Da der Wind nicht günstig war, so konnten wir auch nicht sogleich abfahren, sondern verweilten noch ungefähr acht Tage im Golf von Tarent.
Endlich war uns der Wind günstig, und den achten Tag nach unserer Ankunft verließen wir mit angeschwollenen Segeln den Golf von Tarent. Ich war mit der Kompagnie, die ich befehligte, auf dem ‚Boreas‘, einem Linienschiff von achtzig Kanonen, mitsamt meinen drei Pferden, in deren Besitz ich noch war, denn ich hatte keine Zeit und Gelegenheit mehr gehabt, mich auch nur eines derselben zu entledigen, eingeschifft. Das Einschiffen dieser Tiere war komisch genug; nachdem man ihnen Gurte um den Bauch gebunden, wurden sie von einer Barke in die Höhe gewunden, so daß sie bald mit allen Vieren zwischen Himmel und Wasser schwebten, wobei es ihnen sonderbar zumute gewesen sein mag und sie mit allen Vieren festen Fuß zu fassen suchten, daß es recht jämmerlich-ergötzlich anzusehen war. Als die Anker gelichtet waren, fuhren wir mit frischem Maestro in aller Frühe davon, aber gegen Abend erhob sich ein gewaltiger Sturm, der die Nacht durch wütete und die ganze Flotte, aus vier Linienschiffen und mehreren Fregatten bestehend, trennte und zerstreute, so daß wir mit dem anbrechenden Tag nur noch eine unserer Fregatten in weiter Ferne sahen. Da der Sturm noch immer währte, so waren längst alle Segel eingezogen und das Schiff dem Spiel der hochgetürmten Wellen und den tobenden Winden preisgegeben. Zweimal vierundzwanzig Stunden hielt dieses Wetter an, und wir befanden uns, als es nachließ, im Angesicht der afrikanischen Küste auf der Höhe von Tunis. Gegen Mittag zeigten die Wachen auf den Masten an, daß sie am Horizont gegen Norden mehrere Schiffe wahrnähmen. Bald sahen wir diese auch vom Verdeck. Man hielt sie für feindlich und hatte in kurzer Zeit die Gewißheit, daß es drei englische Fregatten waren, die mit vollen Segeln auf uns zufuhren. Der Kapitän des ‚Boreas‘ war ein sehr tapferer und erfahrener Seemann, von großer Entschlossenheit. Er ließ das Schiff sogleich in den besten Angriffs- und Verteidigungszustand setzen, alle Kanonen wurden angezogen, sämtliche Mannschaft an ihren Posten aufgestellt, und die Landtruppen, welche, soweit sie befähigt waren, den Dienst mit der Marine zusammen zu versehen, wurden, was nicht seekrank (ein Dritteil der Kompagnie), gleich als schlagfertig aufgestellt. Ich stand an der Spitze derselben auf dem Verdeck. Die englischen Schiffe kamen jetzt heran, fuhren pfeilschnell an uns vorüber, eine volle Ladung gebend, die wir sogleich erwiderten. Mehrere Kugeln hatten das Schiff von verschiedenen Seiten durchbohrt und die herumfliegenden Splitter des Holzes viele Soldaten und Matrosen verwundet. Als die dritte englische Fregatte vorüberfuhr, hatte eine Kettenkugel einen Artillerie-Sergeanten nebst drei Mann, kaum vier Schritte von mir entfernt, niedergerissen und mit fortgeschleudert. Ich gestehe, daß mir bei diesem Gefecht, wo wir nur eine durchaus passive Rolle spielten, eben nicht sonderlich zumute war. Die Unbekanntschaft mit der Größe der Gefahr, die Löcher, die das Schiff erhielt, das wir glaubten entweder untergehen oder in die Luft springen zu sehen, das Getöse, Gepfeife, Gebrüll durch die Sprachrohre, der Lärm der Matrosen war uns alles ganz neu. Die Engländer wiederholten noch einigemal ihre Manöver, ohne daß wir ihnen einen bedeutenden Schaden hätten zufügen können, denn die abfeuernden Fregatten waren jedesmal wieder weiter, bevor wir unsere Ladung gaben, die dann in Dampf und Rauch ging, hinter denen wir die Schiffe noch vermuteten, auch wendeten sie sich wohl viermal, bevor wir uns einmal wenden konnten, und feuerten dann wieder von der anderen Seite ab. Ihre Manöver waren den unseren in allen Dingen weit überlegen. Schon hatte das Gefecht beinahe eine Stunde gedauert, ohne daß noch etwas Entscheidendes geschehen wäre, jedoch hatte es allen Anschein, daß wir unterliegen würden, als mehrere größere Schiffe mit vollen Segeln auf uns zukamen und Signale machten, in denen wir die Linienschiffe der zu uns gehörenden Flotte erkannten, welche der Sturm verschlagen hatte. Nun fanden die Engländer für gut, das Weite zu suchen, und fuhren in aller Eile davon, uns noch ein paar tüchtige Ladungen zurücklassend. Die Ankunft dieses Sukkurses war ein großes Glück für uns, denn wir würden sicher am Ende den kürzeren gezogen haben; an ein Ergeben wäre nicht zu denken gewesen, unser Kapitän hatte geschworen, das Schiff eher in die Luft zu sprengen, und er war der Mann, der imstande war, sein Wort zu halten. Schon jahrelang hatte er sich die Nägel an der linken Hand, an der er immer einen Handschuh trug, nicht abgeschnitten, da er ein Gelübde getan, dies nicht eher zu tun, als bis er ein englisches Schiff genommen oder in den Grund gebohrt haben würde. Wahrscheinlich ist er mit seinen langen Nägeln zu Grabe gegangen. Aber dies mag ein Beweis von dem Haß sein, welcher zu jener Zeit zwischen den beiden Nationen bestand. So befreit, segelten wir nun mit den bei uns angekommenen Schiffen, es waren zwei Linienschiffe und eine Fregatte, weiter, verließen die afrikanische Küste, kamen an der südlichen Spitze von Sizilien vorüber und suchten baldmöglichst unsere Bestimmung zu erreichen, was den zehnten Tag nach unserer Abfahrt von Tarent der Fall war, wo wir gegen Mittag die Festen und Türme der Stadt Korfu zu Gesicht bekamen, in deren Reede wir noch den nämlichen Abend die Anker warfen und den folgenden ausgeschifft wurden.
Was mir gleich beim Landen auffiel, war, daß ich außer dem Militär nur sehr wenige europäische und fast nur griechische, albanesische, türkische und andere orientalische Trachten zu Gesicht bekam. Besonders frappierten mich die albanesischen Soldaten, von denen ein ganzes Regiment, meistens Überläufer von der Miliz des furchtbaren Ali Pascha in Janina, in französischem Sold stand, mit ihrem Nationalkostüm, ihren kostbaren Waffen und ihren ungeheuren großen silbernen oder goldenen Schnallen in Tellerform, mit silbernen Ketten belastet, welche bei jedem Tritt klirrten und rasselten.
Die neuangekommenen Truppen wurden sogleich in die Fortezza Vecchia kaserniert; die Offiziere erhielten Quartiere in der Stadt, die aber nur aus einem fast ganz kahlen Zimmer bestanden, in welchem ein paar Blöcke mit einigen Dielen, eine dünne Matratze, zwei Bettücher von Baumwolle, eine Decke von gleichem Stoff, das Bett und zwei Holzstühle mit einem kleinen Tisch das ganze Ameublement bildeten. Dies alles wurde durch das Quartieramt geliefert. Auch die Stabsoffiziere waren nicht viel besser logiert, nur daß sie ein paar Zimmer und Stühle mehr hatten. Die Soldaten schliefen auf den kahlen hölzernen Pritschen und hatten nicht einmal Strohsäcke, noch weniger Decken. Nur im Lazarett erhielten sie eine dünne Matratze. Diese Art zu kasernieren hatte wenigstens das Gute, daß die Leute von dem Ungeziefer, namentlich den Flöhen weniger zu leiden hatten.
Ich war zu dem zweiten régiment étranger versetzt worden, von dem zwei Bataillone in Garnison in Korfu lagen, und bei dem ich viele alte Bekannte traf, denn es war zum Teil aus dem ehemaligen Regiment Y. gebildet, das, wie das Regiment Latour d’Auvergne und andere Regimenter der Art, in mehrere régiments étrangers, die numeriert wurden, verschmolzen worden war. Ich wurde dem zweiten Bataillon zugeteilt, das erste stand noch in Italien, welches der Bataillonschef von Brüge, derselbe, mit dem ich schon in Genua in sehr freundschaftlichen Verhältnissen gestanden hatte und dessen Tochter Josephine jetzt zu einem blühend schönen vierzehnjährigen Mädchen herangereift war, kommandierte. Außer dieser Familie fand ich noch Madame Gasqui, die unter der Zeit Witwe und die Geliebte des Gouverneurs der Jonischen Inseln, des Generals Donzelot, geworden war, und mehrere andere bekannte Offiziere und Damen vor.
Die Jonischen Inseln waren durch den Frieden von Tilsit (1807) an Frankreich gekommen, dem sie aber die Engländer alle bis auf das feste, mit Gewalt fast uneinnehmbare Korfu und das kleine Paxo wieder abgenommen hatten. Reizend sind die Umgebungen von Hyères; einladend liegt das milde Nizza, herrlich das prächtige Genua da, nicht minder anziehend Kataloniens Hauptstadt Barcelona und paradiesisch sind allerdings die Umgebungen von Neapel und die Insel Capri. Aber unvergleichlich und wahrhaft himmlisch ist das Klima der Jonischen Inseln, unter denen sich besonders Zante, „il Paradiso del Levante“, durch seine Lage und die innere Beschaffenheit seines Landes auszeichnet.
Nichts läßt sich mit dem Zauber der jonischen Sommernächte vergleichen, und hier währt der Sommer fast volle neun Monate. Unter Oliven und Lorbeeren liegen die Einwohner, den Blick zu den hier dreimal glänzenden Sternen gewandt, in behaglicher wollüstiger Ruhe die ganze Nacht und bringen sie mit Singen, Erzählen und Betrachtungen hin, die Nähe des allmächtigen, des unbegreiflichen, des schöpferischen Weltgeistes ahnend. In keinem anderen Lande Europas, weder in Italien noch in Spanien, noch im südlichen Frankreich sind die Sommernächte so reizend und erwecken so hohe Empfindungen und Gefühle als auf den Jonischen Inseln, unter dem jonischen Himmel. Nirgends wirkt die Natur so beseligend als in den Tälern von Korfu oder auf den Olivenhügeln von Zante. Ewig unvergeßlich sind mir die paar Jahre, die ich hier zubrachte, und sie gewähren mir die süßesten Rückerinnerungen.
Die Insel Korfu, welche zur Zeit der französischen Okkupation (1807-1814) etwas über sechzigtausend Einwohner, die zehn- bis zwölftausend Mann starke Garnison nicht inbegriffen, zählen mochte, hat einen Umfang von beinahe dreißig deutschen Meilen.
Auf der ganzen Insel ist jetzt nur noch eine Stadt, die Hauptstadt Korfu, die außerordentlich gut befestigt und von zwei durch Gewalt uneinnehmbaren Zitadellen oder Forts beschützt wird. Die Straßen der Stadt sind größtenteils sehr eng, krumm, hügelig und uneben. Nur zwei derselben sind ziemlich breit; da man aber nie einem Fuhrwerk hier begegnet, so hat dies nichts zu sagen. Kein Haus hat mehr als zwei Stockwerke; keines hat einen Hof oder gar einen Garten, fast alle haben aber Vorhallen und Arkaden, unter denen die Kaufleute ihre Buden haben und ihre Waren feilhalten. Die Stadt zählt zwölf- bis fünfzehntausend Einwohner, die übrigen Bewohner der Insel leben teils in hundertdreißig Flecken und Dörfern, teils in einzelnen Häusern und Hütten, die auf der ganzen Insel zerstreut liegen.
Die Venezianer hatten die ganze Insel in sieben Kantone eingeteilt, und diese Einteilung wurde unter der französischen Herrschaft auch beibehalten. Eigentlichen Ackerbau kennt man so wenig wie Gemüsegärten. Der Weinstock wächst längs anderen Baumstämmen wild hinan oder auf den zu diesem Zweck amphitheatralisch angelegten Terassen der Berge. Die Natur tut hier fast alles, der Mensch wenig mehr, als das, was sie ihm bringt, zu sammeln und zusammenzuraffen. Die Oliven werden nicht einmal von den Bäumen gepflückt, sondern man wartet, bis sie abfallen, recht sie dann zusammen und läßt sie durch ein Pferd oder ein Maultier zwischen zwei großen Mahlsteinen zermalmen. Mühlen kennt man so wenig als Keltern. Nur einige alte Windmühlen, die aber längst nicht mehr im Gange waren, entsinne ich mich vor dem Flecken Castrades an dem Ufer der See gesehen zu haben. Der Korfiote schläft in der Regel von der zehnten Stunde des Morgens bis zur fünften oder sechsten des Abends, vom Monat März bis Ende Oktober, und ruht dann des Nachts meistens unter freiem Himmel von den Strapazen, das heißt vom Schlafen des Tages und dem Essen aus. Letzteres ist freilich sehr mäßig, und ich glaube nicht, daß sich ein Österreicher von mittelmäßigem Appetit mit dem begnügen würde, was zehn Griechen verzehren. Vor dem Schlafengehen, das heißt um neun Uhr morgens, ist ein Stückchen Brot, etwas Knoblauch oder Zwiebel oder ein Stückchen weißer Ziegenkäse das Mahl, mit dem er zu Bette oder vielmehr zu Boden geht, denn Bettstellen sind auf dem Land ganz unbekannte Dinge, und der Korfiote schläft mit seiner Familie auf einer groben wollenen Decke auf dem ungedielten Boden seiner Hütte, der aus der kühlen Erde, wie sie die Natur geschaffen hat, besteht. Beim Wiedererwachen wird das Mittagmahl eingenommen, dessen Zubereitung in der Regel keiner Brennmaterialien bedarf. Etwas Kräuter mit Seesalz, Öl und Zitronensaft angemacht, ein Stückchen Brot, ein gesalzenes Fischchen, nicht viel größer wie eine genuesische Sardelle, und ein Schluck Mischwein reichen hin, jedes Glied der Familie zu sättigen. Hierzu kommt noch, daß der Grieche fast ein Dritteil des Jahres Fasten hat, welche er auf das genaueste und strengste beobachtet und während deren er sich nicht nur aller Fleischspeisen, Eier und dergleichen enthalten muß, sondern sich auch keiner Art von Fett bedienen darf, folglich auch des Öles nicht; ja nicht einmal Milch oder Käse darf er genießen. Es bleibt ihm nun nichts übrig, seinen Hunger zu stillen, als Kräuter, Gemüse, die er roh oder abgesotten mit Salz und Zitronensaft verspeist, und Brot oder Zwieback. Dabei sind die Leute kerngesund, kräftig, wissen nicht viel von Krankheiten und ebensowenig von Nahrungssorgen. Anders ist es freilich in der Stadt, deren Einwohner wenigstens zu einem Fünftel aus Italienern, meistens Venezianern, bestehen, die Abkömmlinge venezianischer Familien sind, welche Spekulation oder auch Verbannung nach Korfu führte. Unter ihnen sind manche berühmte und bekannte Namen venezianischer Nobili, wie die Grafen Monzenigo, Dandolo, Contarini und so weiter.