Balthasar Cossa, ein neapolitanischer Edelmann, war zu Anfange des funfzehnten Jahrhunderts ein Seeräuber; um dem Strafrechte zu entgehen, floh er mit seinen geraubten Schätzen in ein Kloster, verschleierte sich in scheinbare Tugend, wurde Papst und nannte sich Johann XXIII. Der ehrlose Schmidt Glöckner in Unterwalden errang mit seiner anrüchigen Schaar in der Schlacht bei Morgarten 1543 durch Tapferkeit seine bürgerliche Ehre wieder. Warum soll in unserer sentimentalen Zeit ein Verbrecher, nach überstandener Strafzeit und wenn er Jahrelang ein unbescholtenes Leben führte, bis ans Grab aller Ehrenhaftigkeit verlustig bleiben, und warum sollen Weib und Kinder die Schmach des Mannes und Vaters tragen helfen, bis sie der Tod abruft? Ach! ihr braven Besserungsvereiner, euer Schaffen und Thun heißt: – Bahne kehren im Schneesturm![2]

Doch, wir verfolgen unsere Wanderung und betrachten nur noch flüchtig das Krankenstift, welches seine Entstehung dem Herrn Medicinalrath Dr. Unger in Zwickau verdankt und für das sächsische Gebirge und Voigtland bestimmt sein soll, wenn chronische Kranke und Gebrechliche ärztliche Hülfe bedürfen. Die Absicht ehrt allerdings die vielfachen Bemühungen und die Männer, welche zu der Abführung pecuniär die Hände boten. Ob aber das »sächsische Erzgebirge« von dieser großartigen Anstalt für seine Leidende im Allgemeinen Gebrauch machen kann – wird die Zukunft lehren. Das Gebäude selbst ist palastartig und mit solchen Verzierungen versehen, die nicht leicht der innern Bestimmung entsprechen. Es ist ein persischer Shawl, unter welchem Schmerz und Elend Linderung und Abhülfe finden sollen.

Das Pfahlbürgerthum, welches nicht mehr durch Mauern, Graben und Thore vom Ringe getrennt ist, freut sich nun der bequemern »Annäherung«, hobelt und glättet an seinem Häuserwerk und läßt geschmackvolle Wohnungen an seinen fruchtreichen Gärten aufsteigen, daß die innere Stadt alle Hände voll nehmen muß, um sich nicht überflügeln zu lassen, besonders wenn der Eisenbahnhof seine Lebendigkeit entfaltet haben wird. Und in der That, man geht von dem ehemaligen Schneeberger Thore an der Mulde hinauf bis nach Silberstraße wie in einem sogenannten Englischen Park. Hier tritt uns die umfängliche Schaafwollespinnerei des Herrn Kreisoberforstmeisters von Leipziger entgegen; da breiten sich stattliche Güter und freundliche Häuser am rechten Ufer der Mulde aus, welche erstere wohlhabende und reiche Steinkohlenbauern bewohnen; es ist Schedewitz mit seinem Kirchthurm, welcher im Kleinen aussieht wie eine verkehrt aufgestellte Möhre, und Bockwa; oben von einer stattlichen Höhe herab, schaut Oberhohndorf, welches über und unter der Erde seine geseegneten Ernten hält, ins Thal hernieder. Unten in der Thalsohle breiten sich lange und breite verangerte Flächen hin, um welche herum, nah und fern, Dampfmaschinen ihre schwarzen Rauchsäulen in die Lüfte schieben und den Steinkohlenarbeitern Wasserlosung verschaffen. Hinter Oberhohndorf zieht sich durch die Felder hinauf ein Dörflein mit einer Schaar menschenleerer Häuser – so scheint es – es sind alles Kauen über Steinkohlenschächten, deren Besitzer von früher Zeit her keine gemeinschaftliche Fahrt und Förderung unter sich haben mochten und lieber ihre Feldbreiten nach Steinkohlen für sich durchlöcherten. Der größere Kostenaufwand durch Absenkung so vieler Schächte, die Verschwendung an Schachthölzern und der Verlust an nutzbarem Boden für Haldenstürze, An- und Abfuhren der Steinkohlenkäufer, konnte keine nützlichere Gemeinschaft für die Eigner der Steinkohlenfelder erringen.

Eine lange umbuschte Hügelreihe steigt vom Schlosse Planitz hernieder und taucht ihre Füße in die gekräuselten Wellen der Mulde. Hier in

Kainsdorf

ist seit einigen Jahren ein großartiges Eisenhüttenwerk entstanden, welches auch Königl. Marienhütte genannt wird. Die centralisirte Kraft einer Actiengesellschaft schuf schnell eine Schaar räumlicher Gebäude; allein wie alle menschliche Unternehmungen ihr Gedeihen erst in mehrjährigen Erfahrungen und in endlosen Versuchen ihre Lehrer finden, so ist es auch hier.

N. d. Nat. v. F. König.

Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.