Zu dem Toledotor hinaus, über die schöne Toledobrücke, welche über den Manzanares führt und schon unter Philipp II. erbaut wurde, aber mit komischen Zieraten überladen ist, marschierten wir durch das Städtchen Getafe nach Illescas, wo wir eine Nacht blieben, und dann über Olias den dritten Tag in Toledo ankamen. Der Weg war kahl und öde und wurde erst von Olias aus etwas baum- und pflanzenreicher. Die Dörfer, durch die wir kamen, waren meist wie ausgestorben und auch in den Städten herrschte eine Grabessruhe, viele Häuser waren gänzlich geschlossen. Wir kamen noch ziemlich früh am Tage in Toledo an, wo wir durch das Tor Visagra einrückten, und zuerst in einem Kloster und seinen Kreuz- und Quergängen einquartiert, zwei Tage darauf aber in die Umgegend verlegt wurden.
Diese alte berühmte Stadt wurde im sechsten Jahrhundert der Sitz der Könige des gotischen Reiches, denen es im achten Jahrhundert die Mauren abnahmen, welche dem Kalifen von Bagdad gehorchten. Im Jahre 1027 wurde Toledo die Hauptstadt eines besonderen Maurenreiches, bis 1085 Alphons VI., mit dem Beinamen der Mutige, König von Castilien und Leon, diese Stadt eroberte. Beinahe vierhundert Jahre (711-1085) war sie im Besitz der Araber geblieben. Die Mauren konnten lange diesen Verlust nicht verschmerzen und belagerten 1109 die Stadt unter dem Befehl ihres Fürsten Hali, aber nachdem sie die ganze Umgegend sowie Madrid und Talavera mit Feuer und Schwert verheert hatten, mußten sie die Belagerung aufgeben. Vier Jahre darauf begannen sie eine zweite ebenso vergeblich, da der tapfere Nuñez die bedrängte Stadt rettete, die dreizehn Jahre darauf zum drittenmal, aber ebenso fruchtlos von ihnen bestürmt wurde. Später hatte sie gewaltig durch ihre innerlichen Kriege zu leiden, ihre Mauern wurden zerstört, ihre schönsten Gebäude in Asche gelegt, ihre Bürger ermordet. Und 1461 floß unter Heinrich dem Ohnmächtigen das Bürgerblut in allen Straßen in Strömen, sogar in den Kirchen. An fünfzig Orten loderten die Flammen zugleich empor. 1641 hatte sie ein ähnliches Schicksal. Ehedem war Toledo sehr blühend und bevölkert, an hunderttausend Arbeiter wurden in ihren Manufakturen beschäftigt, und die Zahl ihrer Einwohner war über zweihunderttausend. Jetzt zählte sie kaum einige zwanzigtausend. Die Cortes hatten sich hier öfters versammelt, zum erstenmal 589. Zwanzig Konzilien wurden dort gehalten, von denen das letzte 860 unter der Herrschaft der Mauren. Allenthalben stößt man auf Überreste ihrer ehemaligen Größe. Noch bezeichnen niedriges Mauerwerk, Stein- und Erdhaufen deren früheren Umfang. Ihre Straßen sind enge und oft sehr steil, schlecht gepflastert und ebenso unterhalten. Man muß fast immer bergauf und bergab steigen, in den meisten können sich keine zwei Wagen ausweichen. Sie enthält jedoch mit die merkwürdigsten Baumonumente ganz Spaniens, an deren Spitze füglich der Alcazar, das alte maurische Schloß, steht, der im höchsten Teil der Stadt liegt. Alphons X. hat ihn wieder ganz herstellen lassen und Karl I. abermals ausgebessert. Im Erbfolgekrieg begingen die Portugiesen den Vandalismus, bevor sie sich zurückzogen und nachdem der Friede schon geschlossen war, dieses Gebäude anzuzünden, wodurch es zum Teil sehr beschädigt wurde. An dem Eingangstor desselben sind zwei der berühmtesten Gotenkönige, die in Spanien regierten, Recesscinto und Recaredo, beide herrschten im siebenten Jahrhundert, in Stein abgebildet. Die Fassade des Alcazar ist über hundertfünfzig Fuß hoch, von majestätischem Ansehen und einfacher Erhabenheit. In seinen unermeßlichen unterirdischen Gewölben haben Tausende Raum. Auch seine Kirche oder Kapelle verdient gesehen zu werden.
Wir lagen indessen in recht elenden Dörfern oder in deren Nähe und biwakierten größtenteils. Die Hitze wurde mit jedem Tag größer und unerträglicher, und oft mangelte es uns an allem, sogar an frischem Wasser. Dabei wurden die aus ganz Spanien einlaufenden Nachrichten immer bedenklicher. Allenthalben hatte man die Standarte der Rebellion, wenn man die rechtmäßige Erhebung eines Volkes gegen einen fremden Räuber so nennen darf, aufgepflanzt. Die Flammen eines das ganze Reich umfassenden Brandes loderten an allen Orten zum Himmel empor, wozu die von Bayonne eingehenden Berichte, welche die Verzichtleistung Ferdinands und der Infanten Don Carlos und Don Antonios auf den spanischen Thron verkündeten – die ganze königlich spanische Familie war jetzt in den Klauen Napoleons –, am meisten beitrugen. Aber was den allgemeinen Zorn wie durch einen Blitz entzündete, war die Bekanntmachung, daß die Junta zu Madrid sich einen neuen König vom Kaiser der Franzosen erbat, wozu sie durch Murat veranlaßt oder besser gezwungen war.
Ungefähr drei Wochen mochten wir in der Umgegend von Toledo, aber nicht auf Rosen, kampiert haben, als wir Order erhielten, nach Madrid zurückzukehren, was wir auf demselben Weg, den wir gekommen, bewerkstelligten. Daselbst erfuhren wir, daß Napoleon auf den 15. Juni eine spanische Junta nach Bayonne berufen habe. Auch wurde Tag und Nacht an der Befestigung der Anhöhen von Retiro gearbeitet, wodurch man die Hauptstadt im Zaume zu halten hoffte. Das Seltsamste aber war, daß das sonst so gefürchtete allerhöchste Inquisitionsgericht in seinem Unterwerfungseifer gegen Murat und Napoleon noch viel weiter als die gehorsame Junta und andere Behörden, die jetzt völlig unter französischem Einfluß standen, ging, und die Priester und Pfaffen aufforderte, den Unwillen des Volkes auf die Urheber der Exzesse und des Aufstandes vom 2. Mai zu lenken, woran sich aber die Geistlichkeit wenig kehrte. Freilich war die Sache so doppelsinnig wie ein delphischer Orakelspruch, denn wer waren die eigentlichen Urheber? – Am unterwürfigsten aber hatte sich doch der Erzbischof von Toledo, der Primat von Spanien, gezeigt.
Nur ein Ruhetag wurde uns in Madrid gestattet, worauf wir den Marsch nach Aragonien antreten mußten. Die verschiedenen französischen Armeekorps in Spanien waren jetzt in Navarra, Katalonien, Leon, Alt- und Neukastilien verteilt und mochten wohl über achtzigtausend Mann stark sein. Aber es waren nur wenig gediente Soldaten dabei, die Mehrzahl bestand aus jungen Konskribierten. Wir verließen Madrid durch das Tor Alcala, auf dem Wege nach Aragonien zu marschierend, kamen über verschiedene unbedeutende Dörfer und biwakierten die erste Nacht in der Umgegend von Torrejon de Ardos, einem ziemlich großen Flecken, der links von der Straße lag. Den folgenden Tag kamen wir nach Alcala de Henarez, wo wir aber nur wenige Stunden kampierten und daselbst die Nachricht von den Aufständen in Cartagena und Valencia erhielten, die mit den grellsten Farben ausgemalt wurden. Unsere Soldaten durften nicht in die Stadt; dies wurde ausnahmsweise nur einigen Offizieren, unter denen auch ich, erlaubt. Der Ort ist mit Mauern umgeben und hat eine im sechzehnten Jahrhundert von dem berühmten Kardinal Ximenes gestiftete Universität. Was aber Alcala de Henarez vor allem berühmt macht, ist, daß der unsterbliche Cervantes hier geboren wurde. Ganz nahe bei der Stadt lag das Complutum der Römer, von dem man auf einem ziemlich steilen Hügel jenseits des Flusses Henarez noch die Ruinen eines Kastells sieht. Im achten Jahrhundert fiel auch diese Stadt in die Hände der Mauren und wurde ihnen erst 1118 durch den Mönch Bernhard, später Erzbischof von Toledo, wieder entrissen, aber bei dieser Gelegenheit schrecklich verheert.
Wir brachen nach kaum vier Stunden Rast wieder auf und passierten fast trockenen Fußes den Henarez – die über denselben führende Brücke war schon seit fünfzig Jahren verfallen –, in der Nähe von Guadalaxara. Der Weg von Alcala ging meistens durch große und schöne Ebenen, war auf der einen Seite von Bergen begrenzt, während wir auf der anderen fast immer den Henarez im Angesicht hatten. In einem Kloster von Guadalaxara übernachteten wir. Diese Stadt hatte ziemlich ein gleiches Schicksal mit der vorhergehenden. Alvar Fanez, ein Vetter des berühmten Cid, entriß sie 1081 den Mauren. Sie liegt in einer Ebene nahe am Henarez und mag an zwölftausend Einwohner haben. Der Palast der Herzöge de l’Infantado und die große Franziskanerkirche mit der Familiengruft dieses Hauses sind ihre sehenswürdigsten Gebäude. Hier bestätigten sich nicht nur die erhaltenen Nachrichten von den Aufständen, sondern man erhielt neue, die verkündeten, daß bereits der größte Teil von Spanien in vollem Aufruhr und französisches Blut schon in Strömen geflossen sei, sowie daß jeder dem Volk verdächtige Spanier, namentlich alle Anhänger Godoïs oder der Franzosen, ermordet würden. Auch wir begegneten überall nur finsteren, nichts Gutes prophezeienden Gesichtern. Wir setzten indessen unseren Marsch nach Aragonien noch unangefochten fort und schlugen den dritten Tag unser Biwak bei dem Dorf Grajanejos, nachdem wir durch die verfallene Stadt Torrijo marschiert waren, auf, und den vierten kampierten wir bei den Dörfern Torremocha und Algora. In der Kirche des letzteren befindet sich ein ganz vergoldeter Hochaltar, dessen Vergoldung über fünfzigtausend Realen kostete und erst 1788 gemacht wurde. Unser nächstes Biwak war bei dem Weiler Torre. Auf dem Marsch dahin kamen wir durch eine so enge Schlucht, daß man die Felsen auf beiden Seiten manchmal zugleich mit den Händen ergreifen konnte. Wir wurden nun in der Umgegend von Siguenza und zum Teil in die Stadt selbst verlegt, die auf einem Hügel am Henarez liegt. Hier weilten wir mehrere Tage und erhielten die uns alle in Erstaunen setzende Nachricht, daß Napoleons Bruder Joseph, der bisherige König von Neapel, zum Herrscher von Spanien ernannt sei, aber zugleich auch die, daß ihn ganz Spanien zurückstoße und sich zu Sevilla schon eine Regierungsjunta gebildet habe, welche das Reich in Abwesenheit der rechtmäßigen Monarchen regieren wolle, die gegen die Franzosen äußerst feindselig gesinnt sei, und man überall: „Es lebe Ferdinand, Tod den Franzosen!“ rufe. Bald darauf kam die Nachricht, daß diese Junta Frankreich förmlich den Krieg erklärt habe. Auch in Altkastilien hatten die Einwohner schon zu den Waffen gegriffen, Ferdinand VII. zum König ausgerufen und Murats Proklamationen dem Feuer übergeben. In Navarra, Biscaya, Aragonien, Valencia, Tortosa, Andalusien, Murcia, zu Lerida, Badajoz und so weiter loderten die Flammen des Aufstandes, und die spanischen Garden, welche Ferdinand bis an die Grenzen des Reiches eskortiert hatten und nun zu Tolosa und Hernani standen, forderten laut ihren König zurück, allen Franzosen mit dem Tode drohend. Das gesamte Volk, von den Pfaffen gehetzt, atmete nur noch Blut und Rache. In allen Städten, wo wir nicht die Oberhand hatten, bildeten sich schnell Provinzial-Junten, welche das unter die Waffen gerufene Volk in Korps organisierten. Vom siebzehnten bis zum vierzigsten Jahre traten alle männlichen Einwohner unter das Gewehr, und die Franzosen, welche schon längere Zeit Spanien als Privatleute oder ein Gewerbe treibend bewohnten, konnten oft dem Tod nur dadurch entgehen, daß die Behörden sie ins Gefängnis setzten. Eine der wütendsten Proklamationen war die der Junta von Valladolid, die auch ihren Zweck, die Ermordung der Franzosen anempfehlend, nur zu sehr erreichte. Dabei fehlte es nicht an Wundern, die allenthalben, den Untergang der Franzosen vorhersagend, geschahen. Madonnenbilder ließen dicke Schweißtropfen fallen oder schwitzten sogar Blut. Auf Heiligengräbern hörte man unterirdisches Waffengetöse, der Blitz schlug in französische Kirchen und verschonte nur Madonnen- und Heiligenbilder und so weiter. Das Niedermetzeln der Spanier vom höchsten Rang, die man den Franzosen günstig glaubte, sowie die Vorgänge zu Cadix bewiesen, welchen Grad die Wut der Geistlichkeit und des Volkes erreicht hatte. Die Junta zu Sevilla erklärte nun auf das feierlichste, daß Spanien nicht eher die Waffen niederlegen würde, als bis Ferdinand wieder auf dem Thron säße und die Franzosen alle getötet oder zum Lande hinausgejagt seien, und sie hielt Wort. Dies waren die Folgen der so arglistigen als dumm gesponnenen Intrigen Napoleons und seiner kurzsichtigen Politik. In ganz Spanien erhob sich ein Freudengeschrei, als die Nachricht, daß die französische Flotte zu Cadix, bei der fünf Linienschiffe waren, habe kapitulieren müssen, und daß die Bemannung, ganz gegen den Vertrag der Kapitulation, in abscheuliche Gefängnisse gesteckt und mißhandelt wurde. Denn, „wer braucht einem so niederträchtigen Schurken, wie der Kaiser der Franzosen ist, der Treu’ und Glauben nicht kennt, Wort zu halten?“ sagten die Spanier.
Noch standen wir in der Gegend von Siguenza, häufig die Biwaks wechselnd, aber nur des Nachts marschierend, während wir am Tage in der Sonnenhitze brieten, und es immer unheimlicher um uns herum zu werden begann. Eine Zeit lang wußten wir gar nicht, woran wir waren, da wir weder weitere Orders noch irgendeine bestimmte Nachricht erhielten. Bald hieß es, Napoleon sei selbst in Madrid eingerückt, dann wieder, alle Franzosen seien daselbst ermordet worden, man habe die Stadt an vierundzwanzig Stellen zumal angezündet und so weiter. So trieben wir uns unstät in der Provinz Guadalaxara herum, wo alles ebenfalls einen nahen Aufstand zu verkünden schien, und unsere Patrouillen schon mehrmals von Bauernhaufen, die von einem Mönch oder Geistlichen angeführt waren, angegriffen wurden. Wir erfuhren zwar, daß Napoleon den 15. Juni die Junta in Bayonne eröffnet habe, daß Dupont in Andalusien Cordua erstürmt habe und Moncey vor Valencia stünde, im Begriff, diese Stadt einzunehmen, aber bald darauf, daß sich beide wieder hätten zurückziehen müssen. Endlich kam uns die Order, zu dem Korps zu stoßen, das bereits unter Verdier auf dem Marsch nach Aragonien begriffen sei, um das Belagerungsheer von Saragossa zu verstärken. Wir machten nun nächtliche Eilmärsche, am Tage biwakierend, zum Teil durch ziemlich waldreiche Gebirge. An der Grenze, die Kastilien von Aragonien scheidet, stand ein alter Turm, den wir besetzten, aber beim Aufbruch des Biwaks den Posten wieder an uns zogen. Nachdem wir das Dorf Sisamon passiert hatten, wurden die Gebirgswege immer waldiger, und gar leicht hätten wir überfallen werden und es uns gehen können wie den Römern in den kaudinischen Engpässen, denn wir marschierten ziemlich unvorsichtig voran, konnten auch keine Seitenpatrouillen absenden, und mußten Vor- und Nachhut fast immer im Gesichte behalten. So gelangten wir nach Techa, einem großen Dorf, durch welches der Xalon fließt, über den eine steinerne Brücke führt. Hier befand sich ein Turm, der auf der einen Seite so eingesunken war, daß man jeden Augenblick dessen Einsturz hätte vermuten sollen, und doch war er schon Jahrhunderte in diesem Zustande. Von hier kamen wir wieder über Gebirge, durch bald engere, bald weitere Täler, vom Xalon bewässert. Durch mehrere elende Ortschaften marschierten wir nach Calatayud, einer Stadt, die im achten Jahrhundert ein maurischer Feldherr namens Ajub nächst den Trümmern des alten Bibilis gründete. Hier hatte noch kurz vor unserer Ankunft Palafox einige Tage verweilt, die durch den General Lefebvre-Denouette versprengten Flüchtlinge sammelnd, um sie bei der Verteidigung von Saragossa zu verwenden. Die hier befindlichen Spanier verließen die Stadt, ohne unsere Ankunft abzuwarten. Wir fanden aber nicht für gut, in dieselbe einzurücken, sondern requirierten nur Lebensmittel und Wein gegen Bezahlung, erhielten aber dennoch schlechte Ware. Alphons I. hatte 1118 die Stadt den Mauren im Sturm abgenommen und alle Araber in derselben niedersäbeln lassen. Sie hat eine angenehme Lage auf dem rechten Ufer des Xalon, am Einfluß des Xiloca, in einem fruchtbaren Tal und soll über zehntausend Einwohner haben. Nachdem wir gehörig rekognosziert hatten, brachen wir mit der Nacht, aber jetzt sehr vorsichtig marschierend, durch erbärmliche Nester, aber an Wein und Oliven reiche Gegenden, gegen die enge Passage Puerto del Fresno auf, die wir zu unserem größten Erstaunen unbesetzt fanden. Hierauf mußten wir über das Gebirge Murato del Conde, durch eine enge Schlucht, deren gänzliche Freilassung uns wieder ein Rätsel war, da wir wußten, daß sich ganz Aragonien im Aufstand befand, und kamen endlich in das Städtchen Almunia, das in einer lachenden Gegend, mitten zwischen fruchtbaren Feldern, Weingärten und Obstbäumen liegt. Hier requirierten wir abermals Lebensmittel, marschierten weiter, biwakierten dann bis gegen Mitternacht, erreichten gegen Morgen das elende Dorf La Muela und kamen um zehn Uhr, nochmals über Berge, durch Ebenen und Schluchten marschierend, bei dem Belagerungsheer von Saragossa an, wo Verdier schon seit mehreren Tagen mit seiner Division stand und den Oberbefehl über dasselbe hatte.
XII.
Erste Belagerung von Saragossa. – Palafox. – Außerordentliche Verteidigungsanstalten der Aragonier. – Vorgänge bis zur Belagerung. – Überblick der Geschichte Saragossas. – Heldenmütige Verteidigung dieser Stadt durch ihre Einwohner. – Eine Heroine. – Ein seltsames Stiergefecht. – Furchtbarer Straßen- und Häuserkampf. – Die gefangenen Nonnen. – Aufhebung der Belagerung. – Marsch nach Barcelona. – Ich werde stark verwundet und krank. – Aufenthalt zu Barcelona. – Spanische Sitten, Tänze, Theater usw. – Abreise zur See nach Frankreich.
Als die Vorfälle vom 2. Mai zu Madrid in Aragonien bekannt wurden, erregten sie daselbst wie in dem übrigen Spanien den höchsten Unwillen und erfüllten das Volk mit tödlichen Haß gegen die Franzosen. Die Folge war, daß man auch hier die allgemeine Bewaffnung der Einwohner organisieren wollte, was aber der Generalkapitän Don Jorge de Guillelmi aus Furcht vor den Franzosen, und um abzuwarten, welche Wendung die Dinge nehmen würden, zu verhindern suchte, sogar dem Palafox, dessen ungestümen Mut und feurigen Patriotismus er fürchtete, den Befehl gab, Saragossa zu verlassen. Dieser zögerte jedoch unter allerlei Vorwänden, zu gehorchen. Dies mag wohl mit die Ursache gewesen sein, daß wir die so leicht zu verteidigenden Zugänge bis hierher unbesetzt gefunden hatten. Als aber die Nachricht von den Begebenheiten zu Bayonne und von Ferdinands erzwungener Abdankung in Saragossa bekannt wurde, da vermochte nichts mehr das unter der Asche glimmende Feuer zu dämpfen, und die Bürger zwangen den Generalkapitän, ihnen das Arsenal zu überliefern. Als dies geschehen, zogen sie durch die Straßen, alle männlichen Einwohner auffordernd, sich zur Verteidigung des gemeinsamen Vaterlandes in der Aljaferia (dem Arsenal) mit Waffen zu versehen, was sie mit dem Rufe: „Viva Espana!“ taten. Jedermann versah sich mit Gewehren, Pistolen, Schwertern und so weiter und die vorhandenen Kanonen und Mörser wurden in möglichst besten Zustand versetzt. Palafox, der Brigadier und Offizier der Leibwache war, achtundzwanzig Jahre zählte und sich in einem Landhaus bei der Stadt aufhielt, wurde von bewaffneten Haufen abgeholt, die ihm auf sein Begehren strengen Gehorsam zusagten. Das Volk empfing ihn bei seinem Eintritt in die Stadt mit großem Jubelgeschrei, als den Retter des Vaterlandes, erwählte ihn zu seinem unumschränkten Anführer, zwang die Behörden, ihn als Generalkapitän von Aragonien anzuerkennen, und führte ihn im Triumph in der Stadt herum. Er erließ nun sofort einen Aufruf an alle Aragonier, sich für die Sache des Vaterlandes zu bewaffnen, machte der heiligen Jungfrau del Pilar öffentlich einen Besuch, küßte ihr vor allem Volk demütig die Hand, sie als seine Souveränin anerkennend, und schwur mit lauter Stimme, Gut und Blut dem Vaterlande zu weihen. Den in Saragossa ansässigen Franzosen rettete er nicht ohne Gefahr das Leben, indem er sie in das Kastell und von da nach Amporta in Sicherheit bringen ließ. Durch ein anderes Dekret machte er Napoleon, dessen ganze Familie, sowie jeden französischen Offizier und Soldaten, für jedes Haar verantwortlich, welches dem König Ferdinand oder den Infanten, die man auf eine so heimtückisch hinterlistige Weise nach Frankreich gelockt habe, gekrümmt würde, und erklärte ferner alles, was in Madrid und Bayonne unter fremdem Einfluß verhandelt werde, für null und nichtig, sowie, daß im Falle des Todes der Infanten von Spanien, er den Erzherzog Karl, als den Enkel Karl III., zu seinem König erwähle, auch keinem Franzosen Pardon geben würde, wenn sich dieselben fernere Exzesse in Spanien erlaubten. Hieran veranstaltete er eine große Prozession, ließ feierliche Messen lesen, die Kirchen außerordentlich illuminieren, die Geistlichkeit auf das freigebigste Absolution erteilen, sowie direkten Einlaß in den Himmel für diejenigen, die im Kampf für die gerechte Sache fallen würden. Er berief jetzt alle schon verabschiedeten Soldaten und Offiziere, die sich in Aragonien befanden, zu den Fahnen, bildete aus ihnen und der jungen Mannschaft Tercios, das heißt Regimenter, die in zehn Kompagnien eingeteilt wurden, wie dies früher in Spanien der Fall war, und noch ehe die Belagerung begann, hatten sich so viele Streiter eingefunden, daß man nicht Waffen genug für sie herbeischaffen konnte. Einige Ortschaften hatten ganze Kompagnien und einige Bezirke ganze Tercios gesandt, so daß Palafox die Familienväter wieder beurlaubte und doch noch über zehntausend Streiter behielt. Um auch die von Napoleon und der Junta zu Bayonne einlaufenden Berichte zu paralysieren, berief Palafox altspanische Cortes nach Saragossa, die am 9. Juni daselbst zusammenkamen, Ferdinand VII. nochmals feierlich als König von Spanien proklamierten, das ganze Volk zu den Waffen riefen, Palafox als Generalkapitän bestätigten und dann eine Junta de Gobierno ernannten. Die Nachrichten, welche von der Schilderhebung Spaniens aus allen Provinzen einliefen, trugen dazu bei, das Volk von Saragossa und Aragon in Aufregung und Enthusiasmus zu erhalten. Eine Aufforderung der Bayonner Junta, durch welche dem spanischen Volk die Waffen niederzulegen und ihr zu gehorchen befohlen wurde, ließ Palafox sogar drucken und in Masse verteilen. Er wußte wohl, daß dies das Volk noch mehr begeistern und die entgegengesetzte der beabsichtigten Wirkung hervorbringen würde. Nach der Niederlage der Spanier bei Mallen war Palafox den anrückenden Franzosen bis nach dem drei Stunden von Saragossa liegenden Alayon entgegengegangen, mußte sich aber, um nicht abgeschnitten zu werden, zurückziehen. Viele Aragonier wurden nun in Alayon von den Franzosen niedergemacht. Den 16. Juni stand Lefebvre-Denouette mit seinem neuntausend Mann starken Korps, unter dem auch das erste und zweite Weichselregiment und die polnischen Ulanen waren, vor den Toren von Saragossa, wo sich ein Gefecht unter den Olivenbäumen entspann, bei dem die Spanier in Unordnung in die Stadt zurückgetrieben wurden. Was die Aragonier am meisten fürchteten, waren die Ulanen, da sie sich gegen die Lanzen derselben, eine furchtbare Waffe, die ihren Mann schon auf zehn bis fünfzehn Schritte erreicht, nicht zu verteidigen verstanden. Die Spanier wurden, wie gesagt, in Unordnung in die Stadt zurückgedrängt, aber ein französisches Bataillon, das ihnen auf den Fersen folgte und fast mit ihnen zugleich eindrang, mußte sich schnell wieder zurückziehen, als es die Verteidigungsanstalten in den Straßen sah und einen Hinterhalt fürchtete. Unerklärlich war es, warum an diesem Morgen Lefebvre den Fliehenden nicht mit dem Gros seines Heeres in die Stadt folgte, die er in der ersten Bestürzung mit geringem Verlust erobert haben würde. Der Rückzug des kaum eingedrungenen Bataillons gab den Einwohnern und Landleuten neuen Mut, und sie setzten die Stadt nun mit unermüdlichem Eifer in den besten Verteidigungszustand. In den folgenden vierundzwanzig Stunden hatte außer den Kindern niemand ein Auge geschlossen, und Greise, Weiber und Mädchen aus allen Ständen machten die Handlanger bei den Arbeiten.
Saragossa liegt in einer großen, ziemlich fruchtbaren und gut angebauten Ebene, auf der rechten Seite des Ebro, auf dessen linker sich eine Vorstadt befindet, welche durch eine steinerne Brücke mit der Stadt verbunden ist. In ihren nächsten Umgebungen sind viel Oliven- und andere Obstbäume, Gärten und Landhäuser. Das Flüßchen Huerba, eigentlich nur ein Bach, ergießt sich ganz in der Nähe in den Ebro, zwei Brücken führen über dasselbe. Saragossa beherrscht gewissermaßen die ganze Ebene, welche vom Huerba, dem Xalon, dem Gatego und dem Kanal von Aragonien bewässert wird. Die Stadt steht auf der Stelle, wo das alte, von den Karthagern gegründete Salduba lag, aus dem Augustus bei seiner Anwesenheit in Spanien eine römische Kolonie machte, der er den Namen Cäsarea Augusta beilegte. Erst unter den Sueven wurde sie der römischen Herrschaft entrissen. Als aber deren König Riciar durch Theodorich besiegt wurde, fiel sie den Goten anheim, die sie bis zum Jahre 712 behaupteten, denen sie die ganz Spanien überströmenden Sarazenen unter einem ihrer Anführer namens Tarce, der schon Murcia und Sevilla erobert hatte, wieder abnahmen. Sie blieb nun unter der Herrschaft dieser Ungläubigen, bis einer ihrer Statthalter, Ben-Alarabe, der sich der Oberherrschaft des Kalifen entziehen wollte, Karl dem Großen dieselbe unter der Bedingung antrug, daß er Gouverneur daselbst bleibe. Der Kaiser nahm den Vorschlag an und Besitz von Saragossa, nachdem er schon Pampeluna genommen. Nichtsdestoweniger fuhr sie fort, den Arabern zu gehören und hatte ihre eigenen, sich von Statthaltern zu Königen aufgeschwungenen Herrscher. Im Jahre 1118 eroberte Alphons der Streiter nach heftigem Widerstand Saragossa, machte es zur Hauptstadt des Königreiches Aragonien und sich zum König. Im sechzehnten Jahrhundert wurde es durch die Vermählung Ferdinand des Katholischen mit Isabella, Erbin der Reiche Leon und Kastilien, mit der spanischen Monarchie vereinigt. Der Umfang der Stadt mochte etwa drei Viertelstunden betragen. Sie hatte zum Teil ziemlich hohe Gartenmauern, namentlich an dem Augustiner- und anderen Klöstern, welche die Stadt umgaben. In früheren Zeiten war sie regelmäßig befestigt, aber aus ihren Werken waren längst Straßen geworden, und nur hier und da sah man noch einen alten Turm aus jenen Zeiten. Die Mauern, welche jetzt die Stadt umgaben und mit den Garten- und Klostermauern zusammenhingen, hatten nirgends über dreizehn Fuß Höhe bei drei bis Vier Fuß Dicke und waren von Backsteinen, die Vorstadt hatte gar keine Einfriedigung. Die Zahl ihrer beständigen Einwohner war ungefähr fünfzigtausend, und die ihrer Kirchen und Klöster ein halbes Hundert. Von den letzteren waren einige, wie zum Beispiel das von San Joseph, das auf der rechten Seite des Huerba lag, kleine Festen oder Burgen. Die Anhöhe Monte Torrero, welche ungefähr viertausend Schritte von diesem Kloster entfernt liegt und an der der Kanal von Aragonien vorbeifließt, beherrscht die nächste Umgebung. Die Aljaferia, ein viereckiges Schloß mit bombenfesten Gewölben und kleinen Türmen, liegt nahe an der Westseite der Stadt, vor dem Sortillo-Tor, ist mit einem tiefen Graben versehen und hat einige Bastionen. Dieses Schloß war früher ein Palast der maurischen Könige und später der der Könige von Aragonien, bis ihn die Regenten Spaniens der Inquisition überließen, die ihren Sitz in demselben aufschlug und ihre Schlachtopfer in den fürchterlichen unterirdischen Gefängnissen desselben verwahrte. Erst Philipp V. machte im achtzehnten Jahrhundert auch eine Festung aus demselben.