Meine Equipierung kostete mich nahe an zehntausend Franken, drei Pferde inbegriffen. Glücklicherweise hatte ich einen ziemlich vollen Beutel mit von Paris gebracht, und wenn es fehlte, half Vetter Moritz aus; übrigens war das Gehalt ansehnlich.
Murat selbst war, als ich in Neapel ankam, noch mit einem Teil der Garde in Kalabrien; er hatte geraume Zeit vor mir Paris verlassen, projektierte eine Landung in Sizilien und hatte deshalb bedeutende Streitkräfte in der Sohle des italienischen Stiefels und der Gegend von Reggio versammelt. Drei französische Divisionen, eine neapolitanische, ein großer Teil der Garden, in allem einige zwanzigtausend Mann, waren bestimmt, das Wagstück zu unternehmen. Lamarque und Partonnaux, welche unter dem König kommandierten, waren mit ihren Divisionen zur Einschiffung bereit, nachdem vorher einige teils glückliche, teils unglückliche Gefechte zur See mit den Engländern stattgefunden hatten. Am Phar von Kalabrien lagen eine große Anzahl Transportschiffe und mehrere Kanonierschaluppen vor Anker. Das Heer kampierte an der Küste der Meerenge von Messina, die Garden und die Reservedivision im Zentrum, Partonnaux befehligte rechts und Lamarque links von Szilla. Eine bedeutende englische Seemacht von fünf Linienschiffen, sechs Fregatten, mehreren Briggs und Kanonierschaluppen hatte sich zwischen dem Phar und Messina aufgestellt, verursachte der neapolitanischen Marine großen Schaden und hatte schon manches Konvoie derselben weggenommen oder versprengt, auch in Amalthea viel Unheil angerichtet. Endlich, nachdem es, den Engländern zum Trotz, gelungen war, eine hinlängliche Anzahl Schiffe in der Nähe des Lagers zu vereinigen und die Äquinoktialstürme den Feind genötigt hatten, sich in die Häfen von Sizilien zurückzuziehen, bestimmte Murat die Nacht vom 17. auf den 18. September zur Landung in Sizilien. Drei Regimenter leichter Infanterie, ein Regiment neapolitanischer Jäger nebst einem Bataillon Korsen wurden gegen Mitternacht eingeschifft und landeten gegen zwei Uhr Morgens zu San Stefano in Sizilien. General Cavaignac, der diese Division befehligte, glaubte, daß ihm der Rest der Armee unmittelbar folgen würde, griff sogleich alle ihm im Wege stehenden Posten an, von denen viele aus Engländern bestanden, die mehrere Regimenter in Sizilien hatten, und marschierte dann mit seiner Kolonne bis Duchessa vor; allein während er sich mit dem Feind herumschlug, war eine gänzliche Windstille eingetreten, wodurch sowie durch die Strömungen im Kanal die übrigen Truppen am Abfahren verhindert wurden. Murat selbst hatte sich eingeschifft und blieb bis zum Tag in seiner Schaluppe. Vergeblich auf günstigen Wind hoffend, ließ er endlich den schon übergesetzten Truppen das Zeichen geben, wieder zurückzukehren. Als der englische General Stuart, der diese Landung für einen fingierten Angriff hielt, überzeugt war, daß die anderen Truppen unmöglich nachkommen konnten, ging er auf San Stefano los, um die ausgeschiffte Division abzuschneiden. Diese Truppen wurden nun handgemein, und Cavaignac mußte sich vor der großen Übermacht Hals über Kopf an das Ufer des Meeres zurückziehen, wo man sich in der größten Unordnung unter dem feindlichen Feuer einschiffte. Zum Unglück war ein großer Teil der Transportschiffe schon wieder an die Küsten von Kalabrien zurückgekehrt, und ein Teil der Division, von Oberst Ambrosia befehligt, mußte die Waffen strecken und sich gefangen geben. Mit einem Verlust von wenigstens eintausendfünfhundert Mann und vielen Verwundeten kamen die Übrigen wieder auf dem festen Land an. Dieser schlimme Ausgang des ersten Landungsversuchs auf Sizilien entmutigte Murat und die Truppen. Kurz darauf machte ein Tagesbefehl dem Heer bekannt, daß Napoleons Verlangen bereits ein Genüge geschehen, indem dessen Absicht nur gewesen sei, die Streitkräfte der Engländer auf diesen Punkt zu ziehen, um die nötigen Verstärkungen unangefochten nach der Insel Korfu schicken zu können, und daß vorerst die Expedition nach Sizilien verschoben werde. Wenige Tage darauf wurde das Lager abgebrochen, die Schiffe und die Garden kehrten nach Neapel zurück, wo auch Murat etwas verstimmt und ungehalten ankam. Über die Ursache der so schnellen Aufgabe dieses Unternehmens wurden mancherlei Vermutungen ausgesprochen, viele wollten sie einem geheimen Befehl Napoleons zuschreiben, der nicht gerne sehe, daß sein Schwager allzumächtig würde und den er schon mit mißtrauischen und neidischen Augen betrachte. Soviel ist sicher, daß seit jener Zeit ein Mißverständnis zwischen den beiden Schwägern bestand, das immer mehr Wurzel faßte.
Um dem noch immer in Kalabrien wenigstens teilweise bestehenden Brigantenunfug zu steuern und ihn endlich auszurotten, nahm die Regierung Murats ein System an, welches hauptsächlich darin bestand, daß man die Einwohner Kalabriens selbst für die in dem Gebiet ihrer Kantone von den Briganten begangenen Untaten verantwortlich machte. Die regulären Truppen wurden jetzt nur noch dazu verwendet, die Einwohner zu zwingen, die Insurgenten selbst zu bekämpfen, zu fangen und auszuliefern, widrigenfalls man sie als deren Helfershelfer ansehen und bestrafen würde. Diese Maßregeln in Ausführung zu bringen, wurden zehn- bis zwölftausend Mann in alle Teile Kalabriens verlegt. Das Dekret, welches deshalb erschien, war sehr streng und grausam, und ließ auch Spielraum zu ungestrafter Befriedigung der Privatrache. Es wurden Listen mit Namen von Familien, als des Einverständnisses mit den Briganten verdächtig, angefertigt, und ein jeder, der ein solches Individuum tötete oder gefangen ablieferte, erhielt eine Belohnung von zwanzig bis fünfundzwanzig Dukati, war es aber ein Brigantenchef, so empfing er fünfhundert Dukati. Wer den Insurgenten oder ihren Helfershelfern irgend etwas, sei es an Nahrung, Kleidung, Munition, Geld und so weiter zukommen oder sie entwischen ließ, wurde augenblicklich erschossen. Der General Manches, ein sehr harter und heftiger Mann, wurde mit der Vollziehung dieses Dekrets beauftragt und vollzog es ohne alle Schonung. Die Folgen waren, daß viele Tausende der Einwohner, sich nicht mehr sicher wähnend oder Privatfeinde habend, nach Sizilien entflohen. Aber diese harte Maßregel hatte so ziemlich den erwünschten Erfolg; das Brigantenwesen hörte bald fast gänzlich auf, und man konnte endlich ziemlich sicher in ganz Kalabrien umherreisen. Freilich waren zahlreiche Familien das Opfer für ein einziges ihrer Mitglieder geworden, das sich etwas hatte zuschulden kommen lassen; denn Eltern, Geschwister und andere Anverwandte mußten das Vergehen des einen büßen. Aber das Land war doch endlich nach fünf Jahren ziemlich beruhigt; so lange hatte der grausame Brigantenkrieg gewährt, eine sich ewig erneuernde Hyder, die unaufhörlich von Sizilien aus alimentiert wurde.
Eines der gefährlichsten Brigantenhäupter war zuletzt der sogenannte Brigantenfürst Baron Bittiglioni gewesen, der mit großer Verwegenheit in Salerno sein Wesen trieb, ohne daß jemand geahnt hatte, daß er einer der Haupturheber der Brigantenstreiche war. Endlich kam man diesem schlauen Fuchs, der alle Gestalten annahm, doch auf die Spur. Er wurde nebst mehreren seiner Offiziere aufgehoben und samt seinem ganzen Anhang zum Tode verurteilt. Viele Individuen aus den ersten Familien zu Neapel waren mit in diese Geschichte verwickelt, und ihre Häupter traf dasselbe Urteil. Murat verwandelte jedoch die Todesstrafe in lebenslängliches Gefängnis oder Kettenschleifen, zehnmal schrecklicher als der Tod. Mit der Rückkehr des alten Königshauses (1815) wurden aber die noch Lebenden wieder frei und sogar belohnt.
Ungefähr zu dieser Zeit war es, daß sich in Kalabrien die berüchtigte Sekte der Karbonari bildete, hauptsächlich durch die erwähnten strengen Maßregeln sowie durch die abscheulichen Grausamkeiten des General Manches hervorgerufen, welche die Einwohner zwangen, sich so geheim als möglich zu verbinden, um dieser Tyrannei das Gleichgewicht zu halten und ihr wo möglich die Spitze zu bieten. Bald hatte sich dieser geheime Bund im ganzen südlichen Italien verbreitet und wurde sogar von dem Polizeiminister Maghella, einem gebornen Genueser, der früher an der Spitze der Polizei der ligurischen Republik gestanden, unter der Hand wenn nicht gerade begünstigt, doch geduldet, wenigstens wollte er durchaus das Bestehen des Bundes ignorieren oder die Sache mindestens als eine unbedeutende Kinderei dargestellt wissen. Irrig ist es aber, daß er der Stifter des Karbonarismus gewesen, wie mehrfach behauptet wurde; ein sizilianischer Edelmann aus Palermo namens Caravante war, wenn vielleicht auch nicht der erste Gründer, doch zuverlässig der Stifter und Verbreiter der Sekte in Kalabrien. Noch immer gab es viele zersprengte Reste der früheren Brigantenbanden, die sich in die unzugänglichsten Wald- und Bergschluchten, von denen sie allein eine genaue Kenntnis besaßen, geflüchtet hatten. Diese wurden nun förmliche Raubmörder und die Plage der Gegenden, in deren Nähe sie sich aufhielten. Die schon bestehenden Karbonari, deren Zweck jetzt war, das Land von der fremden Herrschaft zu befreien und ihm eine möglichst demokratische Verfassung zu geben, wurden vonseiten der Engländer in Sizilien und der dortigen Regierung möglichst unterstützt und ihnen an die Hand gegeben, sich der noch in den Wildnissen vorhandenen Briganten zu ihren Zwecken zu bedienen. Den Namen Karbonari (Kohlenbrenner) erhielten sie, weil sich die ersten Männer dieser Sekte als solche verkleidet in Wäldern verbargen und ihrer Sicherheit wegen und dem Anschein nach dieses Gewerbe trieben; deshalb hatten sie auch ihre Embleme, Benennungen und geheimen Erkennungszeichen von dem Gewerbe der Kohlenbrennerei entnommen, nannten ihre Versammlungsorte Baracca vendita und so weiter, teilten sich nach Art der Freimaurer in verschiedene Grade, anfangs nur in zwei, später in vier ein, und machten den heiligen Theo zu ihrem Schutzpatron. Dies war das erste Entstehen des Karbonarismus, von dem man soviel gefabelt und soviel Albernheiten erzählt hat, und dessen Ursprung man bald in den Hochgebirgen Schottlands vor Jahrhunderten finden, bald von deutschen Köhlern, vielleicht gar von denen, welche den sächsischen Prinzenraub verhinderten, und ähnlichen Dingen ableiten wollte.
Eine Verordnung, welche Murat zu jener Zeit erließ, um sich durch dieselbe unabhängiger von Napoleon und selbstständiger zu machen, besagte, daß in Zukunft alle Ausländer, die in neapolitanische Dienste treten oder in diesen bleiben wollten, das neapolitanische Bürgerrecht erwerben müßten. Als dies der Kaiser der Franzosen erfuhr, wurde er wütend, und dekretierte sogleich, daß allen Franzosen, als Murats Landsleuten, dieses Bürgerrecht von selbst zustände und sie es nicht erst zu erwerben hätten, um Zivil- und militärische Anstellungen im Königreich Neapel bekleiden zu können.
Da ich während meines nun beinahe zweijährigen ununterbrochenen Aufenthaltes in Neapel Murat und seinen Hof sehr genau kennen zu lernen Gelegenheit hatte, so will ich hier in Kürze das Wichtigste und Interessanteste, den König, seine Gattin und die Hofhaltung betreffend, mitteilen.
Murat wurde im Jahr 1767 zu La Bastide Frontonnière bei Cahors geboren, einem Dorf im ehemaligen Perigord und dem jetzigen Departement du Lot, wo sein Vater Gastwirt war und in einigen Geschäftsverbindungen mit der Familie Talleyrand stand. Kaum konnte der Knabe laufen, so saß er auch schon auf den wildesten Bauernpferden ohne Sattel und setzte bald mit diesen über Stock und Stein, Gräben und Hecken. Sein Vater hatte ihn erst zum geistlichen Stand bestimmt und durch Talleyrands Fürsprache eine Stelle im Kolleg zu Cahors für ihn erlangt. Hier machte er aber schon sehr tolle Streiche, und als er von dort nach Toulouse kam, um daselbst den Priesterrock zu erhalten, verliebte er sich, kaum neunzehn Jahre alt, in ein hübsches Mädchen, schlug sich, obgleich er schon ein Abbé-Mäntelchen hatte, um und für seine Schöne, entführte und versteckte sie und sagte hierauf dem geistlichen Stand Valet. Hierauf half er seinem Vater eine kurze Zeit in der Wirtschaft, wo er dessen und die Pferde fremder Fuhrleute in die Schwemme ritt, viel spielte, und zwar so unglücklich, daß er bald genötigt war, La Bastide zu verlassen. Er nahm nun als gemeiner Reiter Dienst in dem zwölften Chasseurregiment. Der Ex-Abbé war einer der schmucksten Kavalleristen im Regiment und wußte sein Roß so trefflich zu tummeln, daß er bald zum Maréchal de Logis (Sergeant) avancierte. Wegen einer Insubordination gegen einen im ganzen Korps verhaßten Offizier, einen Gamaschen- und Zopfheld der alten Zeit, wurde er aber kassiert und mußte das Korps verlassen, brachte wieder eine Zeitlang bei seinen Eltern zu, deren Gäste bedienend, eilte aber, nachdem die Revolution ausgebrochen war, nach Paris, wo er Dienste in der konstitutionellen Garde des Königs nahm, die Partei der Revolutionären mit allem Feuer ergriff und jeden Tag Händel und Raufereien deshalb hatte. Kurz vor der Auflösung dieses Korps wurde er als Unterleutnant zu dem dreizehnten Chasseurregiment versetzt und zeichnete sich bei demselben fortwährend höchst exaltiert für die neue Freiheit aus, so daß man ihm den Namen Marat beilegte, den er einige Zeit führte. Während der Schreckenszeit avancierte er bis zum Rittmeister, und 1794 wurde er Oberstleutnant. Gleich Bonaparte nach dem 9. Thermidor abgesetzt, wurde er mit diesem bekannt, und mit ihm wieder angestellt, unterstützte er ihn den 13. Vendemiaire in der Verteidigung des Konvents. Als Bonaparte Obergeneral der Armee in Italien wurde, nahm er Murat als seinen Adjutanten mit. Durch ihn überschickte er dem Direktorium einige zwanzig den Österreichern abgenommene Fahnen, und da er sich in verschiedenen Gefechten durch seine persönliche Tapferkeit sehr ausgezeichnet hatte, so ward er nun zum Brigadegeneral ernannt und auch bei diplomatischen Verhandlungen, wie am Hof zu Turin wegen des Friedens, zu Genua, wo er es bei dem Dogen durchsetzte, daß dieser den österreichischen Gesandten auswies und so weiter, verwendet. Noch tat er sich durch verschiedene glänzende Waffentaten an der Spitze der Reiterei hervor, war mit Bonaparte auf dem Rastatter Kongreß, wollte durchaus den dort von den österreichischen Husaren auf höhere Anstiftung an dem französischen Gesandten schändlich begangenen Meuchelmord auf das blutigste gerächt wissen, und ging dann nach dem Kirchenstaat ab, dort ausgebrochene Empörungen zu dämpfen. Bald darauf begleitete er Bonaparte nach Ägypten, wo er sich abermals sehr auszeichnete, namentlich bei der Verfolgung der Mamelucken. Bei dem Sturm von Sankt Jean d’Acre verlor er seinen prächtigen Federbusch, den ihm ein Türke abgeschossen hatte und den er lange nicht verschmerzen konnte; besonders da ihn die Türken, in deren Hände er gefallen war, als eine Siegestrophäe betrachteten. Er rächte sich aber glänzend, indem er Laffel entsetzte, die Schlacht am Tabor mitgewann und bei den Pyramiden und in der Nähe von Gizeh über zwölftausend Türken mit seiner Reiterei niedermetzelte von denen einige Tausend in das Meer gesprengt wurden und in dessen Fluten ertranken, wobei aber Murat mehrere Wunden erhielt. Mit Bonaparte nach Frankreich zurückgekehrt, rettete er diesen am 18. Brumaire, indem er mit einer Grenadierkompagnie in den Rat der Fünfhundert drang und diesen auseinander jagte. Zur Belohnung all dieser Dienste gab ihm 1808 Napoleon seine jüngste Schwester, die schöne Karoline, zur Frau, und machte ihn zum Kommandanten der Konsulargarden. Nach der Schlacht von Marengo, wo er die Reiterei befehligte und viel zum Gewinn derselben beitrug, wurde er Gouverneur der zisalpinischen Republik und dann 1804 Gouverneur von Paris, wo er sein möglichstes zur Thronbesteigung seines Schwagers als Kaiser der Franzosen beitrug. Nun wurde er Marschall, kaiserlicher Prinz und Großadmiral von Frankreich. Im Krieg mit Österreich 1805 befehligte er abermals die sämtliche Reiterei, schlug zwölftausend österreichische Grenadiere und nahm sie bei Werdingen gefangen; den Erzherzog Ferdinand verfolgend, drang er nach Böhmen vor, ließ abermals zwölftausend Österreicher die Waffen strecken, und hatte allein zwischen Ulm und Nürnberg ein Dutzend österreichischer Generäle, ein halbes Hundert Kanonen, anderthalbtausend Wagen und an zwanzigtausend Mann gefangen. Er war es, der zuerst in Wien einrückte und dann sehr tätig bei der Schlacht von Austerlitz war. Nun wurde er (1806) Großherzog von Berg, zeichnete sich abermals im Krieg gegen Preußen (1807) aus und wurde (1808) zum General en chef über das in Spanien einrückende Heer ernannt, wo wir ihn bereits kennen lernten. Um ihn für die spanische Krone, die Murat zu erhalten gehofft, zu trösten, machte ihn Napoleon zum König von Neapel und dadurch bald zu seinem erst geheimen, dann offenen Feind. Murat hatte sich in den Kopf gesetzt, daß Napoleon dem zur Expedition gegen Sizilien bestimmten Anführer der französischen Truppen geheimen Befehl gegeben habe, diese zu hintertreiben, und daß deshalb die andern Truppen dem Oberst Cavaignac nicht gefolgt seien, weshalb er die Entfernung der französischen Regimenter aus seinem Reich auf das bestimmteste von dem französischen Kriegsminister begehrte, was ihm aber ebenso bestimmt abgeschlagen wurde. Er sah jetzt in den in französischen Diensten stehenden Generälen und Truppen nur noch Aufpasser, Spione und Vormünder, bestimmt, seine Handlungen zu überwachen und eine Art Obervormundschaft auszuüben; sein Mißtrauen verleitete ihn deshalb oft zu einem kleinlichen Benehmen, das ihm in der öffentlichen Meinung außerordentlich schadete. In diesem Unmut war es, daß er das Gesetz erließ, daß jeder in seinem Reich Angestellte sich naturalisieren lassen müsse, und worauf sein Schwager mit dem erwähnten Dekret geantwortet und noch hinzugesetzt hatte, daß – in Betracht, daß das Königreich Neapel einen Teil des großen Reichs ausmache, der Fürst, der daselbst regiere, aus den Reihen der französischen Armee hervorgegangen und durch französisches Blut auf diesen Thron erhoben worden sei, – Napoleon dekretiere, daß alle französischen Bürger von Rechts wegen auch Bürger von Neapel seien. Der Schlag war geschehen und der Grund zur Feindschaft und zum Haß zwischen den beiden Schwägern gelegt. Murat legte jetzt sein französisches Ehrenkreuz und das große Band desselben ab, und zwischen ihm und seiner Gemahlin, welche leidenschaftlich die Partei ihres Bruders ergriff, gab es häufig sehr heftige und ärgerliche Auftritte; auch wurde sogar das Fest zu Ehren des neugeborenen Königs von Rom bis auf weitere Order in Neapel vertagt. Die Kluft wurde immer größer. Murat wußte, daß ihn sein Schwager in seinem Zorn, wegen der oft phantastischen Pracht seines Kostüms, einen Theaterkönig genannt hatte, sowie daß man ihm wegen seiner Reiterkünste den Namen des Franconi[1] der Armee beigelegt; selbst zu Neapel hörte man ihn öfters Torniero, der Name eines berühmten Stallmeisters, nennen. Als sich der Hof mit dem Beginnen des Sommers (1811) nach Caserta begab, zog sich Murat maulend nach Capo di monte zurück, um sich dem Anblick der ihm jetzt verhaßten Franzosen, die er nicht hatte wegbringen können, zu entziehen. Täglich ließ er sich Polizeiberichte über das Treiben der Fremden einreichen, die er sehr sorgfältig prüfte und wodurch sich sein Mißmut noch steigerte. In der Tat war er freilich nur ein Vasall oder Präfekt des großen Reichs. Von der Königin glaubte er, daß sie geheime Instruktionen von ihrem Bruder habe, nach denen sie handle.
Murats Kleidung war allerdings phantastisch genug, ja bisweilen karikaturenartig. Bald war er als Araber, bald à la Henri IV. gekleidet. Bald trug er ein reiches polnisches Kostüm, bald war sein Anzug aus allen möglichen Ländertrachten, aus den verschiedensten Zeiten zusammengesetzt und so weiter, aber nie durften diamantene Agraffen und die prächtigsten und kostbarsten Federn fehlen, nie hat man ähnliches auf irgendeinem Theater gesehen. Sein Säbel oder Schwert hing in goldenen, mit Brillanten besetzten Ceinturen herab, sein großes stolzes Streitroß hatte meistens einen türkischen Sattel und eine reichgestickte, mit Edelsteinen bedeckte Schabracke von der kostbarsten Arbeit, ebensolches Zaumzeug, Gebiß und Steigbügel von Gold. Seine Federn und Federbüsche kosteten oft über fünfzigtausend Franken in einem Jahr. Da er eine schöne Gestalt hatte, vortrefflich ritt und seine persönliche, an Tollkühnheit grenzende große Tapferkeit allgemein bekannt war, so verglichen ihn seine Schmeichler oft mit dem Achilles, ja nicht selten mit dem Kriegsgott Ares selbst, und seine Gegenwart brachte vor dem Feind immer eine ungewöhnliche Wirkung hervor, so auch bei vielen Damen, die ihn wie einen Halbgott verehrten; doch gab es auch andere, selbst an seinem Hof, die ihn als eine großartige Karikatur betrachteten. Wenn, wie es zur Herbst- und Winterszeit fast täglich der Fall war, in den Nachmittagsstunden die Königin mit ihrem Hofstaat aus den Schloßtoren zur Promenade ausfuhr und diesem Wagen dann Murat zu Pferde mit einer zahlreichen Suite und einer Abteilung der Garde zu Pferde folgte, so war es, als wenn das wilde Heer den Palast verließ, denn wie ein Sturmwind jagte der ganze Zug aus den Pforten über den Schloßplatz, sauste meistens durch Toledo oder nach der Villa Reale zu, und selten, daß nicht ein oder ein paar Reiter stürzten, über welche dann die anderen hinaussetzten. Um die Stunde, in welcher diese höllischen Abfahrten stattfanden, war jedesmal eine große Menge Volk auf dem Platz vor dem Palast versammelt, das grausig-prächtige Schauspiel anzustaunen. Ein einziges Mal war auch mir ein Pferd, jedoch nur auf die Knie gestürzt, erhob sich aber sogleich wieder, und ich raste dem wilden Zug nach.
Die Königin Karoline, damals achtundzwanzig Jahre alt, war noch sehr hübsch, obgleich sie schon vier Kinder gehabt, außerordentlich ehrgeizig, dabei sehr lebenslustig, spann aber ebenso gerne politische wie verliebte Intrigen, hatte viel Verstand, aber wenig Kenntnisse, große Charakterstärke und Energie, aber ihre Unwissenheit in wissenschaftlicher Hinsicht war ebenso groß. Ihr Wuchs war nichts weniger als majestätisch; sie hatte etwas hohe Schultern, zu kurze Beine bei zu langem Leibe, auch war sie eben nicht sehr graziös und spöttelte gerne, wodurch sie sich besonders unter den Hofdamen manche geheime Feindin machte. Bei den ersten Szenen zwischen ihr und ihrem Gatten ging es eben nicht sehr königlich zu, beide warfen sich dann gegenseitig ihre gehabten Abenteuer vor, Murat schimpfte auf seinen Schwager Napoleon, und Karoline nahm ihren Bruder in Schutz und verteidigte ihn mit großer Heftigkeit, die nicht selten ins Gemeine ausartete. Dieses Benehmen hatte auf den ganzen Hof, dem es wohl bekannt war, einen verderblichen Einfluß, die meisten Herren nahmen Partei für die Königin und die Damen für ihren Gatten, und es gab Anlaß zu tausend Unannehmlichkeiten und Intrigen. Murat sagte, daß er nicht unter dem Pantoffel stehen wolle, und Karoline schrie, daß sie, eine Schwester Napoleons, sich nicht mißhandeln und unterdrücken lassen werde. Da viele hohe Staats- und Hofchargen von Franzosen bekleidet wurden, welche die Königin an sich zu ziehen gewußt, so hatte dies zur Folge, daß Murat sie zu entfernen und durch ihm ganz ergebene Individuen zu ersetzen suchte, was aber seine Frau, mit ihrem allmächtigen Bruder drohend, schlechterdings nicht zugeben wollte; dagegen waren manche der Hof- und Palastdamen der Königin ein Dorn im Auge, namentlich die schöne Herzogin von Atri und einige andere, die sie entfernt wissen wollte, was wieder Murat nicht zugab. Dies machte, daß das Hofleben einen fortwährenden sehr bissigen Krieg darstellte und oft ein wahres Höllenleben wurde. Napoleon charakterisierte seinen Schwager in einem Brief, den er an Karoline schrieb, ziemlich treffend, indem er sagte: „Dein Mann ist auf dem Schlachtfeld der Tapferste, aber wenn er den Feind nicht vor Augen hat, schwächer als ein Weib oder ein Mönch, er hat durchaus keinen moralischen Mut.“