Die reichen Einwohner der Stadt Korfu werden nach der Quantität Öl geschätzt, die sie alljährlich machen; und wie man zu Paris sagt, er hat so und so viel tausend Franken Revenuen, sagt man zu Korfu, er hat so und so viel hundert Krüge Öl zu verzehren. Ebenso bekommt eine Braut eine gewisse Zahl Olivenbäume zur Aussteuer mit. Diese Bäume sind hier von einer ungewöhnlichen Größe und Schönheit, so wie man sie in keinem anderen Lande Europas, weder in Spanien noch in Italien sieht, und machen den Reichtum der Insel aus. Das Öl, besonders das von Paxo, ist vortrefflich, kristallhell und hat oft die Farbe des reinsten Quellwassers. Dieses Öl ist so wohlschmeckend und man gewöhnt sich so sehr daran, daß, als ich wieder nach Deutschland zurückkam, ich auch die beste Butter unangenehm schmeckend fand und mich erst wieder daran gewöhnen mußte. Die Besitzer der Olivenwälder sind große Herren und verzehrten früher einen Teil ihrer Einkünfte in Venedig, wo sie meistens den Winter zubrachten. Während der französischen Herrschaft schmolzen ihre Revenuen jedoch fast auf nichts zusammen, da man das Öl nicht ausführen konnte, indem Korfu beständig von den englischen Schiffen blockiert wurde, so daß alle Schiffahrt und Versendungen aufhörten, und nur mit großer Mühe und Gefahr die Kanonierschaluppen der Regierung in finsteren Nächten es wagten, nach Otranto zu segeln, um die Verbindung mit dem festen Land einigermaßen zu unterhalten, und dennoch fielen auch diese nicht selten in die Hände der Engländer. So kam es denn, daß der Wert des Öles, für das man keinen Absatz mehr finden konnte – das meiste ging früher nach Venedig und Triest – fast auf Null herabsank, und der Adel und die Wohlhabenden in Korfu, deren Reichtum fast ausschließlich in diesem Produkt bestand, sich in der größten Not und Geldverlegenheit befanden, so daß viele von ihnen ihre Olivenbäume umhauen, Kohlen daraus brennen ließen und diese verkauften, um leben zu können; ein ungeheurer Nachteil und Verlust, da, wie bekannt, der Olivenbaum einer langen Reihe von Jahren bedarf, bevor er so weit ist, daß er Früchte bringt.

Alles Getreide der Insel, worunter der Calambochio und Mais das meiste liefert, reicht bei aller Mäßigkeit der Korfioten kaum für den Bedarf von vier bis fünf Monaten für die Bewohner der Insel hin, welche seit Jahrhunderten gewohnt sind, das mangelnde gegen Öl einzutauschen. Da dieses aber ebenfalls während der französischen Herrschaft nicht möglich war, so war bisweilen das Brot so teuer, daß die Bewohner der Stadt das Kommißbrot des Soldaten mit fünf bis sechs Piaster bezahlten und verhältnismäßig teurer den Schiffszwieback, wenn kein Brot zu haben war.

Der Wein, den man auf der Insel Korfu zieht, ist sehr stark, meistens schwarz und dick, und ungesund unvermischt zu trinken. Die weißen Weine sind süß, feurig und dem Zypernwein sehr ähnlich; doch gibt es auch herbe und rauhe. Würden die Weinberge sorgfältiger bebaut und wäre die Behandlung des Weines anders, so müßte hier ein ganz vorzügliches Getränk gezogen werden. Es lag aber in der Politik der venezianischen Regierung, daß die Insel Korfu kein Weinland werden sollte, weil sie einen ungeheueren Gewinn am Öl machte, das fast alles durch ihre Hände ging und von dem sie wenigstens zwanzig bis dreißig Prozent zog. Deshalb hatte sie auch das Anpflanzen korinthischer Weinstöcke auf Korfu bei schwerer Strafe untersagt und nötigte so die Korfioten, sich auf den Ölbaum zu beschränken.

In der ganzen Stadt Korfu ist auch kein einziges Gebäude, das als besonders merkwürdig erwähnt zu werden verdient, und selbst der Gouvernementspalast ist sehr mittelmäßig. An geräumigen Kasernen und Magazinen ist zwar kein Mangel, aber sie sind weder bequem noch mit Sorgfalt eingerichtet. Das Theater ist ein altes seltsames Gebäude, das früher eine ganz andere Bestimmung hatte. Unter den vierzig griechischen Kirchen und Kapellen ist keine einzige in architektonischer Hinsicht von Bedeutung und nur zwei haben Türme, von denen der eine, der des Sankt Spiridion, ein Glockenturm ist. Die Glocken aller anderen Kirchen sind an einigen Seitenportalen angebracht oder hängen auch frei auf dem Dach. Die Kirche des heiligen Spiridion ist ziemlich groß und geräumig und wegen ihres hochverehrten Heiligen nicht nur in Korfu, sondern in ganz Griechenland und wo man sich zur griechisch-christlichen Religion bekennt, berühmt. Die Verehrung für diesen Heiligen ist so groß, daß Gott, Christus, der heilige Geist und die Jungfrau ihm weit nachstehen müssen, und während der Grieche gleichgültig zuhören würde, wenn man jene lästerte, würde er sich mit Wut auf denjenigen stürzen, der sich auch nur die leiseste unziemliche Bemerkung gegen diesen Heiligen erlaubte.

Die venezianischen Adeligen, welche in Korfu wohnen, haben mehrere Kasinos, in der Art, wie man sie in Venedig kennt, eingerichtet. Sie waren es auch, welche die meisten Logen in dem Theater innehatten, in welchem italienische Opern, Schauspiele und Ballette gegeben und während der Franzosenzeit gar nicht übel und sogar mit Pracht aufgeführt wurden. Das Orchester, wenigstens die blasenden Instrumente, bestand jedoch fast ausschließlich aus französischer Militärmusik.

Bald nach meiner Ankunft zu Korfu wurde das Bataillon, bei dem ich stand, und welches in der Zitadelle der alten Festung kaserniert gewesen, nach Sankt Theodor, einem ehemaligen griechischen Mönchskloster beordert, das auf der Stelle steht, wo sich früher die Gärten des Alcinous befunden haben sollen, und wo nach Homer Odysseus die holde Prinzessin Nausikaa und eine so freundliche Aufnahme fand. Dieses Kloster lag eine kleine halbe Stunde von der Stadt entfernt, in einem Olivenwald hinter dem großen Flecken Castrades. Meinen Tisch hatte ich auf Einladung der Madame Brüge wieder bei dieser Familie genommen und es auch übernommen, bei deren hübschen Tochter den Unterricht im Klavier und Gesang fortzusetzen, den ich vor vier Jahren in Genua mit ihr anfing. Indessen war sie weit vorangeschritten, da sie seitdem in Italien bei guten Lehrern ihr musikalisches Talent ausgebildet hatte; aber in Korfu war an solchen gänzlicher Mangel, und mein Erscheinen daher der Familie Brüge sehr willkommen. Die Stimme meiner jungen Schülerin war stark und wohlklingend geworden, es war ein hoher lieblicher Silbersopran, und so machten mir diese Unterrichtsstunden großes Vergnügen. Auch mit dem Tisch hatte ich große Ursache zufrieden zu sein, da in Korfu auch nicht eine einzige gute Speiseanstalt war und die unverheirateten Offiziere Menage zusammenmachten, wozu ein Soldat als Koch diente. Man kann denken, wie da gekocht wurde. Doch machten einige dieser Menagen eine Ausnahme, indem sie zufällig auf ein Küchengenie gestoßen waren.

Außer dem Stadttheater, das nicht sehr groß ist, etwa sechs- bis siebenhundert Zuschauer fassen konnte, und in dem Gebäude der ehemaligen Börse, die längst unnütz geworden, eingerichtet war, fand ich auch ein französisches Liebhabertheater vor, dessen (weibliche) Seele Madame Gasqui war, und die Vorstellungen fanden – horribile dictu – auf der Hauptwache statt, das heißt in einem kleinen Saal dieses Gebäudes, in dem früher Waffen aufbewahrt wurden. Ich war bald ein tätiges Mitglied dieser Bühne, wodurch mir der Vorteil erwuchs, daß ich die Bekanntschaft des Gouverneurs und anderer Autoritäten auf der Insel, wie die des Generals Cardenneau, des Chefs des Generalstabs Baudouy, des Kommissär-Imperial Lesseps und so weiter machte, und es nun an Einladungen zu Diners und kleinen musikalischen Soireen nicht fehlte.

In dem großen Theater, dessen Impresario ein gewisser Delungo, Ballettmeister und Grotesktänzer war, wurden Opera seria, Opera buffa und große Ballette aufgeführt. Das Personal desselben war nicht wie in Italien auf eine Stagione, sondern immer auf ein ganzes Jahr engagiert, weil das öftere Wechseln hier mit zu großen Schwierigkeiten verknüpft gewesen wäre. Die Prima donna seria war eine Signora Mariana Recupido, die liebenswürdige Gattin eines schon an der Schwindsucht laborierenden Tenors. Prima Ballerina seria war Signora Giuseppina Panzieri, ein allerliebstes blondgelocktes Mädchen, eine wahre Graziengestalt. Nicht minder artig war die seconda Ballerina, Chiaretta Gaspari, die ein recht naseweises Roxelanennäschen hatte. Als ich in Korfu ankam, waren Guglielmis ‚Amanti in scompiglio‘, Meyers ‚Ginevra di scozia‘ und das Ballett ‚Didone abbadonniata‘ auf dem Repertoire. Oper und Ballett waren gut besetzt, besonders war der Kastrat, ein gewisser Matuccio, der den Ariodante sang, vortrefflich, sowie die Recupido als Ginevra. Deren Gatte mußte aber bald darauf die Bühne verlassen und wurde durch den Tenor Spiegoli, der eine sehr frische und schöne Stimme hatte und den Polinesso ausgezeichnet gut gab, ersetzt. – Auch das Ballett war nicht übel; den ersten Tänzer machte eine Dame, die sehr schön gebaut war. Die Panzieri war vortrefflich und der Grotesktänzer machte furchtbare Salti mortale.

Das Leben der Garnison in Korfu war übrigens ein rechtes Schlaraffenleben. Sie war mit Inbegriff der Albaneser wohl über zwölftausend Mann stark und aus allen möglichen Nationen zusammengesetzt. Sie bestand aus dem sechsten französischen Linien- und dem vierzehnten leichten Infanterieregiment, jedes über dreitausend Mann stark, zwei Bataillonen von dem zweiten Fremdenregiment, einem Bataillon königlich italienischer und ein anderes neapolitanischer Truppen, den Ruderas des Regiments Chasseurs de l’orient, das mit der französischen Armee aus Ägypten zurückgekommen war, einem Bataillon Septinsulaner, so genannt, weil sie unter den Venezianern einen Teil der Garnison der sieben Jonischen Inseln ausmachten und aus Dalmatinern, Slavoniern, Venezianern und einigen Griechen zusammengesetzt, einer Eskadron Chasseurs à cheval, an hundert Mann stark, die aber kaum sechzig Pferde hatten, dem Regiment oder vielmehr der Horde undisziplinierter Albaneser, die nie in Reih und Glied zu bringen waren, und endlich einer sehr zahlreichen französischen und neapolitanischen Artillerie nebst mehreren Pionierkompagnien, dem Ingenieurkorps, Sappeurs und Mineurs. Die ganze Marine bestand aus zwei in dem Hafen stationierenden Fregatten, einigen Briggs und etlichen zwanzig Kanonierschaluppen. Dieses gewiß seltsame Quodlibet, bei dem sogar Afrikaner und Asiaten waren, bildete die Garnison von Korfu. – Sämtliche Infanterie war zugleich für den Artillerie-Festungsdienst eingeübt worden, um sie im Fall einer Belagerung die Geschütze bedienen zu lassen, da die vorhandene wirkliche Artillerie kaum für den sechsten Teil derselben ausgereicht haben würde. Der Dienst im allgemeinen wurde aber, wenigstens von den Offizieren, ziemlich nachlässig versehen, und zwar so, daß sich dieselben erlaubten, zur Nachtzeit die Wachen zu verlassen und erst gegen Morgen wieder sich auf denselben einfanden. Viele derselben, sowie auch Unteroffiziere und Soldaten, waren hier förmliche Handelsleute, Krämer, Handwerker und so weiter geworden, trieben alle möglichen Geschäfte und erschienen fast nur bei den Revuen unter den Waffen und in Uniform. Viele Offiziere machten allerlei kleine Handelsspekulationen, namentlich die der Septinsulaner, welche sich besonders auf den Schmuggel legten. Andere hatten Bäckereien angelegt, noch andere sich mit dem Wasserhandel eingelassen, ließen die Wasserfäßchen durch Soldaten hereinbringen und billiger als die Griechen und Albaneser verkaufen und so weiter. Die Garnison hatte in der Regel anderthalb bis zwei Jahre Sold zu gut, und man sah ihr deshalb von oben herab manches durch die Finger. Ein anderes Übel, das einriß, war, daß von den Generälen bis zum Tambour herab sich viele Militärs Mätressen beilegten, meistens arme Griechinnen, die sie mit Bewilligung ihrer Eltern zu sich nahmen, sie unterhielten, und die oft sehr schön waren. Die Griechen der niederen Klassen verhandelten nicht selten ihre oft kaum zwölfjährigen Töchter für wenige türkische Piaster, – das türkische Geld war das, was nebst dem venezianischen am meisten kursierte – an Offiziere oder Soldaten und beschworen dabei, daß sie ihnen eine Jungfrauschaft überlieferten. War nun einer seiner Geliebten überdrüssig oder konnte er sie nicht länger unterhalten, so verhandelte er sie an einen anderen. Öfters unterhielten auch zwei bis drei Kameraden ein solches Mädchen. Andere tauschten ihre Mätressen gegenseitig aus, worauf der eine oder der andere noch einige Pokale Wein zum besten geben mußte. Dies alles mußten sich die armen Geschöpfe wohl gefallen lassen, waren manchmal auch mit dem Tausch ganz zufrieden. Diese Mädchen sprachen außer dem Korfiotischen neugriechisch, gewöhnlich etwas gebrochen venezianisch, lernten aber bald einige französische Worte plappern. Sie hatten in der Regel einen natürlichen scharfen Verstand, waren aber in allen Dingen, die praktische Liebe ausgenommen, im höchsten Grade unwissend. Keine konnte schreiben oder lesen, selbst nicht die, welche wohlhabenden Familien angehörten. Ebensowenig konnten sie nähen oder stricken oder auch nur eine Suppe kochen. Den ganzen Tag lagen sie auf den Strohsäcken oder Matratzen, wenn sie deren hatten. Ihr Unterhalt kostete freilich wenig, da sie fast nichts aßen als Kräuter mit Öl und Zitronensaft und etwas Brot und Mischwein, und eine kleine Kammer bewohnten, für welche der jährliche Mietzins wenige Piaster betrug. Die Offiziere und Sergeantmajors, die eigene Zimmer hatten, nahmen sie meistens zu sich. Trotzdem der Sold so lange rückständig war und ausblieb, lebten die Soldaten doch nicht schlecht, ja manche viel besser als ihre Offiziere, da sie mit allerlei Arbeiten, die hier sehr gut bezahlt werden, viel Geld verdienten. Außerdem stand die ganze Garnison fortwährend auf dem Feldetat und erhielt folglich täglich außer dem Brot ihre Portionen Fleisch, Wein, trockene Zugemüse, Salz, Holz, Essig und so weiter, das freilich oft schlecht genug von den Fournisseurs geliefert wurde. Oft fehlte es auch gänzlich an frischem Fleisch und man teilte dann gesalzenes oder Speck aus den Magazinen aus. Die Soldaten wurden von den Korfioten nicht selten auf das gewissenloseste geprellt, wenn sie etwas verzehrten oder kauften. Man kann sich kaum einen Begriff von der Verschlagenheit, List und Schlauheit der Griechen im Betrügen machen, worin sie Meister sind. Man mag sich stellen, wie man will und noch so sehr in Obacht nehmen, immer wird man von ihnen übervorteilt. Wollte man in Korfu nicht oder wenigstens nicht so sehr hintergangen werden, so ging man zu den Juden, um etwas einzukaufen. Die Sittenverderbnis war unter den Einwohnern Korfus, namentlich den Griechen, in einem furchtbaren Grade eingerissen. Sodomiterei war nicht nur etwas ganz alltägliches, sondern auch ein gewöhnlicher Gegenstand der Unterhaltung unter ihnen. Sie suchten diese schmutzigen ekelhaften Gelüste auf alle Weise zu befriedigen, junge Soldaten zu verführen, und wurden öfters en flagrant délit in Kasematten und so weiter ertappt. Ja Kinder im zartesten Alter suchten sie zu ihren unnatürlichen Lüsten zu bekommen und fanden dabei gar nichts außerordentliches. Während meines Aufenthaltes zu Korfu fiel es vor, daß ein Grieche seine abscheuliche Wollust an einem Jungen unter drei Jahren zu befriedigen suchte, und als ihn der Kommissär-Imperial, die höchste Justizbehörde der Insel, deshalb auf die Galeere schickte, erregte dies eine allgemeine Teilnahme der Einwohner für ihn. „Poveretto; ma che gran cosa ha fatto?“ sagten sie mitleidig, und der Mensch wurde allgemein bedauert. Auch ihre Frauen waren vielen feil, und selbst nicht ganz arme Männer erlaubten für einige Piaster, daß man ihren Ehehälften einen Besuch abstatten durfte.

Die griechischen Kirchen und der griechische Gottesdienst haben ein eigenes, nicht sowohl feierliches als mehr mysteriöses Wesen, wozu auch das Verlegen des Hochaltars hinter den meistens vergoldeten Türen, die Gitterlogen der Frauen, die in den Kirchen gestreuten aromatischen Blätter und Blumen, das ewige Räuchern und Beräuchern eines jeden sich in denselben befindenden Individuums, er sei Grieche, Katholik, Protestant, Türke, Jude oder Heide, die oft so sonderbaren Gemälde auf Goldgrund, das ewige düstere Halbdunkel und Kerzenlicht, das näselnde Singen der Chormänner, die seltsamen Trachten der Priester und Laien das ihrige beitragen mögen. Es war mir anfänglich, als ich diese Tempel besuchte, immer, als wäre ich in dem Oratorium eines orientalischen Zauberers.