Dienstag sieben Morgens. — Im Schwarm! Gustgen! ich lasse mich treiben, und halte nur das Steuer, dass ich nicht strande. Doch bin ich gestrandet ich kann von dem Mädgen nicht ab — heut früh regt sich s wieder zu ihrem Vortheil in meinem Herzen. — Eine grose schwere Lecktion! — Ich geh doch auf den Ball einem [süsen Geschöpfe zu lieb], aber nur im leichten Domino, wenn ich noch einen kriege. Lili geht nicht.

Nach Tische halb vier. Geht das immer so fort, zwischen kleinen Geschäfften durch immer Müssiggang getrieben, nach Dominos und Lappen waare. Hab ich doch mancherley noch zu sagen. Adieu. ich bin ein Armer verirrter verlohrner — — Nachts Achte, aus der Commödie und nun die Toilette zum Ball! O Gustgen wenn ich das Blat zurücksehe! Welch ein Leben. Soll ich fortfahren? oder mit diesem auf ewig endigen. Und doch Liebste, wenn ich wieder so fühle dass mitten in all dem Nichts, sich doch wieder so viel Häute von meinem Herzen lösen, so die convulsiven Spannungen meiner kleinen närrischen Composition nachlassen, mein Blick heitrer über Welt, mein Umgang mit den Menschen sichrer, fester, weiter wird, und doch mein innerstes immer ewig allein der heiligen Liebe gewiedmet bleibt, die nach und nach das Fremde durch den [Geist der reinheit] der sie selbst ist ausstöst und so endlich lauter werden wird wie gesponnen Gold. — Da lass ich's denn so gehn — Betrüge mich vielleicht selbst. — Und dancke Gott. Gute Nacht. Addio. — Amen: 1775.

[Der neunte Brief]

Wieder angefangen Mittwoch den 20. ob zum Zerreissen oder wie! Genug ich fange an. Auf dem Ball bis sechs heut früh, nur zwey Menuets getanzt, Gesellschafft gehalten einem süsen Mädgen, die einen Husten hatte — Wenn ich dir mein gegenwärtig Verhältniss zu mehr recht lieben und edlen weiblichen Seelen sagen könnte! wenn ich dir lebhafft! — Nein wenn ich s könnte ich dürfts nicht, du hieltests nicht aus. Ich auch nicht, wenn alles auf einmal stürmte, und wenn Natur nicht in ihrer täglichen Einrichtung uns einige Körner Vergessenheit schlucken lies. Jezt ist's bald achte Nachts. Hab geschlafen bis 1, gegessen, etwas besorgt, mich angezogen, den [Prinzen von Meinungen] mich dargestellt, [ums Thor] gangen, in die Comödie. Lili sieben Worte gesagt. Und nun hier. Addio.

Donnerst. den 21. Ich habe mir in Kopf gesezt mich heut wohl anzuziehen. Ich erwarte einen neuen Rock vom Schneider den ich mir hab in Lion sticken lassen, grau mit blauer Bordüre, mit mehr Ungedult als die Bekandtschafft eines [Manns von Geist] der sich auf eben die Stunde bey mir melden lies. Schon ist was missglückt. Mein Perückenm. hat eine Stunde an mir frisirt und wie er fort war riss ich's ein, und schickte nach einem andern, auf den ich auch passe. — — —

Samstag den 23. Es hat [tolles Zeug] gesezt. Ich hab nicht zum schreiben kommen können. Gestern lauter Altessen. Heut hab ich einen Husten. Ade.

Sonntag den 8. Oct. Bisher eine grose Pause ich in wunderbaaren Kälten und Wärmen. Bald noch eine grössere Pause. Ich [erwarte den Herzog v. Weimar] der von Karlsruhe mit seiner herrlichen neuen Gemahlinn Louisen von Darmstadt kommt. Ich geh mit ihm nach Weimar. Deine Brüder kommen auch hin, und von da schreib ich gewiss liebste Schwester. Mein Herz ist übel dran. Es ist auch Herbstwetter drinn, nicht warm nicht kalt. Wann kommst Du [nach Hamburg]?

[Weimar] den 22. Nov.

Ich [erwarte deine Brüder], o Gustgen! was ist die Zeit alles mit mir vorgangen. Schon fast vierzehn Tage hier, im Treiben und Weben des Hofs. Adieu bald mehr. Vereint mit unsern Brüdern! Dies Blättel sollst indess haben.

G.