Was unseren Abzug so sehr beschleunigt hatte, erfuhren wir erst auf dem Marsch; es war nämlich ein spanisches Armeekorps, vierzehntausend Mann stark, zur Entsetzung Saragossas im Anmarsch und schon bei Muela angekommen. – Wir hatten wenigstens achttausend Mann bei dieser vergeblichen Belagerung eingebüßt, die Spanier vielleicht noch mehr, denn durch das Einstürzen und Sprengen der Gebäude verloren unzählige Menschen, auch Frauen und Kinder das Leben. Unser Abmarsch wurde in der Stadt sogleich durch eine große Prozession und ein Dankfest gefeiert, wobei man besonders die Jungfrau del Pilar und Palafox hochleben ließ.

Die Belagerung von Saragossa hatte gezeigt, was die Bevölkerung einer Stadt vermag, wenn es ihr Ernst ist, dieselbe zu verteidigen; jetzt erst fing ich an, die fast fabelhafte Verteidigung mancher Städte des Altertums zu glauben. Hätte sich Magdeburg und andere preußische Festungen in dem unglücklichen Krieg von 1807 nur zum hundertsten Teil gleich der Hauptstadt Aragoniens, wie zum Beispiel Kolberg, verteidigt, so hätte Napoleon schwerlich Berlin und noch weniger Königsberg gesehen; doch die herbe und derbe Lektion mußte sein, sollte es in Preußen gut werden. Schon vierundzwanzig Stunden nach unserem Abmarsch kam das Entsatzungskorps in Saragossa an.

Der größte Teil des Belagerungsheeres schlug den Marsch über Alayon nach Tudela ein, um sich später mit der französischen Hauptarmee, die sich an den Ufern des Ebro zusammenzog, zu vereinigen. Ein kleiner Teil, bei dem auch unsere sehr zusammengeschmolzene Legion war, erhielt Befehl, den Weg nach Barcelona zu nehmen, um sich mit dem in Katalonien stehenden Armeekorps zu vereinigen, welches das Beobachtungskorps der östlichen Pyrenäen formierte und bei dem viel italienische Truppen standen. Bei der furchtbaren Stimmung und dem eingefleischten unversöhnlichen Haß der Katalonier gegen die Franzosen, der schon aus früheren Zeiten datierte, war es höchst notwendig, auch dieses Korps zu verstärken, das ebenfalls schon sehr vermindert war und namentlich bei der Belagerung von Gerona sehr gelitten hatte. Unser Marsch war wieder höchst beschwerlich und ermüdend. Wir vermieden sogar alle bedeutenden Orte, da die Bataillone meist keine dreihundert Mann mehr stark, um so mehr den Angriffen der Feinde ausgesetzt war und in ganz Katalonien nur noch Barcelona und das Fort von Figuieras in den Händen der Franzosen waren. Miquelets, in Bataillone zu zehn Kompagnien, jede hundert Mann stark, eingeteilte und wohlbewaffnete Katalonier, schwärmten zu Tausenden umher. Sie trugen runde Jacken und Federhüte, katalonische Nationaltracht. Katalonien hatte einige vierzig solcher Bataillone, Tercios de Miquelets genannt, gestellt und bewaffnet. Außerdem gab es noch eine Art Landsturm, Somatenes genannt, die sich augenblicklich, wo es not tat, zu vielen Tausenden bewaffnet erhoben, deren Einrichtung schon Jahrhunderte bestand und zu der alle Katalonier vom sechzehnten bis zum fünfzigsten Jahre gehören, sobald das Vaterland in Gefahr ist.

Alle größeren Städte, und namentlich Lerida, in welchem die Junta von Katalonien ihren Sitz aufgeschlagen hatte, vermeidend, machten wir sehr ermüdende und gefährliche Nachtmärsche. In kleineren Orten requirierten wir Lebensmittel, was, so lange wir in Aragonien waren, sich noch ziemlich gefahrlos tun ließ; als wir aber einmal über Fraga, eine Stadt, die am Cinca liegt und über viertausend Einwohner zählt, hinaus waren, wurde es immer schwieriger, sich Nahrungsmittel zu verschaffen. Das Dorf Alcaraz war der erste Ort, den wir in Katalonien betraten; es liegt nur in geringer Entfernung von Lerida. Unser nächstes Biwak hielten wir bei dem Dorf Molleruza, von wo wir noch unangefochten, aber oft auf abscheulichen Seitenwegen bis in die Gegend von Cervera marschierten, das auf einer ansehnlichen Höhe in einer großen fruchtbaren Ebene liegt, mit Mauern umgeben und durch seine Lage ziemlich fest ist. Im spanischen Erbfolgekrieg wurde diese Stadt vergeblich von den Deutschen und Kataloniern belagert, auch wagten wir uns nicht an dieselbe, da wir von den guten Gesinnungen der Einwohner gegen uns, sowie daß ein Bataillon Miquelets und viele Somatenes in derselben lagen, unterrichtet waren. Wir marschierten nach gehöriger Rekognoszierung in das Dorf Hostalfranes, wo wir alles mitgehen ließen, was wir als verdauungsfähig erkannten. Die Stadt Ignalada, die über zehntausend Einwohner zählte und nicht besser gesinnt war, umgingen wir gleichfalls, uns fortwährend mit dem Nötigsten in den Dörfern versehend. Oft bestand unsere Nahrung auf einen ganzen Tag in einer Zwiebel oder etwas Knoblauch mit einem Stück Brot, und dabei die strapaziösesten Märsche in kahlen Gegenden. Bayern oder Österreicher würden schlecht dabei gefahren sein. Im Grunde war es ein Unsinn, uns in so geringen Abteilungen nach Katalonien, das in vollem Aufstand war, zu senden, aber der General Duhesme, der daselbst kommandierte, hatte auf das dringendste Verstärkung verlangt, da was ihm von Perpignan zukam, nicht hinlänglich war. Nach mancherlei Strapazen, großen Entbehrungen und das Fußwerk im schlechten Zustand, kamen wir endlich bei dem Städtchen Martorell an, wo wir über die Noya gingen und dann den nur noch drei Stunden entfernten berühmten Berg Montserrat erblickten, den zu besteigen und seine merkwürdige Einsiedelei zu besuchen, jetzt niemand Lust verspürte. Von weitem sieht er aus wie eine ungeheure Burgruine. Schon so nahe bei Barcelona, hielten wir uns jetzt sicher genug, um uns nach Martorell wagen zu können, wo wir uns seit zehn Tagen zum erstenmal wieder satt essen konnten; aber kaum war dies geschehen, als wir Nachricht erhielten, daß sich ein großer Haufen Somatenes in geringer Entfernung zeige. Wir griffen eiligst zu den Waffen und verließen die Stadt. Hier sahen wir einen Haufen bewaffneter Bauern, etwa zwölf- bis fünfzehnhundert Mann stark, die sich jedoch nicht an uns zu wagen schienen und uns ruhig ziehen ließen. Bald hatten wir sie auch aus den Augen verloren. Als wir aber bei San Feliu, einem ziemlich bevölkerten Ort, der nur noch zwei Stunden von Barcelona liegt, ankamen, zeigten sich auf einmal die Somatenes wieder, mit einem halben Tercios Miquelets verstärkt, und machten Miene, uns den Weg zu sperren, indem sie sich vor dem Eingang von San Feliu aufstellten. Es blieb uns nichts anderes übrig, als ihn zu erzwingen und zu versuchen, uns durchzuschlagen. Die Miquelets fochten wie Verzweifelte, und selbst nachdem wir ihre Reihen durchbrochen hatten, mußten wir fortwährend kämpfend weiterziehen, da sich immer neue Haufen entgegenwarfen, die kleine, uns bekannte Umwege im Lauf machten und sich dann wieder vor uns aufstellten. Endlich waren wir mit einem Verlust von einigen dreißig Mann jenseits des Ortes auf der nach Barcelona führenden Straße angekommen, als sich abermals ein großer Trupp Somatenes zeigte, Feuer auf uns gab und dann davoneilte. Ich ritt gerade an der Spitze des zweiten Bataillons, als ich einen Büchsenschuß in den rechten Schenkel erhielt, den ich im ersten Augenblick gar nicht spürte, der mir aber bald unter großem Blutverlust heftige Schmerzen verursachte, so daß ich vom Pferd steigen und mich bis Barcelona auf Stangen tragen lassen mußte, die im nächsten Dorf nebst acht Bauern dazu requiriert wurden, nachdem ein Aide-Major einen provisorischen Verband auf die Wunde gelegt hatte. An den Toren von Barcelona angekommen, wurde sogleich eine Sänfte herbeigeschafft, in der man mich ins Lazarett brachte, wo die Wunde untersucht und die Kugel herausgezogen wurde; sie lag nicht sehr tief und war schon ziemlich matt, als sie den Weg in mein Fleisch fand, denn die Bauern hatten aus großer Entfernung geschossen; dennoch bekam ich ein heftiges Wundfieber. Vom Lazarett, wo ich nicht bleiben wollte, wurde ich in ein Gemach in der Zitadelle gebracht. Da ich indessen sehr gute Säfte hatte, was bei Wunden eine Hauptsache ist, denn bei verdorbenen Säften oder wenn venerisches Gift im Körper ist, wird die geringste Wunde oft tödlich oder bringt jahrelanges Leiden, so ging meine Heilung schnell vor sich, und ich konnte nach wenigen Tagen schon wieder mit Hilfe einer Handkrücke herumhinken. Aber mein fatales dreitägiges Fieber stellte sich nun auch wieder recht hartnäckig ein und machte mir viel zu schaffen, da es in ein schleichendes und zehrendes auszuarten drohte. Während ich so mit Wunde und Krankheit zu tun hatte, war der Rest der Legion schon wieder mit anderen Truppen ausgerückt, um gegen die immer kühner werdenden Miquelets zu kämpfen, fiel aber in einen Hinterhalt und wurde größtenteils niedergemacht oder gefangen, so daß kaum fünfzig Mann und ein einziger Offizier zurückkamen. Wären wir nicht im Besitz der Zitadelle von Barcelona gewesen, der sich Duhesme gleich bei seinem Einmarsch in Spanien durch Arglist und Gewalt bemächtigt hatte, so wäre es uns sicher schlimm ergangen. Barcelona ist auch auf der Landseite wohl befestigt und auf beiden Flanken durch die Zitadelle und das Fort Montjuic gedeckt; auch von der Seeseite ist es fast unangreifbar. Die Engländer kreuzten aber im Verein mit den spanischen Schiffen unaufhörlich vor dem Hafen, fast alle Kommunikation zu Wasser abschneidend. Wäre der spanische Generalkapitän von Katalonien, Palacios, ein zweiter Palafox gewesen, so hätte er uns viel zu schaffen machen können, da Duhesme sehr oft mit der Elite der Garnison in den Gebirgen umherstreifte, um gegen die Miquelets, die Palacios mit noch anderen Truppen befehligte, zu streiten und während seiner Abwesenheit Stadt und Zitadelle nur schwach besetzt ließ. Auch waren die Einwohner sehr aufgebracht, da sich der italienische General Lecchi, der in Duhesmes Abwesenheit dann kommandierte, alle möglichen Vexationen gegen sie erlaubte und die Stadt außer den zu liefernden Lebensmitteln, Montierungsstücken in großen Massen, fünfzigtausend Zentner Holz, viele Schuhe und noch zwanzigtausend spanische Piaster (über einhundertzehntausend Franken) wöchentlich bezahlen mußte. Freilich waren die angesehensten Einwohner als Geiseln in der Zitadelle eingesperrt.

Strapazen, Wunde und Fieber hatten mich indessen tüchtig zusammengerüttelt, so daß ich bald nur noch einem Schatten glich, doch versuchte ich abends, wenn die größte Hitze vorüber war, kleine Promenaden in der Stadt zu machen, besuchte Kirchen und so weiter.

Diese Hauptstadt Kataloniens ist mit die beträchtlichste Spaniens und hat nahe an hundertfünfzigtausend Einwohner; sie wurde von den Karthaginiensern gegründet, die ihr den Namen eines ihrer Generäle, Hamilcar Barca, beilegten. Nachher kam sie unter römische, später unter gotische und maurische Herrschaft; endlich hatte sie ihre eigenen Souveräne, die den Titel Grafen von Barcelona führten und Katalonien mit der Krone von Aragonien vereinigten, bis beide im sechzehnten Jahrhundert der spanischen Monarchie einverleibt wurden. Die Stadt hat einen großen Umfang, ist aber schlecht gebaut und hat mit wenigen Ausnahmen sehr enge und krumme Straßen, namentlich die Altstadt, auch ihre Plätze sind klein. Die Häuser sind sehr hoch, meist fünf Stockwerke, und haben große Balkone. Paläste sind wenige hier; unter ihnen ist der des Herzogs von Medina Cöli der schönste. Sehr viele Häuser sind bunt bemalt, Kirchen und Klöster zählt man wohl anderthalb hundert. Noch sind einige Altertümer aus den Römerzeiten vorhanden. Die Kathedrale ist ein großes schönes Gebäude, dessen Fassade aber noch nicht ausgebaut ist, obgleich schon seit dreihundert Jahren von allen, die sich daselbst verheiraten, eine kleine Abgabe zu diesem Zweck erhoben wird und schon weit mehr Geld als erforderlich dazu vorhanden ist. Der alte Palast der Grafen von Barcelona diente zum Teil Klarissinnen zur Wohnung, während im anderen Teil das Inquisitionstribunal seinen Sitz und seine Kerker hatte; er hat ein ungeheures Mauerwerk, furchtbare Gewölbe und ist nur durch eine enge Straße von der Kathedrale getrennt. Das Schauspielhaus ist ein schönes und geräumiges Gebäude, das an einer Promenade liegt. Noch ist auch ein alter merkwürdiger Palast des Hauses Alba vorhanden. Von den Promenaden innerhalb der Stadt – die außerhalb liegenden konnte ich nicht besuchen – ist die Esplanade zwischen Zitadelle und Stadt die größte; sie hat drei Reihen Alleen, wird aber wenig besucht. Die Rambla ist ein auf ehemaligen Festungswerken angelegter Spaziergang mitten in der Stadt, die sie gewissermaßen in zwei Teile trennt.

Barcelonetta ist ein kleines Städtchen, das eigentlich eine Vorstadt von Barcelona bildet und zwischen dem Hafen und dem Molo liegt, wird aber fast nur von Schiffern und Matrosen bewohnt; seine Entstehung datiert erst aus dem achtzehnten Jahrhundert. Die Zitadelle an der Nordostseite der Stadt wurde ebenfalls erst im achtzehnten Jahrhundert und auf Befehl Philipp V. erbaut; sie ist groß, und ihre bedeutenden Werke waren noch im besten Zustand. Der Hafen, der unter ihr und zwischen der Stadt und Barcelonetta liegt, ist im Grunde nur ein großes Bassin, dessen Einfahrt ziemlich schwierig ist; er ist schön und sehr besucht. Der Montjuic ist ein Berg auf der Südwestseite der Stadt, mit einem Fort gekrönt, der weit besser Stadt, Hafen und Umgegend beherrscht als die Zitadelle und selbst diese noch dominiert.

Barcelona, das großen Handel treibt, hat sehr reiche Kaufleute, sein Adel aber gehört mit wenigen Ausnahmen meistens zur Familie der Don Ranudo de Colibrados. Die Frauen sind zum Teil reizende und pikante Schönheiten, die mich trotz meinem gespensterhaften Aussehen nicht wenig interessierten; ich konnte sie aber nur in Kirchen und auf Promenaden bewundern. Gewöhnlich ist diese Stadt voller Leben, und die Vergnügungen aller Art, wie Gesellschaften, Tänze, Schauspiele, Maskeraden, italienische Oper, Kirchenfeste, Prozessionen, Landpartien und so weiter drängen sich, jetzt aber war von dem allen wenig zu sehen, man hätte sich vielmehr in La Trappe glauben können, und sah nur finstere oder sorgenvolle Gesichter; nur in den Kirchen war einiges Leben, wenn auch ein sehr ernstes. In manchen derselben werden bei großen Festen oft dreitausend Kerzen zumal angezündet. Nächtliche Prozessionen mit Fackeln, bei denen es oft bunt genug zugeht, sind hier sehr beliebt; man hat berechnet, daß allein bei den Prozessionen, die während der heiligen Woche stattfinden, über dreißigtausend Wachsfackeln verbrannt werden, von denen eine jede fünf bis sechs Pfund wiegt; Riesen, Teufel, Ungeheuer und so weiter spielen dabei eine große Rolle. Durch die vielen bürgerlichen Kriege der letzten drei Jahrhunderte und nicht weniger als fünf Belagerungen, die es in einem Zeitraum von sechzig Jahren bestanden, war Barcelona so herabgekommen, daß es nach der Belagerung von 1714 keine vierzigtausend Einwohner mehr zählte, sich aber so unglaublich schnell erholte, daß es zu Ende desselben Jahrhunderts schon wieder hundertundvierzigtausend und über zehntausend Häuser hatte.

Kaum acht Monate hatte ich in Spanien zugebracht und unter Verhältnissen, die es nicht zuließen, in nähere Berührung mit dessen Einwohnern zu kommen und sie genauer kennen zu lernen, doch machte ich im allgemeinen auf unseren Märschen und in unseren Quartieren folgende Bemerkungen. Die Damen haben sich bei den Spaniern, trotz dem herrischen Wesen der Männer, noch immer einer Verehrung zu erfreuen, die fast an Abgötterei grenzt und die noch von jener in ihren ritterlichen Romanen und Romanzen so oft besungenen heroischen Liebe zeigt. Die Männer suchen beinahe eine Ehre darin und sind stolz darauf, sich der Frauen Knechte zu nennen, was sie auch sind, und reden sie oft mit den Worten an: „Señora, beso a vos los pies“, auch besorgen sie Frauen-, Stuben- und Küchendienste, machen die Betten, kaufen die Lebensmittel ein, kochen, kleiden sogar die Kinder an und so weiter. Dies macht, daß selbst die spanischen Frauen niederer Klassen halbe Prinzessinnen sind, deren Winke rasch auszuführenden Befehlen gleichen. Dagegen sind sie aber auch über alle Beschreibung schön und anmutig, namentlich die Andalusierinnen, deren ich mehrere in Madrid und Barcelona sah, heroisch-majestätische Schönheiten. Der Ausdruck ihrer Mienen, ihr Anstand, ihre Anmut, ihre Feuer blitzenden Augen sind unvergleichlich, selbst Bettelmädchen und Dirnen der Freude wissen unter ihrer Mantille noch zu imponieren, und die halbwilden Hirtentöchter der Gebirge kommt man in Versuchung, für Bergnymphen zu halten. Unter diesen Gebirgsbewohnern gibt es Menschen, die gar kein Geld kennen, und wenn man ihnen für einen Dienst, für eine Erfrischung ein Stück gemünztes Silber geben will, weisen sie es mit Verachtung zurück, sprechend: „Wir bedürfen solchen Plunders nicht, wer dessen bedarf, mag ihn behalten.“ Im Sommer ist das hohe Himmelsgewölbe ihr Dach und im Winter Erdhütten oder Höhlen ihre Schlafstätte, Schaffelle ihre Bedeckung, Milch, Kräuter und Baumfrüchte ihre Nahrung. Namentlich leben so die Gebirgsbewohner Kataloniens, die kein Feind in ihren Bergen erreichen kann und die ein wildes, kriegerisches Volk sind, das seine Engpässe gut zu verteidigen weiß und fast mit nichts lebt; diese genügsamen Menschen haben immer Überfluß.

Musik und Tanz ist selbst in den elendesten Dörfern Spaniens das Hauptvergnügen seiner Bewohner. Von diesen Tänzen hat, wer sie nicht gesehen, keinen Begriff. Den feurig wollüstigen Fandango, den anmutsvollen Bolero, den Zorongo, die waghalsige Jota von graziösen Spanierinnen aufgeführt zu sehen, läßt Eindrücke zurück, welche für die Lebenszeit dauern. Vor den Kirchplätzen der armseligsten Dörfer ertönt der Klang der Zither, und die Bauerndirnen bringen durch ihre graziös-wollüstigen Bewegungen auch das Blut der kältesten Zuschauer in Wallung und Glut. In Kastilien sah ich einst den Guaracha tanzen, den eine Person, die sich selbst mit der Gitarre begleitete, mit gravitätischem Ernst aufführte, und dennoch wurde ich von diesem Charaktertanz hingerissen. Fast jede Provinz hat ihre eigenen Tänze, so werden in einer Gegend Kataloniens, Ampurda genannt, zwei ganz eigentümliche Tänze aufgeführt, die man sonst nirgends kennt und die eine magische Wirkung haben. Dagegen sind der Fandango und Bolero überall die Haupttänze, für die jeder Spanier leidenschaftlich eingenommen ist. Der erste wird sehr passend eine harmonische Verzückung des Körpers genannt, der Bolero ist eigentlich nur ein gemäßigter Fandango. Schon die Musik dieser Tänze elektrisiert jeden Spanier und bringt alle seine Glieder in Aufregung, sein Blick folgt jeder Bewegung der Tanzenden, seine Hände, Füße, Mienen und Gebärden schlagen den Takt. Selbst ein phlegmatischer Sohn Albions sagte von dem Fandango: „Ich bin überzeugt, daß, wenn man diesen Tanz unerwartet und plötzlich in einer Kirche oder vor einem Gerichtshof ertönen ließ, Priester und Richter, Andächtige und Advokaten, Volk und Verbrecher ohne Unterschied, wie durch Oberons Chöre bezaubert, zu hüpfen und springen beginnen würden.“ Der Fandango wird in der Regel mit Gitarrenklang und Kastagnettenschlag begleitet, von zwei Personen, Mann und Frau, aufgeführt. – Bekannt ist die Geschichte der wunderschönen Tänzerin Dolores, oder Dolorita genannt, die zuerst als Nonne vor dem Hochaltar ihrer Klosterkirche zu Huelgas zu Ehren der Madonna und der Heiligen tanzte, aber bald den Nonnenschleier mit der Mantille vertauschte, ihre Zelle mit einem Boudoir, eine weltliche Tänzerin ward und statt in der Kirche auf den Brettern der Haupttheater Spaniens und Madrids auftrat, alle Welt bezauberte, von den Granden angebetet und selbst vom König, der ihr Gelübde durch einen Machtspruch gelöst, geküßt wurde. Einen Edelmann namens El-Curo, der in Salamanka studierte, behexte sie so, daß er seine Studien im Stich ließ, ihr gleich einer anderen Preziosa folgte und auch ein Tänzer wurde. Da er hoffte, sich als Toreador noch mehr auszeichnen zu können, vertauschte er die Kastagnetten mit den Banderolas und dem Scharlachmantel und wurde endlich von den Hörnern eines wütenden Stiers durchbohrt.