Von Rom erhielt ich unterdessen häufig Briefe von Miollis, dessen Geduld zu ermüden begann, da seine Sache nicht vorangehen wollte und ich bis jetzt noch wenig in derselben hatte tun können, indem die Festivitäten und andere wichtige Dinge alle hochgestellten Personen, bei denen ich operieren sollte, zu sehr in Anspruch nahmen. Ich schrieb ihm, daß die Verzögerung nicht meine Schuld sei, ich würde, sobald der rechte Zeitpunkt gekommen, alle Tätigkeit anwenden und keine Bemühungen scheuen. Erst gegen die Mitte des Monats Mai gelang es mir, in dem Hotel der Prinzessin Pauline Borghese Eingang zu erhalten und dieser schönen Schwester Napoleons vorgestellt und empfohlen zu werden. Sie war gerade im Begriff, ihren Aufenthalt zu Paris mit dem im nahen Neuilly zu vertauschen, wohin sie mich beschied und verbindlichst einlud, sie dort zu besuchen. Dies meldete ich Miollis nach Rom, hinzusetzend, daß ich hierauf große Hoffnungen für seine Angelegenheit baue. In Neuilly ließ ich nicht lange auf mich warten, sondern fand mich bald in diesem anmutigen, eine kleine Stunde von Paris entfernten Ort ein. Hier besaß Prinzessin Pauline ein sehr schönes Landhaus mit äußerst geschmackvoll angelegten Gärten. Ich ließ mich gegen Mittag anmelden, wurde sogleich vorgelassen und fand die schöne Frau in einem eleganten Morgenanzug in der reizendsten Attitüde; nur eine einzige ihrer Damen, Madame Farigliano, war in ihrer Gesellschaft. Nachdem sie mich mit großer Naivität über manche Dinge, mich selbst betreffend, befragt hatte, brachte ich ihr Miollis Anliegen etwas verblümt bei, sowie daß er ganz besonders auf ihren mächtigen Schutz zähle und sich demselben gehorsamst empfehle. Die Fürstin platzte jedoch gleich ohne Schminke heraus und sprach: „Aber mein Gott, Miollis muß doch wissen, wie wenig Einfluß ich in diesen Dingen auf meinen eigensinnigen Bruder, den Kaiser, habe.“ Dabei fixierte sie mich stark und fuhr nach einer Pause fort: „Doch ich will überlegen, wie sich die Sache etwa machen ließe und durch welchen Kanal wir operieren können.“ – Ich wollte mich nun wieder empfehlen, aber sie geruhte noch verschiedene Fragen an mich zu tun, meistens Rom und Italien betreffend, und endigte mit der, ob ich ihre Gärten schon gesehen hätte; da ich dies mit Nein beantwortete, forderte sie mich dazu auf, und ich machte dankbar von dieser Erlaubnis Gebrauch. Als ich im Begriff war, den Garten zu verlassen, begegnete ich der Prinzessin mit ihrer vorigen Gesellschafterin in einer Allee desselben, wo sie mich nochmals anredete und mir befahl, sie einige Gänge zu begleiten; sie fragte mich nun nach meinem Vaterland, nach meinem Alter und so weiter, und nachdem ich genügende Antwort gegeben, sagte sie: „Mais vous êtes encore bien jeune.“ Hierauf wandte sie sich zu ihrer Begleiterin und flüsterte dieser zu: „Mais pour un Allemand il a très bonne tournure, qu’en ditez-vous?“ – „Altesse c’est ce que je trouve aussi,“ erwiderte diese. Hierauf fuhr sie, sich wieder an mich wendend, fort und sagte: „Wenn Ihnen mein Garten gefällt, so steht es Ihnen frei, denselben so oft zu besuchen, als es ihnen Vergnügen macht. Wie lange werden Sie in Paris bleiben?“ – „Hoheit, vermutlich so lange, bis ich irgendein Resultat zugunsten des Generals Miollis erlangt habe.“ – „Mein Gott, ich wollte Ihnen sehr gerne behilflich sein, aber seitdem der Kaiser diese Österreicherin geheiratet hat, ist gar nichts mehr mit ihm anzufangen.“ Sie setzte sich nun wieder in Bewegung und gebot mir, ihr zu folgen. Durch ihre naive Leutseligkeit ermuntert, ließ ich es sie nun auch merken, daß mein höchster Wunsch wäre, zu der Garde versetzt zu werden. – „Ah la Garde,“ sagte sie lachend, „diese eblouiert euch Herren alle. Nun, ich werde sehen, was sich später tun läßt, wenn mein Bruder von der Reise zurück und der Taumel der Honigmonate vorüber sein wird. Haben Sie meinen Bruder schon einmal gesprochen?“ – „Vor ungefähr einem Jahr zu Schönbrunn, als ich ihm die Depeschen von Rom überbrachte.“ – „Nun, und was sagte er zu Ihnen?“ – „Er entließ mich mit einem: ‚nous verrons‘.“ Die Prinzessin lachte und wiederholte: „Nous verrons; doch sagen Sie mir, wie gefällt Ihnen die neue Kaiserin?“ – „Hoheit, ich erlaube mir kein Urteil über eine so erhabene Person.“ – „Oh, bei mir brauchen Sie sich nicht genieren, sagen Sie ohne Fasson, was Sie von ihr halten.“ – „Ich sah Ihre Majestät nur erst einigemal im Vorübergehen am Vermählungstag.“ – „Aber was spricht man von ihr zu Paris, was sagen die Leute von ihr? Nicht wahr, sie hat gar nicht gefallen?“ – Ich brachte nur ein ‚mais‘, von einer zweideutigen Bewegung begleitet, hervor. – „Ja, wen könnte auch dieses frostige, ausdruckslose Marmorgesicht ansprechen? Niemand kann meinen Bruder begreifen; auch nicht ein Mensch, der diese Österreicherin liebenswürdig fände.“ – Pauline sprach wahr, die Persönlichkeit Marie Louisens vermochte das vorgefaßte Vorurteil gegen sie nicht zu verwischen. Weder ihr Äußeres noch ihr Benehmen war im mindesten geeignet, ihr die Herzen zu gewinnen. Sie war damals ungefähr neunzehn Jahre alt, schien aber einige zwanzig zu haben, hatte blondes Haar und mattblaue Augen, die ihr ein fades Aussehen verliehen, ihr Gesicht hatte zwar jugendliche Frische, aber war ohne allen Ausdruck. In ihrem Benehmen bewies sie gegen jedermann eine hochmütige Zurückhaltung, was vielleicht mehr von einer Art Schüchternheit und Furcht als übelangebrachtem Stolz herrühren mochte, vielleicht hielt sie dies auch für ein unentbehrliches Requisit der Majestät; im übrigen hatte sie keinen anderen Willen als den Napoleons. Bei jedem Vergleich mit Josephine mußte sie unendlich verlieren, statt der Anmut, Lieblichkeit und Milde, wodurch jene bezauberte, entzauberte diese durch ihre frostige, zurückstoßende Kälte, war höchst einsilbig, geschmacklos selbst in ihrer Toilette und würde sich ohne den besseren Geschmack ihrer Kammerfrauen oft wunderlich gekleidet haben. Ihre deutschen Umgebungen hatte sie sämtlich, als sie den französischen Boden betrat, entlassen müssen und schien gegen ihre französischen einen unüberwindlichen Widerwillen zu hegen, indem sie nie einen freundlichen Blick, ein ermunterndes Lächeln, ein wohlwollendes Wort an diese richtete. Ebenso war sie gegen die Hof- und Palastdamen, die sie bald unausstehlich fanden, sowie Napoleons Schwestern und Anverwandte, welche glaubten, die junge Kaiserin verachte sie wegen ihrer niederen Herkunft, als Parvenües; sie machten sich deshalb hinter ihrem Rücken über sie lustig, verschrien sie als unbeholfen, ja stupid, und das Benehmen und die nichtssagende Physiognomie Marie Louisens unterstützte diese Aussagen nur zu sehr. So sprach denn auch Pauline ohne allen Rückhalt mit mir von ihrer kaiserlichen Schwägerin und verbarg nicht im mindesten ihre Abneigung gegen dieselbe, obgleich sie mich zum erstenmal sah und sprach. – „Doch von was anderem,“ fiel sie endlich plötzlich ein, „werden Sie heute in Neuilly zubringen?“ – „Nein, Hoheit, ich gehe nach Paris zurück, denn ich wüßte nicht, wie ich meine Zeit herumbringen sollte.“ – „Gut, kommen Sie morgen um diese Stunde wieder, vielleicht kann ich Sie durch Madame Farigliano,“ sie warf einen Blick auf diese, „schon etwas Näheres wissen lassen. Finden Sie sich wieder an dieser Stelle ein, hören Sie?“ – Wir standen gerade vor einem ziemlich hohen gewölbten Felsen, ich versprach, dem Befehl genau Folge zu leisten, und empfahl mich mit drei ehrerbietigen Verbeugungen. Ich wußte, in welchem Ruf Pauline stand, und war nicht Neuling genug, um nicht bemerkt zu haben, daß ihre Blicke mehrmals mit Lüsternheit auf mir geruht hatten. ‚Wohlan,‘ dachte ich bei mir selbst, ‚mußt du auf diesem Weg zum Ziel gelangen, so ist es noch nicht der schlimmste.‘ Ich fuhr nach Paris zurück und dachte über die gehabte Unterredung, und was die Folgen wohl sein könnten, nach, indem ich mir allerlei prächtige Luftschlösser baute und ausmalte. Es ist hier wohl am rechten Ort, mit einigen Worten die damals lebenden Mitglieder der bonapartischen Familie zu schildern, die ich größtenteils persönlich gekannt oder doch öfters gesehen hatte und mit ihren Umgebungen oft verkehrte; manches davon habe ich durch Pauline und einige andere Glieder der Familie erfahren.

Zur Zeit, als die Familie Bonaparte, aus Korsika vertrieben, sich zu Marseille aufhielt, lebte sie in äußerst dürftigen Umständen und fast nur von den Unterstützungen, welche ihr mitleidige oder teilnehmende Menschen, oft auch nicht ohne Interesse zukommen ließen, denn die Mädchen waren sehr hübsch, ja wohl Schönheiten, namentlich Karoline und Pauline. Beide hatten damals viele Anbeter, von denen es jedoch keiner ernstlich meinte, auch waren es meistens arme Offiziere, die selbst nicht viel übrig hatten. Die Mädchen gingen selbst auf den Markt, die nötigen Einkäufe möglichst billig zu machen, und wurden häufig zu den Reunionen des Platzkommandanten Lingard eingeladen, bei denen sie in sehr einfachen weißen Kleidern, ohne allen Schmuck erschienen, aber dennoch von den Tänzern am meisten gesucht und vorgezogen waren. Der Platzkommandant und mehrere Stabsoffiziere und Kapitäne machten zu jener Zeit bisweilen kleine Kollekten unter sich zugunsten der Frau Lätitia und ihrer Kinder, doch nicht ohne alles Interesse, und von Pauline wurde behauptet, daß sie ein Oberst förmlich unterhalte, was sie aber nicht gestand, sondern sagte, daß sie nur eine gewöhnliche Intrige mit ihm gehabt. Nachdem es Joseph Bonaparte gelungen war, die Tochter des reichen Kaufmanns Clary zu heiraten, hatten seine Mutter und Schwestern eine Stütze an ihm, und er unterstützte sogar von Zeit zu Zeit mit kleinen Geldsummen seinen Bruder Napoleon, der sich damals ebenfalls ganz mittellos zu Paris befand, wo ihm gute Freunde und Bekannte, unter denen auch Talma, öfters ein Mittagessen bezahlten, er seine silberne Uhr in der größten Not hatte verkaufen müssen, und ein Paar Handschuhe für einen sehr überflüssigen Luxusartikel erklärte. Als Madame Bonaparte den Wunsch äußerte, noch einen ihrer Söhne an eine Clary zu verheiraten, antwortete deren Vater: „Oh, ich habe genug an einem Bonaparte in meiner Familie.“ Von Joseph habe ich schon geredet, es war ein Mensch von sehr mittelmäßigen Fähigkeiten, der wenig Verstand und desto mehr Geistes- und andere Schwächen besaß, einen Engel zur Frau hatte, den er nicht verdiente und nicht nach Verdienst zu schätzen wußte; es ist unbegreiflich, wie ihn sein Bruder mit so großen Bürden, wie die Kronen von Neapel und Spanien waren, belasten mochte, und später, als Generalleutnant des Kaiserreichs, das Schicksal von Paris, seiner Gemahlin und seines Sohnes gewissermaßen in dessen Hände legen konnte; auch verdarb sein Kleinmut, seine Unentschlossenheit alles. – Der zweite Bruder war der Kaiser Napoleon, über diesen hier viel zu sagen, wäre überflüssig. Als Feldherr ausgezeichnet, doch noch lange kein Cäsar oder Friedrich, als Politiker ein erbärmlicher Stümper, als Mensch ein herz- und gemütloser Egoist, hatte auch er seine gewaltigen Schwächen, die zum Teil nichts weniger als einen großen, sondern oft einen sehr kleinlichen Geist bewiesen, der von Leidenschaft und Rachsucht verleitet, besonders wenn sich seine kleine Eitelkeit gekränkt fühlte, in die unsinnigste und abgeschmackteste Tyrannei verfiel; arme aber ihm an Geist überlegene Frauen, wie eine Staël, Chevreuse, Smith-Spencer, Recamier und so weiter auf das empörendste verfolgte, des niederträchtigen Benehmens gegen die treffliche Königin Luise von Preußen gar nicht zu gedenken; einen Enghien, einen Palm, die Offiziere des Schillschen Korps und hundert andere so niederträchtig als feige ermorden, die armen Soldaten und Unteroffiziere dieses Korps, die nur den Befehlen ihrer Vorgesetzten folgten, auf die Galeeren unter Mörder, Räuber und Diebsgesindel schmieden ließ, alle Zungen und Pressen zu fesseln vermeinte, seine Umgebungen oft auf das abscheulichste und gemeinste mißhandelte, wenn ihn ein englischer Zeitungsartikel oder sonst ein Querstrich in üble Laune versetzt oder gar in Konvulsionen gebracht, in Ägypten und Rußland Reißaus nahm und die ihm anvertrauten Heere im Stich ließ, sobald es schief ging, um nur seine werte Person in Sicherheit zu bringen und so weiter. Dies nannte er Staatsklugheit und waren seine Heldentaten! Selbst in der sinnlichen Liebe wußte er nur den Despoten zu spielen, aber nie die Gunst des ersehnten Gegenstandes durch liebenswürdiges oder gefälliges Betragen oder auch nur durch Geschenke zu erringen. Ein Befehl an seinen Kammerdiener oder seine privilegierten Kuppler mußte den gewünschten Gegenstand seiner Sinnenlust herbeischaffen, und zwar mit Gewalt, wo es von nöten und der kaiserliche Name allein nicht ausreichte, die Schöne zu vermögen, sich dem Tagesgötzen preiszugeben; dergleichen Gelüste wandelten Seine Majestät oft an. – Der dritte Bruder, Lucian, war ohne Widerrede der tüchtigste und fähigste Kopf der ganzen Familie, dabei ein Mann von starkem und festem Charakter, der es vorzog, lieber unabhängig von den Launen seines kaiserlichen Bruders zu leben, als sich, durch ihn gekrönt, von ihm als Schuhputzer behandeln zu lassen. So hatte er, dessen Ungnade trotzend, die Witwe eines Wechselmaklers geheiratet, nachdem er schon als Minister des Innern dessen Zorn auf sich geladen, es verweigernd, zu unsinnigen Maßregeln seinen Namen herzugeben, und es ist an dem, daß er seinem Bruder, als ihn dieser, um ihn wieder zu gewinnen, fragen ließ, welche Krone er zu besitzen wünsche, geantwortet: nun, so möge er ihn doch zum König von England machen! – Dieser Hohn war zu beißend, einen Napoleon nicht tief zu verwunden, auch schiffte sich Lucian, um ferner jede Berührung mit seinem Bruder zu vermeiden, noch in diesem Jahr (1810) nach den Vereinigten Staaten ein, wurde aber von den Engländern gefangen und bis 1814 festgehalten. Was wäre den 18. Brümaire ohne Lucian aus Napoleon geworden, der, als er die Dolche im Rat der Fünfhundert blinken sah, bleich, wankend und zitternd, einer Ohnmacht nahe war, als ihn seine Grenadiere aus dem Saal zerrten! Hier hatte, das Leben seines Bruders zu retten, Lucian allerdings schlecht gegen das Vaterland gehandelt. – Elisa, die älteste der Schwestern Napoleons, war nicht die schönste, doch die geistreichste der Damen Bonaparte, aber unglücklicherweise wollte auch sie die Gelehrte spielen, suchte deshalb besonders die Unterhaltung ausgezeichneter Schriftsteller, gab sich aber, wie dies bei den meisten gelehrten Frauen der Fall ist, manche arge Blöße. Sie hatte den Prinzen Bacciochi geheiratet, den Napoleon zum Fürsten von Piombino und Lucca dekretierte, der aber eigentlich eine Null in seinem Staat war, denn Elise handhabte nicht nur den Pantoffel, sondern auch das Szepter, und war die eigentliche Regentin. 1809 ernannte sie Napoleon zur Großherzogin von Toskana. Auf sie folgte Ludwig, damals noch König von Holland, unstreitig der beste und redlichste dieser Korsen, ein gutmütiger Mensch, der den Willen hatte, das von seinem Bruder ihm zugeteilte Land glücklich zu machen, und da dies nicht die Meinung und der Wille seines Bruders war, dessen Eigensinn und Tyrannei er nur Sanftmut entgegenzusetzen hatte, so legte er nach mehreren sehr heftigen Szenen, die er wegen der Kontinentalsperre, bei deren strengen Beobachtung Holland zugrunde gehen mußte, gehabt, noch im Juli dieses Jahres die Krone nieder. Auch mit seiner ehrgeizigen und herrschsüchtigen Gattin, Napoleons Stieftochter und zeitweiligen Geliebten, die ihm derselbe ganz gegen seinen Willen, und, wie es den Anschein hatte, als sie sich in anderen Umständen befand, aufgehängt hatte, lebte er sehr unglücklich. Ihm folgte die schöne Pauline oder Paulette, wie sie ihr Bruder, der Kaiser, und noch andere nannten. Als fünfzehnjähriges Mädchen und noch später soll sie die vollendetste Schönheit gewesen sein, die man sich denken kann. Aber auch jetzt war sie, wenngleich beinahe dreißig Jahre alt, noch immer eine Schönheit zu nennen. Mit ihren Zügen hatte Canova die Statue der Venus des Praxiteles nachgeahmt. Schon mit dem zwölften Jahre hatte sie Liebhaber gehabt, und die böse Welt behauptete, wie es scheint, nicht ganz mit Unrecht, daß Napoleon selbst einer derselben gewesen sei. Nach dem Tode ihres ersten Mannes, des Generals Leclerc, hatte sie den Fürsten Camillo Borghese geheiratet, eine Art Hampelmann, von dem sie sehr bald getrennt lebte; ihr Bruder hatte ihr das Fürstentum Guastalla gegeben, sie aber wohnte meistens zu Neuilly, wo sie eine Art Hof hielt. Von ihren galanten Abenteuern wußte man sich viel zu erzählen; während der kurzen Zeit, als sie Witwe und in Trauer war, ließ sie Napoleon wohl bewachen, fürchtend, daß sie tolle Streiche machen möchte, aber wieder verheiratet, ließ sie rücksichtslos ihren Leidenschaften die Zügel schießen. Bekannt sind die Abenteuer, die sie unter dem Namen Amélie mit einem jungen Manne hatte, dem sie häufig Rendezvous in dem Hause einer Lingère in der Straße du Bac Nr. 188 gab, wohin sie ihn beschied. Dieser war eines Tages über alle Maßen erstaunt, als er seine Amélie mit Brillanten bedeckt in einer kaiserlichen Hofloge erblickt und erfährt, daß es die Fürstin Borghese, Napoleons Schwester sei. Auch die Prinzessin, die schon einige Zeit die Liaison mit ihm abgebrochen, hatte ihn bemerkt. Am andern Morgen wurde er in das Ministerium des Innern beschieden, wo ihm eine sehr einträgliche Stelle, fünfzig Lieues von Paris entfernt, erteilt wurde, mit dem strengen Befehl, sich in den nächsten achtundvierzig Stunden auf seinen Posten zu begeben. Jedermann kennt ihre Amouretten mit den Schauspielern Lafont, Forbin und dem Obersten Canouville, dessen Pferd samt seinem Reiter Napoleon bei einer Musterung viel zu wild und ungezähmt gefunden und Herr und Roß deshalb hundert Meilen weit von Paris entfernt hatte, damit beide besser dressiert würden. Aber bei weitem blieb eine große Zahl der Abenteuer Paulinens und ihrer Schwestern dem kaiserlichen Bruder unbekannt, da ihm niemand gerne die Augen deshalb öffnen mochte, und selbst der Generalspion und Polizeimeister Fouché wagte es nicht, seinen Herrn, oft sein Instrument, dadurch in üble Laune zu versetzen, und so trieben es die Damen ungestört fort, bis der Sturz des kaiserlichen Thrones auch sie mitriß und das Alter diese Vergnügungen ohnehin verbot. Nur einigemal, wenn es so toll wurde, daß er selbst etwas merkte oder ihm durch eine seiner passageren Mätressen etwas gesteckt wurde, machte er seiner Mutter, der Madame Mère, Vorwürfe und meinte, seine Schwestern sollten ehrbar mit den Offizieren seiner Garde tanzen, die, wenn auch nicht gerade schöne, doch sehr brave Männer seien, mit denen ihr Ruf nicht so gefährdet würde, als mit solchen Muscadins. Die jüngste Schwester, die Königin Karoline von Neapel, war nicht weniger schön und hatte weit mehr Verstand als Pauline, die in dieser Hinsicht von der Vorsehung etwas stiefmütterlich behandelt worden war, nur hatte sie einen kurzen Hals, so daß ihr Kopf zu sehr zwischen den Schultern saß. Wir werden bei meinem letzten Aufenthalt in Neapel sie samt ihrem Gatten, dem König Murat noch näher kennen lernen. Der jüngste der Brüder, Jérôme (Hieronymus), war auch der unbedeutendste unter allen, eigentlich eine physische, geistige und moralische Jämmerlichkeit. Seine ganz unansehnliche Gestalt hatte den Kopf noch weit mehr als Karoline zwischen den hohen Schultern stecken, und sein Gesicht hatte sogar etwas widerlich Unangenehmes. Dennoch hatte er als König von Westfalen unzählige Amouretten zu Kassel, wo ihm der Königstitel gefällige Damen in großer Zahl verschaffte; seine Ärzte waren nur damit beschäftigt, die vergeudeten Kräfte, an denen Hieronymus eben keinen Überfluß hatte, möglichst zu ersetzen und ließen ihn täglich unter andern die stärksten Weinbäder nehmen; der so gebrauchte Wein wurde nachher in Flaschen gefüllt, und das Hofgesinde verkaufte ihn unter der Hand an Wirte und andere Einwohner in Kassel!! Dabei hatte dieser affenartige Sardanapal sehr unnatürliche, oft neronische Gelüste, selbst bei den Frauen, die ihn zum Ekel widerlich machen mußten. Sein ganzes Aussehen hatte so wenig Königliches, daß er eher einem erzliederlichen Schneidergesellen ähnlich sah. Eine Jammergestalt in optima forma, die aber dem armen Land, das so glücklich war, sie auf eine kurze Zeit zu besitzen, unzählige Tränen und das Mark seiner ausgesogenen Bürger kostete. Dieser Prinz von der traurigen Gestalt hatte dennoch in Amerika das Glück gehabt, die Tochter eines reichen Bankiers von Baltimore, eine Miß Patterson, ein hübsches Mädchen zur Frau zu bekommen, die, als sie ihm hochschwanger nach Europa gefolgt war, auf dem ganzen festen Land auf Befehl ihres Schwagers Napoleon keinen Hafen fand, in dem man ihr zu landen vergönnte. In Frankreich, Holland, Belgien, Italien, Spanien und Portugal war sie zurückgewiesen worden; die arme, verlassene, treffliche Frau mußte nun allein über England wieder nach Amerika zurückkehren, denn dem früher in seiner hilflosen Lage oft von Schauspielern gefütterten Napoleon war die Familie Patterson jetzt nicht mehr gut genug, um sich verwandt mit ihr zu wissen. Schon hatte er die Marotte, aus allen seinen Brüdern Könige stempeln zu wollen, die er teuer genug büßen mußte, denn als Könige waren sie ihm alle zum größten Verderb. Madame Mère, Frau Lätitia, war als kaiserliche Mutter eine sehr fromme Dame geworden und bewährte so das bekannte Sprichwort: Aus jungen ... werden alte Betschwestern. Ich habe Personen gekannt, die sehr vertraut mit ihren früheren Verhältnissen in Korsika gewesen und mich versicherten, daß, etwa Joseph ausgenommen, sie von keinem anderen ihrer Kinder mit Gewißheit den Vater zu nennen wüßte. Übrigens war sie eine sehr mitleidige Seele, die den Armen und anderen viel Gutes erwies, als sie die Mittel dazu erhielt; doch war sie auch sehr kapriziös, und ihr Eigensinn artete bisweilen in Starrsinn aus; sie soll sehr schön gewesen sein. Von den übrigen Mitgliedern der Familie Bonaparte will ich nur Napoleons Stiefsohn, den Prinzen Eugen, Vizekönig von Italien, erwähnen, einen in jeder Hinsicht vortrefflichen und edlen Charakter, dessen größter Fehler der war, seinem Stiefvater zu sehr nachgegeben zu haben und zu gehorsam gewesen zu sein. Er hatte sich 1806 mit der schönsten deutschen Prinzessin, mit der ältesten Tochter des Königs Maximilian von Bayern, Auguste Amalia, vermählt. Seine Schwester Hortensia war so ziemlich das Gegenteil des Bruders und Herrschsucht die Triebfeder fast all ihrer Handlungen, der sie kein Opfer zu bringen scheute. Ich hätte diese Skizzen der napoleonischen Charaktere weit mehr und mit den besten Grundfarben ausmalen, sowie die noch vieler anderer Personen des napoleonischen Hofes und Reiches, wie der listigen Füchse und Ränkeschmiede Talleyrand und Fouché, des Oheims des Kaisers, des geistlichen Komödianten Fesch, vieler Marschälle, Minister und so weiter mitteilen können. Dies gehört aber nicht hierher und würde ein ausgedehntes Buch für sich füllen, auch sind viele derselben längst, wenn auch oft mit falschen Zügen und Farben, geschildert.

Als ich den andern Morgen nach der Unterredung, die ich mit Paulinen gehabt, erwachte, kam mir die ganze Sache fast traumartig vor, indessen machte ich mich zur festgesetzten Stunde wieder auf den Weg nach Neuilly, begab mich an die mir angegebene Stelle des Gartens und erwartete unter einem Säulengang vor dem gewölbten Felsen die Dinge, die da kommen würden. Ich wartete nicht lange, als eine Dame, eine andere als die, welche ich den Tag vorher in Paulinens Gesellschaft gesehen, erschien, mich freundlich willkommen hieß und mich durch eine Seitentür in das Innere des Felsens führte, in dem sich mehrere Gemächer und Galerien, unter anderen auch ein sehr schönes Bad in einem prächtigen Salon, befanden. Das Abenteuer kam mir sehr romantisch, beinahe märchenhaft vor, und ich dachte eben über den Ausgang, den es wohl haben könnte, nach, als eine in den feinsten Battist gehüllte Frauengestalt durch eine Seitentür in den Badesaal, in dem man mich warten geheißen, trat, auf mich zuging und mich lächelnd fragte, wie es mir hier gefalle. Ich erkannte sogleich Napoleons schöne Schwester, deren üppige und vollkommen plastische Formen sich bei jeder Bewegung durch die Falten ihres Gewandes ausdrückten. Sie reichte mir die Hand zum Kusse dar, hieß mich hier willkommen und auf einem schwellenden Ruhebett neben sich niederlassen. Hier war ich sicher nicht der Verführer, sondern der Verführte, denn Pauline ließ alle ihre durch das Chiaroscuro noch erhöhten Reize spielen, mein Blut in Wallung und meine Sinne in Aufregung zu bringen, was ihr denn auch vollkommen gelang, und bald waren die samtnen Polster Zeugen, wie wir unsere gegenseitige Glut in namenlosen Ergießungen löschten, wobei sie sich als eine sehr erfahrene Lehrerin zeigte, denn sie wußte mehr als ich. Nachdem wir das Feuer hinlänglich gekühlt, zog Pauline die Glocke und befahl ihren eintretenden Frauen, ein Bad zu bereiten, zu dem sie mich ebenfalls einlud. In Bademäntel von den feinsten Linnen gehüllt, blieben wir beinahe eine Stunde in dem kristallhellen bläulichen Wasser, worauf sie ein köstlich erquickendes und restaurierendes Mahl in einem Seitengemach servieren ließ, bei dem wir bis zur Abenddämmerung noch miteinander zubrachten. Beim Abschied mußte ich das baldige Wiederkommen versprechen und verlebte nun manchen Nachmittag auf ähnliche Weise in Neuilly. Indessen hatte ich eben nicht Ursache, sehr stolz auf diese Eroberung zu sein, denn viele andere hatte sie schon vor mir beglückt, und noch manchem anderen schenkte sie nach mir ihre höchste Gunst, auch war mir die Dame fast zu routiniert, und es dauerte nicht lange, so empfand ich trotz all ihrer Schönheit Widerwillen statt Genuß in ihrem Umgang, da auch an eine nur einigermaßen geistreiche Unterhaltung mit Paulinen nicht zu denken war, und wenn einmal der Sinnentaumel vorüber, die tödlichste Langeweile und Gähnen dessen Stelle vertrat, dabei artete sie oft ins Gemeine aus. Wie anders war es mit einer Mars, deren Persönlichkeit immer neue Reize zu entfalten wußte, selbst Madame Bonnier war trotz ihrer Klostererziehung weit unterhaltender. Hierzu kam noch, daß ich zu jener Zeit die Bekanntschaft zweier anderer sehr liebenswürdiger junger Damen, die eine die Frau eines Generals, die andere die eines Rittmeisters, deren Männer sich beide bei der Armee in Spanien befanden, machte, und die ich bei einer Vorstellung der Iphigenia in Tauris aux Français, wo Talma den Orestes in der höchsten Vollendung gegeben, kennen lernte, da ich mich in derselben Loge mit ihnen befand. Auf die Iphigenia waren die Plaideurs gefolgt und gaben mir die beste Gelegenheit bei den Damen zu plaidieren, deren Ehrenkavalier ich jetzt auf eine Zeitlang wurde. Sie waren sehr muntere und liebenswürdige Geschöpfe; die Generalin zählte dreiundzwanzig, die andere erst neunzehn Jahre, beide kaum zwei Jahre verheiratet und Schwestern. – Noch hatte ich Versailles erst im Flug gesehen, an einem Nachmittag hatte ich mit Paulinen in dem großen Park daselbst zugebracht, von einem Gebüsch in das andere wandernd.

Nun besuchte ich Versailles mehrmals in Gesellschaft meiner neuen Bekanntschaft, der beiden Offiziersdamen, namentlich auch die beiden Trianons, wovon das kleine nebst seinen Gärten Zeugen der stillen Freuden Maria Antoinettens in ihren glücklicheren Zeiten war. Sie hatte es zu einem bezaubernden Aufenthalt umgeschaffen. Ludwig XVI. hatte es ihr beim Antritt seiner Regierung geschenkt. Auch wir genossen der stillen und heimlichen Freuden im Park von Versailles gar mancherlei und besuchten das Labyrinth, das Venusboskett und andere abgelegene Orte vorzüglich gerne. Die jüngere Emilie hatte ich Alcine und die ältere, Marguerite, Armide getauft. Eine ganze Woche brachte ich einmal mit den beiden Damen in Versailles zu, während welcher wir jeden Tag vom Morgen bis in die späte Nacht in den unermeßlichen Räumen dieser Gärten umherirrten, deren Besitzer wir uns dünkten und für diese Zeit auch waren, denn niemand machte sie uns streitig, und alles stand uns offen. Wir spielten und tändelten bald an dem Bassin des Neptuns, bald in dem romantischen Boskett der Kaskaden, bald im Sternensalon, an den drei Fontänen oder Apollosbädern. Die acht Tage vergingen wie acht Stunden, wir hatten anfangs nur vierundzwanzig Stunden bleiben wollen. Wir kehrten endlich etwas gesättigt nach Paris zurück, wo uns jedoch neue Freuden und Vergnügungen erwarteten. Hier fand ich mehrere Billette von Madame Farigliano vor, die mich nach Neuilly zitierten, wo ich mich mit gehabter Unpäßlichkeit wegen meines Ausbleibens entschuldigte, was auch mein etwas angegriffenes Aussehen bestätigte, und wo ich deshalb bemitleidet ward. Das, was noch einiges Interesse für mich bei Paulinens Umgang hatte, war, daß ich über verschiedene Dinge, ihre Familie betreffend, um die ich sie öfters fragte, Auskunft von ihr erhielt. Sie sagte mir unter anderm einmal, als ich sie gefragt, wie es komme, daß der Kaiser noch nicht Rom gesehen, da diese merkwürdigste aller Städte doch ein ganz besonderes Interesse für ihn haben müsse: „Oh, mein Bruder meidet Rom, weil ihm einmal prophezeit wurde, daß er in dieser Stadt seinen Tod finden werde; und da eine ähnliche Weissagung, die man Alexander dem Großen hinsichtlich Babylons machte, eintraf, so will er einem solchen Schicksal entgehen. – Sie sehen, große Männer haben auch ihre Schwächen; wer weiß, wo er noch stirbt, wenn er sich gleich unsterblich glaubt,“ fuhr sie lächelnd fort. „Und es auch ist,“ fiel ich ihr ins Wort. – „Aber dem Tod entgeht er dennoch nicht,“ versetzte sie, „und ist ihm bestimmt, in Rom zu sterben, so wird es geschehen, er mag sich stellen wie er will.“ – Wir kamen nach und nach auf andere, aber immer Napoleon betreffende Dinge zu sprechen, und Pauline meinte, ihr großer Bruder habe nicht nur sehr große Schwachheiten, sondern beginge auch ganz unverzeihliche Torheiten, die ihn noch ins Verderben stürzen würden und von denen eine der größten seine Mariage mit der Österreicherin sei. „Hundertmal besser,“ fuhr sie fort, „wäre es gewesen, er hätte die Hortensia geheiratet, statt sie an seinen Bruder Louis zu verkuppeln, sein Verhältnis mit ihr war ja doch kein Geheimnis mehr, sowie daß sie von ihm in der Hoffnung war, als er diese Heirat stiftete. Daß Duroc diese Partie ausgeschlagen, ist nicht an dem, es war nie Napoleons Plan, diesem ihre Hand zu geben. Wäre Hortensias erstes Kind, für dessen Vater der Kaiser allgemein gehalten wurde, für welches er eine große Zärtlichkeit bewies und das er aus der Taufe gehoben, am Leben geblieben, so würde er es gewiß adoptiert und wahrscheinlich zu seinem Nachfolger ernannt haben; wir hätten dann keine zweite Vermählung erlebt. Was die Liebe zu den Frauen anbelangt, so ist mein Bruder so wunderlich und veränderlich wie nur einer, und wo er nur immer war, in Paris und Madrid, Wien und Berlin, Mailand und Venedig und so weiter, allenthalben mußten ihm seine Vertrauten behilflich zur Befriedigung seiner augenblicklichen Kaprizen sein, und was er auch von ehelicher Treue, häuslichem Glück, Moralität schwatzen mag, wir wissen, was wir davon zu halten haben, es ist ihm nur um den äußern Schein, er hat sich einmal in den Kopf gesetzt, der Welt diese Schwachheiten verbergen zu wollen, und doch spricht man in allen Salons davon, und Josephine kennt sie wohl, hat ihm aber nichts vorzuwerfen, beide haben sich einander gehörig gehörnt; dabei handelt mein Bruder immer nur nach der augenblicklichen Eingebung seiner Laune, bald ist er freigebig bis zur Verschwendung, bald wieder filzig geizig, freundlich oder mürrisch, anscheinend teilnehmend oder kalt abstoßend.“ – Noch einige Zeit fuhr Pauline mit der Schilderung Napoleons fort, ging dann auch auf mehrere ihrer Geschwister über und pflichtete dem Kaiser bei, ‚daß Joseph ein Weib unter seinen Brüdern und Karoline ein Mann unter seinen Schwestern sei‘; „denn,“ fuhr sie lachend fort, „mein Bruder Joseph wäre eine gute sanfte Hausfrau und meine Schwester Karoline ein tüchtiger Dragoner geworden. Lucian ist aber ein eigensinniger Starrkopf, Ludwig zu gut für die Welt, Jérôme ein Manequin, Elise aber ist zur Fürstin geboren und Bacciochi eine Null; daß man mich die Etourdie nennt, weiß ich recht gut, aber es ist nicht meine Schuld. Was wollen Sie, mein Temperament ist einmal so, und dann hat uns die Mutter alle verzogen.“ Als einmal die Rede auf die unglückliche Maria Antoinette kam, erzählte sie mir, daß das plötzliche Grauwerden der Königin, von dem man so viel gesprochen, eine Fabel sei, indem sie schon längst graue Haare gehabt, die täglich mit schwarzfärbender Pomade eingerieben worden seien, die sie sich aber, einmal in der Conciergerie, nicht mehr verschaffen konnte, worauf natürlich sogleich die Haare ihre natürliche graue Farbe angenommen; dies Geheimnis habe eine ihrer Kammerfrauen ausgeplaudert. – Ich wurde endlich in Gnaden und mit dem Wunsch einer guten Besserung und baldigen Wiederherstellung entlassen.

Als sich Napoleon nach seiner Reise zum erstenmal wieder in der großen Oper mit seiner Gemahlin sehen ließ, wurde das neue prächtige Ballett ‚Perseus und Andromeda‘ gegeben. Das Schmettern der Trompeten, das Toben der Pauken und Fanfaren, das Geschrei: „Vive l’Empereur!“ und „Vive l’Impératrice!“, letzteres aber sparsamer, wollte gar kein Ende nehmen. Im Théàtre français hatte aber bald darauf das kaiserliche Ehepaar an zwei Stunden auf sich warten lassen und das Publikum deshalb seine Unzufriedenheit ziemlich laut zu erkennen gegeben. Den andern Tag enthielt das „Journal de l’Empire“ einen Verweis für die Schauspieler, weil sie nicht zur gehörigen Zeit angefangen hatten; hätten sie es aber getan, würde ihnen ein ganz anderes Donnerwetter über den Kopf gekommen sein. Um diese Zeit fuhr Napoleon mit Marie Louise zum erstenmal nach Versailles, wo er ihr das Schloß, den Park, die beiden Trianons zeigte und äußerte, er wolle dies alles in seiner früheren Pracht und Herrlichkeit wiederherstellen lassen und noch neue Anlagen hinzufügen. – Es blieb bei der Äußerung.

Der Kriegsminister gab den Neuvermählten ein großes Fest in seinem Hotel in der Straße Lille, wobei auch ein Gelegenheitsstück und ein Ball gegeben wurde. Eines der merkwürdigsten Feste war jedoch das, welches die Garden ihrem Herrn und Gebieter gaben, zu dem jeder Gardist sechs, ein Korporal zwölf, jeder Sergeant vierundzwanzig, jeder Sergeant-Major sechzig, ein Leutnant sechshundert, ein Kapitän fünfzehnhundert und die Stabsoffiziere drei- bis sechstausend Franken beitrugen. Der Marschall Bessières war, als Kommandant der Gardekavallerie, Anordner, das ungeheure Marsfeld der Hauptschauplatz desselben und zu diesem Behuf besonders hergerichtet worden. Was für Schauspiele wurden nicht seit dem Beginn der Revolution schon auf diesem einzigen Platz aufgeführt, und wer waren die Hauptakteurs? – Auch dieses Fest begann an einem Sonntag, den 24. Juni. Wenigstens drei Vierteile der Bevölkerung von Paris wohnten demselben bei. Monate hatte man an den Zurichtungen gearbeitet. Um Mittag wurde die ganze übrige Garnison der Stadt Paris, nahe an dreißigtausend Mann, von den Garden unter Zelten bewirtet, und jetzt erschien das Marsfeld ein endloses fröhliches Lager. Um drei Uhr verschwand das Lager, und nun begannen Spiele und Tänze aller Art. In den Alleen, welche den Platz umgaben, waren Zelte mit Büfetts, die alle möglichen Erfrischungen enthielten, Marionettenbuden und so weiter aufgeschlagen. Nach sieben Uhr, nachdem bereits der Kaiser mit seiner Gemahlin eingetroffen war und nebst ihrem höchsten und hohen Gefolge in einem zu diesem Zweck errichteten Pavillon Platz genommen hatten, begannen die Wettrennen der Pferde und Wagen, welche dreimal die innere Bahn des Marsfeldes in Gegenwart von nahe an vierhunderttausend Zuschauern zurücklegten. Mehrere Wagen vollendeten in weniger als sieben Minuten ihren Kreislauf, die Pferde in noch kürzerer Frist, und die Sieger erhielten schöne Preise. – Als es Nacht wurde, zündete Marie Louise den Dragon (ein zur Entzündung des Feuerwerks bestimmter Drachen) vermittelst einer Feuerlanze an, und augenblicklich stand ein ungeheurer Wald, den das Feuerwerk in einem weiten Halbkreis vorstellte, in Flammen, in der Tat ein wunderartiger Anblick. Zwei schöne Seiltänzerinnen, als Genien gekleidet, bestiegen nun ein auf hohen Masten gespanntes Seil und schienen so zwischen Feuer, Rauch und Wolken in den Lüften zu schweben, während Tausende von Raketen und Leuchtkugeln sie umgaben, was eine höchst magische Wirkung hervorbrachte. An einem Feuerpalast las man die Worte: „A Napoléon et Marie Louise.“ Eine große Girandole, von der Artillerie der Garde, die überhaupt das ganze Feuerwerk besorgt hatte, ausgeführt, beendigte das feurige Zauberspiel, und nun begann der Ball. Zwei unermeßliche Säle hatte die Garde zu diesem Zweck in den zwei Höfen der Militärschule aufbauen lassen; der auf der linken Seite war zum Tanz und der auf der rechten zum Bankett bestimmt, beide auf das zierlichste ausgeschmückt. In dem Tanzsaal war ein Thron für die kaiserlichen Majestäten errichtet, die königlichen mußten sich mit Fauteuils begnügen. Ringsherum waren amphitheatralische Sitze für nicht weniger als viertausend Damen auf sieben Stufen angebracht, hoch hinter diesen war wieder eine Galerie für Herren. Sechsunddreißig reich drapierte, mit Festons von Lorbeeren und Myrten umwundene faisceaux, die in schimmernden Stahlhelmen mit weißen Federn endigten und jede ein Wappenschild hatte, trugen des Saales Decke. Die Draperien waren von weißem Mousselin mit goldenen Bienen; an der Decke sah man die zwölf Himmelszeichen und andere allegorische Figuren. Sechs große Gemälde stellten Napoleons Vermählung, dessen Triumph, die Triumphe Trajans, Augusts, Cäsars und Alexanders Einzug in Babylon vor. Die vier letzten kontrastierten seltsam mit den beiden ersten und gaben zu manchen noch seltsameren Bemerkungen Anlaß. Schon der Kostüme wegen chokierte diese Zusammenstellung; sie waren sämtlich vom Dekorationsmaler der Großen Oper gemalt. Zweihundert kristallne Kronleuchter, an Blumengirlanden hängend, an einem jeden über fünfzig Kerzen brennend, dienten zur Beleuchtung dieses Lokals, und die zehntausend Lichter spiegelten sich millionenmal in zahllosen Spiegeln wieder.

Unter den Festen, die Napoleon selbst in St. Cloud oder den Tuilerien gab, bei denen prächtige Quadrillen aufgeführt wurden und seine Schwestern eine Hauptrolle spielten, war besonders eines durch das Kostüm berühmt, welches Pauline, Italien repräsentierend, trug und wobei sie einen leichten goldenen Helm mit schneeweißen Straußfedern, mit Agraffen von Diamanten, an deren Kiele die kostbarsten Perlen gereiht waren, auf dem Haupt hatte, dabei deckte ein kleiner Panzer von Goldschuppen mit einem brillantenen Gürtelschloß ihren Busen, eine weiße, goldgestreifte Tunika von indischem Mousseline fiel über die Knie herab, purpurne goldgestickte Halbstiefelchen deckten die Füße, und die Arme waren bloß. Man wußte nicht, sollte man eine Minerva, eine Venus oder eine Johanna d’Arc aus ihr machen, auf jeden Fall war es aber eine ideal schöne Erscheinung, besonders für die, welche sie nicht genauer kannten.

Die Reihe dieser Feste beschloß das höchst tragische, welches der österreichische Gesandte, Fürst Schwarzenberg, den 1. Juli der Tochter seines Souveräns und deren Gatten gab. Auch zu diesem hatte ich mir durch hohe Protektion eine Einladung verschafft, und Fürst Y., den das Zipperlein von den meisten Feierlichkeiten zurückgehalten hatte, wollte durchaus dieser letzten beiwohnen. Den ganzen Tag fesselten ihn jedoch unausstehliche Schmerzen an sein Ruhebett, und es wollten weder Einreibungen noch sonstige Mittel helfen, die fortwährend angewandt wurden, um ihn wenigstens für diesen Abend noch gangfähig zu machen. Einigemal versuchte er aufzustehen und zu gehen, aber die Schmerzen ließen es nicht zu, erst abends nach acht Uhr gab er alle Hoffnung auf, das Fest durch seine Gegenwart verherrlichen zu können; es tat’s halt nicht, und mit Wimmern und Fluchen kroch er, nachdem er den letzten Versuch gewagt, wieder zu seinem Lager. Ich war bis zum letzten Augenblick vor dem Beginn des Festes noch bei ihm, versprach ihm einen getreuen Bericht von demselben abzustatten und suchte ihn zu trösten. – „Sie haben gut reden,“ sagte er, „Sie lassen kein Vergnügen ungenossen vorübergehen, während ich hier Jammer und Trübsal blasen muß und es vor Schmerzen kaum auszuhalten vermag.“ – „Aber was ist dabei zu machen, Durchlaucht? Sie können, sobald Sie wieder besser sind, alles nachholen und selbst die schönsten Feste geben, zu deren Verherrlichung ich nach Kräften beitragen will.“ – Ich war froh, als ich endlich zur Türe hinaus war und fuhr in die Straße Montblanc (Chausée d’Antin), in welcher Fürst Schwarzenberg das alte Hotel Montesson bewohnte, ein geräumiges Gebäude mit einem großen Garten und Hof. Da sich aber in demselben kein Saal befand, der die zahlreichen Gäste alle hätte aufnehmen können, hatte der Fürst einen großen Ballsaal nebst einer Galerie von Holz eigens zu diesem Fest erbauen lassen; der Saal war sehr reich mit Stoffen, Blumen und andern Verzierungen dekoriert und drapiert. Alle in Paris anwesenden königlichen und fürstlichen Personen, sowie die übrigen Gäste, weit über tausend, unter denen namentlich viele Österreicher in zwar sehr reichen, aber ziemlich geschmacklosen Kostümen, waren bereits versammelt, als die Gardegrenadiere, die für diesen Abend hier eine starke Wache lieferten, unter das Gewehr traten, aux champs schlugen und dadurch die Ankunft des kaiserlichen Paares verkündeten, das von Schwarzenberg und Metternich am Eingang empfangen wurde. Man führte sie in den schön erleuchteten Garten, wo Gesänge und österreichische Nationaltänze unter Begleitung rauschender Musik von den Künstlern der Großen Oper aufgeführt wurden. Auch sah man wieder eine Nachahmung des Schlosses Laxenburg, und das Feuerwerk spielte auch hier eine Hauptrolle, zündete aber, gleichsam als wollte es ein Vorspiel zu dem furchtbaren Drama, das bald darauf folgen sollte, geben, schon ein Gerüst an, das bald anfing, in Flammen aufzulodern, die jedoch mit Hilfe der Pompiers schnell wieder gelöscht wurden. Nun begaben sich sämtliche Gäste in den Ballsaal zurück, über dessen Eingang eine Aufschrift in deutscher Sprache angebracht war, über deren Inhalt sich die Franzosen die Köpfe zerbrachen und ihre Glossen machten, selbst Napoleon schien das Deutsche nicht zu behagen, und er zuckte bei dem Anblick der ihm unverständlichen Worte die Achseln.

Der Ball wurde mit Kontertänzen, welche der Vizekönig von Italien, König Hieronymus, Fürst Esterhazy, die Königin von Neapel, die Fürstin Pauline von Schwarzenberg und so weiter aufführten, eröffnet, worauf eine Ekossaise folgte, während welcher das kaiserliche Paar in dem Saal herumspazierte. Ich stand so ziemlich in der Mitte der Kolonne, mit einer Hofdame der Königin von Neapel tanzend, als plötzlich eine Flamme an einer Draperie aufloderte, und kaum sah man sich darnach um, so brannte auch schon ein Teil der Decke, noch wurden einige Pas gemacht, als die Musikanten bereits die Flucht ergriffen, und ehe man es sich versah, brannte es hier, da und dort, vor und hinter einem, links und rechts und in allen Ecken, überall schlugen die Flammen hoch empor, und es entstand eine Verwirrung, ein Tumult, ein Geschrei, ein Drängen und Drücken, das unbeschreiblich war. Viele Offiziere umgaben schnell Napoleon und zogen ihre Degen, indem sie fürchteten, daß dies das Signal zum Ausbruch einer großen Verschwörung sei, wie es das Ansehen hatte. Was man auch sagen mag, so habe ich die Überzeugung, daß dieses Feuer geflissentlich angezündet wurde, denn nur zu deutlich nahm ich wahr, daß die Flammen an drei bis vier Orten zugleich emporschlugen, und zwar an ganz entgegengesetzten Winkeln, und es war sehr leicht, die Draperien an einer oder der anderen Stelle unbemerkt anzuzünden, während jedermann seine Augen auf die zuerst auflodernde Flamme gerichtet hatte. Eine Verschwörung war es nicht, aber ich habe die moralische Überzeugung und wollte darauf schwören, daß der Vorfall dem Haß gegen Marie Louise und gegen diese Heirat seinen Ursprung zu verdanken hatte. Diese Meinung, welche viele mit mir teilten, ließ man natürlich nicht aufkommen, sondern von seiten der Regierung wurde alles aufgewandt, einen solchen Verdacht zu unterdrücken, sowie überhaupt die Meinung, daß das Feuer absichtlich angezündet worden, was bei den Fesseln, in denen damals die Presse und die freie Rede lag, leicht war; weshalb auch keine andere Untersuchung als die gegen die armen Spritzenleute veranstaltet werden durfte, die denn doch getan, was nur immer in menschlichen Kräften stand. Marie Louise hatte ihren Sitz schon wieder eingenommen, als der Brand ausbrach, Napoleon war schnell zu ihr geeilt und führte sie durch die Gartentür fort. Kaum hatte er den Saal verlassen, so stieg die Unordnung auf das höchste, alle und jede Rücksichten verschwanden, jedermann war nur noch auf seine Rettung bedacht, und Könige und Königinnen mußten Rippenstöße hinnehmen, wurden zurückgedrängt oder auf die Seite geschoben, und ehe noch die Hälfte der Anwesenden den Saal verlassen hatte, stand dieser schon in hellen Flammen, die Kronleuchter stürzten einer nach dem andern herab, denen schnell Dielen und Balken folgten. Zwar wurden große Wassermassen auf den Brand gegossen, diese lösten sich aber augenblicklich in Dampf und Dunst auf, und es war an keine Rettung des Baues mehr zu denken. Auch ich hatte mich rücksichtslos hinaus und in den Garten gedrängt, von wo aus sich das gräßliche Feuerwerk furchtbar schön ausnahm, hier aber waren Verwirrung und Tumult womöglich noch größer als im Saal selbst, aus dem brennende Damen flüchteten oder herausgeschleift und dann mit kotigem Wasser begossen wurden. Alles lief und rannte durcheinander, seine Angehörigen suchend, sie nicht findend, und von niemand eine tröstliche Antwort erhaltend. Dabei drängten sich die Hilfe leistenden Diener und Pompiers, alles, was ihnen in den Weg kam, weder Krone noch Sterne achtend, rücksichtslos auf die Seite stoßend, durch die wehklagenden Massen, und die Damen rannten mit ihren Flittern, Flor- und Blondenkleidern, viele mit Brandflecken oder halbverbrannter Kleidung umher, ihre Männer oder Väter suchend. Das Flammen- und Rauchmeer wütete fort, und in kaum einer kleinen halben Stunde war die ganze, prächtig zusammengezimmerte und ausgeschmückte Herrlichkeit ein Raub des Feuers, das trotz aller Hilfe der Spritzen schon das Hotel des Gesandten selbst ergriffen hatte. Napoleon war unterdessen, nachdem er seine junge Gattin in Sicherheit gebracht, auf den Schauplatz des Unglücks zurückgekehrt, und nur der äußersten Anstrengung der Spritzenleute und der jetzt auf zwei Bataillone verstärkten Garden gelang es, das Hotel vor der gänzlichen Zerstörung zu retten. Der Kaiser leitete nun selbst die Löschanstalten, befahl die Entfernung aller müßigen Zuschauer und ging mit dem vor Todesangst schwitzenden Polizeipräfekten, dem Grafen Dubois, eben nicht zum glimpflichsten um. Der durch den Mordkriegsrat, den er präsidierte und der den Herzog von Enghien erschießen ließ, bekannte General Hülin mißhandelte in Gegenwart Napoleons, wahrscheinlich um dessen Zorn von sich abzuleiten, den armen Spritzenmeister, der ein Gott hätte sein müssen, wenn er die Flammen nach des grimmigen Kaisers Willen hätte bezwingen können, tätlich auf das empörendste und nichtswürdigste, so daß mir, der nur in geringer Entfernung davon stand, das Blut in den Adern kochte. Noch im Kerker mußte der Unglückliche der Ableiter der kaiserlichen Zornausbrüche sein. Das Schrecklichste aber waren die verbrannten, zum Teil tödlich verwundeten Personen, die hier verunglückt waren. Die Fürstin Pauline von Schwarzenberg hatte, wahrscheinlich ihre Tochter suchend, in den Flammen den Feuertod gefunden und wurde lange vergeblich von ihrem trostlosen Gatten und den Dienern gesucht, die Königin von Neapel hätte um ein Haar ein gleiches Schicksal gehabt, der Großherzog von Würzburg war ihr Retter; die schöne Vizekönigin von Italien, Prinzessin Auguste von Bayern, rettete sich auch glücklich mit ihrem Gemahl durch eine kleine Tür, als schon die halbe Decke des brennenden Saales eingestürzt war. Die Fürstin von der Laien und die Generalin Toussaint starben kurze Zeit nach dem Unglück unter den fürchterlichsten Schmerzen an ihren Brandwunden. Ein gleiches Schicksal hatte die Gemahlin eines russischen Konsuls, und der russische Gesandte selbst, Fürst Kurakin, dankte seine Rettung nur dem damals schon durch seine außerordentlichen Kuren berühmten Doktor Koreff, der ihn auch völlig wiederherstellte, denn er war so beschädigt, daß man lange an seinem Aufkommen zweifelte. In allem waren mehr denn sechzig Personen, besonders Damen, mehr oder minder schwer verwundet und verbrannt. Dieses gräßliche Trauerspiel endigte würdig mit einer entsetzlichen Naturerscheinung, nämlich mit einem so furchtbaren Gewitter, wie ich mich nicht entsinne, ein ähnliches erlebt zu haben; Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag folgten so allgewaltig, daß der unaufhörlich rollende Donner die Welt zu erschüttern schien. Endlich entlud sich dasselbe in einem Wolkenbruch ähnlichen Platzregen, der nach und nach den Rest der Feuerglut löschte, als bereits der Tag anbrach. Napoleon war, sobald dem Feuer Einhalt getan und die weitere Gefahr beseitigt war, zu seiner besorgten Gattin nach St. Cloud zurückgekehrt, wo er äußerst niedergeschlagen angekommen und ausgerufen haben soll: „Quel terrible fête!“ Die Garden hatten unterdessen auf der Brandstätte ihr Biwak aufgeschlagen und verzehrten mit gutem Appetit die köstlichen Speisen und Schüsseln, die den Gästen zugedacht gewesen und die sie ohne dies Unglück nimmer gekostet haben würden. Den anderen Morgen fand man unter den Brandtrümmern eine Menge Schmuck, Degen, Armbänder, Halsgeschmeide, Diademe, Brillantschnallen, Knöpfe und so weiter, aber der gräßlichste Fund war die ganz verbrannte, halbverkohlte Leiche der Fürstin Schwarzenberg, die der Doktor Gall in des Platzkommandanten Gegenwart auffand und die man nur an einem Halsband erkannte, das die Namen ihrer Kinder trug.

Welches Aufsehen diese schreckliche Begebenheit in Paris machte, ist unbeschreiblich. Da haben wir’s, hieß es, dies sind die ersten Folgen der Verbindung mit Österreich, es wird noch besser kommen. Und jedermann glaubte an eine tiefangelegte Verschwörung, welche dieses Fest hätte benutzen wollen, um die ganze bonapartistische Familie auf einen Schlag zu vernichten; dies war nicht der Fall, wohl aber war das Feuer böswillig angezündet worden, sei es nun von Anhängern der Bourbonen, von der republikanischen Partei oder auch nur aus Haß gegen Österreich. In Paris und ganz Frankreich zweifelte niemand daran als die Regierung, in deren politischen Kram es taugte, eine solche Meinung durchaus nicht aufkommen zu lassen. Ich war bis zum hellen Tag auf der Brandstätte geblieben, hatte löschen helfen und ermüdet teil an dem Biwak der Garden genommen. Welch ein Fest! Der Aberglaube sah es wenigstens als eine sehr schlimme Vorbedeutung an, und das große Unglück, das bei den Vermählungsfeierlichkeiten Ludwigs XIV. und Maria Antoinettes stattgefunden, kam jedermann ins Gedächtnis. Die feierlichen Begräbnisse der Verunglückten, beinahe ein paar Dutzend, diejenigen inbegriffen, die noch später unter unsäglichen Schmerzen an ihren Brandwunden starben, erfüllten die Gemüter aufs neue mit Trauer. Napoleon selbst war durch diese Begebenheit sehr angegriffen und gab sich düsteren Ahnungen hin. Als ich den anderen Tag zu dem Fürsten Y. kam, empfing er mich mit den Worten: „Nun, und Sie sind unversehrt davongekommen? – Unkraut vergeht nicht!“