Vor allem gibt Tieck den Hauptpersonen seiner „Genoveva“ ein feinfühlendes, für die Natur höchst empfängliches Gemüth. Sie leben mit ihr in beständigem, seelischem Contact. In ihren lyrischen Ergüssen herrscht „eine geheimnisvolle Innigkeit, ein sonderbares Einverständnis mit der Natur“. (Heine.) Golo, in dessen Herzen sich die ersten Keime einer heißen Liebe regen, fühlt die Lebensregungen des jungen Frühlings innig mit und er zeigt der traurigen Genoveva, wie „im Laube neues Leben spielet“, wie „hold“ die Bäume prangen, der Vogel „sich vergnüglich fühlet“, wie die ganze Welt „ein muntres Regen spürt“ und sich dem Frühlingsglanz entgegendrängt.[568] Personificierende Ausdrücke und Worte seelischen Inhaltes deuten hier und im weiteren Verlaufe die zarten Fäden an, die Natur und Gemüth verbinden. Die erwachende Liebe lässt ihre Reflexe über die Natur hinspielen. — Der Frühling macht dem Sommer Platz. Genovevas weiche Seele versenkt sich in der Balkonscene mit Wonne in das träumerische Leben der Sommernacht, da „der Mondschein auf dem Grase spielet“, im Mondglanze die Töne sich entzünden, die Quellen „leiser, lieblicher fließen“, „stille Blumen“ am Spiegel ihrer Wellen sprießen, die Winde frohe Kunde bringen und die Bäume Lieder sumsen. Mit den märchenhaften Klängen dieser leise tönenden Nachtmusik verwirren sich wiederum die Klänge des Herzens. Dieses heimliche Leben und Klingen der Sommernacht, an dem sich Genoveva höchst unschuldig freut, spricht ganz anders den liebeskranken Ritter an. Ihm erscheint alles in der Beleuchtung seiner nun gesteigerten Liebessehnsucht. „Ernst und groß“ wie das warnende Gewissen schauen ihn zwar „der hohen Bäume heil’ge dunkle Gänge“ an. Dazwischen aber singt „die liebesbrünst’ge Nachtigall“ ihr Sirenenlied und lockt ihn ins Verderben.[569] Der Mondschein „saugt“ am Herzen des Sehnsüchtigen, die Sterne „zielen nach ihm mit Liebespfeilen“. Wenn aber dann Genoveva spricht, so verstummen Bächlein, Nachtigall und Bäume, weil alle ihr nur lauschen, weil alle Creaturen an ihr sich gerne freuen.[570] Eigenthümlich ist es, dass hier Tieck in die Naturbetrachtung die Sirene, die Hyder, antike Vorstellungen mengt, die uns sonst überhaupt selten in der „Genoveva“ oder in seinen anderen Dichtungen begegnen. Diese Vorstellungen ordnen sich aber gut und wirksam in das Erregte, beängstigend Leidenschaftliche ein, das in seinen Worten zittert.[571] — Am reichsten entströmt die sympathetische Naturempfindung Golos Herzen in der nächtlichen Scene, in welcher er Genoveva seinen entscheidenden Liebesantrag macht.[572] Den Sternen klagt er zuerst sein Leid, bei ihnen schwört er, sie fragt er um Kunde von der Geliebten, von ihnen erfleht er sein Glück. Mit dem sehnsüchtig Harrenden wartet auch die ganze Schöpfung. Genoveva erscheint und freut sich ihrerseits in derselben harmlosen Art wie in der Balkonscene an den träumenden, flüsternden Blumen, am düsteren Walde, an der Nacht, die in den Buchengang „hineinäugelt“. Wie in jener Scene bezieht Golo auch hier in trunkenem Entzücken die ganze Naturherrlichkeit auf seine Geliebte, die ihm ein märchenhaftes Leben in die nächtliche Natur hineinzuzaubern scheint.
Er spricht die charakteristischen Verse:
„Ihr schreitet her und weckt aus verborgenen Tiefen
Die hohen Wunder auf, die unten schliefen,
Schaut um Euch, Holde, wo Ihr geht
Ein dichtgedrängter Blumengarten steht,
Die Bäume ziehn Euch nach, unter Euren Füßen
Dringt kindisch grünes Gras hervor, den Fuß zu küssen,
Die Blumen erwachen
Vom tiefen Schlaf und lachen,