote das Volk an diesem schrecklichen Tage hatte, konnte nicht genau ermittelt werden. Während einige mehr als tausend zählen wollten, behaupteten andere, es seien kaum hundert gewesen. Keines von beiden mag richtig sein; wir hatten jedoch an dreihundert Tote und über tausend Verwundete.
Noch denselben Abend wurde ein Teil der mit den Waffen in der Hand Gefangenen von einer Militärkommission zum Tode verurteilt und sogleich in der Nähe des Prado erschossen. Ebenso erging es allen, welche die Patrouillen unterwegs auffingen und bei denen man auch nur ein Messer oder sonst ein schneidendes Instrument fand. Es wurde ihnen weder zu beichten noch die Tröstungen eines Priesters gestattet. Sie mußten ohne Absolution aus dem Leben gehen, was ihnen ärger als der Tod selbst war. Diese Exekutionen dauerten auch noch den anderen Tag fort und machten Murats Namen, sowie alle Franzosen in ganz Spanien schrecklich verhaßt. Jetzt hatten Pfaffen und Mönche gutes Spiel, und jeder Spanier suchte bald einen Franzosenmord auf dem Gewissen zu haben, um direkt in den Himmel zu kommen.
Eine Proklamation, die Murat am 3. Mai erließ, verkündete, daß jeder Spanier, der mit irgendeiner Waffe gefunden, auf der Stelle erschossen, daß jeder Ort, in welchem ein Franzose getötet, niedergebrannt würde, und die Väter für ihre Söhne, die Meister für ihre Gesellen, die Äbte für ihre Mönche und so weiter haften müßten. Dies empörte die Gemüter nur noch mehr, während das fortdauernde Erschießen in den nächsten vierundzwanzig Stunden alle spanischen Herzen racheglühend machte. General Grouchy war der Präsident der Militärkommission, die diese blutigen Urteile sprach, und nicht weniger als dreihundert Unglückliche, sowie alle in der Infanteriekaserne gefangen sitzenden Insurgenten kommandomäßig erschießen ließ. Viele wurden auch des Nachts aus ihren Wohnungen und Betten geholt und zum Richtplatz geschleppt. Den 4. Mai löste Murat dieses gräßliche Blutgericht wieder auf, nachdem ihm auch die Junta die dringendsten Vorstellungen deshalb gemacht, und es wurde nun eine Amnestie verkündet, aber bei Todesstrafe geboten, alle Waffen abzuliefern. Dennoch töteten die Mameluken noch mehrere Spanier im Augenblick der Amnestie, und viele hundert Einwohner Madrids entflohen, derselben nicht trauend, in die Provinzen, wohin sie die schreckliche Neuigkeit des Blutbades in der Hauptstadt mit den schwärzesten Farben und mit Blitzesschnelle verbreiteten. Die Geistlichkeit vergrößerte diese, ohnehin schon entsetzlichen Vorfälle noch hundertmal durch ihre geheimen Kanäle, und bald war kein Winkel mehr in ganz Spanien, der nicht vor Rache glühte. Am 3. Mai mußte nun auch noch der zurückgebliebene Infant Don Francisko nach Frankreich abreisen, und den 4. Mai folgte ihm der Infant Don Antonio. Jetzt waren alle Mitglieder der königlichen Familie aus dem Land.
Grabesstille war plötzlich in Madrid eingetreten. Murat stellte sich als Präsident der Junta an die Spitze derselben und wurde kurz darauf von Karl IV. von Bayonne aus zum Generalleutnant des Reiches ernannt.
Meine Wunde verhinderte mich weder am Ausgehen noch an den Dienstverrichtungen. Ich trug nur den Arm in einer Binde. Fünf oder sechs Tage später, als ich du jour war und ausritt, Wachen zu inspizieren, begegnete ich in der Straße de Atocha Murat mit seiner ganzen Suite zu Pferde. Nachdem ich ihm salutiert, fragte er mich, wo ich die Wunde erhalten, und als ich getreuen Bericht erstattet, sagte er: „Das war wohl auch der Mühe wert, blessiert zu werden, um so einem Briganten das Leben zu retten; indessen zeigt es von Großmut, und die ist nie ohne Mut. Wie heißen Sie?“ – Ich sagte ihm meinen Namen, und als er weiter fragte: „Woher?“ und ich ihm: „Aus Frankfurt am Main“ erwiderte, versetzte er: „Also ein Deutscher, und aus Frankfurt. Dort ist auch ein böses Volk; das hat zu Custines Zeiten die Franzosen in den Straßen ermordet. Wie kamen Sie in unsere Dienste?“ – Mit wenig Worten teilte ich dies dem Großherzog mit, der davonsprengend mir noch zurief: „Es ist gut, ich werde mich Ihrer erinnern.“ Dies wäre wohl schwerlich geschehen, hätte mich der Zufall nicht später wieder in seine Nähe gebracht und ihm bemerkbar gemacht.
Nach den Vorfällen des 2. Mai hatte ich noch einmal eine Zusammenkunft mit meiner schönen Donna, deren Wohnung ich infolge dieser Ereignisse verlassen, veranstaltet, bei der sie mir ganz ohne Hehl erklärte, daß, so sehr sie mich auch liebe, sie wohl imstande wäre, mich zu vergiften oder zu erdolchen, und mir das Messer im Herzen umzudrehen, wenn es die Madonna so wolle, und ich, wie fast alle Franzosen, ein Ketzer, ein Feind Christi und des heiligen Vaters zu Rom sei, wie sie ihr Beichtvater versichert, auch ihre Landsleute habe morden helfen. Dabei sprühten ihre Augen Feuer, aber es war nicht das der Liebesglut, sondern es waren Funken des Zornes, und alle ihre schönen Adern schwollen auf. Als ich die hübsche Senora sich so gebärden und entstellen sah, fürchtete ich, daß sie eine Art Wahnsinn befallen habe und suchte mitleidsvoll sie zu beruhigen, was mir nicht ohne die größte Mühe gelang, nachdem ich sie versichert, daß, weit entfernt, ihre Landsleute zu töten, ich deren sogar gerettet habe, folglich der beste Christ sei, den die Sonne bescheine und ebenso gut an Gott glaube wie sie. – „Aber auch an die Madonna?“ – „Gewiß, da sie wohl so schön wie du selbst ist.“ Bei diesen Worten küßte ich den kleinen Satan auf die Stirne. Ich erfuhr noch von ihr, daß die Geistlichen versicherten, daß alle Frauen, die irgend einen Kommerz mit einem französischen Ketzer hätten, mit diesem zum ewigen Schmoren im Höllenpfuhl verdammt seien. Ich suchte ihr diese Possen bestmöglichst auszureden, und riet ihr, es so zu machen wie meine schöne Kalabreserin zu Monteleone, nämlich, wenn sie denn doch ihre Sünden beichten müsse, nicht zu sagen, mit wem sie gesündigt habe. Dann würde sie ja doch Absolution erhalten, die immer vollgültig wäre und ihr niemand bestreiten könne. Mehrere, anfänglich halb erzwungene Küsse machten, daß sie bald wieder von einem anderen Feuer als dem des Zornes glühte. Es gelang mir, sie zu überzeugen, daß ich wahr gesprochen; der Friede zwischen uns wurde aufs neue geschlossen und besiegelt. Als sie vertrauensvoll in meine Arme sank und sich an mich schmiegte, fühlte ich den Druck eines harten Gegenstandes an ihrer linken Seite. Ich griff mit den Händen darnach und faßte einen ziemlich langen Dolch in einer mit Silber beschlagenen Scheide. – „Aber, mein Engel, zu was diese mörderische Waffe?“ – „Sie war dir bestimmt, um meine Seele zu retten, wenn ich einen Ketzer in dir gefunden hätte.“ – „Aber weißt du denn nicht, daß Todesstrafe und augenblickliches Erschießen darauf steht, wer auch nur eine Schere bei sich trägt?“ sagte ich lachend zu ihr und entriß ihr das Mordinstrument. Sie sprang nun an mir herauf, um es mir zu entwinden. – „Mit nichten, mein holder Engel,“ sagte ich, den Dolch festhaltend, „den behalte ich zum ewigen Andenken an dich und diese Stunde.“ Ich wollte sie jetzt verlassen, allein sie warf sich zwischen mich und die Türe und fragte mich in allem Ernst, ob ich Lust habe, sie anzugeben, und auf den Knien rutschend bat sie mich um der Madonna und aller Heiligen willen, sie doch nicht zu verraten. Ich hob sie auf, küßte ihr die Tränen von den Wangen, und sie beruhigend, bat ich sie, mir mit dem Dolch ein Geschenk zu machen, wozu ich sie nur durch vieles Bitten bewegen konnte. Bevor ich mich entfernte, sagte ich ihr noch: „Wie, und wenn ich nun doch ein Ketzer wäre?“ – „Unmöglich,“ rief sie aus, mir um den Hals fallend, „unmöglich kannst du mich so unglücklich machen wollen.“ Wir trennten uns mit dem beiderseitigen Versprechen, uns bald wiederzusehen, und sie gab mir den letzten Feuerkuß. – Es war wirklich der letzte, denn ehe ich wieder ein Rendezvous mit ihr haben konnte, bekam das Bataillon Befehl, nach Toledo, wo Dupont noch stand, auszumarschieren, und ich sah Donna Calvanillas nicht und Madrid nur im Fluge wieder.