Mönch.
Im Dunklen drängt das Künft'ge sich heran,
Das künftig Nächste selbst erscheinet nicht
Dem offnen Blick der Sinne, des Verstands.
Wenn ich beim Sonnenschein durch diese Straßen
Bewundernd wandle, der Gebäude Pracht,
Die felsengleich getürmten Massen schaue,
Der Plätze Kreis, der Kirchen edlen Bau,
Des Hafens masterfüllten Raum betrachte;
Das scheint mir alles für die Ewigkeit
Gegründet und geordnet; diese Menge
Gewerksam Tätiger, die hin und her
In diesen Räumen wogt, auch die verspricht,
Sich unvertilgbar ewig herzustellen.
Allein wenn dieses große Bild bei Nacht
In meines Geistes Tiefen sich erneut,
Da stürmt ein Brausen durch die düstre Luft,
Der feste Boden wankt, die Türme schwanken,
Gefugte Steine lösen sich herab,
Und so zerfällt in ungeformten Schutt
Die Prachterscheinung. Wenig Lebendes
Durchklimmt bekümmert neu entstanden Hügel,
Und jeder Trümmer deutet auf ein Grab.
Das Element zu bändigen, vermag
Ein tief gebeugt, vermindert Volk nicht mehr,
Und rastlos wiederkehrend, füllt die Flut
Mit Sand und Schlamm des Hafens Becken aus,

Eugenie,
Die Nacht entwaffnet erst den Menschen, dann
Bekämpft sie ihn mit nichtigem Gebild.

Mönch.
Ach! Bald genug steigt über unsern Jammer
Der Sonne trüb gedämpfter Blick heran.
Du aber fliehe, die ein guter Geist
Verbannend segnete. Leb' wohl und eile!

Achter Auftritt
Eugenie (allein).

Vom eignen Elend leitet man mich ab,
Und fremden Jammer prophezeit man mir.
Doch wär' es fremd, was deinem Vaterland
Begegnen soll? Dies fällt mit neuer Schwere
Mir auf die Brust! Zum gegenwärt'gen Übel
Soll ich der Zukunft Geistesbürden tragen?
So ist's denn wahr, was in der Kindheit schon
Mir um das Ohr geklungen, was ich erst
Erhorcht, erfragt und nun zuletzt sogar
Aus meines Vaters, meines Königs Mund
Vernehmen musste! Diesem Reiche droht
Ein jäher Umsturz. Die zum großen Leben
Gefugten Elemente wollen sich
Nicht wechselseitig mehr mit Liebeskraft
Zu stets erneuter Einigkeit umfangen.
Sie fliehen sich, und einzeln tritt nun jedes
Kalt in sich selbst zurück. Wo blieb der Ahnherrn
Gewalt'ger Geist, der sie zu einem Zweck
Vereinigte, die feindlich kämpfenden?
Der diesem großen Volk als Führer sich,
Als König und als Vater dargestellt?
Er ist entschwunden! Was uns übrig bleibt,
Ist ein Gespenst, das mit vergebnem Streben
Verlorenen Besitz zu greifen wähnt.
Und solche Sorge nähm' ich mit hinüber?
Entzöge mich gemeinsamer Gefahr?
Entflöhe der Gelegenheit, mich kühn
Der hohen Ahnen würdig zu beweisen,
Und jeden, der mich ungerecht verletzt,
In böser Stunde hilfreich zu beschämen?
Nun bist du, Boden meines Vaterlands,
Mir erst ein Heiligtum, nun fühl' ich erst
Den dringenden Beruf, mich anzuklammern.
Ich lasse dich nicht los, und welches Band
Mich dir erhalten kann, es ist nun heilig.
Wo find' ich jenen gut gesinnten Mann,
Der mir die Hand so traulich angeboten?
An ihn will ich mich schließen! Im Verborgnen
Verwahr' er mich, als reinen Talisman.
Denn, wenn ein Wunder auf der Welt geschieht,
Geschieht's durch liebevolle, treue Herzen.
Die Größe der Gefahr betracht' ich nicht,
Und meine Schwäche darf ich nicht bedenken;
Das alles wird ein günstiges Geschick
Zu rechter Zeit auf hohe Zwecke leiten.
Und wenn mein Vater, mein Monarch mich einst
Verkannt, verstoßen, mich vergessen, soll
Erstaunt ihr Blick auf der Erhaltnen ruhn,
Die das, was sie im Glücke zugesagt,
Aus tiefem Elend zu erfüllen strebt.
Er kommt! Ich seh' ihm freundiger entgegen,
Als ich ihn ließ. Er kommt. Er sucht mich auf!
Zu scheiden denkt er—bleiben werd' ich ihm.

Neunter Auftritt
Eugenie. Gerichtsrat. Ein Knabe mit einem schönen Kästchen.

Gerichtsrat.
Schon ziehn die Schiffe nacheinander fort,
Und bald, so fürcht' ich, wirst auch du berufen.
Empfange noch ein herzlich Lebewohl
Und eine frische Gabe, die auf langer Fahrt
Beklommnen Reisenden Erquickung atmet.
Gedenke mein! O dass du meiner nicht
Am bösen Tage sehnsuchtsvoll gedenkest!

Eugenie.
Ich nehme dein Geschenk mit Freuden an,
Es bürgt mir deine Neigung, deine Sorgfalt;
Doch send' es eilig in dein Haus zurück!
Und wenn du denkst, wie du gedacht, empfindest,
Wie du empfunden, wenn dir meine Freundschaft
Genügen kann, so folg' ich dir dahin.

Gerichtsrat (nach einer Pause, den Knaben durch einen Wink entfernend).
Ist's möglich? Hätte sich zu meiner Gunst
In kurzer Zeit dein Wille so verändert?

Eugenie.
Er ist verändert! Aber denke nicht,
Dass Bangigkeit mich dir entgegen treibe.
Ein edleres Gefühl, lass mich's verbergen!
Hält mich am Vaterland, an dir zurück.
Nun sei's gefragt: Vermagst du hohen Muts
Entsagung der Entsagenden zu weihen?
Vermagst du zu versprechen, mich als Bruder
Mit reiner Neigung zu empfangen? Mir,
Der liebevollen Schwester, Schutz und Rat
Und stille Lebensfreude zu gewähren?