Das Konservatorium führte eine großartige Trauermusik auf, die von Zeit zu Zeit durch die Töne der schwarz verhüllten Orgel unterbrochen wurde; hierzu hatte man die herrlichsten Kompositionen Mozarts gewählt. Der Trauerwagen, auf dem die Leiche gebracht wurde, war mit vier Faszes, aus Fahnen bestehend, welche das von Lannes befehligte Armeekorps erobert hatte, geschmückt. Der ganze Zug bestand aus vier Abteilungen, einer geistlichen, einer militärischen, einem Trauerzug und einem Ehrenzug. Bei dem militärischen waren die Truppen aller Waffengattungen, Kanonen und Pulverkarren, die Tambours, Trompeter und Musikchöre der ganzen Garnison, die Lüfte mit lugubern Klagetönen erfüllend. Der ganze Generalstab mit den Fürsten von Neufchatel und Wagram, denen die Generalität, alle Stabsoffiziere und andere Offiziere folgten, waren an der Spitze des militärischen Zuges. Bei dem religiösen Zug, der sich vor dem militärischen bewegte, befand sich die ganze hohe und niedere Geistlichkeit von Notre-Dame und aller Kirchsprengel von Paris, mit unzähligen Kirchenfahnen, Kreuzen und so weiter, auch viele Greise und Kinder aus mildtätigen Anstalten und Pflegehäusern. Vier Marschälle, unter denen Moncey und Davoust, hielten die Zipfel des Bahrtuchs, auf beiden Seiten des Wagens trugen Lannes Adjutanten Standarten. Der Ehrenzug bestand aus des Marschalls leerem Wagen, zu dessen beiden Seiten wieder zwei seiner Adjutanten ritten; diesem folgten vier Trauerwagen für die Familie des Verblichenen, diesen die Wagen der Prinzen, Großwürdenträger, Marschälle, Generalobersten, Minister und höchsten Behörden. Sämtliche Züge schloß eine starke Abteilung der Gardekavallerie mit Trauermusik zu Pferde. So lange die Zeremonie währte, läuteten alle Glocken von Paris, und in kleinen Zwischenräumen fielen jedesmal dreizehn Kanonenschüsse. Als der Sarg in die Gruft gesenkt wurde, gab sämtliches Militär Gewehrsalven, und die Legionäre übergaben ihre Ehrenkreuze dem Großalmosenier, der sie durch den Erzpriester mit hinabsenken ließ. Davoust hielt eine kurze Rede, in welcher er die tiefe Trauer des Heeres über diesen Verlust aussprach, und nachdem der Erzkanzler eine zum Andenken an diese Totenfeier geschlagene Medaille dem Sarge folgen ließ, war sie beendigt, und die Truppen zogen mit lustig klingendem Spiel wieder ab. In ganz Frankreich, Italien und wo französische Truppen standen, wiederholte sich diese Totenfeier, durch welche Napoleon der Welt beweisen wollte, wie sehr er seine Helfershelfer zu ehren wisse, hauptsächlich um dadurch auf das Militär zu wirken.

Wenige Tage später gab die am Napoleonsfest, den 15. August 1810, erfolgte Vollendung der Siegessäule auf dem Platz Vendome, die man zum Ruhm der französischen Armee im Jahre 1806 begonnen hatte und die eine Nachahmung der Trajanssäule zu Rom ist, den Parisern abermals Stoff zur Unterhaltung und zu Festivitäten. Die zweihundertundzwanzig Fuß hohe Säule wurde aus eintausendzweihundert, den Österreichern und Russen 1805 abgenommenen Kanonen errichtet und stellte nach Art der römischen die hauptsächlichsten Taten der Franzosen aus dem Feldzug von 1805 dar; sie steht auf der Stelle, wo die während der Revolution zertrümmerte Bildsäule Ludwig XIV. stand. An zwei Millionen Pfund Erz sind zu dieser Säule verwendet worden. Auf einer in ihrem Innern angebrachten Schneckentreppe gelangt man zu ihrer Spitze, auf die Napoleons zehn Fuß hohe Statue gestellt wurde.

Am 25. August, denselben Tag an dem man früher das Fest des heiligen Ludwigs feierte, fand jetzt das der Marie Louise statt und wurde zum erstenmal mit außerordentlicher Pracht und großer Ostentation begangen. Einige Tage darauf hielt Napoleon im Bois de Boulogne Musterung über die holländischen Garden, die er nach Paris beordert hatte, und die hierauf in dem Gehölz so gut bewirtet und namentlich mit Wein so reichlich versehen wurden, als sie nur Lust zu trinken hatten, was für die Pariser abermals ein neues Schauspiel war, das aber wieder ein sehr schmutziges Ende nahm. Die holländischen Plexums betranken sich en canaille, fingen dann zuerst Stänkereien und Streit unter sich selbst und dann mit den Zuschauern an, und als ein Gewitter und starker Regen die letzteren schnell verscheuchte, hielten die Soldaten alle Frauen und Mädchen an, während sie die sie begleitenden Männer mißhandelten und zum Zeitvertreib die Bäume des Gehölzes umhieben, wodurch sich einige hundert kleine Gefechte, die zum Teil blutig ausfielen, entspannen. Einige der Zuschauer hatten sich nach St. Cloud geflüchtet und daselbst die fatale Mär hinterbracht. Napoleon geriet in Zorn über die Brutalität der Holländer und gab Order, sogleich viele und starke Patrouillen abzusenden, welche die Betrunkenen zur Räson bringen sollten, deren Anführern er selbst Verhaltungsbefehle gab, um die Ruhe wieder herzustellen. Ich hatte mich ebenfalls zu Pferd in das Boulogner Wäldchen begeben, die holländischen Garden tafeln zu sehen, und es gelang mir, einige Mädchen aus den Klauen dieser Trunkenbolde zu befreien. Diese Burschen waren nur Bier und Schnaps gewöhnt, der Wein war ihnen eine gar zu verführerische Neuigkeit. Als die Patrouillen ankamen, war es schon fast Nacht, und sie würden vielleicht wenig ausgerichtet haben, wenn sich nicht plötzlich das Gerücht unter den Soldaten verbreitet hätte, Napoleon selbst sei soeben angekommen, was die Burschen etwas nüchterner und gelassener machte, dieser hatte jedoch St. Cloud nicht verlassen. Die unmittelbaren Folgen dieses Gerüchts waren aber, daß sich die Holländer Hals über Kopf aus dem Staub machten und eiligst in ihre Kaserne zu kommen suchten, indessen wurden einige fünfzig verhaftet, und mehrere, die man en flagrant délit ertappt hatte, wurden streng bestraft.

Um diese Zeit oder bald darauf verbreitete sich auch das Gerücht von der Schwangerschaft Marie Louisens, und da schon beinahe sechs Monate verflossen waren, ehe man etwas davon hörte, so glaubte man allgemein den Hauptzweck von Napoleons Ehescheidung und Wiedervermählung verfehlt und war um so mehr über diese Trennung und Ehe ungehalten. Ein Teil des Publikums hielt Napoleon für impotent, während der andere seiner Gattin Unfruchtbarkeit zur Last legte; ja viele Personen wollten durchaus nicht an diese Schwangerschaft glauben oder hielten sie für fingiert und supponierten, daß der Kaiser damit umginge, ein fremdes Kind unterzuschieben und zu seinem Thronerben zu machen; selbst nach der Geburt des Königs von Rom gab es noch viele Personen, die denselben für untergeschoben halten wollten und diese Meinung unter dem Volk zu verbreiten suchten. Die Ursache, warum Marie Louise nicht früher guter Hoffnung geworden, soll der zu häufige Gebrauch von Bädern gewesen sein, die ihr nun untersagt wurden.

Es war Anfangs September, als ich meine Entlassung aus den französischen Diensten und mein Patent als Kapitän bei der neapolitanischen Garde zu Pferd, Cavalli leggieri, erhielt. Ich hatte besonders darum gebeten, bei der Reiterei angestellt zu werden, mich deshalb während der letzten Zeit meines Aufenthaltes zu Paris noch mehr mit den Manövern dieser Waffengattung vertraut gemacht, und allen Kavallerie-Übungen zu Pferde beigewohnt. Da jetzt mein Schicksal entschieden war, so eilte ich nun, Paris zu verlassen, wo es zwar alle Tage etwas Neues, aber auch manche eben nicht angenehme Neuigkeiten gab. Ich machte meine Abschiedsvisiten, empfahl mich besonders dem noch immer leidenden Fürsten Y., durch den ich doch manche vergnügte Stunde gehabt, und ging meiner neuen Bestimmung entgegen, den Weg über Orleans einschlagend, das ich noch nicht gesehen und doch gerne besuchen wollte. An Miollis hatte ich schon geschrieben, ihm die Äußerung hinsichtlich der Prinzessin Pauline gemeldet, und daß durch diesen Kanal nichts zu machen sei. Von Madame Bonnier nahm ich ebenfalls Abschied und Briefe an ihre Verwandten zu Pesaro mit, die ich persönlich zu übergeben versprach, sowie zu versuchen, daß sie die Dame bis zur Zurückkunft ihres Mannes in ihrem Schoß aufnehmen möchten, da sie sich so isoliert in dem gefährlichen Paris befinde. Dem Fürsten Y. tat meine Abreise wirklich leid, auch er fand sich verlassen in der großen Stadt und hatte sich an meinen Umgang gewöhnt.

II.
Reise von Paris nach Neapel. – Turin. – Ankunft zu Neapel. – Murats Garden und Hofstaat. – Fehlgeschlagene Expedition gegen Sizilien. – Grausame Maßregeln zur endlichen Vertilgung der Briganten in Kalabrien. – Entstehung der Carbonari. – Murat. – Die Königin Karoline. – Der Karneval zu Neapel. – Ein italienisches Liebhabertheater. – Die Festini in San Carlo. – Die Marchesa im Schilderhaus. – Fastenzeit und Osterfeier. – Ein Pistolenduell. – Don Juan zum erstenmal in Neapel aufgeführt. – Ein Schiff mit englischen Nachtgeschirren von der Douane weggenommen. – Ein Abenteuer in den Gärten zu Caserta. – Ein Souper suspendu. – Ein silbernes Ei. – Ein dreifacher Mord. – Weihnachtsfeier. – Verbrennung der englischen Waren. – Ich falle in die allerhöchste Ungnade und werde nach Tarent beordert.

Ein wenig sonderbar war es mir doch zumute, als ich Frankreichs Hauptstadt, in der ich so manches Abenteuer bestanden, so manches Vergnügen genossen, verließ und im Rücken hatte.

Erst in Turin beschloß ich Rasttag zu halten, um meinen etwas zusammengerüttelten und steif gewordenen Knochen einige Ruhe zu gönnen. Ich fuhr durch die schnurgeraden Straßen in ein Albergho, wo ich mich sogleich niederlegte und erst erwachte, als Mittag längst vorüber war. Ich machte meine Toilette und schickte mich an, die Sehenswürdigkeiten der schönen Stadt zu besuchen. Die Neustadt ist vielleicht die schönste Stadt Europas. Von allen Städten, die ich kenne, kann sich nur ein Teil von Berlin und Nancy mit ihr messen. Zur Nachtzeit werden Schleusen losgelassen, welche die Straßen reinigen, die dann wie abgewaschen sind. Die Festungswerke sind bedeutend; die Zitadelle, ein regelmäßiges Fünfeck, ist eine der stärksten Festen, die es gibt; auch schöne Promenaden sind in der Nähe der Stadt. Übergroße Müdigkeit und Bedürfnis nach Ruhe machte, daß ich Turins Herrlichkeiten nur sehr oberflächlich sah und die meiste Zeit in meinem Zimmer auf einem Ruhebett zubrachte. Den dritten Tag nach meiner Ankunft setzte ich meine Reise fort. In Pesaro suchte ich die Eltern der Madame Bonnier auf, denen ich die Briefe, welche mir ihre Tochter an sie mitgegeben, überlieferte. Sie wollten anfänglich wenig von ihr wissen und sagten, die Sünde ihrer Tochter, das Kloster verlassen und geheiratet zu haben, sei ein ewiger Schimpf für die ganze Familie, eine unvertilgbare Schande, denn so etwas sei noch nicht erhört worden, so lange es Christen gebe. Ich suchte die Leute deshalb zu beruhigen und eines Bessern zu belehren, aber meine Bemühungen halfen wenig, obgleich ich ihnen sagte, daß ich, als Helfershelfer bei der Geschichte, gerne die ganze Sünde auf mich nehmen wolle. Indessen brachte ich es endlich doch dahin, daß mir der Vater versprach, wenn sich eine passende Gelegenheit fände, er in Gottesnamen sein ungeratenes Kind kommen lassen wolle. Dies war freilich wenig Zuverlässiges, und ich erwiderte, daß es gewiß besser sei, wenn jemand von der Familie nach Paris reise, die Dame abzuholen, worauf mir aber ganz trocken geantwortet wurde, daß dies die Umstände nicht gestatteten. Ich empfahl mich nun ziemlich frostig, schrieb sogleich an Angelika das Resultat meiner Bemühungen und gab ihr den Rat, nicht weiter zu ihren Anverwandten zu verlangen, da dies herzlose Menschen seien, die ihr das Leben zur Hölle machen würden. Sie befolgte diesen Rat, wurde bald darauf Witwe, ihr Gatte, den sie nicht wieder gesehen, blieb in der Schlacht bei Salamanka; 1814 fand ich sie in Lyon als die Geliebte des Generals Albert, der früher als Augereaus Adjutant eine Anverwandte der Familie d’Orville, eine Mademoiselle Fuchs, in Offenbach geheiratet hatte.

In Rom angekommen, stattete ich dem General Miollis mündlich Bericht über alle in seinen Interessen getanen Schritte ab und setzte ihm die Unmöglichkeit auseinander, durch die mir eröffneten Kanäle und Instruktionen die gewünschte Absicht zu erreichen. Andere Demarchen, die er zu demselben Zweck durch einen Bataillonschef in Paris machen ließ, hatten noch schlimmeren Erfolg, denn vom Generalstatthalter in Rom wurde er nun erster Leutnant des Gouverneur général de Rome. Ich fuhr, ohne mich weiter in Rom umzusehen, nach Neapel ab, wo ich gegen Ende September glücklich ankam.

Mein erstes war, mich bei dem Baron Cäsar Dery, Generalleutnant und Kommandant der Garde-Kavallerie, zu melden und dann bei dem Baron Livron, Oberst des Regiments. Bei beiden wurde ich wohl aufgenommen, worauf ich bei alten Bekannten meine Privatvisiten machte. Helene befand sich mit ihrem Mann jetzt auf der Insel Capri, wo ich sie einigemal besuchte, auch kam sie fast jede Woche nach Neapel zu einer Freundin, wo wir dann intime Zusammenkünfte hatten. Bei dem Regiment waren die meisten Offiziere Franzosen, namentlich in den höheren Graden, nur wenige Neapolitaner waren in demselben sowie bei der Garde überhaupt angestellt. Diese, die Casa militare del Re genannt, bestand damals aus dem Stab, einem Generalkommandanten der Infanterie, einem der Reiterei, einem Gardegrenadierregiment, einem Regiment Veliten zu Fuß, einem Bataillon Voltigeurs, der Ehrengarde (Guardia d’onore), den Veliten zu Pferde, den Cavalli leggieri, bei denen ich stand; der Gensdarmeria scelta, der reitenden Garde-Artillerie, dem Train d’Artillerie, dem Genie und der Garde-Marine; auch waren noch Garde-Veteranen und Hellebarden vorhanden. Der Dienst dieser Truppen war im ganzen angenehm und nicht sehr beschwerlich, die Garden selbst standen im guten Ansehen, da sie meistens aus Fremden, hauptsächlich Franzosen zusammengesetzt waren, auch sehr reiche und kostspielige Uniformen, drei verschiedene Kostüme hatten. Die Equipierung kostete viel Geld, und denjenigen Offizieren, die nicht hinlängliche Mittel hatten, half Murats Großmut; er machte ihnen reiche Geschenke an Pferden und Geld. Auch der Hofstaat des Königs von Neapel war jetzt überaus prächtig und glänzend eingerichtet, er bestand aus einem Großmarschall des Palastes mit vier Palastpräfekten, unter denen der Herzog von Circella war, einem Gouverneur der königlichen Paläste, Palastadjutanten, Marescalli degli alloggi; Großkammerherr war der Fürst Colonna mit einem halben Hundert Kammerherren, meistens Principi, Herzoge, Marquis, Grafen und Barone; ein Großstallmeister mit zwanzig Unterstallmeistern, gleichfalls Principi und so weiter. Ein Pagengouverneur mit einem Untergouverneur, ein Dutzend Professoren, unter denen sogar ein Lehrer der deutschen Sprache, ein gewisser Moser, war, einige dreißig Pagen, ein Großjägermeister mit einem halben Dutzend Oberjägermeistern, ein Großzeremonienmeister nebst Zugehör, ein Kardinal-Großalmosenier, ein Bischof von Nola, Oberalmosenier, dreißig Almoseniere und Kapläne, aber noch bei weitem nicht genug, um all die vielen und großen Sünden des Hofes zu absolvieren. Die Königin Karoline hatte außerdem ihren eigenen Almosenier, den Erzbischof von Tarent; ihr Ehrenkavalier war Fürst d’Angri, eine besondere Ehrendame eine Dame d’Atour und ein Viertelhundert Palastdamen, unter denen die berühmtesten Namen Italiens, wie die Doria, Colonna, Imperiali, Spinelli, Carignani und so weiter figurierten, die wunderschöne Herzogin von Atri (Giuglietta Colonna) und die nicht minder schöne Marchesa Cavalcanti, auch eine Catharina von Medicis waren. Die königlichen Kinder hatten ihre Gouverneure, Gouvernanten und so weiter, und in diesem Verhältnis war das zahlreiche Unterpersonal des Hofes organisiert. Zu den größten Hoffesten und Bällen wurde außerdem der zahlreiche neapolitanische Adel, die angesehensten Bürger der ganzen Stadt, alle Garde- und andere anwesende Offiziere gezogen. Außerdem hatte Murat einige dreißig Adjutanten und Ordonnanzoffiziere, unter den letzteren viele Italiener. Das Hofleben war in hohem Grad rauschend, üppig, pompös, und die Toiletten der Damen zeigten eine orientalische Pracht und Verschwendung, wobei die Königin den Ton angab und in mehr als einer Hinsicht das Muster war, nach dem sich ihre Damen und die vornehmen Frauen der Residenz richteten.