Er spiegelt sich in jeglichen Gestalten,

Und sich Gestirn und Mensch und Erde schwinget

Gleichmäßig fort und eins des andern Spiegel,

Der Ton durch alle Kreaturen dringet.“

Wahrscheinlich will der Dichter sagen, dass ein wirkendes Princip in der Natur nicht auf ein Gebiet beschränkt bleibt, sondern in wechselnder Form im ganzen Universum wirkt. Die räthselhaften Zeilen lassen sich kaum klar durchblicken. Die Phrase vom „Blitz aus dem Centro“ stammt jedenfalls aus J. Böhme. Der Blitz, d.i. der Lichtschein, der vom Feuer ausgeht, kann bei Böhme verschiedenes bedeuten. In der Trinität heißt der heilige Geist der „Blitz“, der vom Herzen der Gottheit, vom Sohne ausgeht und die ganze Gottheit durchstrahlt.[416] Im Universum ist die Sonne ein Centrum, von dem aus der „Blitz“ die ganze Welt erleuchtet. Der „Blitz“ und der „Ton“ wirken auch mit bei der Bildung der irdischen Creaturen und da heißt es einmal:[417] „Der klangk aber oder stimme steiget im mittlern Centro auff in dem plitze / wo das liecht aus der hitze gebohren wird / da der plitz des lebens auffgehet.“ Hier haben wir „Blitz“ und „Ton“ verbunden, die uns auch bei Tieck nebeneinander begegnen. Der „Blitz“ erscheint endlich im Geistesleben des Menschen als eine psychologische Kraft und in erster Linie meint Böhme damit das intuitive mystische Erkennen.[418] Böhme gebraucht dabei auch wieder die Wendung vom „plitz, der im Centro auffgehet.“[419] Es ist nicht recht herauszubekommen, welche Wirksamkeit Tieck dem „Blitze“ eigentlich zudenkt. Es muss vor allem das eindringliche Bild und der höchst mystische Sinn, den J. Böhme damit verbindet, Tiecks Phantasie gefesselt haben. — Die Vorstellung, dass „sich Gestirn und Mensch und Erde schwinget gleichmäßig fort und eins des andern Spiegel“ stammt wohl aus Schleiermacher, der von Spinoza sagt:[420] „Ihn durchdrang der hohe Weltgeist, das Unendliche war sein Anfang und Ende, das Universum seine einzige und ewige Liebe, in heiliger Unschuld und tiefer Demuth spiegelte er sich in der ewigen Welt, und sah, wie auch Er ihr liebenswürdigster Spiegel war.“ Daran reiht sich wieder die Böhme’sche Vorstellung vom „Ton“ in den Creaturen, der für Tieck wahrscheinlich noch den Sinn von der Harmonie des Weltalls in sich schließt. Von Jakob Böhme wird der „Ton“, der uns schon in Verbindung mit dem „Blitze“ begegnete, als schaffendes Princip für alles Tönende in der Welt (Gold, Silber, Kupfer u.s.w.) geschildert und einmal heißt es:[421] „auch so ist derselbe Schall in allen creaturen auf Erden / sonst were alles stille.“ Das deckt sich dem Wortlaute nach mit dem Verse Tiecks, nur dass bei diesem der Sinn in eine höhere Sphäre gerückt worden ist.

„Drum wer die Weisheit kennt, kennt keine Zügel.

Er sieht die ganze Welt in jedem Zeichen,

Zur Sternenwelt trägt ihn der kühne Flügel.“

Hier stehen wir wieder auf modernem romantischen Boden. Die Naturphilosophie lehrt, dass jede Idee unendlich ist. Unter diesem Gesichtswinkel schaut der Weise die Welt in jedem Zeichen. „Eine jede Idee ist als ein Unendlich-Endliches ein Abbild des ganzen Universums, und das Universum spiegelt sich in ihrer Form ganz, so dass nichts als ein abgesonderter Theil außer ihr gesucht werden darf.“[422] So Steffens. Ähnlich heißt es bei Schleiermacher:[423] „... und so alles Einzelne als einen Theil des Ganzen, alles Beschränkte als eine Darstellung des Unendlichen hinnehmen, das ist Religion.“

„Nur von der Gottheit muß er niemals weichen,