Sonst sinkt er aus der Kunst in irdisch Bangen
Und Satans Kraft mag ihn alsdann erreichen.“
Hier schwenkt Tiecks Phantasie wieder zum eigentlich Religiösen zurück. Nur der mit Gott verbundene Mensch erkennt jene überweltliche Weisheit; löst er seine Verbindung, dann bleibt er an der Scholle kleben und verfällt sammt seiner Weisheit dem Teufel. Das ist wieder aus Böhmes Anschauung heraus gesprochen, der seine Erkenntnis zunächst auf directe Erleuchtung durch das Licht Gottes zurückführt. „... nur so lange als der geist in mir beharret / weiter erkenne ich nichts / als nur von elementischen und irdischen Dingen dieser Welt / aber der geist sihet biß in die tieffe der Gottheit.“[424] „Solches (sc. die Gewächse und Figuren des himmlischen Lustgartens) ist meinem Leibe auch ganz verborgen / aber meinem animalischen (Seelischen) Geiste nicht / so lange er mit Gott inqualieret, so begreift ers / wan er aber in Sünden fället / so wird ihm die Thür verriegelt / welche ihm der Teuffel zuriegelt / die muß durch grosse Arbeit des Geistes wieder auffgemacht werden.“[425] Diese Sätze der „Morgenröthe“ enthalten genau den Sinn der Tieck’schen Terzine. Das pietistisch gefärbte „irdisch Bangen“ scheint Tiecks eigenster Seelenstimmung anzugehören.[426]
„Doch mich trieb nie ein eiteles Verlangen,
Die reine Brust erhob ich zu den Sphären
Und reinen Sinns küßt’ ich des Himmels Wangen.“
Wie der „Unbekannte“ nicht aus eitlem Verlangen nach den tiefen Geheimnissen forschte, so betont auch Jakob Böhme stets seine Demuth und reine Absicht und sieht in dieser Demuth alle Erkenntnis nur als Gnade Gottes an. „Den allen (Spöttern und Verächtern nämlich) gebe ich zur antwort / daß ich nicht in die Gottheit bin gestiegen / dann mir / als einem geringen Menschen / solches auch nicht müglich wäre zu thun / sondern die Gottheit ist in mich gestiegen / und ist mir solches auß seiner Liebe offenbahr welches ich in meiner halbtodten fleischlichen Geburth sonst wol würde müssen lassen bleiben.“[427] Ähnlich redet er in der „Vorrede“. Die geschraubten Wendungen „die Brust zu den Sphären erheben“, „des Himmels Wangen küssen“ sowie das vorausgehende: „Zur Sternenwelt trägt ihn der kühne Flügel“, mit denen Tieck den Aufschwung des betrachtenden Geistes umschreibt, erinnern an die weltenüberfliegenden Bilder des jungen Schiller.
Die Wendung vom „Ton“ und „Blitz“, der das Innere „durchblickt“, nimmt Karl Martell in seiner Antwort[428] wieder auf, jedoch in einem gewöhnlichen, verständlichen poetischen Sinne.
Der Grundcharakter des „Unbekannten“ ist das Geheimnisvolle. Schon sein Erscheinen als Unbekannter, von dem niemand weiß, woher er kommt und wohin er geht, sein Prophetenthum, seine feierliche Rede in den langhinhallenden Terzinen (die für Tieck noch eigens den Eindruck des Alterthümlichen erwecken[429]), erhöhen die Stimmung des Geheimnisvollen. Gerade diesem Zwecke scheint auch die Verbindung moderner naturphilosophischer Vorstellungen mit den alten theosophischen Gedanken Jakob Böhmes zu dienen. Die naturphilosophischen Ideen erscheinen zunächst verständlich, ihre Formulierung mit Hilfe Böhme’scher Worte und Wendungen macht sie zugleich mystisch und dunkel und so oscilliert der Geist des Lesers bei diesen Strophen immer zwischen Verstehen und Nichtverstehen hin und her. So versetzt Tieck den Leser in jenes Dämmerlicht des Halbbewussten, Unbestimmten, das in der romantischen Dichtung so beliebt ist.[430]
Nach langem finden wir Jakob Böhmes Weisheit wieder in den Reden der Straßburger Hexe.[431] Wenn Winfreda Golo erklärt: