Trotz der immer steigenden Teuerung, die bei den ärmeren Einwohnern bald Mangel verursachte, und der schlimmen Nachrichten vom Festland, mit denen man sich herumtrug, wurde dennoch der Karneval 1813 noch sehr fröhlich nach venetianischer Weise begangen. Die große Esplanade war von drei Uhr nachmittags an mit Masken jeder Art angefüllt, die sich bis in die Nacht hinein mehrten, doch außer dem stummen Auf- und Abgehen und einigen Neckereien wenig Unfug trieben, sondern meistens, besonders die Griechen, die daran teilnahmen, sehr ernst waren. – Oft exerzierte ein oder das andere Regiment zu gleicher Zeit auf diesem Platz und kam durch seine Schwenkungen mitten unter die Maskenhaufen, die es dann jubelnd auseinander jagte. Den Abend war das Theater sehr besucht und nach demselben zweimal in der Woche Cavalchini oder maskierte Festini.
Damals machte die Prima-Ballerina Giuseppina Panzieri allgemein Furore; sie war eine gebotene Mailänderin, noch nicht lange von Venedig gekommen, wo sie der Impressario Delungo selbst geholt, und eine von jenen Schönheiten, die da sagen können: ‚Veni, vidi, vici.‘ Sie hatte, was in Italien selten ist, blonde Haare und blaue Augen, aber keine von jenen schmelzenden, schmachtenden, wie man sie so häufig im Norden antrifft, sondern feurig-blaue, ein niedliches Gesichtchen mit schelmischen Zügen und einen Wuchs, wie man ihn nur von einer Tänzerin verlangen kann; genug, geschaffen, um auch ein felsenhartes Herz noch zu rühren. Unter den mancherlei Köpfen, die durch ihre Kreiswendungen und Trillersprünge verwirrt wurden, war auch der eines fünfzigjährigen, sehr reichen Lieferanten namens Mastracha und der des Kommissär-Imperial Lesseps, mit dem ich gut bekannt, öfters bei ihm zu Tische war und häufig auf die Jagd an die albanesische Küste mit ihm ging; letzterer mochte einige vierzig Winter zählen. Beide Nebenbuhler pochten auf ihre außerordentlichen Verdienste, die bei dem ersten in dem Besitz von vielleicht anderthalb Millionen Piaster bestehen mochten und bei dem anderen darin, daß er die erste Zivilautorität und letzte entscheidende Instanz in allen bürgerlichen Angelegenheiten zu Korfu war und Napoleon gewissermaßen repräsentierte. Daß es dem gewichtigen Mann unter solchen Umständen auch nicht an Geld mangelte, kann man sich denken. Beide boten alles auf, um die Gunst der schönen Tänzerin zu erlangen. Mastracha scheute keine Kosten; er sandte der Angebeteten an ihrem Namenstag einen prächtigen Blumenstrauß à la Murat, dessen Stengel aus einer Rolle von hundert Zechinen fabriziert war und zwischen dessen natürlichen Blumen siebzehn diamantene Sternblümchen hervorblitzten. Demungeachtet trug der Kommissär-Imperial den Sieg davon, sei es nun, daß seine hohe Würde oder sein noch kräftigeres Alter Peppina verführten. Nach wenigen Wochen bezog sie eine Wohnung, die ihr Geliebter dicht neben seinem Palazzo gemietet und auf das prächtigste für sie und ihre Mutter eingerichtet hatte. Um aber die Sache bequemer zu haben, hatte er eine Tür durch die Mauer brechen lassen, welche beide Häuser trennte. Ich hatte das schöne Mädchen früher einigemal bei dem Impressario gesehen, aber damals nicht so sehr auf sie geachtet, als ihre Reize es wohl verdient hätten, und es ging mir erst ein Licht auf, als ich sie zum erstenmal auf der Bühne tanzend bewunderte. Aber jetzt war es zu spät, und sie war bereits in Lesseps’ Händen. Was ich früher mit leichter Mühe erhalten hätte, sollte mir jetzt nur durch die raffinierteste List und Anstrengung zuteil werden.
Bisher hatten die Offiziere die täglich von neun Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags dauernden Theaterproben nach Belieben besucht, ohne daß jemand etwas Arges dabei gefunden hätte. Man frühstückte à la fourchette oder mit Gebackenem und dem hier sehr wohlfeilen Cyperwein, sang und sprang oft mit, und diese Proben waren keine kleine Unterhaltung für uns auf der an sonstigen Zerstreuungen ziemlich armen Insel; ja wir hatten weit mehr Genuß dabei, als an den Vorstellungen selbst. Bald hatte ich mich Peppina bemerkbar gemacht, und ihr Benehmen verriet mir, daß ihr meine Aufmerksamkeit gerade nicht mißfiel. Ihr aber meine heiße Liebe zu gestehen, zu ihren Füßen um die Erhörung meiner Wünsche zu flehen, dazu fehlte es durchaus an Gelegenheit, denn Lesseps ließ sie durch seinen vertrauten Kammerdiener auf jedem Schritt mit Argusaugen bewachen; dennoch war es mir gelungen, Peppina zwei Billettchen unbemerkt bei den Proben zuzustellen, und ich erhielt sogar eine Antwort, die sie in die Latte einer Kulisse, von niemand als mir bemerkt, steckte. Aus derselben ersah ich mit Vergnügen, daß sie recht gerne in die von mir verlangte Zusammenkunft willige, wenn ich nur Mittel ausfindig machen könne, eine solche zu bewerkstelligen. Indessen mußte der Intimus des Kommissärs doch Lunte riechen, oder vielleicht war ihm auch sein Bewachungsamt bei den Proben zu beschwerlich, da er wirklich hundert Augen hätte haben müssen, um alles, was bei diesem Gewirre vorging, zu sehen. Genug, er berichtete eines Morgens seinem Herrn, daß er für nichts mehr stehen könne, denn es seien immer ein paar Dutzend Offiziere und noch andere Herren zugegen, die ein Charivari und ein Durcheinander veranlaßten, daß, wenn er auch fünfzig Augen und Ohren hätte, diese dennoch nicht ausreichen würden, um zu bemerken, was sich dabei zutrage. Diese Worte waren dem ebenso eifersüchtigen als verliebten kaiserlichen Kommissarius ebenso viele Nadel- und Dolchstiche. – „Oh, dem Unfug will ich bald ein Ende machen!“ rief er aus. „Man hole mir sogleich den Impressario.“ – Dieser erschien nach wenigen Minuten mit hochgekrümmtem Rücken, hundert Bücklingen, schneidend und untertänigst fragend, was die Illustrissima Eccellenza zu befehlen habe. – „Ich bin äußerst unzufrieden mit Ihnen, mein Herr Impressario. Was ist das für eine Unordnung, die bei Ihren Proben herrscht? Ich höre den Lärm nicht selten sogar in meinem Kabinett“ (seine Wohnung war in der Nähe des Theaters). „Man sollte glauben, der Teufel selbst habe seine Residenz da aufgeschlagen und das wilde Heer hause im Theater. Wenn dies nicht anders wird, so sehe ich mich gezwungen, Sie von der Direktion zu suspendieren und sie jemand zu übergeben, der es besser versteht, Ordnung und Zucht unter dem leichtfertigen Volk zu erhalten.“ – „Eccellenza halten zu Gnaden,“ stotterte der außer aller Fassung gebrachte und wie Espenlaub zitternde Impressario in angustie. „Nicht meine Leute, Illustrissimo, Gott bewahre, das sind lauter Lämmer, die Herren Offiziere machen diesen Skandal.“
„Was Offiziere,“ donnerte der sich recht ergrimmt und unwissend stellende Kommissarius. „Offiziere! Wie kommen diese in die Proben? Wo in aller Welt hat man so etwas gehört? Wie können Sie solchen Mißbrauch zugeben? Wir sind nicht in Venedig, Mailand oder Neapel, sondern in Korfu, und hier bin ich Herr und befehle Ihnen, von heute an das Theater während der Proben zu schließen und niemand, wer es auch sei, der nicht zum Theater gehört, weder bei den Proben noch während der Vorstellung auf die Bühne zu lassen. Ich werde Ihnen eine Polizeiwache geben, und Sie werden die Tür nur für die Mitwirkenden öffnen lassen.“
Es war bald Zeit zur Probe, die versprochene Polizeiwache stellte sich ein, und alles, was sich der Gewohnheit gemäß einfand und nicht im Sold Apolls oder unter dem direkten Schutz der neun Musen stand, wurde auf das unbarmherzigste abgewiesen. Welche Bestürzung diese Trauernachricht unter dem weiblichen Kunstpersonal hervorbrachte, ist unbeschreibbar. Selbst das männliche Personal äußerte, wenn auch mit mehr Mäßigung, seine Unzufriedenheit. Denn ach! – die herrlichen wohlschmeckenden Frühstücke, an denen jedermann teilnehmen durfte, fielen nun weg. Doch was half alles Lärmen und Lamentieren, die Sache war einmal nicht zu ändern, und – Probe mußte gehalten werden. Auch Peppinen ließ man den allgemeinen Unmut fühlen, obgleich das arme Kind im Innern über die abscheuliche Verordnung so gut wie die anderen entrüstet war. Man wußte wohl, daß, wenn auch unschuldig, niemand als sie die Ursache dieser verdrießlichen Neuerung war. Die Proben waren heute zwei Stunden früher als gewöhnlich beendigt, und als die verstimmten Leutchen den ihnen jetzt sehr öde und freudenlos scheinenden Tempel der Kunst verlassen wollten, fanden sie in dessen Vorhallen an hundert harrende Abgewiesene. Auch ich befand mich unter diesen Unglücklichen und war keiner von den minder Traurigen. Als sich endlich die Türen erschlossen und unsere Lieben herausströmten, mischte sich sogleich alles untereinander. Das war ein Durcheinanderschreien, Rufen, Fragen, bis man sich verständigt und alles Wissenswerte mitgeteilt hatte, als handle es sich um der Welt Untergang. Nur Peppina, die Arme, durfte keinen Teil an den allgemeinen Ergießungen nehmen und ging, von ihren Trabanten begleitet, stumm wie ein Fisch durch die rebellischen Reihen; im Vorübergehen warf sie mir einen verstohlenen Blick zu und seufzte kaum vernehmbar. Als aber endlich die Ideen gegenseitig ausgetauscht und alle gehörig unterrichtet waren, da hallten Drohungen und Verwünschungen der aufgebrachten Abgewiesenen gräßlich in den Hallen wider. Die Abgewiesenen gaben den Priesterinnen der Kunst Hand und Wort darauf, daß noch denselben Abend eine Vorstellung im Theater stattfinden solle, dergleichen in Korfu noch nie gesehen worden, wobei das Bühnenpersonal Zuschauer, die Zuschauer selbst aber Schauspieler sein würden.
Um halb acht Uhr war das Parterre diesen Abend gegen die Gewohnheit schon zum Erdrücken voll, auch die Logen füllten sich früher, als es sonst der Fall war. Die Ouvertüre begann, alles war mäuschenstill. Die Oper ‚Ginevra di Scozia‘ und das Ballett ‚Astrea‘ waren an der Tagesordnung. Als aber die Introduktion begann, ertönte von allen Seiten ein so fürchterliches und durchdringendes Pfeifen, Zischen und Stampfen, mit dem Rufe: „A bas, à bas, à bas!“ begleitet, daß einem Hören und Sehen verging; die Damen hielten sich die Ohren zu, viele waren einer Ohnmacht nahe, und einige verfielen wirklich in diesen Zustand, andere lachten, und von Musik und Gesang hörte man keinen Laut. Der Lärm ging immer crescendo, bis endlich der Vorhang fiel und mit seinem Fallen die vorige Stille wieder eintrat. Nach einer Viertelstunde rollte die leinene Scheidewand abermals in die Höhe, man versuchte wieder anzufangen, aber derselbe Tumult stellte sich wieder ein, und zwar mit verdoppelter Kraft, und hörte nicht auf, bis die Gardine zum zweitenmal fiel. – Aller guten Dinge sind aber drei. Man zog sie also zum drittenmal auf, und diesmal trat der Impressario vor und wollte das Publikum anreden, konnte aber ebensowenig zu Worte, als das Personal zum Gesang kommen. Zum drittenmal senkte sich der Vorhang, um zum viertenmal aufgezogen zu werden, und nun zeigte sich ein wohlkonditionierter Polizeibeamter, der mit einem hellgellenden Hohngelächter empfangen und so lange ausgelacht wurde, bis er sich, etwas konfus gemacht, wieder zurückgezogen hatte. Jetzt ließ man die Gardine zum letztenmal für heute abend herab. Das Publikum unterhielt sich noch eine Zeitlang sehr laut und lebendig, denn der größte Teil war noch nicht von der Ursache des extraordinären Tumults unterrichtet, bis nach einer Stunde sich fast alle Zuschauer verlaufen hatten und das leere Haus geschlossen wurde. Lesseps war wütend und schwur hoch und teuer, der Sache morgen ein Ende zu machen. Er hatte so gut wie die anderen Zuschauer bemerkt, daß es fast nur Militär war, welches den höllischen Lärm gemacht, und namentlich Marineoffiziere und Maitres Cannotiers, die ihre langen, gellenden silbernen Schiffsdienstpfeifen mitgebracht hatten, womit sie die Matrosen bei den Manövern avertieren. Noch denselben Abend begab sich Lesseps zum Gouverneur Donzelot, diesen aufzufordern, dem abscheulichen Unfug zu steuern und durch eine Ordre du jour dem Militär das Pfeifen, Zischen und Lärmen im Theater zu untersagen, wozu dieser sich aber nicht verstehen wollte, sondern meinte, ein solcher Tagesbefehl würde lächerlich sein, da er ja keine Dienstsachen betreffe, indessen wolle er die gehörigen Maßregeln ergreifen, fernere Unruhen im Theater möglichst zu verhüten, und zur nächsten Vorstellung vier Stabsoffiziere kommandieren, die, mit dem Ringkragen dekoriert, die Aufsicht und Inspektion im Parterre haben sollten. Damit mußte sich der Herr Kommissar begnügen und empfahl sich, nachdem er noch vom Gouverneur erlangt hatte, daß die Chefs de Corps ihren Untergebenen wenigstens mündlich Ordnung und Ruhe im Theater anbefehlen sollten. Von da begab sich der Mann zum Konteradmiral, um auch diesen für seine Sache zu gewinnen und den Seemännern, Seelöwen, Seebären und Seehunden und sonstigen Seeungeheuern, wie er sie in seinem Zorne nannte, die Rachen zu stopfen. Zuletzt ließ er noch den Polizeidirektor und Delungo zu sich rufen, um auch von der Zivilseite jedem Unfug zu begegnen. So hoffte der gute Mann aller ferneren Störung vorgebeugt zu haben und legte sich, von den vielen Strapazen ermüdet, etwas beruhigter zu Bette. Der zum Teil gefürchtete, zum Teil erwünschte Abend kam heran, jeder der beorderten Stabsoffiziere übernahm eines der vier Karrees, in das das Parterre abgeteilt worden, zur besonderen Aufsicht, außerdem hatte man jedem Viertel noch Polizeibeamte zugeteilt, um die bürgerlichen Lärmmacher im Zaum zu halten. Aber alles war umsonst, sobald der Vorhang in die Höhe rauschte, fing der infernalische Lärm des vorigen Abends wieder an und ward noch dreimal ärger, aber seltsamerweise sah man niemand weder mit dem Mund noch mit Instrumenten pfeifen, und doch waren die Pfiffe weit schneidender und gellender. – Was vermag der menschliche Erfindungsgeist nicht? – Ein Maitre Cannotier hatte in der Eile ein paar hundert Pfeifen mit kleinen Blasbälgen verfertigen lassen, die unter das Militär verteilt wurden und die ein Teil der Verschwörer unter dem Arm, ein anderer unter den Füßen angebracht hatte. Mit kaum bemerkbarer Bewegung brachten sie so die gellendsten Töne hervor; das Lächerlichste bei der Sache war, daß der Lärm immer im Rücken der kommandierten Aufpasser geschah, denn sobald einer den Kopf nach dem Ort, wo man gepfiffen, richtete, erschollen gleich wieder ein paar Dutzend Pfeifen von hinten her, so daß sich die Herren unaufhörlich wie Wetterhähne nach dem Wind drehten, ohne etwas entdecken zu können, woran ihnen wohl auch wenig gelegen sein mochte, denn sie lachten selbst mit. Es war, als trieb eine Legion Dämone ihr neckisches Spiel. Die Sache nahm dasselbe Ende wie bei der letzten Vorstellung und wurde die folgenden zwei bis drei Tage mit gleichem Kraftaufwand wiederholt. Man hatte sich geschmeichelt, die Lärmmacher würden das Ding endlich von selbst satt werden, aber vergeblich, sie trieben den Rumor so lange fort, bis eines Morgens plötzlich auf den nach italienischer Sitte quer über die Straßen an Stricken hängenden Theaterschildern mit deutlicher Schrift in französischer, italienischer und sogar neugriechischer Sprache mit großen Lettern zu lesen war: ‚Von heute an ist der Besuch bei den Proben wieder erlaubt.‘ – Diese durch die Gewalt der Pfeifen ertrotzte Erlaubnis wurde auch sogleich bestmöglichst benutzt. Zu Hunderten strömte man noch denselben Morgen auf die Bühne, wo durch ein köstliches Bankett, das sich bis beinahe gegen Abend verlängerte, der errungene Triumph jubelnd gefeiert wurde. Die Vorstellung selbst wurde jetzt nur noch von Zeit zu Zeit durch stürmischen Applaus unterbrochen, und so kam alles wieder ins vorige Geleise. Aber der eifersüchtige und nun auch gedemütigte, racheschnaubende Kommissär-Imperial hatte seine mittelbare Aufsicht unter diesen bedenklichen Umständen nicht nur verdoppelt, sondern vervierfacht. Er gesellte nämlich seinem Kammertier noch drei andere dienstbare Geister zu, die unter dessen Befehlen standen, hinter und zwischen den Kulissen um die gefeierte Prima-Ballerina herumschlichen und auf alle ihre Blicke, Mienen und Bewegungen spähten. Dennoch wußte ich durch eine von mir bestochene Figurantin mich mit ihr in Rapport zu setzen; längst waren wir einverstanden und hofften mit Sehnsucht endlich auf einen günstigen Augenblick, uns ohne Zeugen sprechen zu können. Der Zufall zeigte mir endlich den Weg, auf dem meine heißen Wünsche – denn je größer die Schwierigkeiten, desto größer die Lüsternheit und die Begierde, sie durchzusetzen – in Erfüllung gehen sollten. Eines Morgens sagte mir Delungo im Vorübergehen, er sei wegen eines Sujets für ein Ballett verlegen, das er zum Beschluß des Karnevals in Szene setzen wolle. Diese Worte des Impressarios fuhren mir wie ein Wetterstrahl durch den Kopf, entzündeten mein Gehirn, daß es augenblicklich Licht in demselben ward, und ich erwiderte: „Wenn Ihnen weiter nichts mangelt, dann seien Sie unbesorgt, ich habe ein vortreffliches Sujet, das Sie in wenigen Tagen ausgearbeitet erhalten sollen. Sie wissen, daß ich schon mehrere Ballette mit Erfolg auf die Bühne gebracht, und es wird dies auch in Korfu der Fall sein.“ – Delungo nahm das Anerbieten mit Dank an, und Peppina ließ ich noch denselben Tag durch die dienstfertige Chortänzerin wissen, daß ich das Mittel zu einer Zusammenkunft gefunden zu haben glaube. Zu Hause angekommen, überlegte ich, welches Sujet wohl am besten zu meiner Absicht passe. Die Donaunymphe war für das Theater in Korfu zu kostspielig, ebenso das Sternenmädchen, ich dachte an das Opferfest, die Zauberflöte, den Abällino, die Kreuzfahrer und andere Stücke aus der romantischen Theaterwelt, keines wollte mir genügen. Ein eigenes Sujet zu erfinden war teils die Zeit zu kurz, teils hatte ich auch meine Gedanken nicht genug beisammen. Endlich verfiel ich auf Hagemanns Schauspiel ‚Ludwig der Springer‘ und erkannte es, wenngleich sich dasselbe nicht sonderlich zu einem Ballett zu eignen schien, dennoch für das beste, mein Vorhaben auszuführen. Um es dem Geschmack des Publikums anzupassen, ließ ich es an glänzenden und effektvollen Festen, Gruppierungen und Aufzügen nicht fehlen. Ich ließ die Handlung mit einem prächtigen Turnier und Ballfest beginnen, wobei Adelheide von Stade dem Grafen von Thüringen ein heimliches Rendezvous in einer abgelegenen Laube des Burggartens gibt. Die Sache wird dem Pfalzgrafen Friedrich verraten, er überrascht beide in der Laube, läßt sie, wie in Hagemanns Schauspiel, durch seine Leute gefangen nehmen, mit Ketten belasten, Ludwig nach Giebichenstein ins Gefängnis und Adelheide in sein Burgverließ bringen. Ersterer entspringt wie bekannt aus dem Felsennest in die Saale, und über die Pfalzgräfin wird ein Gottesgericht gehalten, wobei sie ihre Unschuld durch das Festhalten eines glühenden Eisens beweisen soll und – beweist! – Diese Szene war es, durch die ich endlich glücklich zu werden hoffte. Adelheid mußte als arme Sünderin auf einer unterirdischen Treppe und durch eine Falltür in das Zimmer gelangen, in dem das schreckliche Gericht gehalten wurde. Ich hatte die Handlung so eingerichtet, daß die Pfalzgräfin Zeit hatte, sich ein halbes Stündchen, ehe sie vor ihren Richtern erschien, in ihr unterirdisches Gemach oder vielmehr in die finsteren Gänge unter der Bühne zu begeben, währenddem der Herr Landgraf sein Testament diktierte, seinen Luftsprung machte, durch die Saale ans Ufer schwamm und nach gehöriger Verwandlung das Gericht zusammen kam, wo dann endlich auf des Pfalzgrafen Befehl der Kerkermeister die Falltür aufschloß und die reizende Verbrecherin, mit silbernen Ketten geschlossen, heraufschleppte. Nachdem das Unschuldig einstimmig von den Richtern ausgesprochen, steigt Adelheide auf Befehl ihres Gatten wieder in den Kerker, die Nachricht von Ludwigs Befreiung trifft durch einen Herold ein, der zugleich auch die Herausforderung an den Pfalzgrafen ergehen läßt, ein Zweikampf findet statt, Ludwig tötet seinen Gegner, befreit seine Geliebte, und Evolutionen der Knappen, Gruppierungen und Tänze beschlossen das Ganze. Mein Plan erhielt zwar Peppinens Beifall, doch schien ihr unsere Zusammenkunft, die während des Laufs der Handlung in dem unterirdischen Labyrinth der Bühne vor der Szene des Gottesgerichts stattfinden sollte, etwas gewagt, ich beruhigte sie aber deshalb, indem ich sie wissen ließ, daß ich die Theatergewölbe gehörig untersuchen und mich eine gute halbe Stunde früher durch eine geheime Tür an den bewußten Ort begeben würde, zu der ich mir den Schlüssel verschafft. Sie dürfe jedoch nur ganz allein herunterkommen und dann die Tür hinter sich sogleich verriegeln; um allen Verdacht zu beseitigen, würde ich mich während der Vorstellung nur selten auf der Bühne, desto mehr aber im Parterre sehen lassen, so daß niemand meine Abwesenheit bemerken werde. Das Manuskript war in drei Tagen fertig, die Proben sollten beginnen, als eines Morgens Delungo ganz bestürzt mit den Worten: „Da haben wir die Bescherung, die Zensur läßt ihr Ballett nicht passieren,“ in das Zimmer trat. Auch ich fragte ganz erschrocken: „Warum?“ – „Es sei gegen die gute Sitte, daß eine Ehegattin und ihr Geliebter über den Gatten so den Sieg davontrügen.“ – „Ist es weiter nichts,“ versetzte ich, „dem können wir schon abhelfen.“ Ich setzte mich nieder, strich das hinter Adelaide stehende Wort Sposa aus, ersetzte es durch Nipote und machte sie so wieder zur Markgräfin von Stade, den Pfalzgrafen aber zu ihrem Oheim, Vormund und Tyrannen. Nun erhielt das Ballett die Approbation der Zensurbehörde, und die Proben begannen.
Alles ging in gehöriger Ruhe und Ordnung vor sich, jede Probe wurde mit einem fröhlichen Bankett geschlossen, der heißersehnte Tag, an dem wir glücklich werden sollten, denn während der Proben durfte Peppina nicht durch die unterirdischen Gemächer, sondern nur aus den Kulissen kommen, rückte heran. Nur in der Generalprobe, die den Abend zuvor mit allen Dekorationen, Kostümen und so weiter stattfand, kam sie von unten herauf; da ich mich aber auf der Bühne befand und fast niemand im Parterre war, so durfte ich es dennoch nicht wagen, mich schon diesen Abend an den bestimmten Ort zu begeben, da meine Abwesenheit sogleich bemerkt worden und dann alles verscherzt gewesen wäre. Es waren ja auch nur noch vierundzwanzig Stunden bis zur Aufführung, und diese mußte man sich noch gedulden, so groß auch die Ungeduld sein mochte.
Endlich kam der ersehnte Abend. Schon um sieben Uhr war das Haus zum Ersticken voll, und mehrere hundert Personen mußten abgewiesen werden. Der erste Akt einer neuen Opera seria, ‚Arminio‘, eröffnete die Vorstellung. Nach neun Uhr begann das Ballett, um halb zehn schlich ich mich an den bestimmten Ort, und um zehn Uhr lag die schöne Markgräfin in meinen Armen! Alles war nach Wunsch gegangen, die Spione Lesseps’ befanden sich fast alle unter den Zuschauern, und keinem fiel es ein, daß während der Vorstellung des Balletts wohl eine Zusammenkunft stattfinden könne. Noch versicherten wir uns ewige Liebe, hatten Theater, Ballett und die Welt vergessen, als drei starke Hammerschläge ertönten, das Zeichen zur Eröffnung des Gottesgerichts, und wir so aus unserem Taumel erwachten. Bald darauf wurde die Falltür geöffnet, ich geleitete die Geliebte bis an die Stufen der Treppe, entfernte mich schnell durch die geheime Tür und sah durch eine Gitterloge die eben meinen Armen entschlüpfte Adelheid recht heldenmütig die Feuerprobe der Unschuld bestehen und wie sie, nachdem man das wirklich glühende Eisen gelöscht, das hölzerne rot angestrichene mit beiden Händen ergriff und unversehrt festhielt. Ich freute mich innig über das vollkommene Gelingen meines Planes. Kein anderes Stück hätte mir gleiche Dienste geleistet; bei einer gewöhnlichen Versenkung wären Leute nötig gewesen, so aber hatte nur der Kerkermeister die Falltür auf der Bühne zu öffnen, und unten befand sich niemand außer uns beiden.
Das Ballett war beendigt und hatte außerordentlichen Beifall gefunden. Nachdem der Vorhang gefallen, wurde der Autor mit großem Hallo verlangt, der sich aber in der Gitterloge verbarg, bis endlich einige Kameraden zu mir kamen und mich aufforderten, dem Publikum zu willfahren, um dem immer ärger werdenden Spektakel ein Ende zu machen. Ich mußte endlich nachgeben und wurde mit einem Donner von Applaus empfangen, Kränze flogen mir um den Kopf. Doppelt glücklich zog ich mich nach einer dreifachen Verbeugung zurück und hatte nun das Vergnügen, daß auch meine reizende Geliebte gerufen und mit einem Hagel von Blumen, Bändern, Sträußen, Gedichten und so weiter empfangen wurde. Nach beendigter Vorstellung schlich ich mich solo nach Haus, aber kein Schlaf kam diese Nacht in meine Augen. – Das Ballett wurde den nächsten Abend und noch einige dreißig darauf mit gleichem Glück gegeben, nur nahm Peppina zur größeren Fürsorge eine Figurantin, unsere Vertraute, mit in die unterirdischen Gänge hinab, um jeden Verdacht zu vermeiden. Zwei unangenehme Episoden, die aber außer einem kleinen Schrecken wenig zu bedeuten hatten, störten auf Augenblicke unser Glück. Einmal warf der Fronknecht das mit glühenden Kohlen gefüllte Becken um, welches dazu diente, das Eisen glühend zu machen, und einige feurige Kohlen fielen durch die Kulissenrinnen in die Unterwelt hinab und beinahe auf unsere Häupter, was Peppina für eine sehr schlimme Vorbedeutung hielt, die leider auch, wie wir bald sehen werden, auf eine schreckliche Weise in Erfüllung ging. Ein andermal war die hölzerne Treppe, auf welcher Adelheide in die Oberwelt steigen sollte, so knapp an das Podium angelehnt, daß, als sich kaum Peppinens Köpfchen den Zuschauern zeigte, die Treppe abglitt und samt ihrer holden Bürde hinabstürzte. Doch – ‚der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht.‘ So ging es leider auch hier. Ein Kapitän vom zweiten italienischen Linienregiment namens Vilgano war wie noch mancher andere in diese anmutige Priesterin Terpsichorens sterblich verliebt, ohne sich jedoch der mindesten Begünstigung, ja nur eines Blickes erfreuen zu können. Dieser hatte schon seit einiger Zeit bemerkt, daß ich vor der Feuerprobe jedesmal unsichtbar wurde, war mir endlich nachgeschlichen und hatte entdeckt, daß ich durch eine kleine, unter die Bühne führende Tür verschwand. Aber auch ich hatte wahrgenommen, daß man mir gefolgt war, und Vilgano erkannt, doch achtete ich nicht darauf und hielt die Sache für einen bloßen Zufall; den folgenden Abend aber, als ich unter die Bühne kam, schien es mir, als hörte ich zuweilen in einiger Entfernung leise atmen, doch glaubte ich mich zu täuschen. Bald darauf kam Peppina mit ihrer Begleiterin, und ich empfing sie wie gewöhnlich mit einem Kuß, aber kaum war dies geschehen, als auf einmal ein heller Lichtstrahl durch die uns umgebende Finsternis – nur ein mattes Lämpchen brannte jeden Abend in einer Ecke des Ganges – drang und uns beleuchtete. Ich sah mich nach der Ursache dieser unerwarteten Erscheinung um und erblickte zwei Männer, von denen der eine eine Blendlaterne in der Hand hielt. Mit bloßem Degen stürzte ich auf ihn zu und schlug ihm die Laterne aus der Hand, worauf alles wieder in das vorige Dunkel gehüllt war; die beiden Männer erhoben aber ein großes Geschrei, Peppina verlor den Kopf, und mit dem Ausruf: „Assassini, birbanti!“ eilte sie mit dem anderen Mädchen der Türe zu, die sie aufriegelte, und dann die Korridors entlang, wo die Ankleidezimmer waren. Als ich in die Loge trat, verwandelte sich die Szene in das Gerichtszimmer, und nachdem die Ritter, Richter und Fronen mit ihren Vorbereitungen fertig waren, öffnete der Kerkermeister die Falltür, um Adelheide zu zitieren, die aber – nicht erschien. Das Publikum begann unruhig zu werden, bis, nachdem man die Verschwundene allenthalben gesucht, Delungo vortrat und das lärmende Auditorium durch die Notlüge beruhigte, der Prima-Ballerina sei eine plötzliche Unpäßlichkeit zugestoßen. Hierauf fiel der Vorhang, und der zweite Akt der Oper begann. Jetzt eilte ich auf die Bühne, wo mir Delungo mit ganz verstörter Miene entgegenkam und zurief: „Um Gotteswillen, was haben Sie gemacht? Es ist alles entdeckt, alles verraten; man hat Sie mit Peppinen gesehen, soeben war der Kommissär-Imperial hier und wütete schrecklich; alle meine Beteuerungen und Versicherungen, daß ich unschuldig sei und von nichts wisse, fanden kein Gehör, er drohte mir mit augenblicklichem Fortjagen und verließ das Theater im heftigsten Zorn.“ Ich suchte den Unglücklichen bestens zu trösten und eilte nach der Wohnung Peppinas, fand sie aber verschlossen und sah nirgends Licht, dagegen hörte ich Lärm und erblickte viele wandelnde Lichter im Palazzo des Kommissärs, der bald darauf in Begleitung mehrerer Bedienten aus dem Haus trat und zu einem zurückbleibenden sagte: „Sucht noch einmal alles durch, ich muß sie finden, und wenn sie sich in den Mittelpunkt der Erde versteckt hätte!“ – Also ist ihr Aufenthalt noch nicht entdeckt, dachte ich, etwas beruhigter, denn ich hatte gefürchtet, daß ihr eifersüchtiger Kommissär sie in der ersten Hitze mindestens arg mißhandeln würde. Aber alles Suchen war vergeblich, obgleich ich die ganze Nacht umherirrte, Kundschafter aussandte und nachforschte, ich konnte keine Spur von ihr entdecken. Nur in meinem Quartier wurde mir berichtet, daß nach elf Uhr zwei Damen ängstlich nach mir gefragt, und als sie gehört, daß ich nicht zu Hause sei, sich gleich wieder entfernt hätten. Als es Tag wurde, eilte ich, ohne nur eine Sekunde geruht zu haben, zu Delungo, den aber Lesseps schon wieder hatte kommen lassen, wartete jedoch seine Zurückkunft ab. Nach einer Viertelstunde trat Peppinas Mutter herein und rief aus, als sie mich erblickte: „Ah, Dio sia benedetto, che finalmente vi trovo!“ – „Und wo ist Ihre Tochter?“ – „In der Locanda di Venezia habe ich sie versteckt,“ antwortete sie mir. – Die Mutter wußte um unser Geheimnis. – „Ach, wie unglücklich haben Sie uns gemacht!“ fuhr sie fort. „Nun ist alles aus, wir sind unglückliche Leute, wie wird es uns noch ergehen!“ – „Dafür lassen Sie mich sorgen, Signora, ich werde alles wieder gut machen. Sagen Sie mir nur, wo Peppina gestern abend so schnell hinkam.“ – „Meine Tochter kam bewußtlos zu mir in ihr Ankleidekämmerchen, riß mich mit sich fort, und nachdem wir eine Zeitlang zwecklos in den Straßen umhergeirrt, suchten wir Sie in Ihrer Wohnung, aber Sie daselbst nicht findend, führte mich mein trostloses armes Kind in die Locanda di Venezia, denn nach Hause zu gehen, wo wir der ganzen Wut Lesseps’ ausgesetzt waren, hielten wir nicht für ratsam.“ – Jetzt trat Delungo in das Zimmer, dessen Gesicht beim Anblick von Peppinens Mutter plötzlich erfreut strahlte. Seine erste Frage war: „Wo ist Ihre Tochter?“ Und als er von allem unterrichtet war, rief auch er ein: „Oh dio sia benedetto!“ aus und erzählte uns, daß sich alles viel besser gestalte, als er je zu hoffen gewagt. Lesseps sei zwar über das Durchgehen seiner Geliebten noch sehr aufgebracht, aber zugleich untröstlich und habe schon geäußert, er wolle gerne verzeihen, wenn er nur wisse, was aus ihr geworden sei. Bald waren wir einig über das, was geschehen müsse. Die Mutter sollte ihre Tochter noch an diesem Morgen in ihre Wohnung zurückbringen, nachdem der Wirt der Locanda dem Kommissär-Imperial angezeigt hätte, daß sich beide seit gestern abend bei ihm befänden. Peppina sollte ihrem Argus erzählen, daß zwei Männer sie unter der Bühne überfallen hätten, glücklicherweise sei ich durch den Lärm herbeigelockt, dazu gekommen und habe sie mit dem Degen in der Hand befreit, sie aber sei, aus Furcht, ermordet zu werden, mit ihrer Mutter davongelaufen, und da sie sich nicht nach Hause getraut, indem sie geglaubt, man passe ihr dort auf, so habe sie sich in das Gasthaus geflüchtet, woselbst sie die Nacht zugebracht. Dies war ein ben trovato, das manches Wahrscheinliche für sich hatte, und Lesseps begnügte sich damit. Er war überglücklich, seine teure Geliebte wiedergefunden zu haben, der Friede wurde geschlossen, und alles kam wieder in den gewohnten Gang.
Bald nach den erwähnten Vorfällen war Peppinas Serata, zu der man ein neues kleines Ballett einstudiert, das am Schluß desselben und dann nicht wieder gegeben wurde. Der Erfolg war so glänzend als möglich, die Einnahme weit über tausend Zechinen, das silberne Becken war voll Goldstücke und andere Geschenke von kostbaren Bijouterien. Bei ihrem Erscheinen auf der Bühne wurde sie mit Blumen und Gedichten überschüttet. Auch ich hatte ein kleines italienisches Gedicht auf sie verfertigt und mehrere hundert Abdrücke davon auf Atlas machen lassen, die ich, mit Velinpapier kuvertiert, durch die Ventilatoren in das Parterre und die Logen werfen ließ.