KÖNIGIN MARIEN-HÜTTE.

Und da wir nicht zu den Technikern der Eisenwerke selbst gehören, so bleibt das Schicksal dieses Werks Männern vom Fache überlassen mit dem Wunsche, daß keiner der Herrn Actionäre Abel heißen möge, wenn sie mit Kains-Dorf in engere Berührung kommen.

Interessanter ist für den Wanderer der unterirdische Steinkohlenbrand ohnfern des vorgedachten Eisenhüttenwerks am Galgen- und Schenkberg Planitzer Seits. Dieser Brand ist gegen 250 Jahre bekannt und erwärmt die über ihm liegenden Stein- und Erdschichten so, daß im Winter sich weder Schnee noch Eis darauf erhalten kann und er daher bei großer Kälte der Aufenthalt für Hasen und Rebhühner in den Winternächten wurde. Der Brand selbst ist offenbar durch Zersetzung des Schwefelkieses bei dem Zutritt atmosphärischer Luft entstanden, und kann seinem Weitergreifen nur durch Absperrung derselben mit Erfolg entgegen gearbeitet werden. Der Brand selbst ist wahrscheinlich nur eine natürliche Verkoksung im Großen. Der Herr Dr. Geitner in Schneeberg hat sich das Verdienst erworben, dieses stets erwärmte Kohlenfeld contractlich vom Eigentümer, Herrn Kammerherrn von Arnim, an sich zu bringen, um eine Kunstgärtnerei darüber anzulegen, die Jeder sich zeigen lassen möge, der zum Vergnügen das Gebirge bereist. Tropische Gewächse gedeihen wunderschön, und für die Küche werden fast in jeder Jahreszeit Früchte und Gemüse gezogen, die man in andern Gärtnereien, die einer solchen natürlichen Erdwärme entbehren, nur in Sommermonaten erhalten kann.

In der Thalebene am rechten Ufer der Mulde hin führt uns der Weg durch Niederhaßlau, Bogenstein, Oberhaßlau und Silberstraße, zwischen lachenden Wiesen und Laubholz; hinter und unter Fruchtbäumen schauen freundliche Wohnungen hervor, gelehnt an einen steilen Bergrücken, welcher theilweise der Uebergangsformation angehört, und lauschen nach der stets lebendigen Landstraße. Unterhalb des erstgenannten Dorfes hat man in der Grauwake Zinnober entdeckt und sich darauf mit Bergarbeit eingelegt. Wer überhaupt des Sinnes ist, die Steinkohlenformation von Zwickau mit seiner vergrabenen Flora, welche ihren Untergang in Zeitperioden fand, die keine Geschichte kennt, näher ins Auge zu fassen, der vergesse nicht, sich deshalb an den eben so gefälligen als kenntnißreichen Herrn Hauptmann von Gutbier in Zwickau zu wenden, von welchem die umfänglichsten und lehrreichsten Nachrichten zu erlangen sind.

Das Dorf Oberhaßlau, welches nur durch die Mulde von der nachbarlichen Silberstraße, sonst »Arme Ruh« geheißen,[3] getrennt wird, wird von einer Menge Häusern überschaut, welche sich an einem mit Kiefern bewachsenen steilen Gebirge sonnen und an die Villen der Weinberge bei Dresden erinnern. Das hier herrschende Uebergangsgebirge gruppirt sich mit Laub- und Nadelgrün in mannigfaltigen Formen, und das Mühlwehr unter der Brücke staucht das Wasser zurück, damit der kleine hinter dem Gasthof gelegene Park und die romantischen Partien umher in seiner Spiegelfläche kokettiren können. Die kleinen anmuthigen Naturschönheiten, welche, etwa eine Geviertmeile groß, das Thal und seine Gehänge umflattern, werden mit ihren Dörfchen und ihren herum gezettelten Häusern mit einer wahren Musterkarte von Justizverwaltung in der Art umschlungen, daß, wie z. B. in Zschocken, drei verschiedene Gerichtsbarkeiten bestehen. Es giebt neben der Königl. Sächsischen auch Fürstlich Schönburgische, Standesherrschaftl. Wildenfelsische, Adelig Arnimsche, des Raths zu Zwickau Afterlehnsche und andere Herrl. Patrimonial-Justizpflege, so daß die Gerichtsbefohlenen für ihr Geld überall mit Gerechtigkeit versorgt werden können, wenn sie es nicht vorziehen, ihr Geld in die Lade zu legen.

Wiesenburg.

Von Silberstraße aus verläßt man die Mulde und wandert der Chaussee entlang nach dem eigentlichen Obergebirge und seinen Fernsichten. Doch wer eben nicht mit der Zeit geizig zu sein braucht, wird sich auch vielfach belohnt finden, im Muldenthale fort zu schlendern und die alten Burgen und Schlösser zu Wiesenburg, Wildenfels, Stein und Hartenstein zu betrachten, die, wie alte willkürlich aufgerichtete Wachtthürme, wahrscheinlich unter Kaiser Heinrich dem Vogler gegen den Andrang der rebellischen Wenden zu Ende des neunten Jahrhunderts erbaut worden sind und später die Bestimmung erhielten, durch Burggrafen von Reisenden einen Zolltribut oder wohl auch die ganze Baarschaft einfordern zu lassen.

Die alte Wiesenburg mit ihren Zubehörungen erkaufte den 2. Nov. 1663 der Churfürst Johann Georg II. um 65,000 Thlr. von Philipp Ludwigen Erben zu Norwegen. Die Ueberbleibsel von der ehemaligen, vielleicht sehr stattlichen Burg wurden bis vor etlichen Jahren für den Sitz des Justizamtes benutzt, welches in einem finstern Parterrneste sich im Sehen übte, wie die Eulen in der Dämmerung. Ein alter unbehülflicher Thurm und ein niedriges, aber langgestrecktes Mauerwerk konnte mit einem gummiguttifarbigen Staubmantel, mit dem man denselben wunderlicher Weise vor mehreren Jahren bekleidete, nur verlieren. Die Gebäude des fiscalischen oder sogenannten Kammergutes, das ehemalige von Nostitzische Sommerhaus, so wie daß hier der rühmlich bekannte Dichter und Defensor Döhnel seine Lieder singt und Vertheidigungen schreibt – lassen eine angenehme Erinnerung zurück.

Zu der Menge von Burgen und Schlössern, welche sich an den Ufern der Mulde erheben, gehört auch

Wildenfels