Kurz nachdem Murat von der verunglückten Expedition gegen Sizilien aus Kalabrien zurückgekommen war, bedankte ich mich in einer erhaltenen Audienz bei ihm für die mir gewordene Anstellung; es fand sich dabei Gelegenheit, ihm in Erinnerung zu bringen, daß ich ihn schon zu Madrid und bei der Einnahme von Capri gesprochen habe, und er entließ mich mit den Worten: „Eh bien j’espère que vous ferez votre chemin chez nous.“ Da mir jetzt der Dienst in der Residenz ziemlich viel Muße ließ, so widmete ich mich wieder mehr der Musik und den schönen Wissenschaften, las und studierte den Machiavelli und so weiter.

Es existierte auch wieder ein französisches Liebhabertheater, bei dem mehrere Herren vom Hofe und einige Offiziere und Offiziersdamen, auch eine der Palastdamen, eine junge Französin, Madame d’Arlincourt, mitwirkende Teilnehmer waren und das besonders von der Königin protegiert und besucht wurde. Einigemal übernahm ich Liebhaberrollen bei demselben und hatte das Glück, auch dem anwesenden Murat zu gefallen. Da aber die Führung, Zusammensetzung und Austeilung der Rollen mir nicht zusagte, zog ich mich wieder zurück und war bloß noch Zuschauer; indessen war ich dadurch in einige nähere Berührung mit den Hofleuten und Madame d’Arlincourt gekommen, was bald mich weiter führen sollte.

Der Karneval von 1811 war äußerst belebt und glänzend, das Volk überließ sich dem Taumel dieses Vergnügens in vollem Maß. Toledo wurde von Masken, maskierten Carri (Wagen) und Reitern nicht leer, ebenso die anderen Plätze und Hauptstraßen. Es ist Tatsache, daß zu Neapel der Karneval im ganzen weit lebendiger, tumultuöser und lärmender ist wie der zu Rom, wenigstens so, wie ich beide sah.

Murat versäumte nichts, der Vergnügungssucht der Neapolitaner zu frönen. Sämtliche Theater empfingen während seiner Regierung Unterstützungen, und San Carlo wurde ganz besonders gehegt und gepflegt, die besten Sänger und Sängerinnen Italiens für die Stagione mit ungeheurem Gehalt engagiert und Unsummen Geldes auf Kostüme, Dekorationen, Maschinerie und so weiter verwendet; lange hatten die hiesigen Bühnen keine solche Glanzepoche gehabt wie jetzt. – Bei Besuch des französischen Liebhabertheaters hatte ich Gelegenheit gehabt, den Herrn von Longchamps, der Kammerherr des Königs und Oberintendant sämtlicher Theater und Schauspieler war, kennen zu lernen und mich auf einen guten Fuß mit ihm zu stellen, so daß ich allen Proben beiwohnen und auch während der Vorstellungen die Bühnen besuchen durfte; auch machte ich den Vorschlag, einige Ballette in Szene zu setzen, den er mit Dank annahm. Woran mir aber am meisten gelegen, war endlich, Mozarts Meisterwerk, den Don Juan, auf die italienische Bühne zu bringen. In Florenz hatte man auf meine Veranlassung sich dazu entschlossen, aber nach sechswöchigen Proben die Sache als unausführbar wieder aufgegeben. Die dortigen Musiker und Sänger hatten übereinstimmend geäußert, diese Musik sei nicht zum Aufführen geschaffen! – Als ich dies gehört, schrieb ich dem dortigen Impressario, dem ich die Sache empfohlen hatte: „Ihr seid Esel, in Deutschland wird der Don Juan schon seit beinahe zwanzig Jahren auf allen bedeutenden Bühnen gegeben.“ Die Herren wollten aber alle nach ihrer löblichen Gewohnheit auch diese Musik ad libitum singen und vortragen, italienische Schnörkeleien hineinflechten, das Orchester sollte ihnen, wie sie es gewohnt, nachgeben, was bei einer solchen Instrumentation, die mit der größten Präzision ausgeführt werden muß, unmöglich ist, und so erklärte man die Sache für untunlich und gab sie auf; dies war mit Ursache, daß ich in Neapel anfänglich mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, um den Don Juan auf die Bühne zubringen, was endlich nur ein königliches Machtgebot vermochte, wie wir bald sehen werden. Longchamps teilte mir eines Tages mit, daß die Königin gerne ein italienisches Liebhabertheater sich organisieren sähe, da sie eine besondere Vorliebe für diese, eigentlich ihre Muttersprache hege, und ihn beauftragt habe, womöglich ein solches zustande zu bringen. Da ich jetzt das Italienische schon ganz geläufig und vollkommen gut sprach, so erbot ich mich sogleich, tätigen Anteil an demselben zu nehmen, was dem Kammerherrn und Intendanten willkommen war, da er noch niemand wußte, mit dem er das Fach der ersten Liebhaberrollen besetzen solle. Er übersandte mir ein paar Tage darauf die Titelrolle in Goldonis Lustspiel ‚l’Avventurie‘, mit welchem das neue Theater, das die Königin auf ihre Kosten sehr elegant im Palast hatte einrichten lassen, eröffnet werden sollte. Die Sache fiel ganz zur Zufriedenheit der hohen Beschützerin aus, die sich lobend über unsere Leistungen aussprach und auf deren Wunsch jetzt mehrere von ihren Damen tätigen Anteil an diesen Vorstellungen nahmen, unter anderen auch die schöne Herzogin von Atri und die Marchesa Cavalcanti. Wir studierten nun noch mehrere Lustspiele von Goldoni und auch einige Dramen ein, wodurch ich mit den mitwirkenden Hofdamen in vielseitige nähere Berührung kam, und namentlich mit der Herzogin von Atri, welche die erste Liebhaberin machte. Eines Tages sprach Longchamps mit mir von unserem Repertoir und ließ dabei vernehmen, daß die Königin den Wunsch geäußert habe, einige neue und pikante Sachen, die noch nicht allgemein bekannt seien, aufführen zu sehen. Ich erbot mich, einige Stücke aus dem Deutschen zu übersetzen, die sehr interessant und in Italien noch gänzlich unbekannt seien; mein Antrag wurde mit Dank angenommen, und ich machte mich sogleich an Schillers Fiesco, eines meiner Lieblingsstücke; da ich indessen fürchtete, die Feinheiten und Subtilitäten der italienischen Sprache nicht hinlänglich zu kennen, so suchte ich mir einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin, um das Stück noch zu feilen, und fand sie in der schönen Marchesa Cavalcanti, die aber auch die Rolle der Eleonore sogleich für sich in Anspruch nahm und die der Imperiali der Herzogin von Atri zuteilte, während eine Doria, deren nicht weniger als drei unter den Palast- oder Hofdamen waren, die Berta machte, die der Cameriere Rosa und Arabella wurden zwei Offiziersdamen zugeteilt; daß ich mir die Titelrolle vorbehielt, war sehr natürlich, sowie daß ich sie auch recht natürlich spielte, den beiden schönen Damen recht con amore meine Liebe versichernd. Nichts war unterhaltender, als die Proben dieser Vorstellungen, deren wir unzählige veranstalteten, bis das Stück endlich vollkommen und zu meiner Zufriedenheit einstudiert war, und während deren ich alle Muße und Gelegenheit hatte, mich mit meinen Damen zu verständigen, wobei ich es so zu machen wußte, daß eine jede von der anderen glaubte, diese spiele in Wirklichkeit die Rolle der Imperiali. Endlich waren wir nach einem Monat des Probierens so weit, daß das Stück in Szene gesetzt werden konnte. Dies war ein wahrer Festtag für mich, und noch nie hatte ich die Bretter mit einem so freudigen Gefühl betreten; die Vorstellung, der der ganze Hof, die Minister, alle Offiziere und höheren Beamten beiwohnten, fiel über alle Erwartung gut aus und war auch hinsichtlich des Arrangements und der Kostüme auf das prächtigste ausgestattet. Der Beifall war fortwährend fast stürmisch, aber vor allem wurde die Szene des vierten Aktes donnernd applaudiert, und der Augenblick, wo Fiesco, nachdem ihm die Imperiali mit den Worten: „Fiesco t’adoro“ gestanden, wie sehr sie ihn liebe, die Draperien wegziehend, seine Gemahlin vorführend sagt: „Mi spiace, signora! Ecco mia moglie una donna celeste!“ erschütterte das ganze hohe Publikum so gewaltig, daß es seinem Gefühl mit einem anhaltenden und donnernden bravissimo Luft machte, was freilich mehr auf Rechnung des unsterblichen Schiller als der Darsteller zu setzen war. Auch der Mohr Hassan, dessen Rolle ein neapolitanischer Offizier machte, erntete großen Beifall. Murat war so entzückt von dem Stück, daß er es dreimal wiederholen ließ und mich selbst aufforderte, noch mehrere dergleichen zu übersetzen. Ich machte mich nun an den Don Carlos, aber in Prosa, wodurch er natürlich verlieren mußte; dennoch gefiel er ungemein. Freilich war die schöne Cavalcanti eine unvergleichliche Elisabeth sowie die Herzogin von Atri eine nichts zu wünschen übrig lassende Eboli; den Posa hatte ich mir vorbehalten. Da auch dieses Stück gefiel, so munterte mich Murat noch mehr zu ähnlichen Unternehmungen auf, machte mir einen kostbaren Brillantring zum Geschenk und teilte mich provisorisch seinen Ordonnanzoffizieren zu, wodurch ich alles anderen Dienstes jetzt enthoben war und mich ganz der Kunst widmen konnte. Ich übersetzte nun noch Zschokkes Abällino, Kotzebues Don Ranudo de Colibrados, die Indianer in England, Pagenstreiche, den Wirrwarr, die Kreuzfahrer, die mit Hilfe der Feile meiner Mitarbeiterin alle gefielen und wiederholt werden mußten, und Murat äußerte einmal: „Nimmermehr hätte ich geglaubt, daß die Deutschen so reich an solchen dramatischen Produkten seien, die es mit den besten Werken Racines, Corneilles und Molières aufnehmen können.“ Don Ranudo de Colibrados gefiel ihm ganz besonders, er konnte sich nicht satt daran sehen. Aber damit nicht zufrieden, setzten wir bald auch Opern in Szene und debütierten auf meine Veranlassung mit Figaros Hochzeit von Mozart, in welcher ich den Figaro sang und eine ganz allerliebste Susanna in einer Doria hatte. Bei den Opern waren jedoch weit größere Schwierigkeiten zu überwinden, und sie kamen daher nur selten zur Aufführung, dagegen hatte ich mehrere große Ballette geschrieben und die Musik dazu, meistens deutschen Opernmelodien entnommen, arrangiert. Murat hatte sich geäußert, daß, sobald sich eine passendere Stelle für den Oberintendanten Longchamps finden würde, er im Sinne habe, mir die Direktion der Theater zu übergeben. Auch für die königlichen Kinder, zwei Prinzen und zwei Prinzessinnen, ließ ich nun nach meinen Angaben ein kleines Puppentheater anfertigen, das mit einer bewundernswürdigen, auf Kupferrädern und Stahlfedern laufenden Maschinerie versehen war, die ein vorzüglicher Mechaniker verfertigt hatte und wodurch ganze Heere kleiner Soldaten und Reiterei sehr natürlich in Bewegung gesetzt wurden, alle möglichen Evolutionen und Schwenkungen machten, auch ein Seesturm mit Schiffbrüchen vortrefflich dargestellt werden konnte. Die Dekorationen waren alle von dem berühmten Gioja gemalt. Dieses Theater, das ein paar tausend Dukati kostete, machte den königlichen Kindern unendlich viel Spaß, und 1815 und 1816 ließ man es sogar für Geld in Paris sehen.

Über alle Beschreibung prächtig waren die großen Maskenbälle, welche Murat damals in dem schönen Theater San Carlo gab und zu welchen er an viertausend Einladungskarten austeilen ließ. Bei diesen Ballfesten durfte man nur in Charaktermasken oder mindestens bunten Dominos – schwarze waren gleich Zivilkleidern ganz verpönt – erscheinen. Man denke sich das schönste und herrlichste Theater der Welt, in dem jeder Palcho einen kleinen, höchst elegant möblierten Salon, mit Trumeaus, Diwans, Armleuchtern, kleinen Lüstern und kostbaren Draperien versehen, bildet, in dem mehr als viertausend Kerzen sind, alle an Armleuchtern vor Spiegeln an den festonnierten Pilastern oder Karyatiden, welche die Logen trennen, brennend, und diese Lichter durch den tausendfachen Widerschein der Spiegel millionenmal vermehrt, dazu die reichen, geschmackvollen Vergoldungen und Verzierungen des Saales, die ungeheure Bühne in einen transparenten Feengarten, Tempel oder Saal verwandelt, in sämtlichen Logen die reichsten, prächtigsten und elegantesten Masken, die Damen mit Diamanten und Rubinen, Smaragden und anderen Edelsteinen übersät, so daß das Blitzen und Flimmern der Agraffen und des Kopfputzes die Augen blendete; Murat selbst mit seiner imponierendem phantastisch gekleideten Figur, sowie die Königin mit ihrem zahlreichen Hofgefolge im höchsten Putz und Schmuck, dann das Wogen eines Federn- und Blumenwaldes der sich drängenden und tanzenden Masken unten im Saal, alles von einer unaufhörlich rauschenden, wohl an zweihundert Instrumente starken Musik begleitet, und man wird es natürlich finden, daß die meisten Personen, die zum erstenmal dieses Schauspiel sahen, kaum in einer halben Stunde von ihrer Betäubung und Verblendung wieder zu sich kommen konnten, denn man war verblendet und betäubt zu gleicher Zeit. Was war dagegen ein Pariser Ball in der Großen Oper und das Haus selbst! – Gleich nach Mitternacht wurde in allen Logen ein schwelgerisches Souper, alles auf königliche Kosten, serviert, und in den illuminierten Lauben auf der Bühne wurden fortwährend alle möglichen Erfrischungen und jedem gereicht, was er begehrte. Bei einem dieser wirklich magischen Feste hatte ich einen Zug und eine Quadrille, Masettos Hochzeit aus dem Don Juan darstellend, arrangiert und dabei, so wie wir eintraten, das Champagnerlied von den rauschenden Orchestern spielen lassen, was eine nicht zu beschreibende Wirkung auf alle Anwesenden hatte und mit daran schuld war, daß ich bald darauf die Aufführung von Mozarts Meisterwerk durchsetzte. Ich hatte ein allerliebstes Zerlinchen, die Marchesa Cavalcanti am Arm; Donna Octavia, Donna Elvira, Donna Anna, Don Gußmann und selbst der Geist fehlten nicht; Leporello trug mein fast mannsdickes Register unter dem Arm, und mehr als dreißig reich gekleidete Lakaien umgaben uns mit beinahe drei Schuh hohen Champagnergläsern, in deren jedes der Inhalt einer Flasche ging, andere trugen die zierlichen lackierten Flaschenkörbe, und unaufhörlich wurde der Champagner, Rosé und Ai, den Ballgästen in diesen Gläsern kredenzt, bis sich der Zug in eine Quadrille auflöste. Auf diesem Ball hatte ich noch ein ganz eigenes Abenteuer zu bestehen. Ich hatte mein hübsches Zerlinchen, die Marchesa Cavalcanti, deren Gatte einer der königlichen Stallmeister war, beredet, das Fest auf eine halbe Stunde mit mir zu verlassen, um in einem nahen Kaffeehaus in einem Kabinett ein Glas Eis tête-à-tête mit mir zu nehmen. Wir entfernten uns, nachdem wir ein paar Dominos übergeworfen, heimlich zu Fuß, glaubten uns aber, nachdem wir San Carlo verlassen hatten, verfolgt, und zwar von einer Maske, die wir für den Marchese hielten. Ihr zu entgehen, bog ich schnell um eine Ecke, wo eine einzelne Schildwache stand, der ich mich als einen Offizier von der Garde zu erkennen gab und sie bat, zu gestatten, daß ich die bei mir habende Maske nur auf zwei Minuten in dem Schilderhaus verbergen dürfe, und ohne des Soldaten Antwort abzuwarten, ließ ich die Dame ins Schilderhaus treten und folgte ihr. Kaum waren wir darin, als die uns verfolgende Maske vorüberrannte. Nachdem wir sie entfernt genug glaubten, wollte ich das Schilderhaus wieder verlassen, aber in demselben Augenblick kam eine Offiziersronde, die, nachdem sie die Schildwache angerufen, erkannt und dann herangekommen war, auf einmal sagte: „Kerl, da regt sich ja was im Schilderhaus!“ – Die Marchesa hatte niesen müssen. – Der Soldat versetzte ganz verlegen: „Ich glaube, Sie irren sich.“ – „Das wollen wir doch sehen,“ erwiderte der Offizier und trat an das Schilderhaus, aus dem ich aber sogleich heraustrat, den Offizier beiseite nahm, mich ihm zu erkennen gab, ihm, natürlich ohne einen Namen zu nennen, mitteilte, was vorgegangen, worauf er sich lachend entfernte. Wir fanden jedoch für gut, auf den Ball zurückzukehren und uns daselbst recht bemerkbar zu machen, so daß der zurückgekehrte Marchese, denn er war es allerdings gewesen, seine Frau ganz erstaunt anblickte und ein: „Das geht nicht mit rechten Dingen zu!“ ausstieß. – „Ei was denn, mio caro marito?“ fragte ihn die Marchesa. – „Nun, ich werde schon noch dahinter kommen,“ erwiderte der Herr Gemahl, und dabei blieb es denn, er kam nicht dahinter, indem wir, gewarnt, spätere Zusammenkünfte weit vorsichtiger veranstalteten. Auch die Hoffeste, zu denen ich jetzt immer eingeladen wurde, waren überaus prächtig. Eines Tages, als ich zum erstenmal zur Tafel gezogen wurde und in einem offenen Wagen in großer Uniform, weißen Kaschmir-Beinkleidern und gelben Stiefeln längs den Kais nach dem Palast fuhr und das Meer sehr aufgeregt und stürmisch war, schlug der Schaum einer Welle in den Wagen und machte mich von oben bis unten naß. Jetzt war guter Rat teuer, ich hatte die Zeit sehr präzis abgemessen, konnte aber doch unmöglich in diesem Zustand im Schloß erscheinen, ließ also auf der Stelle umwenden, fuhr nach Giesù nuovo, wo mehrere Offiziere von meinem Regiment wohnten, lieh von einem und dem anderen, was ich bedurfte, kleidete mich Hals über Kopf um, jagte in voller Karriere nach dem Palast, wo ich noch zu rechter Zeit ankam, und konnte nun triumphierend mit einem Hofmarschall Kalb wenn auch nicht „und bin noch der erste in der Antichambre“, doch „und kam gerade noch zur Suppe“ ausrufen. Ich erzählte meine Aventüre einigen Hofdamen, die mich bedauerten, und Murat, der sie auch erfuhr, lachte dazu.

Um gerecht zu sein, muß ich jedoch eingestehen, daß Murat trotz seiner Vergnügungs- und Prunksucht vieles Gute und selbst Treffliches während seiner kurzen Regierung in Neapel veranlaßte. Er ließ der Universität eine neue und weit bessere Organisation geben, führte das Dezimalsystem in Maß und Gewicht ein, unterstützte den Ackerbau und namentlich den Tabaksbau, hob die Industrie, gründete mehrere Wohltätigkeitsanstalten und brachte in das sonst so träge neapolitanische Volk mehr Leben. Das Heer brachte er bis auf fünfzigtausend Mann unter den Waffen, die gut eingeübt wurden, und obgleich er ein großer Freund der Damen war, so konnte sich doch keine rühmen, eine ausschließliche Herrschaft auf ihn auszuüben oder auch nur politischen Einfluß auf die Staatsangelegenheiten zu haben, obgleich er ihnen sonst nicht leicht etwas abschlug und jede Privatbitte gewährte, wenn es in seiner Macht stand. Indessen fielen doch öfters ziemlich eklatante Skandalosa bei Hof vor, und auch Karoline hatte fortwährend Intrigen, namentlich waren ihr die Stallmeister und Kammerherren nicht gleichgültig. Ihr Hofleben zu Caserta war eben nicht das musterhafteste und hatte großen Einfluß auf das ohnehin schon sehr sittenlose neapolitanische bürgerliche Leben. Die geheimen und galanten Hofgeschichten zu Caserta würden allein dicke Bände füllen. Murat hatte sehr viel für die Verschönerung dieses herrlichen Schlosses getan. Auch die Königin liebte sehr den Putz und die Moden, von denen sie die neuesten immer per Kurier aus Paris kommen ließ; ihre Damen mußten immer in der elegantesten Toilette erscheinen, und wenn diese den oft gleich einem Orlando furioso in seinen wunderlichen Kostümen zu Pferde dahinrasenden König un bel uomo nannten oder gar im Enthusiasmus ausriefen: „Oh quant’ é bello il nostro Re!“, so flüsterten viele Herren: „Oh quant’ é bellina la nostra Carolina!“ Der Hofintrigen waren unzählige, auch nicht eine der jüngeren Damen, von der ersten Palastdame bis zur Cameriera, die nicht ihren Liebhaber gehabt hätte. Einigemal hatte ich auch während der Karnevalszeit frühere Bekanntschaften, namentlich Isaura und die hübsche Apothekerin auf Festinis getroffen, doch erneuerte ich sie nicht, und es blieb bei nichtssagenden Höflichkeiten und leeren Artigkeiten. Die dem Karneval folgende Fastenzeit war nicht ohne Unterhaltung; bei Hofe gab es Konzerte und musikalische Soireen, in welchen Dilettanten sich hören ließen, und ich brachte es bald dahin, daß einzelne Morceaus aus dem Don Juan, der Zauberflöte, dem Titus und dem Opferfest vorgetragen wurden, die sämtlich gut einstudiert waren und daher großen Beifall erhielten. Da meine Stimme einen großen Umfang hatte, so konnte ich auch ziemlich hohe Tenorpartien, ohne daß sie transponiert zu werden brauchten, singen, unter anderen die Aria des Tamino: ‚Dies Bildnis ist bezaubernd schön‘ und so weiter. Während der Fastenzeit machte ich täglich Besuche in den Kirchen Neapels, um die Schönen zu bewundern, die nun durch Knien, Beten und Fasten ihre Karnevalssünden abzubüßen und Vergebung derselben zu erhalten hofften, um – aufs neue zu sündigen. Nach den Fasten begab sich der Hof nach Caserta, aber Murat, der mit seiner Gattin und seinem Schwager fortwährend schmollte, ging, wie ich schon erwähnte, nach Capo di Monte. Zu Caserta merkte man jedoch wenig von den Mißhelligkeiten des königlichen Ehepaars. In dem herrlichen Garten dieses Schlosses hatte ich nun öfters geheime Zusammenkünfte mit der schönen Marchesa Cavalcanti. Eines Morgens früh traf ich sie daselbst in einer Allee in einem ziemlich lauten Wortwechsel mit einer anderen Hofdame, ihrer Vertrauten, begriffen und hörte sie noch die Worte sagen: „Nein, diese Unverschämtheit ist zu groß, so etwas würde sich kein Franzose erlaubt haben.“ Als sie mich erblickte, eilte sie auf mich zu und empfing mich mit den Worten: „Stellen Sie sich vor, welche Impertinenz mir soeben der Duca de Laviani (ebenfalls ein Stallmeister des Königs und Eskadronschef) gemacht. Unter dem Vorwand, mir eine wichtige, die Königin betreffende Sache mitteilen zu müssen, hatte er mich hierher beschieden, und während ich nun ganz Ohr bin, um zu hören, was es sei, das Ihro Majestät betrifft, nimmt er mich plötzlich beim Kopf und will mich mit Gewalt küssen, der unausstehliche häßliche alte Pavian. Ich springe zurück, verteidige mich, so gut ich es vermag, und schreie um Hilfe; glücklicherweise kommen ein paar Kammerfrauen herbeigesprungen, die sich in der Nähe befanden, und der Signor Duca läuft brummend und fluchend davon. – Ist das wohl ein Betragen für einen Offizier und Edelmann? – Was sagen Sie dazu?“

„Daß es die empfindlichste Strafe und Genugtuung fordert, und wenn Sie es mir gestatten, so übernehme ich die Ausführung für beides.“

„Ja, Sie sind ein Franzose oder Tedesco, gleichviel, sagen Sie ihm tüchtig die Meinung, Sie sind ein galant’ uomo, ein uomo d’onore.“ – „Mit der Meinung allein, Illustrissima, ist es nicht genug, ich werde noch ein anderes Wort mit ihm sprechen.“ – Während ich, mit der Marchesa redend, die Allee hinab gehe, wird diese plötzlich ganz bleich, zittert und ruft aus: „Eccolo!“ Ich erblickte nun ebenfalls den Laviani am Ende des Baumganges, eiligst um eine Ecke biegend, setzte ihm auf der Stelle nach, donnerte ihm ein „Halt!“ zu und brachte ihn so zum Stehen. Ich ersuchte ihn nun, mir zur Marchesa zu folgen, und da er sich nicht gleich gutwillig dazu verstehen wollte, so zwang ich ihn dazu, indem ich ihm sagte: „wohlan, so werden Sie mir sogleich an einen anderen Ort folgen.“ Bei der Dame angekommen, hielt ich ihm in deren Gegenwart sein Benehmen gegen sie in ziemlich derben Worten vor und ersuchte ihn, dieselbe in meiner Gegenwart um Verzeihung zu bitten; da er Ausflüchte suchte, so erklärte ich ihm in dürren Worten, er habe nur die Wahl, die Signora um Vergebung zu bitten, oder mir Satisfaktion zu geben, da ich mich einmal der Sache angenommen und er sich zu hüten habe, daß sie vor den König komme, der, wie er wohl wisse, am allerwenigsten Poltronerie verzeihe. Dies wirkte, Laviani wurde sehr geschmeidig und bat die Dame mit den Worten um Verzeihung, die ich ihm vorsagte, worauf er sich, noch etwas in den Bart brummend, entfernte. Als er weg war, sagte die Marchesa zu mir: „Seien Sie jetzt auf Ihrer Hut, Laviani ist ein ebenso rachsüchtiger und heimtückischer als feiger Mensch.“ Wir spazierten noch einige Zeit in den Gärten von Caserta herum, und ich empfahl mich endlich mit einem: „A rivederci!“ Einige Tage darauf erfuhr ich durch den Kapitän d’Arlincourt, der ebenfalls Ordonnanzoffizier und Stallmeister war, daß Laviani den Vorfall zu Caserta ganz zu seinen Gunsten herumgedreht erzähle und unter die Offiziere und Hofbeamten zu bringen suche. Ich schrieb ihm nun sogleich ein Billett, in welchem ich ihn mit einigen derben Epitheten beehrte, und ließ es, bevor ich es absandte, von einigen Offizieren lesen. d’Arlincourt, der ihm die Herausforderung hinterbrachte, sagte ihm zugleich, daß er sich am nächsten Morgen in dem Wald hinter Capo di Monte mit einem Sekundanten einzufinden habe; er selbst war der meinige. Um fünf Uhr des Morgens befanden wir uns schon an dem unfern vom Jägerhaus liegenden Weiher, dem für das Duell bestimmten Ort, etwa zwanzig Minuten später traf mein Gegner mit dem Kapitän Duca della Regina Capece, auch Ordonnanzoffizier, ein. Wir begaben uns tiefer in den Wald, und es wurden fünfzehn Schritte abgemessen, da Pistolen zur Waffe beliebt worden waren, weil Laviani geäußert hatte, daß ich ihm mit der Klinge zu überlegen sei. Da ich den ersten Schuß hatte, so drückte ich ab und streifte, wie es meine Absicht gewesen, meinem Gegner die linke Schulter, denn ich wollte ihn weder töten noch hors du combat setzen. Er zielte nun ziemlich lange, aber, wie ich bemerkte, zitternd, auch war er, als ich meine Pistole angeschlagen, leichenblaß geworden, endlich drückte er ab, und die Kugel flog über mich hinaus. Ich ergriff nun eine zweite Pistole, zielte absichtlich etwas länger ihm gerade auf die Brust, weidete mich so einen Augenblick an seiner Todesangst und schoß dann in die Luft. Laviani stotterte nun, er wolle mir seinen Schuß schenken, ich aber rief ihm zu: „Dergleichen Geschenke akzeptiere ich nicht, Sie werden schießen.“ Jetzt legten sich jedoch die Sekundanten ins Mittel, behauptend, es sei der Ehre genug geschehen, ich habe volle Satisfaktion und so weiter; ich begnügte mich endlich damit, jedoch mußte Laviani noch vorher das: ‚Ich schenke Ihnen den Schuß,‘ zurücknehmen und eingestehen, daß er die Unwahrheit gesagt. So war die Sache für jetzt beigelegt. Eine Einladung zu einem Frühstück von Laviani schlug ich aus und eilte nach Caserta, wo ich diesen Morgen aber nicht fand, was ich suchte, dagegen der schönen Herzogin von Atri mit der Marchesa di Misiraca in dem Garten begegnete, diese Damen um die Erlaubnis bat, sie auf der Promenade begleiten zu dürfen, was mir freundlichst zugestanden wurde. Die Unterhaltung wurde bald recht animiert, die Herzogin machte mir Komplimente über mein Schauspielertalent, indem sie mir sagte, daß sie mich immer mit großem Vergnügen auf der Bühne sehe. Eine gute Stunde hatte ich mich angenehm mit den Damen unterhalten, als diese fanden, daß es Zeit sei, sich zu entfernen, sich empfahlen und im Schloß, bis wohin ich sie begleitet hatte, verschwanden, mir aber beim Abschied erlaubten, diese Promenaden von Zeit zu Zeit mit ihnen wiederholen zu dürfen, was ich schon den nächsten Morgen, aber vergeblich, versuchte und niemand in den Alleen begegnete. Einige Tage darauf war ich jedoch glücklicher und traf die Damen wieder. Diesmal war die Unterhaltung schon vertraulicher; wir kamen auch auf den Don Juan zu sprechen, der, wie ich hoffte, jetzt bald in der großen Oper in Szene gesetzt werden sollte, wobei mir die Herzogin, auf jene Quadrille anspielend sagte: „Ah siete un briccone, Signor Capitano; Neapel ist nicht so groß, daß man nicht erführe, was gewisse Leute treiben, besonders bei Hofe ...“ Dabei drohte sie mit dem Finger. Ich stellte mich jedoch, als verstünde ich nicht, was sie damit meine, küßte ihr die Hand und wandelte noch eine geraume Zeit an ihrer Seite, als wir die Marchesa Cavalcanti mit ihrer Vertrauten in einer Allee auf uns zukommen sahen. „Ah, jetzt kommt die Rechte,“ meinte die Herzogin, „werden Sie nur nicht rot.“ – „Illustrissima, ich wüßte nicht ...“ – „Schon gut.“ Wir gingen auf die Damen zu, und als wir in ihrer Nähe waren, sagte die Atri zur Marchesa: „Hier führe ich Ihnen einen Kavalier zu, der Sie schon lange sucht.“ – „Das bezweifle ich,“ versetzte diese etwas ironisch, „er war in zu guter Gesellschaft.“ – Die Unterhaltung wurde nun allgemein, bis sich sämtliche Damen wieder in den Palast entfernten, worauf ich nicht sehr befriedigt nach Neapel zurückritt.

Damals erlangte ich endlich durch Murat, daß Don Juan in Szene gesetzt werden sollte, obgleich selbst Longchamps, der anfing, mich mit neidischen Blicken zu betrachten, heimlich dagegen wirkte. Als die Proben begannen, denen allen ich beiwohnte, suchte man gleich bei der ersten dem Unternehmen allerlei Schwierigkeiten in den Weg zu legen, denen ich jedoch zu begegnen wußte, die man aber mit jeder Probe zu vermehren suchte. Es kam endlich so weit, daß auch hier mehrere der ersten Sänger die Sache für unausführbar erklärten, sich auf das berufend, was zu Florenz vorgegangen war. Ich sah wohl ein, daß hier andere Intrigen im Spiel waren, was mir auch von der niedlichen Sängerin, welche die Partie der Zerline übernommen hatte, an der dieser viel gelegen war und mit der ich auf einem vertrauten Fuß stand, bestätigt wurde. Ich teilte dies dem König freimütig und ohne allen Rückhalt mit, da man mit Murat ganz ungeniert und wie es einem um das Herz war, reden konnte. Dieser gab mir nun plein pouvoir in dieser Sache, was er auch den Intendanten wissen ließ, sowie daß er darauf bestehe, Mozarts Don Juan vollständig und wie er geschrieben hören zu wollen. Als nun die nächste Probe begann, sagte ich zu dem Sängerpersonale, daß es der unwiderrufliche Wille Seiner Majestät sei, daß der Don Juan, so wie ihn der Meister komponiert, in Szene gesetzt werde, und daß diejenigen Künstler, welche sich nicht fähig hielten, die ihnen zugeteilten Partien so wie sie seien, zu singen, sofort als unfähig, bei der königlichen Oper mitzuwirken, entlassen würden. Dies wirkte, man zeigte sich nun sehr geschmeidig und gab sich alle Mühe, auch erlaubte ich nicht die geringste Abänderung, Schnörkelei oder unpassende Verzierung, und das Werk des unsterblichen Meisters wurde jetzt in so hoher Vollkommenheit aufgeführt, daß es allgemeinen Beifall erhielt und über hundertmal hintereinander mit immer steigendem Wohlgefallen aufgeführt wurde.

Damals trug sich ein komisch-politischer Vorfall zu: die Douaniers an der Küste von Kalabrien hatten eine von Sizilien kommende Barke mit Nachtgeschirren, lauter englische Ware, gekapert, als man nach Mitternacht landete, um seine verbotene und doppelt gefährliche Ware einzuschmuggeln. Es waren dies nämlich keine gewöhnlichen, sondern bemalte Nachtgeschirre, in deren Grund Napoleons Porträt mit weitaufgesperrtem Mund sich befand, gleichsam zum Empfang dessen, was in dasselbe gegossen wurde. Dergleichen Geschirre bedienten sich schon länger in England die eingefleischten Feinde des französischen Kaisers und hatten sie auch nach Spanien und Sizilien versendet und zum Teil daselbst verschenkt. Als die Sache vor Murat kam, befahl er, die Geschirre sämtlich zu zerschlagen und die Trümmer ins Meer zu werfen, die Schiffer aber, die sie gebracht, sollten vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen werden; glücklicherweise waren sie entwischt. Bald aber kam die Polizei der Tatsache auf die Spur, daß schon mehrere solcher Geschirre im Reiche eingeschmuggelt worden seien und es selbst in Neapel Personen gäbe, die sich solcher bedienten. Das Polizeiministerium wollte nun die Sache näher untersuchen und Haussuchungen bei Verdächtigen anstellen, Murat war aber so klug, dies zu untersagen und die Sache niederzuschlagen, obgleich behauptet wurde, daß auch dergleichen Geschirre mit seinem Bild vorhanden seien; eines mit dem Napoleons habe ich selbst als eine Kuriosität bei Moritz gesehen, auch versicherte man, daß sich die alte Königin von Neapel sowie der ganze Hof in Sizilien ihrer bediene. Als aber die Sache auf dem Festland ruchbar wurde, fanden die Besitzer derselben für geraten, dieses gefährliche Eigentum zu zertrümmern. Hätte Murat die Sache nicht niedergeschlagen, so hätte es einen großen Skandal gegeben, der hundertmal mehr geschadet als genützt haben würde.