Die in Korfu lebenden venetianischen Familien hatten so ziemlich die Sitten und Gebräuche des Mutterstaates beibehalten und brachten die Tage und Nächte meistens in ihren Kasinos und Kaffeehäusern zu, wo sie wie auf dem Markusplatz zu Venedig kannegießerten und politisierten. Auch gestatteten sie ausnahmsweise Fremden Zutritt in ihren Häusern. Ich hatte bald die Bekanntschaft eines Grafen Mocenigo, eines äußerst interessanten, höchst wissenschaftlich gebildeten Mannes gemacht, dessen Familie aus Venedig stammte und der mich bat, sein Haus wie das meinige zu betrachten, mir auch seine auserwählte Bibliothek zur Verfügung stellte und mir über alles, was ich von der Insel Korfu zu wissen wünschte, die beste Auskunft gab. Der Mann hatte einen großen Teil Europas, die asiatische Türkei und auch einen Teil von Deutschland bereist, nämlich Österreich. Er führte mich in ein venezianisches Kasino ein, wogegen ich ihm Zutritt in dem französischen Liebhabertheater verschaffte, das ihm viel Unterhaltung gewährte.

Das behagliche Leben in Korfu war mir zwar nicht unangenehm, aber ich fand es viel zu ruhig und zwecklos, als daß es mich hätte befriedigen können. Auch mußte ich gar manches, und namentlich Journale, Zeitungen und die Neuigkeiten der Literatur überhaupt entbehren, da die Kommunikation mit dem Festland äußerst schwierig war und immer seltener Schiffe aus Italien ankamen; aus Frankreich aber fast gar keine. Ich entsinne mich nur einer einzigen Fregatte aus Toulon, die die ersten Kartoffeln, eine auf der Insel noch gänzlich unbekannte Pflanze, für die Garnison, aber nicht zum verspeisen, sondern zum Anbauen brachte, da jedes Regiment und jede Kompagnie brach liegende Ländereien in der Nähe der Stadt angewiesen bekommen hatte, um sie zu ihrem Nutzen mit Gemüse zu bepflanzen. Alles, was Kleidungsstücke, Stiefel, Schuhe, Hüte und so weiter betraf, war ungeheuer teuer. Ein Paar Suwarowstiefel bezahlte man mit sechzig bis siebzig Piastern, für einen Hut ebensoviel. Andere Luxusgegenstände waren kaum zu erschwingen. Dies rührte daher, daß die Engländer Korfu fast beständig und namentlich in den letzten Jahren (1812 bis 1814) in immerwährendem Blockadezustand hielten und die Insel umschwärmten. Mehrere englische Linienschiffe, Fregatten, Briggs, Schaluppen und so weiter kreuzten fortwährend zwischen Korfu und Italien und paßten mit der äußersten Wachsamkeit allen von dort abgehenden Schiffen und namentlich den französischen und italienischen Kanonierschaluppen auf, die den Dienst zwischen Otranto und Korfu regelmäßig versahen und Depeschen, Briefe, Gelder, Angestellte, Montierungsstücke für die Besatzung an Bord hatten und überbringen sollten. Die Kommandanten dieser Schaluppen hatten scharfen Befehl, sobald sie sich in Gefahr befänden, in Gefangenschaft zu geraten, den Briefsack an dessen beiden Enden Kanonenkugeln befestigt waren, sogleich in das Meer zu versenken; ebenso das Geldkistchen, in welchem sich in der Regel eine halbe Million Franken in Gold und mehr, zur Bezahlung des Soldes der Garnison und der Festungsarbeiten befand. Auf diese Art fanden, während Korfu von den Franzosen besetzt war, wohl fünfzehn bis zwanzig Millionen ihr Grab im Grunde des Meeres. Die immerwährende Blockade hatte außerdem noch das Unangenehme, daß man nur selten Nachrichten von dem Festland und den Seinigen erhalten konnte, und daß das einzige Produkt, welches die Insel ausführt, nämlich Öl, endlich ganz wertlos wurde, während alle anderen Waren viermal teurer als gewöhnlich waren. Dies verursachte, daß auch die reichsten Familien in große Not gerieten und weniger Bemittelte sich gar nicht zu helfen wußten. Die Überfahrt von Otranto hatte große Schwierigkeiten und man mußte die äußerste Vorsicht anwenden, sollten die Schaluppen nicht in englische Gefangenschaft geraten. Zur Abfahrt wurde eine finstere mondlose Nacht gewählt, in welcher der Maestro, ein stark wehender Nordwind, aus vollen Backen blies. Mit diesem Wind fuhr man, sobald es völlig Nacht geworden, mit vollen Segeln von Otranto ab und kam dann den anderen Morgen, wenn alles glücklich abgelaufen war, in Korfu an. Bei der Ankunft eines solchen Seekuriers gab es allemal große Freude und Jubel in der Garnison und ein paar fröhliche Tage, denn er brachte Geld, Neuigkeiten und Nachrichten aus der lieben Heimat und auch Avancements mit. Öfters währte es auch wohl drei Monate und länger, bis ein solches Schiff durchwischen konnte. In der letzten Zeit blieben sie fast ganz aus.

Unterdessen hatte ich die Bekanntschaft der Signora Mariana Recupido, Primadonna der Opera Seria, gemacht, einer sehr geistreichen, munteren und reizenden jungen Frau aus einer guten florentinischen Familie. Ihr Vater war ein Conte Luciano, aber in Dürftigkeit geraten, daher die Tochter von ihrem nicht alltäglichen Talent und ihrer schönen Stimme den besten Nutzen zu ziehen suchte und, einmal beim Theater, einen der besten Tenore Italiens in Bologna geheiratet hatte. Bald stand ich in einem sehr vertrauten Verhältnis mit dieser Primadonna, ging ihre Partien mit ihr durch und führte sie auch bei der Familie Brüge ein, wo ich das Vergnügen hatte, sie Duette mit meiner liebenswürdigen Schülerin Josephine singen zu lassen und wir dann Terzette miteinander einstudierten. Während ich mit Mariana Recupido, die ihrem Zunamen alle Ehre machte, im Vollgenuß der Liebe schwelgte, vergnügte ich mich noch bei den Präliminarien mit der giovin principante Josephine.

Herr von Brüge brachte, seitdem er in Korfu war, die heißeste Jahreszeit in der Regel auf dem Lande, und zwar an einem von der Stadt ziemlich entfernten Punkte zu. Für diesen Sommer hatte er Pallea Castrizza, ein altes griechisches Kloster, wie es deren noch viele auf der Insel gab, gewählt. Dieser Ort hatte eine wunderschöne, äußerst romantische Lage auf einer kleinen Erdzunge an der Westseite der Insel, war befestigt, und eine hohe Zypressenallee führte zu der Höhe, auf welcher das Kloster lag, zu dem man nur über eine Zugbrücke gelangen konnte. Am Fuß des Berges befand sich ein kleiner, zum Landen sehr bequemer Hafen, Sankt Nicola genannt. Um diesen zu schützen und Landungsversuche der Engländer zu verhindern, hatte man eine Batterie auf dem Berg im Garten des Klosters angelegt und eine Abteilung Infanterie von etwa achtzig Mann hierher beordert. Herr von Brüge wünschte, daß ich den Sommer daselbst mit seiner Familie zubringen möchte, und veranstaltete deshalb, daß mir das Kommando dieses Postens auf die Dauer seines Aufenthaltes übergeben und durch meine Kompagnie besetzt wurde. Mir war dies ganz willkommen, denn ich befand mich nicht wohler als in Gesellschaft meiner jungen Schülerin und vermißte die in der heißen Jahreszeit ohnehin nicht sehr angenehme Stadt gerne. Pallea Castrizza liegt ungefähr vier starke Stunden entfernt von derselben. Der Weg dahin führt durch sehr malerische, bald felsige, bald waldige und immer sehr gebirgige Gegenden und ist, wie die ganze Insel, sehr uneben. Für Frau von Brüge, Josephine und das Kammermädchen wurden Maultiere herbeigeschafft. Herr von Brüge, ich und noch ein Offizier ritten den Damen zu beiden Seiten. Vier Soldaten trugen mit vier anderen abwechselnd das Pianoforte meiner Schülerin, andere Maultiere deren Effekten und Matratzen. So bildeten wir mit den Truppen einen abenteuerlichen, halb militärischen, halb patriarchalischen Zug, und die Landleute, durch deren Orte wir kamen, oder die uns begegneten, konnten sich keine Vorstellung von dem machen, was das für ein vierbeiniges Ding sei, das die vier Soldaten trugen. Auf dem halben Weg, bei dem Flecken Liapades, machten wir einen Halt, und da die Hitze schon sehr groß war, so wurde erst gegen Abend wieder aufgebrochen und mit der Dämmerung rückten wir in das burgähnliche Kloster ein, dessen bisherige Besatzung in der Nacht abmarschierte. Das große Gebäude war nur noch von zwei griechischen Mönchen bewohnt, von denen der eine, ein oberster Papa, eine Art Abt, und der andere sein dienender Bruder war. Die Kirche, die mitten im Klosterhof frei stand, war nach griechischem Gebrauch reich ausgeschmückt und gut erhalten. Wir teilten uns in die Zimmer ein, die keine Glasfenster, sondern nur hölzerne Fensterläden und äußerst schlecht schließende Türen hatten und nur mit einigen hölzernen Bänken und ein paar Tischen möbliert waren. Herr von Brüge nahm deren ein halbes Dutzend in Beschlag, die in einer Reihe lagen, und mir wurden zwei daran anstoßende zuteil.

Außer den Linientruppen und den Artilleristen befand sich auch noch ein Detachement von ungefähr hundert Albanesen mit zwei Offizieren dieser Truppen in Pallea Castrizza. Diese hatten sämtlich ihr Quartier in einer großen offenen Halle aufgeschlagen, welche am Abhang eines steilen Felsens am Meer lag und auf beiden Seiten durch Palmen beschattet wurde. Alle diese Truppen standen direkt unter meinem Kommando. Nachdem wir uns gehörig installiert hatten, nahmen wir ein Abendessen, dessen Hauptbestandteile frische Seefische und Langusten (eine Art große Seekrebse) ausmachten. Den Wein dazu mußte der alte Klosterpapa liefern. Da in der Bucht von Pallea Castrizza eine bedeutende Fischerei war, so ließ sich Frau von Brüge jeden Morgen die frisch gefangenen Fische präsentieren und wählte die delikatesten derselben aus, die dann zum zweiten Frühstück zubereitet wurden. Nie habe ich köstlichere Fische gegessen wie hier. Auch hatte Frau von Brüge einen trefflichen Koch mitgenommen. Der Fischfang war so ergiebig, daß jeden Tag für viele hunderte Piaster nach Korfu getragen und daselbst verkauft wurden. Die Hummern und Langusten hatten ein sehr wohlschmeckendes und zartes Fleisch, so auch das Muschelwerk. Frisches Fleisch, aber nur Ziegenfleisch, Wein, Hülsenfrüchte, Salz, Essig, Brot und so weiter für das Detachement lieferte ein Bauer aus dem nahe gelegenen Dorf Spagus auf Kosten der Lieferanten in Korfu. Wir erhielten aber Ochsen- oder Kuhfleisch, weißes Brot und andere Viktualien aus der Stadt. Wein, Öl und andere Ingredienzien für die Offiziere mußte das Kloster in hinreichender Quantität und guter Qualität geben, weshalb auch dessen Papa, sowie weil ihm die Besatzung auch in manch anderer Hinsicht ein Dorn im Auge sein mochte, dieselbe sehr ungern sah und nicht aufhörte, jeden Kommandanten derselben zu versichern, daß es die maledetti Inglesi niemals wagen würden, hier an dem vom heiligen Nikolaus beschützten Kloster eine Landung zu versuchen. Da mir der alte Pfaffe, fast so oft er mich erblickte, dieselbe Litanei wiederholte, so sagte ich ihm ernstlich, er möge sich deshalb nur an Seine Exzellenz den Gouverneur General Donzelet wenden, der seiner Versicherung gewiß Glauben schenken würde. Der gute Papa war außerdem ein gewaltiger alter Sünder, der trotz seiner siebzig Jahre jede Woche mehrere Weiber aus den umliegenden Dörfern empfing, die sich von ihm exorzisieren ließen, wobei er dann, wie die zusehenden Soldaten bemerkt haben wollten, allerlei Manöver und Handgriffe machte, um den Teufel aus dem Leib derselben zu treiben. Ein griechisches, nicht mehr sehr junges Weib kam regelmäßig alle vierzehn Tage mit einem Korb voll ausgesuchter Viktualien, um sich den Teufel, von dem sie besessen war, austreiben zu lassen. Der Papa, der weder schreiben noch lesen konnte, machte nun seine Faxen mit einem griechischen Kruzifix und murmelte allerlei griechische Gebete und Formeln. Das Weib geriet nach und nach in die furchtbarsten Konvulsionen, brüllte unverständliche Worte, heulte, warf sich auf die Erde nieder, und nun sagte der Pfaffe in gebrochenem Venezianisch: „Sehet, gute Christen, welche Mühe es mich kostet, diesen Teufel zu bekämpfen, und wie er sich sträubt und zur Wehr setzt; auch gelingt es mir nie, ihn ganz aus dem Körper der armen Frau zu treiben. Bis in die große Zehe bringe ich ihn wohl, aber auch nicht weiter, und so wie sich, sobald die Frau weg ist, die Kraft meines Gebetes und des Kruzifixes nach und nach wieder verliert, so steigt auch der Böse allmählich in die Höhe, bis er ihr endlich wieder im Kopfe sitzt.“ – Das Weib fiel zuletzt höchst ermattet in einen bewußtlosen Zustand, in dem sie über eine halbe Stunde blieb. Mehrmals habe ich mit der Familie Brüge diesem Schauspiel beigewohnt, und je mehr der Pfaffe den Körper der Frau mit dem Kruzifix bestrich, desto wütender gebärdete sich dieselbe. „Sehet, sehet,“ rief der Papa dann aus, „was der Teufel für Sprünge in ihrem Leibe macht.“ Öfters exorzisierte er aber auch tête-à-tête insgeheim; was dann der Teufel für Sprünge gemacht, mögen die Götter wissen.

Unser Tagewerk in Pallea Castrizza war so ziemlich jeden Tag dasselbe. Morgens früh vor fünf Uhr stand ich auf. Um sechs Uhr machte ich eine Promenade mit den Damen den Berg hinab, längs dem Meeresufer oder auf eine der ringsumliegenden Höhen, öfters zu den Ruinen eines alten Schlosses, Castello San Angelo genannt, das auf einem hohen Felsenberg unserem Kloster gegenüber lag, und wo ein Telegraph, der mit der Stadt korrespondierte angebracht war, um alle von dieser Seite sich nähernden feindlichen Schiffe sogleich signalisieren zu können. Besuchten wir nahe liegende Dörfer, so waren wir bald von deren Bewohnern umringt, die uns als Wilde oder Wundertiere anstaunten, mit denen wir uns nicht verständigen konnten, da niemand von uns das Neugriechische sprach, von dem ich kaum ein paar Worte aufgefangen hatte. Gegen neun Uhr kamen wir in der Regel zurück, denn es fing dann schon an, glühend heiß zu werden, und setzten uns zu einem delikat zubereiteten Frühstück, bei dem frische Fracazanifeigen, Wassermelonen und andere Südfrüchte nie fehlten. Nach dem Frühstück erteilte ich Josephinen ein paar Stunden Unterricht in der Musik, aber jetzt nicht ohne Unterbrechungen, wenn sich die Gelegenheit darbot, denn ich gab ihr nun auch Unterricht in der Liebe, und zwar in der praktischen, während sich Papa und Mama bald nach dem Frühstück zur Siesta niederlegten und die große Hitze in ihrem Schlafgemach verschliefen. Wir begaben uns dann erst gegen Mittag jedes in sein Zimmer zur Ruhe. Während wir Akkorde auf dem Piano anschlagen, harmonierten wir oft Mund auf Mund, mit minutenlangen Glutküssen, endlich verstummte Klavier und Gesang ganz und wir lagen einander wonnetrunken in den Armen, während die Eltern einer süßen Ruhe pflegten. Das Mädchen, eine Sylphidengestalt, war wegen der großen Hitze äußerst leicht in ein Gewand von Cambridge oder Musselin gekleidet, unter dem sie höchstens, und das nicht immer, noch ein linnenes Unterröckchen über dem Hemd trug, so daß sich ihre schönen Formen sehr deutlich zeichneten und das Kleid einen antiken Faltenwurf annahm. Indessen wagten wir viel, denn wie leicht hätte uns Papa oder Mama in einem so Gott und die Welt vergessenden Zustand überraschen können. Später schlichen wir uns öfters in die vergitterten Frauenstühle der Klosterkirche und frönten in diesem heiligen Dunkel der cytherischen Göttin. Gegen Abend, wenn alles wieder aufgestanden war und Toilette gemacht hatte, fanden wir uns wieder zusammen, musizierten bis zum Mittagessen, das um sechs Uhr eingenommen wurde, worauf wieder Promenaden folgten, nach denen man bis lange nach Mitternacht im Klosterhof weilte, dem Gesang der Albaneser zuhörend, die recht schöne Melodien und mehrstimmige Lieder in ihrer Sprache sangen und mit Zithern und Lauten begleiteten. Bisweilen las ich den Damen etwas vor.

Öfters ritt ich nach Korfu, um daselbst allerlei Kleinigkeiten für die Damen zu besorgen und einzukaufen. Da Josephine auch recht artig zeichnete, so kamen wir auf den Gedanken, ein kleines Puppentheater zu malen, um mehr Abwechslung in unsere Unterhaltung zu bringen. Als ich, um Farben zu diesem Zwecke zu kaufen, nach Korfu geritten war und mich in die Calle verte zu einem Farbenverkäufer begeben wollte, hörte ich plötzlich ein starkes Getöse, ein Geräusch, dem gleich, wenn ein Paar Pferde mit einem Wagen auf dem Straßenpflaster durchgegangen sind. Da es aber in Korfu, den Artillerietrain ausgenommen, der nur bei Revuen tätig war, gar kein Fuhrwerk gab, so war dies wohl nicht annehmbar. Zugleich sah ich alle Leute mit angstvollen Gesichtern vorüberspringen, trat deshalb in eine offen stehende Kantine, um zu fragen, was dies bedeute, wo ich aber Pokale und Gläser auf den Tischen wankend und klirrend fand. Die Leute schrien: „Terramuoto, terramuoto!“, stürzten, mich über den Haufen stoßend, nach der Türe, um nach der nächsten Kirche zu rennen. Ich aber, der jetzt begriff, was es war, lief eiligst nach der nahen Esplanade. Aber bevor ich dieselbe noch erreichte, hatte das Geprassel und die Erschütterung schon aufgehört, denn das Ganze währte nur wenige Sekunden. Noch lange nachher waren aber Straßen und Kirchen, und namentlich die des heiligen Spiridion, voll Menschen, die, auf dem Boden liegend, inbrünstig zu dem Schutzheiligen beteten. Bei dieser Gelegenheit bekam ich auch viele der vornehmen griechischen Frauen und Mädchen zu sehen, die entschleiert in die Kirchen rannten, und unter denen sich manche echt antik-griechische Schönheit befand. An das Farbenkaufen war für diesen Tag nicht mehr zu denken, da alle Buden schnell geschlossen wurden und es den ganzen Tag blieben. Die Garnison hatte schnell ausrücken müssen und biwakierte zweimal vierundzwanzig Stunden auf der Esplanada, da sich solche Erdstöße auf den Jonischen Inseln nicht selten in den nächsten vierundzwanzig Stunden drei- bis viermal wiederholen. Das Erdbeben war sehr stark und bedeutend gewesen. Mehrere Häuser waren eingestürzt und ihre Bewohner, die sich nicht schnell genug hatten retten können, waren erschlagen worden. Auch mehrere noch von der letzten türkischen Belagerung in Ruinen stehende Gebäude waren nun völlig zusammengefallen. Viele Personen hatten sich auf die Schiffe in der Reede geflüchtet, auf denen man die nämliche erschütternde Bewegung wie auf dem Lande verspürte. Noch denselben Nachmittag jagte ich nach Pallea Castrizza, wo ich alles in größter Bestürzung und die Besatzung vor dem Kloster kampierend fand; so auch Herrn von Brüge und seine Damen. Nur die beiden Mönche und einige Griechen lagen noch betend in der Kirche auf den Knien. Ich mußte nun Bericht über das, was in der Stadt vorgefallen war, erstatten, und nicht ohne Angst, was da kommen könne, begab man sich gegen Morgen zur Ruhe. Nach ein paar Tagen war alles wieder im gehörigen Gleis. Ich ritt abermals nach Korfu, die Farben zu holen, die ich diesmal glücklich mitbrachte, und wir begannen nun Dekorationen zu malen. Den anderen Morgen sagte mir Josephine bei der Musikstunde, sie habe in Papas Stube ein Papier voll langer Dinger von ganz feiner Blasenhaut gefunden, und als sie sie ihrem Vater gezeigt und gefragt, was denn dies sei, so habe er ihr sehr unwillig geantwortet: „Einfältiges Ding, das sind türkische Tabaksbeutel; du mußt deine Nase aber auch in alles stecken.“ „Ich glaube es aber nicht,“ fuhr sie fort, „und möchte wohl wissen, was dies eigentlich für Dinger sind.“ – Auch ich konnte mir nicht gleich denken, was es wohl sein könne, und sagte zu dem Mädchen, sie möge mir nur eines davon zeigen. – „Ja, wenn ich sie wieder erwischen kann, denn Papa hat sie schnell und aufgebracht wieder weggetan.“ – Einige Tage darauf brachte sie mir ein solches Ding, indem sie sagte: „Aber die hat Vater gut versteckt; sie waren in seinem Portefeuille verschlossen. Ich fand sie in einem Bataillonsrapport eingewickelt und habe ihm eins genommen.“ – Ich erkannte nun sogleich, was es für Beutel waren, hatte mir dies schon halb und halb eingebildet, und da ich von Josephinen selbst wußte, daß Papa mit dem Kammermädchen auf einem intimen Fuß stehen müsse, da sie gesehen, wie er es heimlich geküßt, so konnte ich mir denken, wozu Herr von Brüge diese türkischen Beutel gebrauchte, da er einen Skandal fürchtete und vermeiden wollte, und ich fand bald Gelegenheit, seiner Tochter die Nützlichkeit derselben darzutun.

Als wir uns eines Morgens nach der Musikstunde der großen Hitze wegen in ein altes halbzerfallenes Kellergewölbe flüchteten, in das ich vorantrat, da wand sich, kaum eingetreten, eine dicke eiskalte Schlange, die sich von der Türwölbung herabließ, um meinen nackten Hals, und Josephine tat einen lauten Schrei. Ich aber packte das eisige Tier mit beiden Händen um den Leib, wobei es mich in die Hand biß. Ich riß es mit aller Gewalt herab und trat ihm mit beiden Füßen auf den Kopf, so daß ich denselben zerquetschte. Weder ich noch Josephine, noch die Leute, denen ich das Reptil zeigte, wußten, zu welcher Schlangengattung es gehörte. Aber einer der hinzukommenden Albanesen wollte es für eine der giftigsten Nattern erkennen, setzte jedoch sogleich hinzu, daß ich nichts zu fürchten habe, da er ein untrügliches Mittel besitze, den Biß unschädlich zu machen und die Wunde zu heilen. Er preßte das Blut heraus, sog es mit seinen Lippen ein, brannte dann mit einem Schwefelfaden die blutige Stelle, legte hierauf etwas von der geschabten frischen Wurzel eines Krautes darauf und verordnete mir, recht viel Zitronenwasser und ja keinen Wein zu trinken, was ich befolgte. Frau von Brüge hatte ohnehin jeden Tag eine große Bowle Limonade in dem Speisezimmer stehen, aus der wir ad libitum tranken, und die, so oft sie leer war, wieder gefüllt wurde. Zitronen und Limonen kosteten ja nichts, ebenso die bitteren Pomeranzen, welche die Soldaten hier zu Schuh- und Stiefelwichse benutzten, und das damit frottierte Leder bekam völlig den Glanz des blanken Stahls. Das angewandte Mittel war probat, denn der Biß hatte nicht die geringsten unangenehmen Folgen für mich. Ob aber die Schlange wirklich so giftig war, als der albanesische Äskulap vorgab, muß ich dahingestellt sein lassen.

Was noch einige Abwechslung in unser sonst ziemlich einförmiges Leben zu Pallea Castrizza brachte, wo wir jetzt viele Zeit mit der Dekorationsmalerei für das Puppentheater hinbrachten – ich zeichnete die Hintergründe und Kulissen und Josephine malte sie aus – waren die Feste in den umliegenden Dörfern, zu denen wir von den Capi di cinquante und dieci immer feierlich eingeladen wurden, bei denen wir uns einstellten und wo es recht fröhlich zuging. Dies ist fast der einzige Tag, wo der Grieche etwas Warmes und gebratenes Fleisch zu sich nimmt. Jeder schneidet sich von einem am Spieß gebratenen ganzen Hammel oder Schwein nach Belieben ab. Das Schweinefleisch und namentlich der Schinken von den mit ausgepreßten Oliven gemästeten Schweinen hat einen ganz vorzüglichen Wohlgeschmack und ein transparentes hornartiges Ansehen. Wir vergüteten die Einladung und das Genossene reichlich, indem wir gar manchen Para, wohl auch Piaster an den klebrigen Mauern hängen ließen. Am abergläubischsten zeigten sich hierbei die Albanesen, die oft einen ganzen Monat ihres Soldes an diesen Mauern hängen ließen. Eines dieser wilden Bergkinder, das schon hundertdreizehn Jahre alt, dennoch bei jeder Musterung wohl bewaffnet erschien und gleich den anderen im Trabe defilierte und seine Pistolen und Gewehre abfeuerte, hatte über fünfzig Piaster angeklebt oder fallen lassen. Hundertjährige Albanesen sind keine große Seltenheit, woran wohl die große Abhärtung, ein Schafsmantel ist ihr Bett, ihr Obdach, ihre Bekleidung und Regenschirm, sowie die außerordentlich mäßige Lebensweise schuld sein mag.

Da während unseres Aufenthaltes zu Pallea Castrazzi das Sankt Spiridionsfest in Korfu gefeiert wurde, so redete mir Herr von Brüge zu, da ich dasselbe noch nicht gesehen hatte, mich während dieser Zeit in die Stadt zu begeben, um demselben beizuwohnen, was mir ganz recht war, da ich bei diesem den Aberglauben und die Pracht der Korfioten und ihrer Frauen in ihrem ganzen Glanze erblicken sollte. Ich nahm Urlaub auf sechs Tage, während welchen ich die feierliche Narrheit mit aller Bequemlichkeit zu beobachten Gelegenheit fand, und schloß mich sogar eine ganze Stunde lang der Prozession an, worauf ich aber genug hatte, mich weg und in das nahe venezianische Kasino schlich, in welchem ich eingeführt war, und wo ich die Bekanntschaft eines jungen Capo d’Istria, eines Neffen des in russischem Staatsdienste stehenden Ministers dieses Namens machte, der ebensowenig als ich an die Heiligkeit der Mumie glaubte und sich manche beißende und geistreiche Ironie über die Prozession und das Gefolge erlaubte. Er bot mir eine Tasse Schokolade an und lud mich ein, ihn öfters zu besuchen. Ich begab mich nun mit ihm in die reich und prächtig ausgeschmückte Sankt Spiridionskirche, wo wir die Rückkehr des Heiligen abwarteten, während griechischer Gottesdienst gehalten wurde und die Musik der verschiedenen Regimenter abwechselnd spielte. Dem Eingang zur Vorhalle der Kirche, in welcher die Musik des vierzehnten Regiments spielte, gegenüber, hörte und sah ein allerliebstes Madonnenköpfchen mit großem Vergnügen dem militärischen Spektakel zu. Capo d’Istria, den ich darum fragte, sagte mir: „Ach, dies ist die schöne Signora Enrichetta Viletta, die Braut des Advokaten Prosalenti, sie hat dreißigtausend Talari Aussteuer. Sie hatte viele Freier, unter anderen auch den jungen reichen Dandolo, aber ihr erzliederlicher Bruder, der alles verspielt, hat sie dem widerlichen Prosalenti verhandelt.“ – Hinter einem Fenster des Vestibüls der Kirche hatte ich Gelegenheit, die Reize des jungen Mädchens unbemerkt mit aller Muße bewundern und sie selbst beobachten zu können. Capo d’Istrias Mitteilungen hatten mir die schöne Braut doppelt interessant gemacht, und wie ich aus seinen Reden entnehmen konnte, schien sie ihm auch nicht gleichgültig zu sein. Er war ein junger interessanter Mann, mit einnehmenden Gesichtszügen, Mitglied der Società filodramatica, welche italienische Lustspiele und Dramen aus Liebhaberei aufführte, bei der er den jugendlichen Liebhaber nicht ohne Talent spielte, und von der auch ich den kommenden Winter ein tätiges Mitglied wurde und wo ich die in Neapel übersetzten deutschen Stücke, namentlich ‚Fiesko‘, ‚Menschenhaß und Reue‘, ‚Die Indianer in England‘ und so weiter zur Aufführung brachte. Die Recupido machte aus Gefälligkeit die erste Liebhaberin und gab die Elisabeth im ‚Don Carlos‘ und die Gurli ganz vortrefflich. „Ein Meisterstreich wäre es,“ sagte ich zu Capo d’Istria, „wenn man dem Prosalenti die schmucke und reiche Braut wegfischen könnte.“ – „Ach ja,“ erwiderte er seufzend, „aber es ist unmöglich.“ – „Unmöglich?“ versetzte ich, „solange die Hochzeit noch nicht vollzogen, ist immer noch die Möglichkeit vorhanden. Ich gebe nichts auf als die Toten. Sie sehen das Mädchen gerne?“ – „Freilich.“ – „Und Sie wissen, daß sie den Prosalenti nicht leiden mag?“ – „Allerdings.“ – „Nun, dann müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn wir sie ihm nicht aus den Klauen reißen sollten. Wann soll die Hochzeit sein?“ – „In sechs Wochen.“ – „Noch überflüssige Zeit, die Sache rückgängig zu machen und das Opfer dem Rachen der Bestie zu entziehen.“ – Wir verließen nun Arm in Arm die Sankt Spiridionskirche, grüßten im Vorübergehen die holde Enrichetta ehrerbietig und erhielten einen freundlichen Dank, gingen aber nur um die Kirche herum und auf der entgegengesetzten Seite wieder in dieselbe, uns abermals hinter das bewußte Fenster der Vorhalle placierend. Zeigten uns aber von Zeit zu Zeit wieder an der Türe der Schönen gegenüber, so daß diese bald unsere Gegenwart bemerkte und lächelte; und nun wurden Blicke gewechselt. Ich sagte jetzt meinem neuen Freunde, er möge ein Briefchen schreiben, in welchem er Enrichetten seiner Liebe versichern und ihr erklären solle, daß er sie heiraten wolle. Es kostete mich aber große Mühe, ihn dazu zu bewegen. Auch fürchtete er die Rache des Bruders und Bräutigams, wenn diese unglücklicherweise dahinterkämen. – „Pah, wenn man einem Mädchen nachstellt, muß man nichts in der Welt fürchten,“ sprach ich und fuhr fort: „wenn Sie mir die Leitung der Intrige überlassen wollen, so stehe ich für alles. Schreiben Sie nur das Billett und dann sorgen Sie für eine alte Hexe, die für ein paar Zechinen selbst an den Teufel verkuppeln würde.“ – Capo d’Istria, durch mich ermutigt, verstand sich endlich zum Schreiben und an solchen alten Weibern vom Mestiero war auch in Korfu kein Mangel. Ehe vierundzwanzig Stunden vergingen, war das Geschriebene in den Händen der Braut. Die Überbringerin, eine alte Griechin, die auch das Venezianische gut sprach, brachte wenigstens eine mündliche Antwort und erzählte etwas umständlich, welche Mühe sie gehabt, die Signora allein zu sprechen, sie zur Annahme des Briefchens zu bewegen, daß es ihr aber endlich sogar gelungen sei, sie zu überreden, den Antrag des jungen Herrn anzunehmen, wenn er ihn ausführen könne, denn sie gestehe, daß ihr der bestimmte Bräutigam unausstehlich sei. – „Was nun anfangen?“ meinte Capo d’Istria. – „Hier bleibt nichts übrig als eine Entführung,“ erwiderte ich schnell. – Vor dieser aber scheute er wieder und willigte erst ein, als ich ihm erklärte, ich wolle auch die Ausführung und die Gefahr derselben übernehmen; die Hauptsache sei vorerst, sich der Einwilligung des Mädchens zu versichern. Die alte griechische Hexe, die bereits zwei Zechinen zum Geschenk für ihre Bemühungen erhalten hatte, war auch bereit, ihr möglichstes zu tun, die Signora Enrichetta dazu zu vermögen.